Außergewöhnliche TV-Dokumentation Ein neues Bild des Ersten Weltkriegs

In Bildern wie diesen war der Erste Weltkrieg noch nie zu sehen: In Frankreich entstand in dreijähriger Arbeit eine aufwendige Fernsehdokumentation. Sie zeigt historische Originalaufnahmen, die Bild für Bild koloriert und Szene für Szene vertont wurden.

ECPAD

Von


Die Familie sitzt steif wie zum Porträt auf einer Bank, Vater René mit Schnurrbart und Uniform, Mutter Jacqueline mit Hut und ausladender Garderobe. Mal sieht man sie im Kreise ihrer drei Kinder, mal vor dem Haus, mal im Garten.

Es sind nur sechs Minuten aus einem Film von knapp einer Stunde: Doch die längst vergangenen Szenen aus dem Leben der Familie Ferrari bilden den persönlichen Erzählstrang in der beeindruckenden Dokumentation "Apokalypse - Der Erste Weltkrieg". Die ersten beiden der insgesamt fünf Episoden wurden am Dienstagabend dieser Woche vom französischen Sender France 2 ausgestrahlt.

Seine Filmkamera hatte der Unternehmer Ferrari aus L'Etang-la-Ville im Departement Yvelines bereits 1910 erworben. Bald begann er Frau und Kinder auf Zelluloid zu bannen, doch erst mit Beginn des Kriegs 1914 wurde der begeisterte Amateurfilmer zum Chronisten: Entstanden meist während des Fronturlaubs, zeigen seine Aufnahmen eine friedliche Atmosphäre, fern der Schrecken von Schützengraben und Tod.

"Ein wirklicher Schatz"

Die seltenen Bilder waren jedoch bald vergessen, insgesamt 16 Filmspulen im 28-Millimeter-Format schlummerten auf dem Dachboden des Stammsitzes der Familie. "Als mein Vater starb, habe ich die Dosen geerbt. Sie waren seit 1920 nicht geöffnet worden", berichtet Eric Ferrari, Enkel des privaten Filmpioniers der Zeitung "Le Parisien". "Seit hundert Jahren hatte sie niemand angerührt." Erst als der 66-Jährige die Filme auf DVD kopieren ließ, wurde ihm klar, über welch einmalige Dokumente er verfügte: "Sie haben da einen wirklichen Schatz", teilte man ihm mit, "selten haben wir derart gut erhaltene Aufnahmen aus dieser Zeit gesehen."

"Als mein Vater starb, habe ich die Dosen geerbt. Sie waren seit 1920 nicht geöffnet worden"

France 2

Für die Autoren von "Apokalypse" waren die Szenen aus der Kleinstadt unweit von Paris ein Glücksfall. "Es ist ein Wunder, wir wussten gar nicht, dass damals Amateuraufnahmen entstanden", so Isabelle Clarke, zusammen mit Daniel Costelle verantwortlich für die fünfteilige Dokumentation. Vor allem: "Die Familie Ferrari dient als roter Faden für unsere Serie, die damit eine vertraut-intime Anmutung bekommt."

Koloriert und nachvertont

Die Aufnahmen der Familie Ferrari sind nicht das einzige Fundstück, das den Mehrteiler zum TV-Ereignis macht: Insgesamt sichteten die Mitarbeiter des Mega-Projekts 500 Stunden Material aus privaten Quellen und offiziellen Archiven zwischen Moskau, Berlin, London und New York. Insgesamt dauerten die Arbeiten für die 6,2 Millionen teure Dokumentation mehr als drei Jahre. Wissenschaftler werteten das Rohmaterial aus, datierten es anhand von Hinweisen wie Gebäuden, Kriegsgerät oder bekannten Personen. Nach Restaurierung und Schnitt wurden die Sequenzen Bild für Bild koloriert: Eine Crew von drei Mitarbeitern wertete historische Fotos und Gemälde aus, um die überwiegend schwarz-weißen Original-Aufnahmen mit historisch korrekten Farben zu ergänzen.

Fotostrecke

22  Bilder
TV-Dokumentation: Erster Weltkrieg in Farbe

Der gigantische Aufwand, unter Fachleuten freilich nicht unumstritten, erwies sich bisweilen als minutiöse Detektivarbeit: Die Abzeichen auf Mützen und Uniformen, die Farben von Eisenbahnen, Lafetten und Munition wurden mit Vorlagen abgeglichen. Genauso wie Bilder der Unterstände oder die Schwenks über das Grün der von Granaten zerfetzten Vegetation. Parallel dazu sorgte ein Toningenieur für die originalgetreue Reproduktion des Kriegslärms. Gilbert Courtois, Chef der Firma Arbil und Besitzer einer Audio-Sammlung mit "Milliarden von O-Tönen", schuf daraus die akustische Kulisse: Flugzeugmotoren, Explosionen, Panzerketten oder der Rhythmus von Marschkolonnen - die Töne sind authentisch bis ins Detail.

