Historische Flut in China Der Gelbe Todesfluss

Der Tod kam ohne Vorwarnung: 1938 ließ Chiang Kai-shek, Oberbefehlshaber der chinesischen Truppen, den Deich am Gelben Fluss durchstoßen. Die Wassermassen sollten die japanischen Truppen stoppen, doch die Strategie schlug fehl - und kostete Hunderttausende Chinesen das Leben.


Mit einem grauenhaften Getöse brach der mächtige Gelbe Fluss am 9. Juni 1938 irgendwo zwischen Zhengzhou und Kaifeng durch den Deich. "Als das Wasser sich beruhigt hatte, war nichts mehr übrig", erinnerte sich Shao Shih-ching 1972 in der "New York Times". Hautnah hatte er miterlebt, wie der Fluss auf einer Breite von rund 35 Kilometern alles unter sich begrub und sich mit einer Geschwindigkeit von acht Kilometern pro Stunde durch die Ebene Richtung Meer fraß. "Einige hängten sich auf. Andere verkauften ihre Töchter an ihre Grundherren und wanderten in andere Provinzen ab, um dort zu betteln", beschrieb der Überlebende die verzweifelte Stimmung dieser Tage.

Rund 800.000 Menschen starben damals. Sie ertranken, verhungerten oder erkrankten tödlich an einer der Seuchen, die im überschwemmten Gebiet kursierten. Nach Angaben des Roten Kreuzes vom 12. Februar 1939 verwüstete das Wasser insgesamt 3500 Dörfer und machte rund vier Millionen Menschen heimatlos.

Wie unberechenbar der Gelbe Fluss war, wussten die Chinesen seit Jahrtausenden. Regelmäßig überspülte er Äcker, Dörfer und ganze Städte. Nicht umsonst trug er den Spitznamen "Chinas Schmerz". Trotzdem war dieses Mal alles anders. Denn nicht die Naturgewalten hatten das ausgeklügelte Deichsystem, das den Fluss zu bändigen versuchte, zum Einsturz gebracht, sondern die Menschen selbst. Um den Vormarsch der japanischen Truppen zu stoppen, ließ der Anführer der chinesischen Nationalpartei (Kuomintang) und Oberkommandeur der chinesischen Streiftkräfte Chiang Kai-shek an diesem Tag ohne Vorwarnung den Deich durchbrechen. Kaltblütig verwandelte er den Fluss in eine unberechenbare Massenvernichtungswaffe - die tragischerweise ihr militärisches Ziel nahezu komplett verfehlte.

Aus der Verzweiflung geboren

Die Flut sollte die japanische Armee unter sich begraben - und sie damit nicht nur aufhalten, sondern nach Möglichkeit in weiten Teilen vernichten. "Chinas Schmerz", wie die "New York Times" am 13. Juni 1938 schrieb, "entwickelt sich immer mehr zum Protagonisten im Krieg gegen Japan." Doch die Rechnung ging nicht auf. Bereits wenige Tage nach dem Deichdurchbruch war klar, dass die Japaner den Wassermassen zum Großteil entkommen waren. Nur einige wenige Truppenteile hatte die Flut eingeschlossen. "Die Verluste waren marginal", meldete die Londoner "Times" schon eine Woche später.

Es war eine strategische Entscheidung, die aus Verzweiflung geboren worden war, schätzt die Historikerin und China-Expertin Diana Lary. Seit 1937 befanden sich Japan und China nach jahrelangen Scharmützeln offiziell im Krieg. Unaufhaltsam drangen die Japaner in das Landesinnere des Gegners vor und nahmen Landstrich für Landstrich ein. Im Frühsommer 1938 kontrollierten sie bereits Shanghai und Peking; und sie drängten weiter westwärts in Richtung Zhengzhou, um von dort nach Wuhan zu marschieren, wohin sich die chinesische Regierung zurückgezogen hatte. Japan hatte China fest im Griff.

Angesichts dieser nahezu aussichtslosen Lage wich "im chinesischen Militärkommando nüchternes, strategisches Denken einer panikähnlichen Stimmung", sagt Historikerin Lary. Die Flut sahen die Chinesen als ihre Chance, die Situation umzukehren. Doch das Gegenteil geschah. Die Japaner mussten zwar ihre Marschroute ändern, nach Süden ausweichen und verloren dadurch Zeit. Dennoch drangen sie nahezu ungehindert weiter vor. Am 25. Oktober 1938 nahmen sie wie geplant Wuhan ein. Der "Generalissimo", wie Chiang auch genannt wurde, hatte lediglich ein paar Wochen erkauft und sie mit gigantischen Kollateralschäden teuer bezahlt.

