Filmfotograf Steve Schapiro Das Auge von Hollywood

Er war immer ganz nah dran - und doch nie richtig dabei: Filmfotografen sind bei Regisseuren oft verhasst, ihre Bilder aber werden oft zu Ikonen. Steve Schapiro hat auf mehr als 400 Filmsets gearbeitet. Nun erscheint ein Bildband mit seinen Aufnahmen der Dreharbeiten von "Taxi Driver".

Steve Schapiro

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Das Bild zeigt ein Taxi mit zwei Männern an Bord. Der Fahrgast auf der Rückbank schaut prüfend nach vorne, als wäre er unsicher, ob der "Taxi Driver" ihn wirklich dahin bringt, wo er hin will. Der Fahrer ist Robert De Niro in der Rolle des Travis Bickle - im Fond sitzt Martin Scorsese. Es gibt die Szene in "Taxi Driver" wirklich, in der der Regisseur einen Fahrgast spielt. Doch dies ist kein Bild aus dem Film, es ist eine Aufnahme von Steve Schapiro, einem der begehrtesten Fotografen der Traumfabrik. Er hat rund hundert Motive für Filmplakate fotografiert und auf mehr als 400 Filmsets Bilder geschossen. Unter anderem bei absoluten Klassikern wie "Chinatown", "Blow Up", "Der Pate" oder eben "Taxi Driver".

Fotografen auf Filmsets machen drei Sorten Bilder: Solche, in denen die Schauspieler ganz und gar in der jeweiligen Rolle und Szene stecken. Sie dienen später als Werbemotive für den Film. Dann gibt es die Schnappschüsse hinter den Kulissen und zwischen den Aufnahmen, auf denen Darsteller, Regisseur und Crew diskutieren, warten oder herumalbern. Die magischen Momentaufnahmen aber sind jene, auf denen sich Set und Szene, Rolle und Realität unentwirrbar vermengen. Wie bei dem Bild von Scorsese und De Niro im Taxi. Verschwommen im Vordergrund sieht man die am Wagen installierte Kamera. Wird hier gerade gedreht? Oder ist Scorsese vielleicht wirklich besorgt, wohin ihn "Taxi Driver" bringen wird? Schließlich hatte der damals 33-Jährige gerade erst drei Jahre zuvor mit "Mean Streets" einen Achtungserfolg gelandet und ein Jahr später mit "Alice lebt hier nicht mehr" seinen Ruf als visionärer Regisseur gefestigt. Seinen Bonus bei den Studios nutzte er, um "Taxi Driver" zu verwirklichen - ohne sich dabei auf irgendeinen Kompromiss einzulassen. Ein gefährliches Unterfangen.

"Während ein Film gedreht wird, weiß man nie, ob er ein Hit wird", weiß Schapiro aus Erfahrung. Am Set von "Der große Gatsby" mit Robert Redford und Mia Farrow waren sich alle sicher: Hier entsteht gerade ein Meisterwerk. Einfach jede Szene, jedes Motiv sei von unglaublicher Schönheit gewesen, erinnert sich der amerikanische Fotograf. "Wir dachten wirklich, es wird einer der hundert wichtigsten Filme aller Zeiten." Doch erst am Ende sieht man, was alle Szenen zusammen ergeben. Im Fall von "Der große Gatsby" leider einen äußerst spröden und langatmigen Film.

"James Caan und Robert Duvall zeigten ihre nackten Hintern"

"Taxi Driver" dagegen wurde zum Klassiker. 2007 wählte ihn das American Film Institute auf Platz 52 der bedeutendsten amerikanischen Filme, die Bundeszentrale für politische Bildung nahm Scorseses gewalttätiges Meisterwerk in ihren 35 Filme umfassenden Kanon auf.

Steve Schapiro hat nun die während der „Taxi-Driver“-Dreharbeiten entstandenen Aufnahmen in einem großformatigen Bildband versammelt. Sie zeigen Scorsese in verschworener Runde mit seinem Hauptdarsteller De Niro und dem Drehbuchautoren Paul Schrader, oder Schauspielerin Cybill Shepherd, wie sie versucht, sich zwischen den Szenen mit einem Schirm vor der drückenden New Yorker Sommerhitze zu schützen. Vor allem aber besteht der Band aus Szenenbildern, die fast schon minutiös die Handlung dokumentieren - und die ganze Wucht des Films in sich konzentrieren.

