Falkland-Krieg Amerikas Vabanquespiel im Südatlantik

Haben die USA Großbritannien im Falkland-Konflikt verraten? Dies behauptet ein Vertrauter Margaret Thatchers. Er verweist auf ein geheimes Sitzungsprotokoll der US-Regierung. Doch so klar war die Haltung Washingtons nicht, Ronald Reagans Truppe agierte reichlich chaotisch.

AP

Von Sebastian Borger


Die Weltwirtschaft erlebte die schwerste Krise seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Am Persischen Golf tobte der Krieg zwischen Saddam Husseins Irak und den iranischen Mullahs, Israel bereitete einen Krieg gegen Libanon vor, die afghanischen Gotteskrieger setzten der sowjetischen Besatzungsmacht ihrer Heimat schwer zu. Vor der Haustür der USA stand Fidel Castros Regime auf Kuba in vollem Saft. Kurzum: Innen- wie außenpolitisch hatte die westliche Supermacht USA in den ersten Monaten des Jahres 1982 alle Hände voll zu tun.

Und nun das! Da schickte sich doch die Militärdiktatur des gerade erst mühsam umworbenen südamerikanischen Verbündeten Argentinien an, dem wichtigsten europäischen Bundesgenossen Großbritannien ein paar Inseln im Südatlantik zu entreißen. Falklands oder Malvinas, wo sind die eigentlich?

30 Jahre danach machen die nach und nach freigegebenen Regierungspapiere aus der noch jungen, im Januar 1981 begonnenen Amtszeit des republikanischen Präsidenten Ronald Reagan deutlich, mit wieviel Unverständnis das politische Washington und mit ihm weite Teile der Weltöffentlichkeit dem Konflikt gegenüberstand.

Der 71-jährige Präsident selbst, noch immer gezeichnet von einem Mordanschlag im Jahr zuvor, sprach von "diesem kleinen eiskalten Fleckchen Land da unten”. Sein Außenminister Alexander Haig verdächtigte die schafzüchtenden Falklands-Bewohner der Sodomie: "Das Einzige, was ihnen offenbar fehlt, sind Frauen - Gott helfe den Schafen", witzelte der einstige Vier-Sterne-General in einer geschlossenen Sitzung des US-Kongresses.

Sympathie für Argentinien

Uno-Botschafterin Jeane Kirkpatrick ließ sogar eindeutige Sympathie mit dem argentinischen Fait accompli erkennen. Im TV-Sender CBS beteuerte sie Amerikas Neutralität und übte sich in diplomatischem Sophismus: Die Argentinier hätten ja seit zwei Jahrhunderten Anspruch auf die Malvinas angemeldet, "und wenn die Inseln Argentinien gehören, stellt die Verlegung von Truppen dorthin keine bewaffnete Aggression dar".

Stand Amerika also kurz davor, den Verbündeten zweier Weltkriege "zu verraten"? So behauptet es Margaret Thatchers früherer Redenschreiber John O'Sullivan am vergangenen Samstag im "Wall Street Journal" und stützt sich dabei auf ein Dokument aus der Ronald-Reagan-Bibliothek, das nun, am 30. Jahrestag der Invasion, dem 2. April, vom Londoner Thatcher-Archiv veröffentlicht wurde.

In Wirklichkeit, so verrät es das Protokoll der knapp einstündigen Sitzung des Nationalen Sicherheitsrats, war die prominenteste Frau der Reagan-Regierung mit ihrer proargentinischen Haltung weitgehend isoliert. Viel schwerer wog die Meinung der Atlantiker im außenpolitischen Beraterteam: allen voran Verteidigungsminister Caspar Weinberger, CIA-Chef Bobby Inman, auf seine Weise auch Haig selbst.

Der schießwütige Cowboy bleibt kühl

Nach vierwöchiger, demonstrativ zur Schau getragener Neutralität beendete Amerika an jenem 30. April 1982 den Balanceakt und schlug sich auch öffentlich auf die Seite der Briten. "Wir müssen uns daran erinnern, dass die Aggression von den Argentiniern ausging", teilte Reagan mit. "Bewaffnete Aggression dieser Art darf keinen Erfolg haben."

Auf der anderen Seite des Atlantiks war die Erleichterung groß. Doch Ronald Reagan, der vermeintlich schießwütige Cowboy, verhielt sich weiterhin abwägend, pragmatisch, kühl.

Einerseits stoppte er alle Waffenhilfe für Argentinien und gab den Briten gleich zu Beginn der Krise schriftlich, was er erst Ende April auch der Öffentlichkeit mitteilte: dass in der Frage des bewaffneten Überfalls letztlich an Neutralität nicht zu denken sei. Andererseits betonte er die Neutralität, was die Souveränität über die etwa 200 Inseln und ihre 800.000 Pinguine anging. Hatte nicht Großbritannien selbst 17 Jahre lang über den ungeliebten Rest seines Empire verhandelt? Sollte es wirklich nicht möglich sein, den Konflikt friedlich zu beenden, ohne Hunderte von Toten und Milliardenverlusten an militärischer Hardware?