"Kein Opfer ist zu groß, um China zu retten"

Es scheint, als ob keiner der chinesischen Generäle die Folgen dieser strategischen Entscheidung bis zu Ende gedacht hatte. Die Wassermassen breiteten sich in Richtung Südosten aus und fluteten etliche kleinere Flüsse und Bäche, die nun ihrerseits über die Ufer traten. Als die Flut im Huai-Fluss angekommen war, zog sie Richtung Nordosten weiter und brachte schließlich den Hongze-See zum Überlaufen. Hier teilte sie sich in drei Ströme, die an drei verschiedenen Stellen mehrere hundert Kilometer vom Deichbruch entfernt ins Meer flossen. Der Fluss hatte seinen Lauf vollkommen geändert - und Tausende Quadratkilometer fruchtbares Ackerland vernichtet.

Westliche Beobachter sahen die menschliche Tragödie mit Sorge - die Chinesen hingegen hatten mit dieser Form der Kriegsführung weniger Probleme: Vergeblich suchte der Korrespondent der "New York Times" nach einem Chinesen, der Chiangs Entscheidung angesichts der humanitären Katastrophe in Frage stellte. Immer, so berichtete er, sei er auf die gleiche Reaktion gestoßen: "Kein Opfer ist zu groß, um China zu retten."

Ein Chinese, der in Amerika studiert hatte, erklärte diese Haltung mit einem alten chinesischen Sprichwort: "Wenn ich untergehe, wird die Sonne mit mir untergehen." Und er setzte hinterher: "Die japanische Maschinerie muss um jeden Preis gestoppt werden."

Die Idee eines deutschen Generals

Die Idee, die Wassermassen des Gelben Flusses als Vernichtungswaffe einzusetzen, ging indes nicht allein auf Chiang zurück. Aufgebracht hatte diese Möglichkeit der ökologischen Kriegsführung Alexander von Falkenhausen. Der deutsche General war von 1934 bis 1938 als militärischer Berater in China tätig und unterstütze Chiang beim Aufbau der nationalchinesischen Armee. Als Chiang den Befehl zum Durchstoßen der Deiche gab, war Falkenhausen allerdings bereits wieder in Deutschland und somit an der strategischen Entscheidung nicht direkt beteiligt. Im Mai 1938 hatte Berlin ihn zurückbeordert, weil sich Hitler-Deutschland und Japan politisch weiter annäherten und eine militärische Kooperation mit China dem im Weg stand.

Die endgültige Wende in der japanisch-chinesischen Auseinandersetzung brachte schließlich die Intervention der USA. Im September 1940 schränkte Washington den Export von Stahl und Erdöl nach Japan massiv ein, knapp ein Jahr später folgte ein komplettes Öl-Embargo. Der Abwurf der beiden Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki beendete im August 1945 schlagartig den Krieg. Japan kapitulierte am 15. August 1945. Die japanischen Truppen in China ergaben sich knapp einen Monat später.

Erst danach richtete sich das Augenmerk wieder auf den Gelben Fluss. Für die chinesische Führung war klar, dass er wieder in seinen alten Lauf zurückgeführt werden musste, weil das verlorene Ackerland dringend gebraucht wurde. 350.000 Arbeiter waren insgesamt im Einsatz, um das gigantische Loch im Deich zu schließen und das Wasser wieder in sein altes Bett umzuleiten. 1947 war es dann endlich so weit: Fast zehn Jahre nach der von Menschenhand kreierten Flutkatastrophe war der Gelbe Fluss wieder dort, wo er hingehörte.



insgesamt 2 Beiträge
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Fritz Jaeger, 12.06.2013
1.
Japan hatte bereits am 3. August 45 - mündlich - kapituliert. Die Vorbereitungen für die A-Bomben-Abwürfe liefen bereits auf Hochtouren. Die Unterschriften auf den Urkunden "verzögerten" sich, denn schließlich hatte Truman gesagt: "Wenn wir die Dinger haben, dann setzen wir sie auch ein." Das alles ist schon lange bekannt, wird aber immer wieder "vergessen". Ich fand diese Hinweise schon vor Jahren in einer amerikanischen Zeitschrift, wo auch US- und japanische Quellen angegeben waren. Aber wie schon immer: "Die Geschichte wird vom Sieger geschrieben."
Franz Müller, 12.06.2013
2.
Krieg ist nie schön und in jedem Krieg werden kleine und große Verbrechen getan, manchmal auch nur um der Welt die Stärke der eigenen Nation zu demonstrieren. Doch im Vergleich der Verbrechen der Japaner an dem chinesischen Volk ist das Verbrechen der Atombombenabwürfe gering. Die militärisch sinnlose Bombardierung Dresdens und anderer Städte in Deutschland waren auch Verbrechen aber kaum einer wird deswegen Mitleid mit Deutschland haben.
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