Weihnachten im Ersten Weltkrieg Hoch der Kaiser? Fuck the Kaiser!

Als sich Heiligabend 1914 britische, französische und deutsche Truppen an der Westfront für ein paar Stunden verbrüderten, verweigerte sich ein schottisches Bataillon. Ein Buchautor hat nun den Grund aufgedeckt.

Mike Gunnill

Weihnachten 1914. Zwischen Minenfeldern, Stacheldrahtwirren und stinkendem Schlamm harren Millionen Soldaten in den Schützengräben an der Westfront aus. In dem Niemandsland zwischen den feindlichen Linien liegen Tausende Gefallene. Über einige der Leichen sind die Ratten hergefallen. Fast 800.000 Todesopfer hat der Erste Weltkrieg zu diesem Zeitpunkt gefordert: 160.000 Briten, 300.000 Franzosen, 300.000 Deutsche. Weihnachten und Weltkrieg: Das geht nicht zusammen. So scheint es zumindest.

Doch inmitten der Grausamkeiten greift der Geist des Weihnachtsfests an einigen Stellungen um sich: Auf beiden Seiten der Front tauschen Feinde mit Anbruch des Heiligen Abends auf einmal Freundlichkeiten aus, Kerzen werden angezündet, Waffen schweigen, stattdessen tönt es "Frohe Weihnachten" und "Merry Christmas" aus vielen Schützengräben. Männer, die sich eben noch mit dem Bajonett gegenüberstanden, reichen sich nun die Hand oder beschenken sich, einige spielen in den engen Grabengängen sogar Fußball miteinander.

Die Szenen des Weihnachtsfriedens von 1914 zwischen Franzosen, Briten und Deutschen - sie bleiben unvergessen.

Doch nicht alle Soldaten hatten damals Lust auf gemeinschaftliche Geschenkezeremonien und Fußballspielchen mit dem Feind. Das erste Bataillon der sogenannten Cameronians zum Beispiel - ein Infanterieregiment der British Army, das seine Soldaten hauptsächlich von den Straßen der schottischen Arbeiterstadt Glasgow rekrutierte - machte dem Gegner aus dem Kaiserreich mehr als deutlich: An einem britisch-deutschen Weihnachtsfest haben wir kein Interesse.

Noch wenige Tage zuvor hatten die Deutschen von ihrer Stellung nahe dem französischen Städtchen Armentières das schottische Bataillon kräftig dezimiert. "Ich weiß leider nicht, welche Truppe genau den 'Cameronians' gegenüberstand - aber es müssen wohl ziemlich begnadete Scharfschützen gewesen sein", sagt Andrew Davidson. Der Journalist und Autor hat die Geschehnisse von damals rekonstruiert - mit Hilfe Dutzender Fotos, Briefe und Notizen seines Großvaters, der Truppenarzt bei den "Cameronians" war.

"Hoch der Kaiser!" - "Fuck the Kaiser!"

Der erste Weihnachtsfeiertag fiel auf einen Freitag. Draußen regnete es in Strömen, und die schottische Einheit war noch immer geschwächt von den vorangegangenen Angriffen. Niemand in der Truppe war sich sicher, was an diesem Tag wohl passieren würde. Lange blieb es ungewöhnlich ruhig, als plötzlich - von einem der Schützengräben gegenüber - ein Lied zu hören war. Es waren die deutschen Soldaten, die aus voller Kehle "Stille Nacht" anstimmten. Einer von ihnen rief in Richtung der Gräben der "Cameronians":

"Warum kommt ihr nicht rüber?"

"Weil wir euch nicht trauen. Ihr habt vier Monate lang nichts anderes gemacht, als auf uns zu schießen", antworteten die "Cameronians".

"Hoch der Kaiser!", tönte es ihnen entgegen.

"Fuck the Kaiser!"

Trotz der schroffen Absage, trällerten die Deutschen noch die ganze Nacht hindurch ein Weihnachtslied nach dem anderen. Und auch die schottische Truppe begann ihr eigenes kleines Fest zu feiern. Um die Stimmung zumindest ein bisschen aufzuhellen, posierten sie für ein paar Schnappschüsse - und tranken viel Schnaps.

Später am Abend wagte sich schließlich doch noch ein betrunkener schottischer Soldat in das Niemandsland zwischen den Gräben. Er wurde sofort von einem Offizier eines anderen britischen Bataillons in Gewahrsam genommen.

