Augenblick mal Sie zeigte dem Richter ihr Hinterteil - Freispruch

So etwas hatte der Fotoreporter noch nie erlebt: Eine Nachtklubtänzerin streckte dem US-Richter ihren Hintern entgegen und bewies damit ihre Unschuld. Ein Bild und seine Geschichte.

Von


JIm Damaske

Es war ein klares Statement: Die 20-Jährige trat vor den Richtertisch, drehte sich auf ihren High Heels und streckte Richter David Demers ihr Hinterteil entgegen.

Auf dem Foto sieht die Situation auf den ersten Blick aus wie eine Provokation. Doch angesichts der ernsten Gesichter aller Beteiligten, sagt Fotograf Jim Damaske, sei der Auftritt nicht missverständlich gewesen. Denn in der Gerichtsverhandlung ging es tatsächlich um genau das, was der Richter zu sehen bekam.

Damaske war 1983 Beobachter dieses seltsamen Vorfalls im Gerichtssaal von Pinellas County im US-Bundesstaat Florida. Er arbeitete für die örtliche Zeitung "Clearwater Sun". "Unser Gerichtsreporter hatte einen Tipp vom Anwalt bekommen, dass so etwas passieren würde", sagte der heute 61-Jährige auf einestages-Anfrage. Nach einem ganzen Berufsleben als Fotoreporter, zuletzt mehr als 30 Jahre bei der "Tampa Bay Times", ging Damaske vor wenigen Wochen in den Ruhestand. An jenem Tag schoss er sein meistgedrucktes Foto.

Drei Nachtklub-Tänzerinnen waren beschuldigt worden, "zu viel gezeigt" zu haben, als sie sich während ihres Auftritts nach vorn beugten. Der Vorwurf: "Unsittlichkeit". Sie hätten gegen eine Verordnung des Bezirks Pinella verstoßen, die zum Schutz von Gesundheit, öffentlicher Ordnung und der Moral der Gemeinschaft die Nacktheit an Orten verbietet, an denen Speisen und Getränke serviert werden.

Der Richter bangte um seine Karriere

Verdeckte Ermittler hatten die drei Tänzerinnen angezeigt und traten vor Gericht als Zeugen auf. Dagegen erklärte der Verteidiger dem Richter, die Höschen der Frauen seien zu groß, um zu zeigen, was die Polizisten behaupteten, gesehen zu haben. Daher schlug der Anwalt vor, die Damen könnten ihren Auftritt in der Kanzlei demonstrieren, damit sich Richter Demers selbst ein Bild machen kann.

Demers war zu dieser Zeit erst vier Monate im Amt. Er stand am Anfang einer Karriere, von der er hoffte, dass sie lang und erfolgreich sein würde. Er sah wohl dieses Ziel in Gefahr, würde er sich nun von Stripperinnen vortanzen lassen: "Oh nein, sie werden das nicht in der Kanzlei tun. Wenn überhaupt, dann vor Gericht", ließ Demers den Anwalt wissen.

Er sei damals davon ausgegangen, so erzählte Demers 2012 in einem Interview, dass die Frauen dies im Gerichtssaal nicht tun würden. Taten sie aber.

"Ich schaute auf das Mädchen und dachte, egal was passiert, ich sollte keinerlei Gesichtsausdruck haben. Nicht schmunzeln, nicht die Stirn runzeln. Gar nichts tun. Denn egal, was es ist, es wird falsch interpretiert." Das klappte ganz gut. "Wenn Sie das Foto ansehen", so Demers, "ist mein Gesicht so leer wie nur irgend möglich - und das war ziemlich absichtlich."

Nachdem zwei der Frauen die fraglichen Posen gezeigt hatten, entschied der Richter, dass ihre Unterwäsche nicht zu viel enthülle. Mit ihrem unkonventionellen Aufritt vor Gericht hatten die Tänzerinnen somit ihre Unschuld bewiesen.

Damaskes Foto verbreitete sich über die Nachrichtenagentur UPI und erschien später auch in einem Lehrbuch für Fotojournalismus. In Deutschland ist das Fotografieren während laufender Verhandlungen nicht erlaubt; dagegen waren seinerzeit in US-Gerichtssälen - unter der Bedingung, dass sie ihr Material mit anderen Medien teilten - gerade erst wieder jeweils ein Kameramann und ein Fotograf zugelassen worden. Für Fotoreporter Jim Damaske hatte sich der lokale Gerichttermin gelohnt.

Und Richter Demers? Der hatte sich, als er nach 31 Jahren ehrenvoll aus dem Amt schied, damit abgefunden, dass dies zweifellos der Fall war, mit dem er in Erinnerung bleiben würde.



insgesamt 4 Beiträge
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Gunnar Ganz, 11.02.2019
1. Was ich nicht verstehe......
Laufen die Damen immer mit ein und dem selben Höschen herum? Ich gehe davon aus,das ein 'genehmes ' vor Gericht getragen wurde . Denke ich an ein sehr knappes beim Tanz-besteht da nicht die Gefahr des verrutschens?
Johann Frank, 11.02.2019
2. Arbeitskleidung
Es waren damals zwar sicher keine Stahlkapenschuhe und Gehörschutz die getragen wurden, aber ich kann mir gut vorstellen, dass damals sowie auch heute eine Art von Arbeitskleidung zum Einsatz kam. Ob diese Verrutschen kann, spielt dabei wohl weniger eine Rolle. Wenn vor Gericht alles berücksichigt werden müsse was sein könnte... wäre jeder Ladendiebstahl vor Gericht ein Mammutverfahren.
stefan maass, 12.02.2019
3. Pinellas
Es handelt sich um Pinellas County, nicht Pinella. County sollte im übrigen mit "Landkreis" und nicht mit "Bezirk" übersetzt werden.
Roland Jassenburg, 12.02.2019
4. Um mit Fritz Teufel zu sprechen:
"Wenn's der Wahrheitsfindung dient..."
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