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16. Mai 2014, 16:04 Uhr

Erfinder Thomas Midgley

Der Mann, der fast die Menschheit auslöschte (und sich am Ende selbst strangulierte)

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Er wollte den Menschen helfen - doch zwei seiner Geistesblitze gefährdeten das Leben auf der Erde. 1889 wurde der Erfinder Thomas Midgley geboren. An seiner letzten Erfindung starb er selbst.

Den anwesenden Chemikern gefror das Blut in den Adern: Langsam, ganz langsam pumpte Thomas Midgley seine Lungen mit dem neu synthetisierten Gas voll. Er hielt einen Moment inne. Und atmete dann sachte aus. Dabei löschte er die Kerze, die vor ihm auf einem Tisch stand.

Zwei Dinge wollte Thomas Midgley seinen Kollegen an jenem Apriltag 1930 auf dem Jahreskongress der "American Chemical Society" demonstrieren. Erstens: Die von ihm kreierte Substanz ist nicht gesundheitsschädigend. Und zweitens: Sie ist nicht entzündlich. Bei dem neuen Wundergas handelte es sich um den ersten der Fluorchlorkohlenwasserstoffe, kurz: FCKW.

Dass Midgley mit seiner Erfindung die Ozonschicht und damit das Leben auf der Erde massiv gefährden würde, war damals niemandem bewusst. Im Gegenteil: Thomas Midgley, am 18. Mai 1889 geboren, galt als Held, als Erlöser. Ein Mann, der Menschenleben rettete und den Alltag weltweit revolutionierte. Denn die FCKW ermöglichten etwas, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts keineswegs Standard war: billige und vor allem sichere Kühlschränke.

Angst vor den "Todesgas-Eisboxen"

Bis dahin wurden zumeist giftige oder hochentzündliche Stoffe wie Methylchlorid, Ammoniak oder Schwefeldioxid als Kältemittel eingesetzt. Es genügte ein winziges Leck, und die todbringenden Substanzen traten aus. Fotos ausgelöschter Familien gingen durch die Presse und schürten Panik. Die vielen Unfälle veranlassten einige Gemeinden in den USA, die als "Todesgas-Eisboxen" geschmähten Kühlschränke zu verbieten.

Midgleys Erfindung bereitete dem Schrecken ein Ende. Schnell griff die Industrie seine Innovation auf, bereits 1937 besaß jeder zweite US-Privathaushalt einen FCKW-Kühlschrank. Ob Fleisch, Babynahrung oder Impfstoffe: Fortan konnte verlässlich gekühlt werden, eine Errungenschaft, die die Medizin revolutioniert und wahrscheinlich Millionen von Menschenleben gerettet hat.

Doch nicht nur das: FCKW ließ sich auch bei Klimaanlagen einsetzen, ebenso als Treibmittel in Spraydosen, in Feuerlöschern, bei der Schaumstoffproduktion, als Lösungsmittel, in der Mikroelektronik. Den Erfinder stimmte sein Erfolg hochzufrieden. "Menschengemachte Moleküle sind einzig dazu da, das Glück der Menschheit zu mehren", konstatierte er.

Ulmenrinde und verbleites Benzin

Thomas Midgley war ein besessener Wissenschaftler, der im Laufe seines Lebens mehr als hundert Patente anmeldete. 1889 in Beaver Falls, Pennsylvania, in eine Tüftlerfamilie hineingeboren (sein Großvater hatte die Bandsäge erfunden), hatte sich Midgley schon während der Highschool als Forscher versucht.

Wie war es zu schaffen, fragte sich damals der passionierte Baseballspieler, dass sich der Ball besser anschnippeln ließ und eine schönere Kurve flog? Midgley experimentierte so lange herum, bis er die Lösung hatte: Eingerieben mit einem Extrakt aus Ulmenrinde flog der Ball den gewünschten Bogen.

Deutlich weniger harmlos war eine weitere Entdeckung Midgleys, der nach dem Ersten Weltkrieg bei General Motors anheuerte: 1921 fand der studierte Maschinenbauer und Hobby-Chemiker heraus, dass Tetraethylblei (TEL) im Benzin als Antiklopfmittel wirkt und die Leistung von Verbrennungsmotoren erhöht. Dass Bleiverbindungen gefährliche Nervengifte sind, die Gehirn und zentrales Nervensystem irreparabel schädigen, war damals längst bekannt.

