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18. Juni 2013, 09:23 Uhr

US-Atomspionage-Drama

Gemeinsam in den Tod

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Ihr Schicksal erschütterte Amerika: 1953 wurden Ethel und Julius Rosenberg hingerichtet, da sie Geheiminformationen über US-Atombomben an den KGB geliefert haben sollten. Bis zuletzt hatte das Ehepaar seine Schuld bestritten - doch eine Falschaussage wurde ihnen zum Verhängnis.

"Alles wird gut. Hab keine Angst!", rief Julius Rosenberg seiner Frau Ethel auf dem Weg in seine Zelle zu. Ethel Rosenberg antwortete auf ihre Art: Sie begann, die Schlüsselarie aus Giacomo Puccinis Oper "Madame Butterfly" zu singen - verzweifelt, hoffnungsvoll. "Un bel di vedremo" (Eines schönen Tages werden wir uns wieder sehen) hallte es durch den Zellentrakt des New Yorker Gerichtsgebäudes. Mitgefangene und Wärter waren zu Tränen gerührt und applaudierten stürmisch. Ihre Begeisterung ertränkte für einen Moment das Entsetzen darüber, dass die beiden bald im Todestrakt des New Yorker Hochsicherheitsgefängnisses Sing Sing verschwinden würden.

Wenige Stunden zuvor hatte Geschworene das Ehepaar an diesem Tag, dem 29. März 1951, schuldig gesprochen. Bundesrichter Irving Kaufmann verurteilte die Rosenbergs daraufhin am 5. April 1951 zum Tode. Er sah es als erwiesen an, dass die beiden in den Vierzigerjahren den Russen die hochgeheimen Baupläne der Atombombe zugespielt hatten. "Ich halte das Verbrechen für schlimmer als Mord", begründete Kaufmann seine Entscheidung und wusste sich damit auf einer Linie mit dem Weißen Haus.

Doch von Anfang an gab es Zweifel an der Schuld des Ehepaares. Die Beweise, hieß es, seien nicht belastbar. Etliche Zeugen hätten unter dem Einfluss der Staatsanwaltschaft gelogen. Immer mehr Stimmen wurden laut, die das Urteil für einen schändlichen Auswuchs der Kommunismus-Hysterie hielten, die Senator Joseph McCarthy seit 1950 schürte. "An den Rosenbergs sollte ein Exempel statuiert werden", kritisierte etwa der "National Guardian". Zwei Jahre kämpften die Rosenberg-Anhänger mit Petitionen und in Berufungsverfahren um das Leben des Paares. Doch am Ende setzte sich Kaufmann durch. Am 19. Juni 1953 wurden Ethel und Julius Rosenberg auf dem elektrischen Stuhl in Sing Sing hingerichtet - obwohl die Zweifel an ihrer Schuld nicht ausgeräumt werden konnten.

Heute ist klar: Der Prozess gegen das Ehepaar Rosenberg war im erhitzten Klima des frisch entfachten Kalten Kriegs tatsächlich außer Kontrolle geraten - und mit ihm das Strafmaß. Aber ganz so unschuldig, wie vielfach behauptet, waren auch die Rosenbergs nicht.

Rosenbergs Spionagering

Bereits im Frühjahr 1942 hatte sich Julius Rosenberg, der seit seiner Jugend in der Kommunistischen Partei aktiv war, vom KGB anheuern lassen. Das ergab eine Auswertung der Akten des sogenannten Venona-Projekts, die 1995 veröffentlicht wurden. Dieses Projekt hatte sich Ende der vierziger Jahre damit beschäftigt, die geheimen Nachrichten des KGBs zu entschlüsseln. Tatsächlich war es dabei auch gelungen, den Code zu knacken - und Rosenberg als Spion mit dem Decknamen "Liberal" zu identifizieren.

Sein Verbindungsoffizier war Alexander Feklisow, der im russischen Generalkonsulat in New York arbeitete und den er regelmäßig mit technischen Unterlagen über die neuesten Waffenentwicklungen in den USA belieferte. Rosenberg war Elektroingenieur und arbeitete seit 1940 im U.S. Signal Corps, das damals zivile technische Produkte auf ihre militärische Verwendbarkeit prüfte. In dieser Position war es für ihn ein Leichtes, Informationen herauszufiltern und weiterzuleiten.

Im Auftrag des KGB baute Rosenberg einen kleinen Spionagering an Informanten auf, zu dem unter anderem sein Schwager David Greenglas gehörte, der aus Sicht des KGB in einer interessanten Schlüsselposition saß: Er arbeitete als Techniker am streng geheimen Manhattan-Projekt mit und hatte damit direkten Zugang zu den Physikern, die im Auftrag Washingtons die Atombombe entwickelten. Regelmäßig belieferte Greenglas seinen Schwager mit Informationen - 1945 übergab er ihm etwa einen zwölfseitigen Bericht über die Hiroshima-Bombe, einschließlich einer Skizze.

Jagd auf die Geheimnisverräter

Weder Greenglas noch Rosenberg fühlten sich damals als Verräter, die Material an den Feind lieferten. Im Prozess sagte Greenglas aus, sein Schwager habe ihn letztlich davon überzeugt, dass die UdSSR ein Verbündeter sei und ihr als gleichberechtigtem Partner diese Informationen zustünden. Tatsächlich war in den USA der vierziger Jahre das Feindbild Russland noch nicht ausgeprägt. Im Gegenteil: Etliche Amerikaner bewunderten den heldenhaften Kampf der UdSSR gegen Nazi-Deutschland.