"Der kleinste gemeinsame Nenner ist die allerextremste Meinung"

Mochten die Briten auch maulen - Reagan handelte im ureigenen amerikanischen Interesse und schickte den ehrgeizigen Haig auf eine Shuttle-Mission zwischen London und Buenos Aires. In der Downing Street bekamen die Amerikaner erst ein Gemälde des Marine-Helden Horatio Nelson gezeigt, anschließend wusch ihnen Thatcher ordentlich die Köpfe. "Wir in Großbritannien weigern uns einfach, Aggression zu belohnen. Das ist die Lektion, die wir 1938 gelernt haben", belehrte die Premierministerin ihre Gäste in Anspielung auf ihren Vorgänger Neville Chamberlain und dessen Beschwichtigungspolitik gegenüber Hitler. Nach der Geschichtslektion wurde Tee serviert, die Hausherrin bediente selbst. "Al Haig sitzt da, wippt nervös mit dem Bein und raucht Kette", beobachtete US-Diplomat James Rentschler.

In Buenos Aires erging es dem Möchtegern-Vermittler nicht viel besser. Dort herrsche "extremer Pluralismus”, beklagte sich Haig vor den Kongressabgeordneten: "Keiner trifft Entscheidungen. Der kleinste gemeinsame Nenner ist die allerextremste Meinung." Was Junta-Chef General Leopoldo Galtieri an einem Tag zugestand, nahm er einen Tag später nach Konsultation mit Luftwaffe und Marine wieder zurück. Keine noch so geschickte Formulierung der Amerikaner konnte den Abgrund überbrücken, der sich zwischen den verfeindeten Parteien auftat: Die Briten beharrten auf der Uno-Resolution, die Argentiniens "sofortigen Rückzug" forderte. Die Militärs in Buenos Aires faselten von Zwischenlösungen, geteilter Souveränität - voller Angst vor der kriegslüsternen Volksmenge, die auf der Plaza de Mayo "Guerra, Guerra!" skandierte und Maggie Thatcher als Hure verhöhnte.

Zwölf Tage lang war Haig beinahe ausschließlich mit den Falklands befasst, 53.000 Flugkilometer absolvierte er in dieser Zeit. Dass er sich den Konfliktparteien aufgedrängt habe, werde von "schädlichen und fehlinformierten" Leuten verbreitet, ärgerte sich der frühere Nato-Oberbefehlshaber im Kongress. Alles vergebens: Mit dem demütigenden Ende seiner Vermittlungsbemühungen war auch sein Schicksal als 59. Außenminister der Vereinigten Staaten besiegelt, Ende Juni entschloss sich Haig zum Rücktritt - zur großen Erleichterung vieler US-Diplomaten und des Verteidigungsministeriums, wo Ressortchef Weinberger den Briten unter der Hand wertvolle Dienste leistete, ihre Flotte auftanken ließ, ihnen Geheimdienstberichte über argentinische Truppenbewegungen zuspielte.



insgesamt 4 Beiträge
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Daniel Fisher, 03.04.2012
1.
Israel bereitete 1982 keinen Krieg gegen den Libanon vor, wie in diesem Text behauptet wird, sondern einen Militärschlag gegen Arafats PLO, die den Libanon in einen langjährigen Bürgerkrieg gerissen hatte und das Land als Ausgangsbasis für Terroranschläge gegen die Menschen im angrenzenden Norden Israels missbrauchte.
Andy Malik, 04.04.2012
2.
@Fisher: meinen Sie, dass ihre "Differenzierung" die vielen toten Libanesen und ihr durch die Isralis zerstörtes Eigentum interessiert? Wohl kaum. Außerdem war die PLO nicht ohne Grund im Libanon. In Palästina durften sie ja nicht sein. Zum Artikel: Dass die USA sich auf die Seite der Briten gestellt haben, ist weder verwunderlich, noch ein Geheimnis. Der Titel ist etwas irreführend.
Uwe Schwarz, 04.04.2012
3.
@Daniel Fisher: Und warum war der Libanon-Krieg dann in Israel derart unpopulär, daß der als ?Vater? dieses Krieges geltende Ariel Sharon anschließend fast 20 Jahre Jahre politisch tot war? Und daß ?die PLO den Libanon in den Bürgerkrieg gerissen? habe, ist vielleicht nicht völlig falsch, aber doch eine sehr verkürzte Darstellung ?
Daniel Fisher, 04.04.2012
4.
@Malik: Es ist bemerkenswert, dass Sie sich weder für israelische noch für libanesische Opfer des Terrors der PLO sonderlich interessieren. Die PLO war wegen des "Schwarzen Septembers" im Libanon, informieren Sie sich mal darüber. Wo soll eigentlich "Palästina" sein? @Schwarz: Die Unpopularität von Krieg spricht für die israelische Gesellschaft.
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