Neben einem Vorwort von Scorsese finden sich außerdem eine Auswahl von Zeitungsartikeln aus den siebziger Jahren und ein Gesprächsprotokoll zwischen Paul Schrader und dem Regisseur in dem Buch. Es ist der zweite Band mit Setfotografien aus einer Serie von drei, die Schapiro in Zusammenarbeit mit dem Taschen Verlag veröffentlicht. Im letzten Jahr erschien bereits "The Godfather Family Album" mit Schapiros Bildern der drei "Der Pate"-Filme, die dritte Veröffentlichung wird seine Aufnahmen der "Chinatown"-Dreharbeiten versammeln.

Von den Dreharbeiten zu "Taxi Driver" ist dem Fotograf vor allem die bedrückende Stimmung am Set in Erinnerung geblieben. "Wir waren in New York, es waren die siebziger Jahre, damals war die Stadt sehr düster und sehr dreckig." Zudem wurde oft nachts gedreht, so Schapiro. Ganz anders am "Der Pate"-Set, wo es trotz ernster Handlung meist ziemlich lustig zugegangen sei. "Zwischen den Szenen machten die Schauspieler ständig Quatsch", erinnert sich Schapiro. "James Caan und Robert Duvall zeigten den Leuten ihre nackten Hintern."

Antonioni war schwer genervt

Schapiro selbst hielt sich immer eher im Hintergrund. "Um bei Dreharbeiten gute Aufnahmen zu bekommen, muss man die Fliege an der Wand sein." Viele Regisseure sind der Meinung, dass Fotografen auf dem Filmset nur Zeit stehlen und die Schauspieler ablenken. "Als ich bei 'Blow Up' Bilder machte, war Michelangelo Antonioni total genervt. Immer wenn er mich sah, zischte er 'Klick, klick, klick. Klick, klick, klick'." Um möglichst wenig zu stören, verpackte der Fotograf bei besonders ruhigen Szenen seine Kamera in eine mit Styropor ausgekleidete Stahlbox, um das Geräusch bei der Aufnahme zu dämpfen.

Dennoch sah Schapiro manche Momente vorüberziehen, in denen er keine Möglichkeit hatte abzudrücken. Etwa weil es eine so ruhige Szene war, dass selbst mit Box das Klicken zu hören gewesen wäre. Bei anderen Aufnahmen wurde ihm später von den Schauspielern untersagt, sie zu verwenden. "Etwa 50 Prozent deiner Bilder werden später einfach nicht freigegeben." Das kann die unterschiedlichsten Gründe haben. "Manchmal unterhalten sie sich mit jemandem, mit dem sie nicht auf einem Foto gesehen werden wollen oder haben gerade eine Zigarette in der Hand. Manchmal finden sie einfach, dass sie nicht gut aussehen."

Auch im Alter von 76 Jahren fotografiert Steve Schapiro regelmäßig auf Filmsets. Noch immer ist er auf der Jagd nach dem "iconic picture", dem Bild, das Handlung und Stimmung des Films und den Charakter des Darstellers mit einem Klick einfängt. Zuletzt arbeitete er bei den Dreharbeiten zu einer neuen Serie. Die Pilotfolge von "Luck" wurde von Michael Mann gedreht, die Hauptrolle spielt Dustin Hoffman. "Eine der besten Performances, die Dustin je gegeben hat", schwärmt Schapiro. Und er muss es wissen. Seit er 1969 das Filmplakat zu "Asphalt-Cowboy" geschossen hat, sind der Fotograf und der Schauspieler sich immer wieder auf Filmsets über den Weg gelaufen.

Zum Weiterlesen:

Steve Schapiro: "Taxi Driver. Collector's Edition". Taschen Verlag, Köln 2010, 300 Seiten.

Steve Schapiro: "The Godfather. Family Album". Taschen Verlag, Köln 2010, 527 Seiten.



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