Erster Weltkrieg "Ein schlimmer Tag für Deutschland"

Warum gab Kaiser Wilhelm II. Österreich-Ungarn am 5. Juli 1914 einen "Blankoscheck" zum Krieg? Was genau hatten in den kritischen Tagen zuvor die Berliner Spitzen von Militär, Regierung und Diplomatie besprochen? Die Memoiren der Beteiligten schweigen sich über den Schlüsselmoment aus.

Von Dieter Hoffmann


Am 5. Juli 1914, auf den Tag genau eine Woche nach der Ermordung des habsburgischen Thronfolgers Franz Ferdinand in Sarajevo, gab der deutsche Kaiser Wilhelm II. dem Botschafter Österreich-Ungarns in Berlin, Ladislaus von Szögyény, eine Audienz. Der Diplomat hatte zuvor von Alexander Graf Hoyos, der aus Wien gekommen war, ein handschriftliches Schreiben Kaiser Franz Josephs sowie ein Memorandum erhalten. Nach dem Bericht Szögyénys empfing ihn der deutsche Kaiser an jenem schicksalschweren Sonntag gegen 13 Uhr im Neuen Palais in Potsdam.

In dem Brief bezeichnete Franz Joseph das an seinem Neffen verübte Attentat als direkte Folge "der von den russischen und serbischen Panslawisten betriebenen Agitation, deren einziges Ziel die Schwächung des Dreibundes und die Zertrümmerung meines Reiches ist". Er nannte den Mord ein "wohlorganisiertes Komplott", das auf die Vereinigung der Südslawen unter serbischer Führung abziele. Obwohl nach seiner Ansicht eine Beteiligung der Regierung in Belgrad nicht zu beweisen war, forderte der österreichische Kaiser, dass Serbien, "welches gegenwärtig den Angelpunkt der panslawistischen Politik bildet, als politischer Machtfaktor am Balkan ausgeschaltet wird".

Dies war nur mit militärischen Mitteln erreichbar. Doch zweifelte keine Staatsführung der Großmächte, dass ein Angriff der Doppelmonarchie auf Serbien ein Eingreifen Russlands nach sich ziehen musste. Angesichts der Bündnisse der Entente mit Russland, Frankreich und Großbritannien sowie des Dreibunds mit Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien würde dies mit hoher Wahrscheinlichkeit einen gesamteuropäischen Krieg bedeuten. In der Denkschrift wurde dementsprechend die Rolle Russlands hervorgehoben. Das Zarenreich betreibe mit seinen "außergewöhnlichen Rüstungen und kriegerischen Vorbereitungen" sowie dem "Ausbau strategischer Bahnen gegen Westen" eine Politik, die sich vor allem gegen Deutschland richte. Dies solle dem "Deutschen Reiche den Widerstand gegen jene letzten Ziele Russlands und gegen seine politische und wirtschaftliche Suprematie unmöglich" machen, hieß es düster in dem Memorandum.

"Günstiger Moment"

Nach dem Bericht des Botschafters las Wilhelm II. sehr aufmerksam die beiden Schriftstücke, folgte jedoch nicht dem Ansinnen seines Verbündeten auf deutsche Unterstützung. Daraus könnten europäische Verwicklungen entstehen, erklärte der Monarch; erst nach einer Beratung mit dem Reichskanzler könne er eine gültige Antwort geben. Doch nach dem folgenden Mittagessen sprach Szögyény erneut mit dem Kaiser, und jetzt erhielt er eine andere Auskunft. Wilhelm II. sagte dem Verbündeten die Hilfe Deutschlands zu, und dies auch im Falle eines Konflikts mit Russland. Mehr als das: Er ermunterte Österreich-Ungarn, den "so günstigen Moment" für ein Vorgehen gegen Serbien zu nutzen. Nach der Erinnerung Szögyénys sagte der Monarch weiter, er rechne mit einer feindseligen Haltung Russlands, doch sei dieses Land "noch keineswegs kriegsbereit".

