Sprachurlaub in Frankreich Französisch lernt man nur mit Liebe

Der Französischunterricht an seinem Gymnasium war dem 14 Jahre alten Stephan Reimertz ein Gräuel, also schickten seine Eltern ihn zum Fremdsprachenlernen in die Provence. Hier lernte er nicht nur die unvertraute Sprache lieben - sondern auch eine hübsche Französin.

Stephan Reimertz/Familie Reimertz

Französisch war schon in den Siebzigern für die meisten deutschen Schüler ein Horrorfach. Die sogenannte Bildungsreform der damaligen Zeit hatte zur Bildung keinerlei Beziehung. Irrlehren wie die "Ganzheitsmethode" beim Lesen in der Grundschule erschwerten den späteren Fremdsprachenunterricht zudem ganz erheblich. Daran waren nicht die Schüler schuld. Französisch kann man nicht unterrichten wie Latein, mit Verbtabellen und Grammatikschweiß. Man muss den Esprit dieser Sprache in sich aufgehen lassen. In Französisch muss man sich verlieben, sonst lernt man es nicht. Doch die meisten Französischlehrer waren in die Sprache nicht verliebt, vielmehr hassten sie sie wie eine Frau nach langer schlechter Ehe.

Wie sollen solche Lehrer den Schülern die Liebe zu dieser faszinierenden Sprache vermitteln? Jedes Jahr geben Bund und Länder Millionen für den Französischunterricht an Schulen aus, hinzu kommen Millionen, die Eltern für Nachhilfeunterricht berappen. Das Ergebnis ist deprimierend. Die meisten Deutschen, die überhaupt französisch sprechen, sprechen schlecht französisch. Zu allem Überfluss ist das Französische in den siebziger Jahren gegenüber dem Englischen in die Defensive geraten. Der aggressiven Anglifizierung des Alltagslebens in der Bundesrepublik durch Medien und Reklame hatten die Anhänger der Frankophonie nicht viel mehr entgegenzusetzen als ein paar Gedichte von Verlaine und Chansons von Aznavour.

Romanisten und Gentleman-Gauner

Für Friedrich den Großen war Französisch Muttersprache, auch Bismarck, der Botschafter in Paris war, sprach es ganz selbstverständlich. Doch die Zeit, in der Französisch die Sprache der europäischen Oberschicht, des Adels und der Diplomatie war, lag damals schon lange zurück. Natürlich erzielten französischsprachige Schriftsteller wie Georges Simenon und François Mauriac in den siebziger Jahren auch in Deutschland immer noch Millionenauflagen. Die Eroberung der Bestsellerlisten durch aus dem Englischen übersetzte Unterhaltungsliteratur begann erst in den späten Siebzigern. Man darf auch nicht vergessen, dass Deutschland im zwanzigsten Jahrhundert einige der weltweit angesehensten Romanisten hervorgebracht hat, so Ernst Robert Curtius, Viktor Klemperer, Hans-Robert Jauss, Hugo Friedrich und Jürgen Ritte. Die Generation unserer Eltern las Jean-Paul Sartre und Albert Camus, und ähnlich wie im Falle von Jean-Jacques Rousseau reichte die Wirkung des Existentialismus in Deutschland tiefer als in Frankreich. In meiner Generation freilich sollte die Popularität von Marcel Proust alles, auch Sartre und Camus, in den Schatten stellen. Die Marcel-Proust-Gesellschaft in Köln ist die größte neben der in Paris.

Allerdings haben sie alle zusammengenommen nicht soviel für die Popularität Frankreichs im Deutschland der siebziger Jahre bewirkt wie die junge Françoise Laurent und der nicht mehr ganz so junge Georges Descrières. Ab Anfang September 1970 ging im Office de Radiodiffusion Télévision Française (ORTF) die Miniserie über die kleine Schwimmerin Nanou, die für die Olympiade trainiert, über den Bildschirm. Der zierlichen brünetten Françoise Laurent flogen bald auch in Deutschland alle Herzen zu. Kurioserweise hieß die Serie im Deutschen Fernsehen "Nadine und die Olympiade". Ein Mädel namens Nanou glaubte man deutschen Zuschauern nicht zumuten zu können. Heute ist der Name Nadine in Deutschland, besonders in den neuen Bundesländern, weiter verbreitet als in Frankreich.

Zugleich amtierte der 1930 in Bordeaux geborene Schauspieler Georges Descrières, Mitglied der Comédie Française, als der beste Botschafter, den Frankreich je in Deutschland hatte. Als Arsène Lupin in der gleichnamigen Kriminalkomödie nach Maurice Leblanc bezauberte er in einer nicht nur kommerziell, sondern auch künstlerisch erfolgreichen Literaturverfilmung die Damen und ließ gelegentlich ein Collier mitgehen. Die Beteiligung des Deutschen Fernsehens führte dazu, dass der Gentleman-Gauner und sein Diener Grognard (gespielt von Yvon Bouchard) während der 26 Episoden, die von 1971 bis 1974 ausgestrahlt wurden, gelegentlich auch nach Baden und Bayern reisen durften.

Ohne Liebe lernt man kein Französisch

Die anmutige Olympia-Nixe und der raffinierte Gentleman-Cambrioleur erweckten den Eindruck, dass Frankreich ein wunderbares Land sein müsse, mit charmanten und stets zu einem Flirt aufgelegten Mädchen in duftigen Sommerkleidern und eleganten Herren, die ihren Job lässig nebenbei erledigen, sich aber hauptsächlich mit dem schönen Geschlecht beschäftigen. Mittlerweile lebe ich seit vielen Jahren in Paris und kann bestätigen, dass dieser erste Eindruck nicht völlig aus der Luft gegriffen war.

