Chamonix 1924 Olympische Spielchen

Verschwundene Teilnehmer, falsch vergebene Medaillen: Improvisiert und unverdorben war die erste Winterolympiade 1924. Nur 287 Zuschauer sahen die Eröffnung, Elfjährige und alte Herren kämpften um Gold. Und ein Sieger erfuhr erst nach 50 Jahren von seinem Triumph.

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Ob Eisschnellläufer Christfried Burmeister am Ende doch kalte Füße bekommen hatte? Verständlich wäre es jedenfalls gewesen. Nicht bloß, weil er bei den Olympischen Winterspielen im französischen Chamonix als Mitglied der estnischen Mannschaft sein Heimatland vertreten sollte - sondern weil er das einzige Mitglied dieser Mannschaft war.

Bei der feierlichen Eröffnung der Spiele am 24. Januar 1924 war Burmeister offenbar noch bester Dinge gewesen. Ein Foto zeigt einen jungen Mann in Knickerbockern, der stolz die Fahne Estlands durch das Stadion trägt, gefolgt von der estnischen Delegation - also niemandem. Doch als am nächsten Tag die ersten Wettkämpfe begannen, war Burmeister plötzlich verschwunden. In insgesamt vier Disziplinen war er gemeldet, bei keiner nahm er teil - warum, können selbst renommierte Olympia-Chronisten wie Volker Kluge heute nicht mehr mit Sicherheit rekonstruieren.

Der schräge Fall des plötzlich verschwundenen Esten war bezeichnend für die ersten Olympischen Winterspiele vor 90 Jahren. Vieles in Chamonix war noch improvisiert und überschaubar: Attribute, die derzeit wohl kaum jemanden zu Sotschi, den vermutlich teuersten und bestbewachten Spielen der Sportgeschichte, einfallen würden. Doch genau dadurch gewannen die Winterspiele in Frankreich damals ihren ganz eigenen Charme.

Olympische Disziplin Militärpatrouillenlauf

Chamonix, das waren irgendwie noch freie Spiele unter freiem Himmel - auch wenn dieser Umstand daran schuld war, dass die Eisbahn sich durch Tauwetter noch kurz vor der Eröffnung in einen See verwandelt hatte. Erst ein plötzlicher Temperatursturz hatte die Wettkämpfe in letzter Sekunde gerettet. Es gab noch kein Kunsteis damals.

Genauso wenig gab es damals grell ausgeleuchtete, überdachte Stadien, fernsehgerechte Eröffnungsfeiern oder bombastische pyrotechnische Spezialeffekte: die ersten Olympischen Winterspiele kosteten gerade einmal rund 100.000 Francs, was ziemlich genau den bescheidenen Einnahmen durch den Kartenverkauf entsprach.

Alles war eben ein paar Nummern kleiner. Am Tag der Eröffnung marschierten ein paar Männer und Frauen durch das Zentrum des beschaulichen Alpendörfchens zum Eisstadion; das war's. Keine Präsidenten aus aller Welt warteten, nur 287 gewöhnliche Zuschauer. Dann wurden die Spiele um 14.30 Uhr ziemlich unaufgeregt von dem hochrangigsten anwesenden Politiker eröffnet - einem französischen Unterstaatssekretär.

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Chamonix 1924: Olympische Spielchen

So hatten die Winterspiele von Chamonix noch eher den Charakter eines gemütlichen Jahrgangstreffens als den eines durchinszenierten Millionengeschäfts: 294 Aktive, darunter 13 Frauen, nahmen in nur sieben Sportarten teil. Es gab skurril wirkende Disziplinen wie den Militärpatrouillenlauf, eine Vorform des Biathlons, allerdings mit großkalibrigen Gewehren. Deutsche Schützen konnten sich darin allerdings nicht mit französischen messen; Deutschland war nämlich damals, gerade mal sechs Jahre nach Ende des Weltkrieges, erst gar nicht zu den Spielen eingeladen worden. Es gewannen schließlich, und vielleicht war das gut im Sinne der olympischen Idee der Völkerverständigung, die friedfertigen Schweizer unter Führung des Oberleutnants Denis Vaucher.

Eisprinzessin auf dem Hosenboden

Anders als heute gab es noch keine Altersklassen und -beschränkungen: Die jüngste Athletin, die norwegische Eiskunstläuferin Sonja Henie, war elf Jahre alt. Sie avancierte durch ihre Unbekümmertheit zum Publikumsliebling - obwohl sie im Wettkampf auf dem Hintern landete, ihren Trainer um Rat fragen musste und schließlich den letzten Platz belegte. Im Curling wiederum sah man Herren um die 50, die sich, mit Hemd und Krawatte unter den Wollmänteln, steifgefroren auf ihre Strohbesen stützten und auf Curling-Steine starrten, die gemächlich übers Eis glitten. Nach Sport sah das nicht aus, eher nach einer Pause beim Straßenfegen.

Werden dieses Jahr in Sotschi mehrere tausend Reporter erwartet, so hatten sich damals in Chamonix gerade mal 88 Berichterstatter eingefunden. Die Weltpresse nahm eher auf den hinteren Seiten Notiz von den Spielen, die mit insgesamt 10.044 Zuschauern nicht gerade ein Publikumsmagnet wurden - und doch Sportgeschichte schrieben.

