Filmcowboy John Wayne Wild ist der Westen, schwer ist der Beruf

Wenn im Film die Colts rauchten, war er zur Stelle: John Wayne als notorisch maulfauler und schießwütiger Haudegen. Abseits des Kinos war er ein ultrarechter Macho und Rassist. Er starb vor genau 40 Jahren.

Bert Reisfeld/ DPA

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In zwei schönen Folgen der Serie "Eine schrecklich nette Familie" will Schuhverkäufer Al Bundy unbedingt den großartigsten Film seines Lieblingsschauspielers sehen, "Hondo" mit John Wayne. Aber wie das so ist mit Al: Auch das geht in die Hose. Einmal kommt überraschend die Familie seiner Frau Peggy zu Besuch, seine Videoaufzeichnung wird gelöscht.

Ein anderes Mal will er rechtzeitig zu "Hondo" aus einem versehentlich verriegelten Geschäft nach Hause kommen. Er versucht, die Scheibe mit einem Computer einzuschmeißen, doch der prallt zurück und trifft ihn am Kopf. Al erwacht erst beim Abspann und bekommt gerade noch mit: "Hondo wird erst wieder in 17 Jahren ausgestrahlt."

John Wayne, geboren 1907 als Marion Robert Morrison, hat bis heute glühende Fans. Am 11. Juni 1979 starb "The Duke", wie ihn in den USA alle nannten, seit er als Kind stets mit seinem Terrier Duke unterwegs war. Noch immer erreicht er in Filmliebling-Umfragen Top-Ten-Plätze, über ihn erscheinen Bücher wie zuletzt "The Official John Wayne Handy Book for Men", eine Art "Was hätte John Wayne gemacht?"-Ratgeber. Oder Texte darüber, ob die Art von Männlichkeit, die er auf der Leinwand präsentierte, längst überholt oder doch irgendwie zeitlos sei.

Seine Rolle in der Filmgeschichte ist bedeutend. Wer an den klassischen Westernhelden denkt, der denkt an John Wayne. In über 170 Filmen spielte er mit, fast die Hälfte davon Western, darunter viele Klassiker. John Wayne fuhr in der Kutsche in "Ringo", ritt am "Red River" und "Rio Grande" und verteidigte das "Fort Apache". Er war "Der Mann, der Liberty Valance erschoss", spielte den Verfolger in "Der Schwarze Falke" und traf auch mit Augenklappe in "Der Marshal".

"Kannst du nicht gehen, statt wie eine verdammte Fee zu hüpfen?"

Das Kino erschafft Mythen und Legenden, für kein Genre gilt das mehr als für den Western. Die weite Prärie als Symbol für das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, der einsame Cowboy als Metapher dafür, dass jeder es schaffen kann in diesem Land.

Kein Duo spielte diese Klaviatur so gut wie Regisseur John Ford und John Wayne. 24 Filme drehten sie zusammen. Bei "Ringo", dem ersten mit Wayne als Hauptdarsteller, soll Ford ihn am Kinn gepackt und gebrüllt haben: "Warum bewegst du deinen Mund so viel? Weißt du nicht, dass man in Filmen nicht mit dem Mund spielt?" Ford hasste zudem, wie Wayne sich bewegte: "Kannst du nicht gehen, statt wie eine verdammte Fee zu hüpfen?"

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John Wayne: Der Prototyp des einsamen Cowboys

Der Film machte John Wayne, fortan Breitbeiner, zum Star. Bis dahin hatte er nur Nebenrollen gespielt. Weil er nicht eingezogen wurde, konnte er auch während des Zweiten Weltkriegs weiter Filme drehen und festigte danach mit Fords Kavallerie-Trilogie "Bis zum letzten Mann", "Der Teufelshauptmann" und "Rio Grande" seinen Status als Publikumsliebling.

John Ford wird nachgesagt, trotzdem nie ein gutes Wort über John Wayne verloren zu haben; der Regisseur stachelte ihn eher mit Ruppigkeit zu Höchstleistungen an. Wayne bewegte den Mund weniger, weil er sowieso fast nichts mehr sagte, aber dann saßen die Worte wie Schüsse aus der Hüfte. Auch sein sonstiges Spiel reduzierte er auf das Nötigste - für prägende Szenen reichten manchmal nur ein scharfer Blick oder eine kleine Geste.

Das half gegen die Bösen, mit denen sich John Wayne als Cowboy, Kavallerist oder Sheriff anlegte. Und auch bei den Frauen. Da ist diese Szene am Ende von "Rio Bravo", inszeniert von Howard Hawks. Groß auf dem Filmplakat sind John Wayne, Dean Martin und Ricky Nelson, aber wie in jedem richtigen Western geht es um die Frau, hier gespielt von Angie Dickinson.

Das Böse ist immer und überall

Sie umflattert John Wayne als Sheriff John T. Chance mit unverhohlenen Avancen, sie redet und redet und redet. Wayne macht wenig Worte, und als sie fragt, ob sie ihre Strümpfe aufbewahren und nur für ihn tragen solle, schmeißt er die Strümpfe einfach hinter sich aus dem Fenster.

"Rio Bravo" kam im Jahr 1959 in die Kinos, in seiner vielleicht besten Schaffensphase mit den einprägsamsten Rollen. Da war er längst zur Legende geworden, auch wenn es bis zum einzigen Oscar für seine Rolle in "Der Marshal" noch bis 1969 dauern sollte.

In Kriegsfilmen wie in Western gab John Wayne den stählernen Einzelkämpfer. Und auch im richtigen Leben tat er alles, um das vermeintlich Böse zu bekämpfen.

