Frauenfußball-EM 1989 Sommermärchenmädchen

1989! Das epochale Jahr deutscher Geschichte - und des Frauenfußballs. Bei der EM holte die Nationalmannschaft ihren ersten Titel, das Halbfinale war das allererste Live-Spiel im deutschen Fernsehen. Die dramatische Partie ließ eine Torfrau zur Heldin werden und wurde zum Quotenknüller, der sogar Steffi Graf alt aussehen ließ.

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Im Prinzip hatte Marion Isbert das alles gar nicht so gern. Im Tor stehen, nach Bällen hechten und sie fangen. Sie wollte viel lieber draußen im Feld spielen, stürmen, Tore schießen. So wie beim TuS Ahrbach, wo sie in der abgelaufenen Saison gerade Torschützenkönigin geworden war, 30 Tore hatte sie als Rechtsaußen gemacht. Aber Marion Isbert, 25, war eben nicht nur eine hervorragende Stürmerin, sondern auch die beste deutsche Torhüterin. Und deshalb stand sie an diesem 28. Juni 1989 zwischen den Pfosten - und hielt.

Drei Elfmeter parierte Isbert gegen Italien. Das Spiel war nach 90 Minuten und einem 1:1 erst in die Verlängerung und schließlich ins Elfmeterschießen gegangen. Für das Halbfinale einer Europameisterschaft war das schon ganz schön viel Spannung gewesen. Doch die stürmende Torfrau setzte noch einen drauf: Den entscheidenden Strafstoß verwandelte sie höchstpersönlich. 5:4 gewannen die deutschen Damen.

Dass nicht nur 8000 Zuschauer in Siegener Stadion das Spiel sahen, sondern auch vier Millionen bei der ARD, war eine glückliche Fügung. Das erste live übertragene Spiel einer Frauen-Nationalmannschaft in Deutschland wurde gleich ein epochales Drama - und sollte den Frauenfußball hierzulande für immer verändern. Vier Tage danach waren die deutschen Damen nach einem 4:1 gegen Norwegen Europameister.

"Ein bisschen gazellenhafter, weiblicher halt"

22 Jahre später findet wieder ein Frauenfußball-Großereignis in Deutschland statt - aber der Kontrast zum Jahr des ersten Titels könnte nicht größer sein. Dass das DFB-Team WM-Favorit ist: klar. Dass die Spiele der deutschen Frauen im Fernsehen übertragen werden: selbstverständlich. Dass der DFB-Präsident Frauenfußballfan ist: logisch. Dass die meisten Nationalspielerinnen Vollprofis sind, die von ihren Gehältern leben können: normal.

Nichts erinnert mehr an 1989, als Norwegen das Maß aller Dinge im europäischen Frauenfußball war und nicht Deutschland. Als nur durch Zufall Fernsehbilder von der EM in deutschen Wohnzimmern landeten. Als sich DFB-Kickerinnen schon mal gegen eine Vereinskarriere entschieden, weil sie lieber einen sicheren Job haben wollten. Als es noch nicht mal eine Frauen-Bundesliga gab. Und als der DFB-Präsident trotz einer tollen Vorstellung im EM-Halbfinale mäkelte.

"Ein bisschen gazellenhafter, weiblicher halt", wünschte sich Hermann Neuberger die DFB-Frauen damals bei der EM, "dann kommt's beim Publikum besser an." Es war eine typische Sicht auf den Frauenfußball, die eine Menge aussagt über das Standing im Verband. Erst 1970 hatte der DFB den Sport legalisiert, aber noch bis in die achtziger den weiblichen Kick sabotierte. Jetzt waren die DFB-Frauen Europameister - aber sahen nicht gut genug aus. Irgendwas gab es immer noch zu meckern.

Steffi Graf: chancenlos

Immerhin war der DFB-Präsident nach Siegen gereist, um sich den Halbfinaltriumph nicht entgehen - und sich dafür feiern zu lassen. "Ja, das Eis ist gebrochen, wir haben das gut gemacht", zitierte die "taz" Neuberger nach dem gewonnenen Drama gegen Italien.