Denn das eigentliche Wunder von Chamonix war, dass die Spiele überhaupt stattfanden. Jahrelang waren Winterspiele innerhalb des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) äußerst umstritten gewesen. Nicht zu Unrecht hatten die Skandinavier gefürchtet, dass die Winterspiele bereits bestehende, traditionelle Wettkämpfe (wie etwa die seit 1901 ausgetragenen Nordischen Spiele oder die Holmenkollen-Spiele) verdrängen könnten. Besonders die Schweden und Norweger hatten daher im IOC jahrelang jeden Vorstoß zur Einführung einer Winterolympiade blockiert.

Unaufhaltbare Kanadier

Das hatte zu der aberwitzigen Situation geführt, dass einige noch heute beliebte und traditionsreiche Wintersportarten während der regulären Olympiade im Sommer eingeführt worden waren: Eiskunstlaufen 1908 in London und Eishockey und erneut Eiskunstlauf 1920 in Antwerpen. Vier Jahre zuvor hätten eigentlich im Winter vor der Olympiade in Berlin Skiwettbewerbe auf dem Feldberg stattfinden sollen. Doch der Weltkrieg hatte diese Pläne verhindert.

Nach derselben Logik fanden nun die Spiele von Chamonix als eine Art Prolog zur Olympiade im Sommer 1924 in Paris statt. Bestenfalls zweitrangige Spiele also, die offiziell nur "Internationale Wintersportwoche" hießen. Die Unentschlossenheit des IOC zeigte sich auch darin, dass zwar die Olympiaflagge gehisst wurde, das olympische Feuer aber nicht entzündet werden durfte. Erst 1926, zwei Jahre später, rang sich der IOC doch noch dazu durch, die "Wintersportwoche" von Chamonix nachträglich zu den "I. Olympischen Winterspielen" zu erheben.

Wer damals um Medaillen kämpfte, dem waren solche sportpolitischen Feinheiten allerdings ohnehin ziemlich egal. Rücksichtlos und ehrgeizig deklassierte etwa das kanadische Eishockeyteam einen Gegner nach dem anderen: 30:0 gegen die Tschechoslowakei, 33:0 gegen die Schweiz. Insgesamt kassierten die Kanadier auf dem Weg zur Goldmedaille nur drei Gegentreffer bei 122 erzielten Toren - bis heute eine Rekordleistung.

Sieger - nach einem halben Jahrhundert

Auch eine andere Begebenheit aus Chamonix schrieb Geschichte - auch wenn das IOC wenig stolz darauf sein dürfte: Dem norwegischen Skisportler Thorleif Haug, mit drei Goldmedaillen der Star der Spiele, wurde zu Unrecht die Bronzemedaille im Skisprung verliehen. Erst als sich die letzten noch lebenden Chamonix-Olympioniken 50 Jahre später in der Nähe von Oslo trafen und über die alte Zeit plauderten, stellte sich heraus, dass bei der komplizierten Skisprung-Wertung offenbar ein Rechenfehler passiert sein musste.

Jetzt zeigten alle Beteiligten wahre olympische Größe: Der Lapsus wurde offiziell eingestanden, und 1974 überreichte Haugs Tochter im Namen ihres schon lange verstorben Vaters dem rechtmäßigen Bronzegewinner, dem Amerikaner Anders Haugen, die Medaille.

Haugen war damals schon 85 Jahre alt. Für ihn war die nachträgliche Siegerehrung, ein halbes Jahrhundert nach seinem Sprung in Chamonix, die Bestätigung seines größten sportlichen Triumphes. Und für die Winterspiele wurde das sympathisch ausgebügelte Missgeschick zu einem der rührendsten Momente ihrer 90-jährigen Geschichte.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
Jörn Schirrmacher, 26.01.2014
1.
*Klugscheissermodus on* Olympiade ist der Zeitraum zwischen zwei olympischen Spielen. *Klugscheissermodus off* Quelle: Wikipedia
Heiko Mussmann, 26.01.2014
2.
Lieber Autor, sie verwenden in Ihrem Artikel den Begriff "Olympiade" falsch. Die Olympiade ist die Zeit zwischen den Olympischen Spielen, also die Zeitspanne von 4 Jahren. Sie hingegen bezeichnen die Olympischen Spiele als Olympiade. Beste Grüße!
Thomas Ahrens, 27.01.2014
3.
Sehr schöner Artikel mit tollen Bildern. Danke.
Ralf Callenberg, 27.01.2014
4.
Wann akzeptiert wohl der letzte Besserwisser, dass der Begriff "Olympiade" seit Jahrzehnten synonym für die olympischen Spiele verwendet wird? Der Duden jedenfalls hat das längst akzeptiert und führt die Bedeutung als Zeitraum nur noch als Zweites an - mit dem Zusatz "selten".
Gudrun Gaus, 27.01.2014
5.
Ach, welch entrückte Zeit aus heutiger Sicht. Vom Kommerz- und Geldgedanken befreit. Sollte man als Referenz nehmen ...
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