Frauensiedlung Loheland "Eine neue Generation Weib"

Bei Fulda gründeten zwei Gymnastiklehrerinnen vor 100 Jahren einen einzigartigen "Amazonenstaat". Die Loheländerinnen waren erfolgreich - mit Kunsthandwerk, einer Doggenzucht und freizügigem Tanz.

Von Dörte Schipper


Als sie im Frühsommer 1919 in einer kleinen hessischen Pension hockten, grübelten Hedwig von Rohden und Louise Langgaard, wie es weitergehen sollte. Das Schloss, in dem sie untergekommen waren, hatten sie räumen müssen. Nun suchten die beiden Gymnastiklehrerinnen für sich und ihre Schülerinnen dringend eine neue Bleibe. Tage später saß Langgaard in einer Kneipe am Stadtrand von Fulda, hörte den Gesprächen der Bauern zu und erfuhr, dass ein Stück Land zum Verkauf angeboten wurde.

Die beiden Frauen schauten es sich an: 45 Hektar brachliegendes Ackerland, ein bisschen Wald, kein Wasser, kein Strom. Sie unterschrieben den Kaufvertrag. Der Ort erschien ihnen geradezu perfekt für ihre spontane Idee: Sie wollten eine Frauensiedlung gründen. Eine "neue Generation Weib" sollte in Loheland ihren Ursprung nehmen - selbstbewusst, stark, eigenständig.

Bald schon galten die beiden Gründerfrauen als Vorreiterinnen einer modernen avantgardistischen Frauenbewegung. Erwähnte jemand "Loheland", wusste fast jeder in der Weimarer Republik, wer gemeint war: diese Frauen aus der Rhön, die statt Korsett bequeme, viel zu kurze Kleider trugen und sich die Zöpfe abgeschnitten hatten.

"Insel neuer Weiblichkeit"

Mit ihren kurzen Haaren sahen sie aus wie androgyne Wesen, eher männlich als weiblich, und eroberten mit aufsehenerregenden Tanztourneen die großen Bühnen. Die Premiere lief in den Münchner Kammerspielen - in selbst genähten Kostümen, skandalös freizügig und futuristisch, Ausdruck befreiter Weiblichkeit.

Imme Heiner, eine der Tänzerinnen, erinnerte sich noch bis ins hohe Alter an einen legendären Auftritt im Hamburger Conventgarten - nach einer furchtbaren Bahnfahrt im unbeheizten 4.-Klasse-Waggon. Der Zug hatte zwei Stunden Verspätung, das Publikum im Saal wartete geduldig. "Es wurde eine unserer besten Aufführungen", schrieb sie - die steifen Hamburger waren geradezu euphorisch, die Loheländerinnen danach berühmt. Zeitungsreporter besuchten die "Insel neuer Weiblichkeit", auch der Verleger Eugen Diederichs schaute im "Amazonenstaat" vorbei.

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Amazonenstaat in der Rhön: Zu kurze Haare, zu kurze Kleider

Gut 80 Schülerinnen hatten sich im ersten Lohelandjahr für die zweijährige Gymnastikausbildung angemeldet. Hedwig von Rohden und Louise Langgaard suchten in den umliegenden Dörfern nach Quartieren oder ungenutzten Kammern und wurden kritisch beäugt. "Ja, die Bauern hier haben ganz schön geguckt, was das denn für komische Leute sind", sagt Wedis Neindorf, 92. Die pensionierte Lehrerin ist heute die älteste Bewohnerin Lohelands.

Mit ihrem Wunsch nach einem Leben im Einklang mit der Natur standen die Loheländerinnen keineswegs allein. Schon Ende des 19. Jahrhunderts entstanden im Zuge der Lebensreformbewegung viele Spielarten der Abkehr von der städtischen Zivilisation. So fanden sich Vegetarier, Anhänger der alternativen Medizin oder der Freikörperkultur zu Aussteiger-Kommunen zusammen. Beim Siedlungsprojekt in der hessischen Abgeschiedenheit wollten die Frauen zudem unter sich bleiben.