Die Frau des DFB-Chefs saß derweil im Schwarzwald und schaute das Spiel in der ARD. Frau Neuberger war eine von vier Millionen, die einschalteten - eine gigantische Quote. Dabei war der öffentlich-rechtliche Sender zu seinem Glück regelrecht gezwungen worden. Die private Konkurrenz von RTL plus hatte der ARD die Übertragungsrechte für das Tennis-Grandslam-Turnier in Wimbledon abgeluchst, ein Coup zu Zeiten von Steffi Graf und Boris Becker. Als Ausgleich kaufte die ARD für kleines Geld die Rechte für die Frauen-WM - und landete einen Volltreffer. Als Steffi Graf in Wimbledon zeitgleich mit den deutschen Fußballerinnen spielte, schalteten nur 2,5 Millionen Fans ein.

Die Namen der Frauen, die dort unten auf dem Platz gegen Italien oder Norwegen herrlichen Offensivfußball boten und für ein Sommermärchen sorgten, kannten aber die wenigsten. Wie auch, wo sie in ihren Vereinen vor gerade mal 200 Zuschauern spielten? Die heutige Bundestrainerin Silvia Neid war damals nicht mehr als eine lokale Größe beim TSV Siegen. Jutta Nardenbach verteidigte beim TuS Ahrbach, Usula Lohn stürmte bei Grün-Weiß Brauweiler. Die EM machte sie alle mit einem Schlag berühmt. Vor allem Marion Isbert.

"Meine berufliche Zukunft ist derzeit wichtiger"

Überregionale Zeitungen druckten Porträts der Torhüterin, auch der SPIEGEL schrieb über Isbert. Man erfuhr, dass sie noch im Tor gestanden hatte, als sie bereits im fünften Monat schwanger war. Dass sie wieder im Tor stand, als ihr Sohn erst drei Wochen alt war. Dass sie "gelernte Konditorin" sei, Musik von Mike Oldfield mag und gern mal mit Bayern-Torhüter Sepp Maier essen gehen würde. Die "einzige Hausfrau und Mutter in der Nationalmannschaft", seit 1982 die unbekannte Nummer eins im deutschen Tor, war plötzlich deutschlandweit bekannt.

Ein Jahr nach dem Triumph wurde endlich die Frauen-Bundesliga eingeführt, der DFB begann, in den Frauenfußball zu investieren. Von professionellen Strukturen war der Sport aber immer noch weit entfernt. Der TSV Siegen war mit einem Jahresetat von 200.000 D-Mark Krösus der neuen Eliteliga, der Durchschnitt der Vereine musste seinen Kader mit einem Viertel finanzieren. Kein Wunder, dass Europameisterin Andrea Haderlass 1990 ihre Erstliga-Karriere mit gerade 26 Jahren auf Eis legen musste: "Meine Umschulung, eine berufliche Zukunft ist derzeit wichtiger", sagte sie dem "Kicker". Und Petra Bartelmann flüchtete lieber zu einem norwegischen Club - dort waren die Reha-Möglichkeiten nach einer Bandscheibenoperation besser.

Trotzdem: Der Triumph 1989 war der Anfang von allem, das sieht auch Marion Isbert so. "Wir haben ein gutes Fundament gelegt", sagte sie dem "Kicker" vor zwei Jahren, "der DFB hat damals mehr Gelder freigemacht und in den Mädchenfußball investiert. Der Aufbau ist gelungen." Das dramatische Halbfinale bewegt die Torhüterin auch 20 Jahre danach noch. Jedes Mal, wenn sie die TV-Bilder von damals sehe, gehe ihr Puls hoch: "Ich denke immer, wir verlieren das Ding noch!"

Sollten die deutschen Frauen anno 2011 tatsächlich Weltmeisterinnen werden, bekommen sie übrigens 70.000 Euro Prämie pro Spielerin vom DFB. Isbert und Co. mussten sich 1989 noch mit deutlich weniger zufriedengeben: Sie bekamen ein Kaffeeservice.



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Sven Winkler, 04.06.2011
1.
Ich glaube mich zu erinnern, dass damals noch 2 x 40 Minuten im Frauenfussball gespielt worden ist. Das Halbfinale gegen Italien ging demnach also nach 80 Minuten und nicht nach 90 Minuten in die Verlängerung! Viele Grüße, Sven
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