So sprach er sich als flammender Reaktionär für die hysterische Kommunistenfresserei unter Senator McCarthy in den Vierziger- und Fünfzigerjahren aus. Zudem war er Mitbegründer und jahrelanger Präsident der Motion Picture Alliance for Preservation of American Ideals, die ähnliche Ziele verfolgte und bei Bedarf unliebsame Hollywood-Kollegen aussortierte. Wayne war auch Mitglied der John Birch Society, einer rechtsradikalen Organisation mit Hang zu wuchernden Verschwörungstheorien.

Sein Antikommunismus ging so weit, dass der sowjetische Diktator Josef Stalin ihn angeblich ermorden lassen wollte. So beschrieb es jedenfalls der britische Autor Michael Munn; mehrere Attentatsversuche seien aber misslungen, unter anderem bei den Dreharbeiten zu "Hondo". Stalins Nachfolger Nikita Chruschtschow dagegen habe als großer Wayne-Fan den Mordauftrag zurückgezogen.

Diese egoistischen Indianer

John Wayne, der selbst nie gedient hatte, unterstützte den Vietnamkrieg. Er besuchte die US-Truppen vor Ort und drehte 1968, als sich die Stimmung in den USA längst gegen den Krieg gewendet hatte, den Propagandastreifen "Die grünen Teufel". 1971 bat ihn der "Playboy" zum Interview. Auszüge daraus veröffentlichte der US-Drehbuchautor Matt Williams vor einigen Monaten auf Twitter.

Über Schwarze:

"Wir können nicht plötzlich auf unsere Knie gehen und den Schwarzen die Führung überlassen. Ich glaube an die Überlegenheit der Weißen, bis die Schwarzen hinsichtlich Verantwortung erzogen sind. Ich glaube, wir sollten keinen unverantwortlichen Leuten Autorität oder Führungspositionen geben."

Über Amerikas Ureinwohner:

"Wir haben nichts falsch gemacht, als wir ihnen dieses großartige Land weggenommen haben. Dieser sogenannte Diebstahl war nichts anderes als eine Frage des Überlebens. Es gab eine große Zahl von Menschen, die neues Land brauchten, und die Indianer versuchten, es aus selbstsüchtigen Gründen für sich zu behalten."

Über Schwule (auf die Frage, welche Filme er für pervers halte):

"Oh, 'Easy Rider', 'Midnight Cowboy', so was in der Art. Würden Sie nicht auch sagen, dass diese wunderbare Liebe dieser zwei Männer in 'Midnight Cowboy', eine Geschichte von zwei Schwuchteln, dafür in Frage kommt?"

Was John Wayne dazu noch in Video-Interviews über Minderheiten sagt (hier auf YouTube) - man möchte glatt vor Fremdscham im Rio Grande versinken.

Letzter Film über einen sterbenskranken Scharfschützen

Waynes Familie erklärte, man dürfe einen Mann nicht für etwas verurteilen, das er vor fast 50 Jahren gesagt habe, zudem seien die Zitate aus dem Zusammenhang gerissen. Dagegen befand es die "Los Angeles Times" in einer Kolumne an der Zeit, den Namen des kalifornischen John Wayne Airport zu ändern. Dort, in Orange County, steht seine Statue in Terminal B.

Was hätte John Wayne in dieser Lage gemacht? Das "Handy Book for Men" gibt darauf leider keine Antwort. So viel Rassismus und Homophobie, und das im Jahr 1971 - nicht etwa in den Fünfzigerjahren noch vor dem erfolgreichen Aufbegehren der Bürgerrechtsbewegung.

Bei der Veröffentlichung hatte das Interview eher wenige Wellen geschlagen, jedenfalls konnte John Wayne sich über mangelnde Angebote nicht beklagen, bis "Der letzte Scharfschütze" drei Jahre vor seinem Krebstod in die Kinos kam. Er spielte einen sterbenskranken Mann, es war ein Abgang mit Würde.

So verschwand er dann von der Leinwand, dieser Mythos, so wie am Ende in "Der Schwarze Falke": hinaus aus der dunklen Hütte, hinein in die helle und grenzenlose Weite der Prärie.

insgesamt 36 Beiträge
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Hans Hoss, 11.06.2019
1. Die Western mit John Wayne waren Breschnew´s Lieblings-
filme. Die wurden vom damaligen Politbüro mit Begeisterung angesehen.
Jakob Wetzler, 11.06.2019
2.
Zu Foto 11: Ich bin mir ziemlich sicher, daß Präsident Ford mit Vornamen Gerald hieß...
Sebastian Michel, 11.06.2019
3. Eigene Meinung
Ein Schauspieler, der seine Meinung sagt. Diese Meinung ist in dem Fall mal ausnahmsweise nicht links - also natürlich gleich ein Grund, dagegen zu schreiben.
Holly Wendland, 11.06.2019
4. Abseits des Kinos war er ein ultrarechter Macho und Rassist
Zitat:Abseits des Kinos war er ein ultrarechter Macho und Rassist....Ja, wir wissen schon, warum wir Ihn mögen.Ein echter Mann und eben keine typische Hollywood-Pussy
Eberhard Tölle, 11.06.2019
5. De mortuis
nihil nise bene. Schon mal gehört? .Was soll das ,die Ikone des amerikanischen Western jetzt und heute zu zerpflücken. Auch er war ein Produkt seiner Zeit, wenn auch ,wie sie beschreiben, rechts aussen. Klar ,wir besserwissende Nachgeborene erheben aus unserer heutigen Sicht ( zu Recht) den moralisierenden Zeigefinger. Aber was soll das im Nachhinein ändern, er wird für immer für die meisten von uns die Verkörperung des amerikanischen Western sein und bleiben.und niemand wird dabei Schaden nehmen.
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