Dies war der berühmte "Blankoscheck": Nach der Denkpause, die solange wie ein Mittagessen andauerte, hatte Wilhelm II. Österreich-Ungarn nicht nur ein kriegerisches Vorgehen gegen Serbien erlaubt, sondern es noch dazu ermuntert. Eine schwerwiegende Entscheidung war gefallen, wie vielen sofort bewusst war. Am Tag danach trat der Kaiser seine alljährliche Nordlandreise an, die ihn mit der Staatsyacht vor die Küsten Skandinaviens führte. Admiral Alexander von Müller, der an der Reise teilnahm, schrieb in sein Tagebuch, auf der Fahrt von Potsdam nach Kiel sei die Lage "nach dem beabsichtigten Einmarsch der Österreicher nach Serbien" im Speisewagen des kaiserlichen Sonderzuges "ununterbrochen" diskutiert worden.

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Blankoscheck zum Krieg: "Ja, wir würden es schaffen"

Über die Vorgänge zwischen dem Mord von Sarajewo und der Zusage von Potsdam weiß die Nachwelt fast nichts. Doch entsteht der Eindruck, dass sich die Verantwortlichen wie Verschwörer verhielten. Weder Kaiser Wilhelm noch Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg erwähnten in ihren Erinnerungen, dass sie in jener Zeit berieten, wie auf den Mord am Erzherzog zu reagieren sei. Aus von Bethmann Hollwegs Reisekostenabrechnungen geht aber hervor, dass er in jener Woche viermal von Berlin nach Potsdam fuhr - demnach war er nur am 1. und am 3. Juli nicht beim Kaiser.

Was wusste Moltke?

Ähnliches galt für Generalstabschef Helmuth von Moltke. Er gab später an, nach dem Attentat nicht nach seiner Meinung gefragt worden zu sein; wäre dies der Fall gewesen, so hätte er vor einem solchen Vorgehen gewarnt. Doch hatte er am 19. Juni 1914 seiner Frau geschrieben, da er im Generalstab viel zu tun habe, werde er am 2. Juli zu ihr nach Karlsbad kommen. Auch Wilhelm II. berichtete nach dem Krieg in seinen Memoiren, sich noch mit Moltke beraten zu haben, jedoch ohne die besprochenen Themen zu nennen. Kurt Riezler, der Sekretär des Reichskanzlers, schrieb zur Haltung des höchsten Militärs gar im Mai 1915 in sein Tagebuch: "Die ganze ursprüngliche Rechnung ist durch die Schlacht an der Marne ins Wanken geraten. Schließlich kann sich für die Entstehung dieses Kriegs Bethmann auf die Not der Konstellation berufen, die er übernahm, und auf die Antwort, die Moltke Anfang Juli gab. Er sagte eben ja!, wir würden es schaffen."

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Es kommt hinzu, dass Moltke sich zu Fragen, die er für wichtig hielt, von seinem böhmischen Urlaubsort aus einschaltete. So beauftragte er seinen Stellvertreter General Georg von Waldersee, sich darum zu bemühen, dass England einem möglichen Krieg fernbleibe. Dafür solle die Neutralität des verbündeten Italien angeboten werden, um die Seemacht vom Eintritt in einen Konflikt auf Seiten von Deutschlands Gegnern abzuhalten. Sowohl diese Linie als auch Beratungen unter den führenden Personen werden bestätigt durch den Bericht des seinerzeit in Berlin weilenden deutschen Botschafters in London. Max Fürst von Lichnowsky erhielt den Auftrag, auf eine neutrale Haltung der Briten im Falle eines kontinentalen Krieges hinzuwirken. Um den Botschafter mit Argumenten zu versehen, wurden ihm aus zwei geheimen Studien des Generalstabs die Rüstungsanstrengungen Russlands und dessen strategische Eisenbahnprojekte erläutert, auf die auch Wien hingewiesen hatte.

Auch der Kanzler maß der Zusage vom 5. Juli große Bedeutung zu. Sein Sekretär Riezler begleitete Bethmann auf dessen Gut Hohenfinow nordöstlich von Berlin, wo beide die Tage bis zum Ultimatum Wiens an Belgrad verbrachten. Es führte am 23. Juli jene Krise herbei, an deren Ende der große Krieg begann. Bethmann Hollweg sprach nach Riezlers Schilderung in sehr dunklen Worten vom Weltkrieg, der jetzt drohe: Es stehe ein "Sprung ins Dunkle" bevor, den er als "schwerste Pflicht" bezeichnete. Als dessen mögliches Ergebnis nannte er die "Umwälzung alles Bestehenden".

