Flüchtlingsschicksal Nichts wie weg

Sie hatten genug von ranziger Butter und leeren Regalen: 1960 entschlossen sich die Eltern von Wolfgang Rupprecht aus der DDR in den Westen zu fliehen. Monatelang zogen sie von einem Flüchtlingslager zum anderen und merkten bald, dass auch im Westen nicht alles aus Gold war.


In den fünfziger Jahren war die Versorgungslage in der DDR desolat. Spärlich gefüllte Regale gehörten zum Alltag. Kohlen, Kartoffeln und Butter gab es nur gegen Zuteilungsmarken. Ich erinnere mich noch gut, wie ich als kleiner Junge regelmäßig im Milchladen am Weiseplatz in Leipzig-Stötteritz Butter kaufte und mit Lebensmittelmarken bezahlte. Meist war sie schon ranzig.

Über die Jahre wuchs der Unmut der Bevölkerung über die ewig knappen Lebensmittel, und so kam es Ende der fünfziger Jahre in Leipzig zu teilweise recht heftigen Protesten gegen die Mangelwirtschaft. Jugendliche zogen abends durch die Straßen, warfen die Scheiben von Geschäften der Handelsketten HO und Konsum ein, löschten die Gaslaternen der Straßenbeleuchtung und randalierten in staatliche Einrichtungen, die abends nicht mehr besetzt waren. Lautstark taten sie ihren Ärger kund.

Meine Freunde und ich waren noch zu jung, um wirklich zu verstehen, worum es bei diesen Protesten ging. Ich war acht, der Älteste von uns zwölf Jahre alt. Trotzdem machten wir mit. Wir kletterten auf die Laternen und löschten das Gaslicht und zündeten selbstgebastelte Krachmacher. Dazu schabten wir in das Gewinde einer ausreichend großen Mutter Streichholzköpfe, schraubten die passende Schraube sorgfältig in das Gewinde und warfen sie dann in die Luft. Sie explodierte mit einem lauten Knall, sobald sie auf dem Boden landete.

Natürlich riefen die Proteste sofort die Polizei und Staatssicherheit auf den Plan. Es gab etliche Razzien und viele Festnahmen. Wir aber blieben verschont.

Flucht aus Leipzig

Vor dem Hintergrund dieser Ereignisse entschlossen sich meine Eltern zur Flucht in den Westen, weihten mich aber nicht in ihre Pläne ein. Am 16. November 1960 fuhren wir mit dem Zug nach Berlin. Ich ging davon aus, dass wir zu einer Silberhochzeit von Freunden nach Potsdam fahren würden. In Berlin angekommen nahmen wir die S-Bahn - und nicht wie vom Fahrkartenverkäufer empfohlen den Außenring. Ich dachte mir nichts dabei. Nach ein paar Stationen stiegen wir wieder aus. Meine Eltern wirkten sehr gestresst und verwirrt, was mich etwas stutzig machte. Nachdem sie sich kurz orientiert hatten, stiegen wir überhastet wieder in die S-Bahn ein.

Erst später erfuhr ich, dass wir versehentlich im Osten ausgestiegen waren, was auch hätte schiefgehen können. Denn damals wurde jeder beim geringsten Verdacht auf Republikflucht sofort verhaftet. Uns hatte glücklicherweise niemand entdeckt und so stiegen wir unbehelligt das nächste Mal am Bahnhof Berlin-Zoo aus. Erst hier eröffneten mir meine Eltern, dass wir in den Westen geflüchtet waren und Leipzig für immer verlassen hatten.

Wir blieben auf dem Bahnhof und warteten auf meine wesentlich älteren Geschwister, die mit einem anderen Zug nach Berlin kommen sollten. Währenddessen schauten wir uns mit großen Augen die überladenen Schaufenster an. Meine Geschwister trafen dann mit der nächsten Verbindung am Bahnhof Zoo ein. Meine Eltern waren sichtlich erleichtert, dass wir alle die Sektorengrenze überwunden hatten. Ich begriff damals noch nicht, was das eigentlich bedeutete.

Zwei Busfahrten in ein neues Leben

Mit einem Doppeldeckerbus fuhren wir dann nach Berlin-Marienfelde, wo sich das Notaufnahmelager für DDR-Flüchtlinge befand. Der Busfahrer war ausgesprochen tolerant. Er nahm uns mit, obwohl wir kein Westgeld hatten. In Marienfelde wurde uns dann in einem der Wohnblocks des Lagers ein Zimmer zugeteilt, das wir mit zwei anderen Familien teilen mussten. Anfangs hatten wir Schwierigkeiten, mit dem wenigen Platz zurechtzukommen. Es gab Ärger und Streit. Schließlich arrangierten wir uns aber mit der Situation.