Doch nach Kriegsende flaute die Russen-Begeisterung schnell ab und wandelte sich in einen von McCarthy und dem frisch entfachten Kalten Krieg geschürten, fast hysterischen Antikommunismus. Überall witterten die USA die rote Gefahr. Und als die Sowjets im August 1949 den ersten Atomtest durchführten, sah Washington im wahrsten Sinne des Wortes rot. Es war offensichtlich, dass die Russen mit geheimen Bauplänen aus dem Manhattan-Projekt versorgt worden waren.

Das FBI, angeführt von J. Edgar Hoover, machte daraufhin Jagd auf die Geheimnisverräter, die ihnen reihenweise ins Netz gingen: Klaus Fuchs, ein Physiker, der ebenfalls am Manhattan-Projekt mitgearbeitet hatte. Harry Gold, der als Kurier fungierte. David Greenglas und die Rosenbergs.

Für die Staatsanwälte, die Geschworenen und den Richter war der Fall schnell klar. Es hieß, Greenglas habe den Bauplan für die Atombombe über Rosenberg geliefert. Bundesrichter Kaufmann malte die Konsequenzen in seinem Urteil in den schrillsten Farben aus: "Sie haben damit die kommunistische Aggression in Korea mit mehr als 50.000 Toten verursacht."

"Wir hatten gar nicht vor, die beiden zu töten"

Ganz so einfach war die Sachlage dann aber doch nicht. Schenkt man Feklisow Glauben, war das Material, das Greenglas über Rosenberg an den KGB geliefert hatte, vollkommen nutzlos. "Er konnte uns nicht helfen", sagte Feklisow im Jahr 1997. Im Sinne der Anklage sei er unschuldig gewesen, denn er habe kein geheimes Atommaterial weitergeleitet, das russische Physiker hätten verwenden können. Ethel Rosenberg sei zudem vollkommen unschuldig gewesen. Sie habe zwar von den Machenschaften ihres Mannes gewusst, sei aber selbst nie aktiv gewesen. Inzwischen sind sich die Historiker einig, dass nicht Rosenberg die relevanten Daten für den Bau der Atombombe an die Russen lieferte, sondern Fuchs, der nicht zu Rosenbergs Spionagering zählte.

Anfang des neuen Jahrtausends gab schließlich einer der damaligen Staatsanwälte, William Rogers, zu, dass ihnen der Fall in gewisser Weise entglitten war: "Wir hatten gar nicht vor, die beiden zu töten. Die Strategie war, die Todesstrafe über Ethel zu verhängen, um von Julius ein volles Geständnis zu bekommen." Doch die Rechnung ging nicht auf. Beide beteuerten weiterhin ihre Unschuld und weigerten sich auszusagen. "Sie zwangen uns letztlich, Farbe zu bekennen", sagte Rogers.

Dass im Prozess erhebliche Fehler gemacht wurden, gestand auch Richard Nixon, damals Vizepräsident unter Dwight Eisenhower, in einem unter Verschluss gehaltenen Interview ein, das die "New York Times" erstmals 2008 veröffentlichte. Offenbar, so drückte er sich aus, hätten allzu eifrige Staatsanwälte das Belastungsmaterial manipuliert. Hätten er oder Eisenhower das gewusst, so Nixon, hätten sie wenigstens Ethel Rosenberg vor dem Tod auf dem elektrischen Stuhl bewahrt.

Alles frei erfunden

Im selben Jahr wurden etliche Dokumente aus der Voranhörung, die 1950 vor der Grand Jury stattgefunden hatte, zum ersten Mal öffentlich gemacht. Dabei wurde deutlich, dass tatsächlich an einigen Beweisen gefeilt worden war. Es ging dabei vor allem um die Aussage, die Ethel Rosenberg auf den elektrischen Stuhl brachte. Die Ehefrau von David Greenglas, Ruth Greenglas, hatte in der Voranhörung noch ausgesagt, sie habe die herausgeschmuggelten Informationen handschriftlich notiert und Julius Rosenberg mitgegeben. Im Prozess sagte sie indes: Ethel Rosenberg habe die Notizen abgetippt.

Dieses Umschwenken sollte sich noch als entscheidend erweisen. David Greenglas gab nämlich auch zu Protokoll, Ethel Rosenberg sei aktiv beteiligt gewesen, indem sie Informationen in Reinschrift abgetippt habe. Beide Aussagen wurden als Beweis für Ethel Rosenbergs Spionagetätigkeit gewertet und waren die Basis ihrer Verurteilung. Keiner stellte die Frage, warum Ruth Greenglas in der Voranhörung etwas anderes ausgesagt hatte. Später gab ihr Mann gegenüber der BBC zu, alles sei frei erfunden gewesen. Er habe die Aussage nur gemacht, um sich und seine Familie zu schützen.

Obwohl sich im Prozess alles gegen sie wandte, verweigerten Ethel und Julius Rosenberg konsequent die Aussage und jegliche Kooperation. Hätten sie alles zugegeben und Namen anderer Spione preisgegeben, wären sie mit einer Gefängnisstrafe davongekommen, so wie Greenglas, der 15 Jahre bekam, Klaus Fuchs, der mit 14 Jahren davonkam, oder Harry Gold, der als Kurier fungierte und 30 Jahre absitzen sollte. Alle hatten ausgepackt. Die Rosenbergs aber entschieden sich dagegen - und ließen dafür ihr Leben. Im Alter von nur 35 und 37 Jahren.

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