Mit diesem Verfahren haben Clarke und Costelle bereits in der Dokumentation "Der Zweite Weltkrieg - Apokalypse der Moderne" von 2009 Originalaufnahmen des Zweiten Weltkriegs nachträglich vertont und koloriert.

Trotz des Aufwands gerät die Darstellung nicht zur szenisch imposanten Gegenüberstellung plumper Kriegspropaganda. Natürlich fehlen nicht die heroischen Bilder anstürmender Infanteristen, Hurra-Gebrüll und Kanonendonner. Die Dokumentation zeigt die Kriegsbegeisterung vom September 1914, die Luftangriffe, das Elend des Stellungskriegs, Verwundete, Leichen oder die Arbeit der Frauen in den Munitionsfabriken.

Von Kaiser Wilhelm bis zum letzten Toten

Den Autoren gelingt es dennoch, den historischen Kontext zwischen dem Anschlag von Sarajewo am 28. Juni 1914 bis zum Kriegsausbruch mit den Geschichten der wichtigsten Protagonisten zu verbinden: Dazu gehören die privaten Blicke auf Kaiser Wilhelm mit seinem Hund oder Zar Nikolaus II. von Russland mit Töchtern und Sohn anlässlich einer Geburtstagsfeier. Später taucht ein smarter 23-jähriger Soldat in Fliegeruniform auf, ein gewisser Hermann Göring, oder ein britischer Verbindungsoffizier in Beduinentracht, der als Lawrence von Arabien in die Geschichte eingehen wird.

Später taucht ein smarter 23-jähriger Soldat in Fliegeruniform auf, ein gewisser Hermann Göring

Ergänzt werden diese Aufnahmen durch Bilder, die sonst in der Überlieferung fehlen: Etwa die Filmdokumente aus den Kolonien, wo Soldaten für den Einsatz im Mutterland requiriert wurden; die Kämpfe an den Nebenkriegsschauplätzen zwischen Nahost, Asien und Afrika oder das Massaker an den Armeniern unter der Herrschaft des Osmanischen Reiches. Und es fehlt nicht das Bild des Soldaten George Price: Der Kanadier starb am 11. November 1918, kurz vor elf Uhr, in den Ruinen eines belgischen Dorfs und war damit der Überlieferung nach der letzte Tote des Weltkriegs. Insgesamt kostete er 10 Millionen Menschen das Leben.

Für René Ferrari, den Amateurfilmer aus L'Étang-la-Ville ging das mörderische Treiben nach vier Jahren glimpflich aus. Verletzt und später als Sanitäter an der Front im Einsatz, heiratete er die Krankenschwester, die ihn im Lazarett betreut hatte. Eben jene Jacqueline mit dem Hut und der ausladenden Garderobe.



insgesamt 19 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
G. Gilch-Geberzahn, 20.03.2014
1. In Farbe
wirkt der Krieg noch brutaler. Nie, nie, nie mehr darf sich so etwas wiederholen.....
Alexander Isensee, 20.03.2014
2. 1914-1918
Kleine Korrektur am Ende. Der letzte Soldat starb wohl leider "schon" 1918 und nicht erst 1919. Das macht die Tragödie nicht besser, aber sicherlich geschichtlich richtig.
Stefan Georg, 20.03.2014
3. Ich danke
für den guten Beitrag. Aber eine Anmerkung: Die Flammenwerfer dienten nicht dazu, den Gegner "einzuschüchtern", sie dienten dazu, Soldaten bei lebendigem Leibe zu verbrennen. Und so sollte man das auch sagen.
Eckahrd Dorner, 20.03.2014
4.
Zu Bild 3: Ahaa... 1915 gab`schon Video.? Würde mal sagen steht ein Kameramann an einer Pathè und filmt Soldaten beim Stacheldraht verlegen
Olaf Heuser, 20.03.2014
5. Ausstrahlung im deutschen TV geplant?
Keine Besserwisserei von mir, möchte nur wissen, ob es schon Hinweise auf eine ausstrahlung im deutschen TV (ÖR, Privat, Kable, sky?) gibt. Vielen Dank!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.