Etwas in Marienfelde ist mir in besonderer Erinnerung geblieben: die Toilette. Die Wände waren von oben bis unten mit politischen Parolen und Witzen beschrieben. Ein Spruch davon hat mich mein Leben lang begleitet: "Spitzbart, Bauch und Brille sind nicht des Volkes Wille!" Erst später erfuhr ich, dass hier Walter Ulbricht, Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl gemeint waren.

Meine Eltern und meine Geschwister wurden in den ersten zwei Tagen mehrfach von den westlichen Geheimdiensten verhört. Mich befragten sie nicht. Offensichtlich war ich dafür noch zu jung.

Perfide Verkaufstricks

Drei Tage später, am 19. November 1960, durften wir endlich in den Westen ausreisen. Die anderen Flüchtlinge im Lager beglückwünschten uns überschwänglich. Gleichzeitig warnten sie uns. Der Grund: Damals kursierte das Gerücht, dass die Busse, die die Flüchtlinge zum Flughafen bringen, gelegentlich entführt und zurück in die DDR gefahren würden. Wir stiegen also an jenem 19. November ängstlich und skeptisch in den Bus ein, der uns nach Tempelhof bringen sollte. Doch es passierte nichts. Wohlbehalten kamen wir am Flughafen an und flogen mit einer PAN-AM-Maschine - deutsche Fluggesellschaften waren ja damals im Berlinverkehr nicht zugelassen - nach Hamburg.

Wir hatten Verwandte in Hamburg. Deshalb zog es uns in die Elbmetropole. Da die Hamburger Notaufnahmelager aber komplett überfüllt waren, wurden wir erneut in Busse verfrachtet und nach Uelzen gebracht. Die Enttäuschung darüber stand uns allen ins Gesicht geschrieben. Am Ende überwog dann aber doch das Glücksgefühl, endlich im Westen zu sein. Auch die Baracken mit ihren zahllosen Doppelstockbetten konnten uns nicht schrecken. Mit Notaufnahmelagern waren wir ja bereits vertraut.

Drei Tage lang teilten wir uns mit mehr als hundert wildfremden Menschen Wohn- und Schlafraum. Wir hatten nur eines gemeinsam: Das Ziel, einen neuen Anfang im Westen zu machen. Morgens gab es Schichtkäse, mittags standen wir geduldig in der Kantine für unser Essen an, abends aßen wir in der Baracke im fliegenden Wechsel an den wenigen Tischen. Dann ging es ab ins Doppelstockbett. Das alles war uns egal, weil wir wussten, dass es bald weitergehen würde.

Nie so oft verprügelt

Am 22. November wurden wir dann nach Unna gebracht. Im Notaufnahmelager Massen teilten wir uns ein Zimmer mit einer anderen Familie, was für uns ein enormer Fortschritt war. Wir konnten nun wieder ein annähernd normales Leben führen. Neun Wochen lang hatten wir ein recht behütetes Domizil. Mit einer Ausnahme: Die Wohnblocks waren für jeden frei zugänglich. Deshalb fielen täglich Vertreter von Möbel- und Elektrogeschäften wie Heuschrecken über das Lager her, um ihre Produkte per Ratenvertrag an die völlig unerfahrenen und mittellosen DDR-Flüchtlinge zu verkaufen. Viele Menschen fielen auf die perfiden Verkaufstricks der Vertreter herein. Erst viel später merkten sie, dass sie betrogen worden waren und dass im Westen doch nicht alles aus Gold ist.

Im Januar 1961 ging es dann weiter nach Siegen in Nordrhein-Westfalen. Dort wurden wir in ein Übergangswohnheim einquartiert und bekamen für unsere fünfköpfige Familie immerhin zwei Zimmer zugewiesen. Einen Monat später mussten wir leider eines unserer Zimmer an eine andere Flüchtlingsfamilie abtreten. Neun Monate lebten wir auf gerade einmal zwölf Quadratmetern. Das war nicht immer leicht, wie man sich vorstellen kann. Hinzu kam, dass dieses Lager genau zwischen der Kreismülldeponie und einem der sozialen Brennpunkte Siegens lag. Nie bin ich so oft verprügelt worden, wie in dieser Zeit.

Damit war es dann im Oktober 1961 endlich vorbei. Wir bekamen eine Genossenschaftswohnung zugewiesen und konnten zum ersten Mal nach knapp einem Jahr Flüchtlingsdasein endlich ein geregeltes Leben im Westen Deutschlands führen. So einfach war das natürlich nicht. Aber das ist ein anderes Kapitel.

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