"Der offizielle Befehl für die Truppe lautete: Es gibt keinen Waffenstillstand - und keine Verbrüderungen", erklärt Davidson. "Und auch wenn Weihnachten war, blieb die Truppe ziemlich griesgrämig. Sie sahen einfach keinen Grund, warum sie Fußball mit Leuten spielen sollten, die sie noch Tage zuvor umbringen wollten."

Und so blieb es in Armentières bei einem getrennten Weihnachtsfest zwischen Briten und Deutschen. Am nächsten Tag schossen die verfeindeten Truppen wieder aufeinander.

Zum Weiterlesen:

Andrew Davidson: "Fred's War. A Doctor in the Trenches". Short Books Verlag, London 2013, 256 Seiten. Das Buch in englischer Sprache erhalten Sie bei Amazon .



insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
liquimoly, 24.12.2013
1.
Der erste Weltkrieg war schon insgesamt eine groteske Veranstaltung, das Fußballspiel zwischen Briten und Deutschen das einzig Normale. Männer, aus einem ganz anderen Grund von ihren Müttern zur Welt gebracht aund aufgezogen worden waren, wurden von ihren Kaisern und Königen bzw. Ministern gezwungen, Waffen auf andere Männer abzufeuern oder selbst an die Wand gestellt zu werden. Dabei waren die Europäischen Königshäuser incl. Nikolaus II. von Rußland allesamt das Produkt jahrhundertelangen Inzests untereinander. Die bescheutere Idee, gegeneinander Schach, Entschuldigung: Krieg zu spielen konnte nur deren kranken Hirnen entspringen!
Axel Schudak, 24.12.2013
2.
>Fast 800.000 Todesopfer hat der Erste Weltkrieg zu diesem Zeitpunkt gefordert: >160.000 Briten, 300.000 Franzosen, 300.000 Deutsche. Abgesehen davon dass hier die Belgier fehlen... der erste Weltkrieg fand auch im Osten statt. Dort waren zu diesem Zeitpunkt auch schon hundertausende Österreicher und Russen und Serben gefallen (insbesondere bei Lemberg).
henrik ørsted, 25.12.2013
3.
Könnte der Gegner der Cameronians die VI. Armee gewesen sein: das Königlich Bayerisches 9. Infanterie-Regiment ?Wrede? aus Würzburg. http://de.wikipedia.org/wiki/Königlich_Bayerisches_9._Infanterie-Regiment_?Wrede? die lagen laut Wiki im Ort Zillebeke bei der belgischen Stadt Ieper ca. 9 km nördich von Armertières. "Ab dem 12. Oktober 1914 erstarrte die Front zum Stellungskrieg. Das Regiment wurde am 30. Oktober 1914 aus dem Somme-Abschnitt herausgelöst und nördlich Comines verlegt. Nach Eintreffen stieß es noch bis über die Höhen bei Zandvoorde vor. Die nächsten Tage brachten trotz aller Anstrengung und Opfer nur noch 100m-weise Fortschritte, so dass das Regiment am 14. November bei Klein Zillebeke den weiteren Vormarsch abbrechen und in die Verteidigung übergehen musste. Die Kämpfe kosteten dem Regiment an Gefallenen 12 Offiziere, 49 Unteroffiziere und 389 Mann. Hinzu kommen an Verwundeten 18 Offiziere, darunter der Regimentskommandeur, und 484 Mann sowie 120 Vermisste. Das Regiment marschierte schon mit hohen Ausfällen an kampferprobten Führungskräften an, aber der Angriff auf Ypern verschlechterte Lage bei den Führern noch erheblich. Am 8. November 1914 wurden das I. und III. Bataillon von Oberleutnants (eigentlich Oberstleutnante/Majore) geführt, vier Kompanien von Leutnants der Reserve (sog. Einjährige), 3 Kompanien von Offizierstellvertreter und 5 Kompanien von Unteroffizieren. Am 10. November 1914 trafen vom Ersatz-Bataillon nur zwei Offiziere und 455 Mann ein. Ab dem 25. November 1914 grub sich das Regiment in Flandern ein. Ende 1914 erhielt es nochmals 3 Offiziere und 292 Mann Ersatz." laut Wikipedia.
Werner Lettmair, 25.12.2013
4.
Was mich an dieser Weltkriegsgeschichte mit den Verbrüderungen so nachdenklich und auch hoffnungsvoll macht: wenn die Menschen es wollen, ist ein Krieg SOFORT zu Ende. Die Welt könnte so friedlich sein...
Wolfie Bishop, 25.12.2013
5.
Wenn ich die Überschrift als Maßstab nehme, dann darf ich also davon ausgehen, daß ich das Wort "Fuck" künftig im Forum benutzen darf, ohne zensiert zu werden. Oder???
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.