Handbad im Nervengift

Dutzende Menschen starben bei der Herstellung des Bleizusatzes TEL in den Forschungslaboren - was die Industrie jedoch billigend in Kauf nahm: Zu gewaltig erschienen die Verheißungen des neuen, billigen Zaubermittels für Autos und Flugzeuge. Schon 1923 kam erstmals verbleites Benzin auf den Markt.

Als die Negativschlagzeilen nicht mehr abrissen, reagierte Thomas Midgley mit einer drastischen PR-Maßnahme: Vor den Augen der Journalisten wusch sich der Chemiker am 30. Oktober 1924 die Hände mit dem giftigen TEL. Dann hielt er sich eine Flasche mit der Substanz unter die Nase und inhalierte 60 Sekunden lang.

"Das könnte ich jeden Tag machen, ohne gesundheitliche Probleme zu bekommen", belog Midgley die Journalisten. Dabei hatte er sich gerade im Jahr zuvor eine gravierende Bleivergiftung zugezogen und eine sechswöchige Arbeitspause einlegen müssen.

Allen gesundheitlichen Risiken zum Trotz eroberte TEL binnen kürzester Zeit den Markt, allein bis Mitte 1925 wurden mehr als 1,1 Milliarden Liter verbleites Benzin verkauft. Dank des neuen Zusatzes, der den Motor schneller auf Touren brachte, sowie seiner zweiten großen Erfindung, der FCKW, avancierte Thomas Midgley zum US-amerikanischen Nationalhelden.

"Aids vom Himmel"

Die akademische Welt überhäufte den Chemie-Autodidakten mit Medaillen, Ehrendoktorwürden und Posten. Als Midgley 1944 auch noch zum Präsidenten der "American Chemical Society" ernannt wurde, galt der studierte Maschinenbauer als der am höchsten ausgezeichnete Chemiker der USA. Thomas Midgley habe "auf wunderbare Weise zu einem angenehmeren Leben beigetragen", pries ihn Professor William Lloyd Evans: "Die Nachwelt wird den bleibenden Wert seiner Forschungen zu würdigen wissen."

Die Nachwelt erinnerte sich tatsächlich an Midgley - allerdings fiel die Bilanz nicht positiv aus. 1974 warnten die US-Wissenschaftler Mario Molina und Frank Rowland erstmals vor der globalen Gefahr, die von den FCKW ausging: die Zerstörung der Ozonschicht, ohne die das Leben auf der Erde akut bedroht wäre. Midgleys Erfindung mutierte zum Inbegriff für die Bedrohung des Planeten - der einstige Star wurde entzaubert.

"Thomas Midgley: "Heiliger oder Schlange?", fragte ein "Chemtech"-Artikel im Dezember 1989, auf dem Höhepunkt des weltweiten Ozonschocks. "Wird Skilaufen bei Sonnenschein gefährlich? Ist mit den Badefreuden an Nord- und Ostsee demnächst Schluss?", bangte der SPIEGEL und verwies nach Australien, wo bereits die Angst vor dem "Aids vom Himmel" grassiere.

An der eigenen Erfindung stranguliert

Die Politik reagierte mit dem Montreal-Protokoll aus dem Jahr 1987 zum Schutz der Ozonschicht. Und auch die zweite große Entdeckung Midgleys, das verbleite Benzin, wurde in den Neunzigerjahren mit einem weltweiten Bann belegt. Der Erfinder selbst indes bekam von der zerstörenden Wirkung seiner Geistesblitze nichts mehr mit. Mit 51 Jahren erkrankte Thomas Midgley 1940 an Kinderlähmung, die ihn ans Bett fesselte.

Von hier aus hielt der gefeierte Chemiker - per Telefon - seine letzte große Rede an die Forscherkollegen: "Wir Menschen sind die einzige Spezies, die in der Lage ist, die Natur zu beherrschen. Nur muss die Kontrolle noch besser werden", sagte Midgley. Die Kontrolle über sein eigenes Leben war ihm längst entglitten.

Um allein aus dem Bett zu kommen, konstruierte sich der Maschinenbauer ein kompliziertes System aus Seilwinden und Strippen. Doch am Morgen des 2. November 1944 erschien Midgley nicht zum Frühstück. Als Carrie Midgley sein Zimmer betrat, fand sie ihren Ehemann leblos in seinem Bett.

Ausgerechnet seine letzte Erfindung war ihm zum tödlichen Verhängnis geworden: Thomas Midgley hatte sich an dem eigenen Seilwerk im Bett stranguliert.

Zum Weiterlesen:

Sharon Bertsch McGrayne: Prometheans in the Lab. Chemistry and the Making of the Modern World, McGraw-Hill 2001.

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