Während meiner ersten Französischstunden am deutschen Gymnasium vor fast 40 Jahren sprach hingegen ganz und gar nichts dafür, dass diese Sprache zu meinem Alltagsidiom werden und ich mich bald in Paris besser auskennen sollte als in jeder deutschen Stadt. Viele Franzosen klagen: "Paris, eine Stadt der Liebe? Überhaupt nicht! Es ist die Stadt der Korruption, der Kälte und des Verkehrschaos!" Meine Erfahrung ist eine andere. Paris die Stadt der Liebe? Aber sicher! Was denn sonst?

Die ersten Französischstunden hatten, das muss man zugeben, mit Liebe nicht viel zu tun. Sie waren trocken, langweilig und unproduktiv. Und das, obwohl unsere Französischlehrerin geradezu das Klischee der französischen Frau verkörperte. Sie war Pariserin, zierlich, das lange glatte Haar fiel bis zum Po, sie rauchte eine Gauloise nach der anderen und fuhr eine Ente mit dem Pariser Kennzeichen 75. Mit Vornamen hieß sie Marie-Françoise, und ihr Nachname war identisch mit einer bekannten französischen Champagnermarke. Doch eine Sprache zu sprechen genügt nicht, man muss sie auch erklären können. Das konnte sie nicht. Sie erwartete, dass jeder von Geburt an französisch sprach, und wenn nicht, dann litt er eben unter einem Geburtsfehler. Madame hatte keinerlei pädagogische Erfahrung oder Eignung. Einen schlechteren Fremdsprachenunterricht konnte ich mir bis dahin nicht vorstellen. Das sollte sich bald ändern.

Frische Oliven und Bussi-Bussi

Meine Eltern fanden, so gehe das nicht weiter, und schickten mich zusammen mit einem Klassenkameraden nach Frankreich. Wir fuhren die ganze Nacht mit dem Zug, und als am Morgen das Licht der Provence und des Mittelmeeres in unser Abteil fiel, schaute ich hinaus auf den schimmernden Golf und sagte mir: Ja, das ist es! Ich will von nun an nichts anderes mehr!

Gerhard Stöbe, ein Gymnasialdirektor aus Frankfurt, nahm uns in Toulon in Empfang. Er und seine Frau hatten sich über Bandol eine stolze Villa errichtet. Der Professor erschien mir französischer als die meisten Franzosen. Hier nannte er sich Gérard Stobée. Bandol ist ein traumhafter Badeort an der Côte d’Azur, vom Tourismus wenig heimgesucht. Nachbarort ist Sanary-sur-mer, das in den dreißiger Jahren viele vor Hitler geflohene deutsche Schriftsteller aufnahm, so die Familien Mann und Feuchtwanger. Professor Stöbe, pardon, Monsieur Stobée führte uns schon am ersten Tag auf den Markt von Sanary und ließ uns von den verschiedenen Sorten Oliven kosten. Nun war ich verloren! Meine Tage in Deutschland waren gezählt.

Aber es kam noch besser. Wir besuchten ganz regulär das Gymnasium in Bandol. Hier erlebte ich einen überaus angenehmen Kulturschock. Zwar waren die Lehrer autoritärer als in Deutschland, dafür erwies sich der Zusammenhalt der Schüler als viel herzlicher und solidarischer als auf der deutschen Penne. Auch das Verhältnis zwischen den Geschlechtern war völlig anders. Die Mädchen begrüßten uns jeden Morgen mit Bussi-Bussi und verabschiedeten uns ebenso. Für einen 14-Jährigen konnte das schon sehr aufregend sein, besonders wenn es sich um hübsche Mädchen in duftigen Sommerkleidern handelte und nicht, wie in Deutschland, um spröde Lieschen in Jeans und Cordhosen. Den Namen Stephan konnten sie allerdings nicht aussprechen und nannten mich Etienne.

Was mache ihsch, wän es räägnet?

Die Mädchen waren schon weiter als unsere Klassenkameradinnen in Deutschland. Das hübscheste Mädchen der Schule war eine gewisse Antoinette, um das sich die Buben in der Pause scharten. Sie beherrschten alle das chevaleresk-galante Gehabe gegenüber Damen, das ich schon vom Arsène Lupin im Film beobachtet hatte. Hier konnte man lernen, wie man sich dem schönen Geschlecht gegenüber verhält.

Antoinette vernachlässigte ihr männliches Gefolge, um mir französische Sprache und Sitten näherzubringen. Sie bestellte mich für den Nachmittag (nur Mittwochs ist die Schule in Frankreich nachmittags frei) zu einer bestimmten Bank im Park. "Aber das eine sage ich dir", warnte sich mich vor. "Wenn man in Frankreich ein Rendez-vous hat, küsst der Junge das Mädchen beim Abschied."

Ich war überrumpelt und tat, als ob sich sie nicht verstand. Die Treffen mit ihr haben meine Sprachkenntnisse dann sehr viel mehr befördert als die frustrierenden Schulstunden in Deutschland. Auf dem Lycée sollte ich freilich feststellen, dass es noch schlechteren Sprachunterricht gab als den unserer gauloiserauchenden Entenfahrerin aus Paris. Während der Englischunterricht am Lycée nur in der Aussprache komisch war, grammatisch aber in Ordnung, konnte man den Deutschunterricht gar nicht als solchen bezeichnen. Ich bestätigte meinen Kameraden, dass unsere Lehrerin sehr gut deutsch spräche. In Wirklichkeit sprach sie gar kein Deutsch. "Was mache ihsch, wän es räägnet?" fragte sie etwa, und man hatte zu antworten: "Ihsch betrachte den Fernsähär."



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