"Diesmal falle ich nicht um"

Damit sah der Kanzler die Ergebnisse der Zusage voraus, wenn Österreich-Ungarn das europäische Mächtesystem sprengte. Doch erwartete er, bei einem Eintreten Russlands für Serbien werde das deutsche "Volk folgen, getrieben von Not und Gefahr". Auch in diesen Gesprächen spielte das Zarenreich eine wichtige Rolle. Deutschlands Position werde unhaltbar, erklärte Bethmann Hollweg und wies auf die laufenden Verhandlungen zur englisch-russischen Marinekonvention hin. Durch einen Spion war die deutsche Regierung darüber informiert, die besonders der abenteuerliche Plan einer Landung russischer Truppen mit Hilfe englischer Schiffe in Pommern beunruhigte. Der Kanzler bezeichnete dies als "letztes Glied in der Kette" und setzte hinzu: "Russlands militärische Macht schnell wachsend; bei strategischem Ausbau Polens die Lage unhaltbar."

Es kann kein Zweifel bestehen, dass Russlands Aufrüstung sowohl die Militär- als auch die Staatsführungen in Berlin und Wien in der ersten Hälfte des Jahres 1914 stark beschäftigte. Besonders der deutsche Generalstabschef forderte ein Losschlagen, bevor das Zarenreich sein Rüstungsprogramm abschließen könne. Dieses hatte die russische Führung 1912 gemeinsam mit seinem französischen Verbündeten beschlossen, und im November 1913 hatten beide Länder den Vertrag über eine große Anleihe unterzeichnet, mit der Paris den Ausbau des russischen Bahnsystems finanzierte. So sollte die Mobilisierungsdauer der Armee in dem riesigen Land fast halbiert werden, auf eine Zeitspanne von gut zwei Wochen.

Vor diesem Hintergrund ist das Einwirken führender Militärs zu sehen, die Wilhelm II. schon seit Jahren zu einem "Präventivkrieg" gegen Russland und Frankreich drängten. Das Rüstungsprogramm gab ihnen die Argumente in die Hand. Nach dem Attentat von Sarajewo hatten sie die Gelegenheit, den sehr erregten Kaiser zu einem weitreichenden Entschluss zu drängen. Bereits in früheren Krisen hatte sich der unbeherrschte Monarch in Momenten der Spannung sehr kriegerisch geäußert, war danach aber stets wieder davon abgerückt. Am 6. Juli versicherte er dem befreundeten Gustav Krupp von Bohlen und Halbach bei der Abreise in Kiel gleich dreimal: "Diesmal falle ich nicht um." Diese Bemerkung verweist auf das Einwirken seiner militärischen Umgebung, die den Kaiser offenbar bei der Ehre gepackt hatte.

Ein schlimmer Tag für Deutschland

Womöglich hat Wilhelm II. nicht völlig erkannt, wie bedeutungsvoll die Zusage von Potsdam war. Wenn Österreich-Ungarn sich daraufhin zu einem aggressiven Vorgehen entschloss, war sie nur schwer zurückzuziehen. Dies hätte den Verbündeten verprellt, dem nach seinem Auftrumpfen ein schwerer Gesichtsverlust drohte. Selbst eine Destabilisierung des Vielvölkerstaates war nicht auszuschließen, falls der Verbündete seine Unterstützung widerrief, so einen Rückzieher erzwingend.

In der Rückschau erkannten gut informierte Beobachter bereits damals, wie das Beistandsversprechen den Weg in die Katastrophe geebnet hatte. Im Dezember 1914 sprachen der ehemalige Reichskanzler Bernhard Fürst von Bülow und Theodor Wolff, Chefredakteur des "Berliner Tageblatts", über den 5. Juli, den sie als "Unglückstag" bezeichneten. Der Journalist stimmte den Worten des Politikers zu, dies sei "ein schlimmer Tag für Deutschland" gewesen.



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