Wedis Neindorf verbrachte schon als Kind zwei Jahre in der Siedlung, weil ihre Mutter eine Ausbildung machte: "Das war für Frauen damals nicht einfach, überhaupt eine Berufsausbildung zu machen" - Gymnastiklehrerin gehörte zu den wenigen Optionen. Wedis Neindorf erinnert sich an eine Siedlungsfrau, die es schon mit 14 Jahren nicht mehr aushielt, wie sie zu Hause leben sollte. "Hauswirtschaft, Heiraten, das wollte sie nicht. Dann hat sie von Loheland und den Tanzleuten gehört und ist weggegangen."

Die Tanz-Ära ging in Flammen auf

Hedwig von Rohden und Louise Langgaard hatten sich als Gymnastiklehrerinnen schon vor dem Ersten Weltkrieg einen Namen gemacht, kurz darauf das Seminar für Klassische Gymnastik in Kassel geleitet. Ihr Unterricht war ganzheitlich und anthroposophisch geprägt. Dass sie eines Tages in einer behelfsmäßigen Baracke neben einem lehmigen Acker unterrichten und mit anderen ein Haus bauen würden, hätten sie damals kaum für möglich gehalten.

Im Herbst 1919 zogen die ersten Schülerinnen ins Holzhaus mit 17 Zimmern. Fenster und Türen gab es noch keine, nicht mal die Treppe zum Obergeschoss war fertig und der erste Winter so kalt, dass die Frauen mit dicken Pullovern und Mützen auf ihren Strohsäcken schliefen. "Die Loheländerinnen haben sich nie gescheut, auch Entbehrungen auf sich zu nehmen", sagt Wedis Neindorf. Zur Philosophie gehörte es, den Blick immer nach vorn zu richten, niemals zurück.

Als ein Feuer in der Siedlung ausbrach und sämtliche Tanzkostüme verbrannten, betrachteten die Frauen es als "schicksalhaftes Ereignis" - Ende der vierjährigen erfolgreichen Ausdruckstanz-Ära. Es ging weiter. Aber anders.

In Frankfurt waren gerade ausrangierte Waggons der Reichsbahn billig zu erwerben. Rohden und Langgaard kauften gleich vier: In den Waggons sollten Werkstätten entstehen. Zunächst jedoch mussten die schweren Wagen in die Rhön transportiert werden. Auf Fundamenten in U-Form aufgestellt und mit Holz verkleidet, erinnerten innen nur noch die Türaufschriften "Nicht öffnen bevor der Zug hält" an ihre Herkunft, ansonsten erfüllten sie ihren Zweck.

Echte Hunde-Championesse: Fionne von Loheland

Die Loheländerinnen entwarfen nun Möbel und bauten sie auch. Ebenso fertigten sie feine Brokatstoffe an, Keramiken und modische Accessoires, Handtaschen aus Elchleder, Knopfsortimente aus exotischen Hölzern, die ihnen ein befreundeter Zeppelinpilot aus Afrika mitgebracht hatte.

Es fehlte nur noch die professionelle Vermarktung der kunsthandwerklichen Produkte durch ein eigenes Unternehmen. Die Gründung der "Loheland Werkstätten GmbH" drohte jedoch zu scheitern. Das Anfangskapital konnten Rohden und Langgaard nicht aufbringen, fuhren nach Hamburg und überzeugten Kaufleute und Rechtsanwälte, vorübergehend als Gesellschafter in die Firma mit einzusteigen. Fortan war die Marke "Loheland" auf allen großen Messen vertreten.

Mehr als 200 Frauen lernten und arbeiteten zu dieser Zeit in Loheland. Durch Getreide- und Gemüseanbau, früh schon biodynamisch, konnten sie sich weitgehend selbst versorgen.

Noch so eine spontane Geschäftsidee: eine Doggenzucht. Rohden und Langgaard hatten Glück, gleich aus einem der ersten Würfe entwickelte sich ein Welpe zur begehrten Schönheit und brillierte auf allen Ausstellungen - Fionne von Loheland, preisgekrönte Championesse. Von den zahlreichen internationalen Kaufinteressenten bekam ein Amerikaner den Zuschlag. Anfang 1931 reiste Fionne, begleitet von einer Loheländerin, von Hamburg aus per Schiff in die USA.

Das war nur der Auftakt. Der Zwinger "Loheland" entwickelte sich zur weltberühmten Zucht. Jeder Verkauf eines Hundes brachte so viel Geld ein, dass wieder gebaut werden konnte. 1934 standen in Loheland 20 Häuser, sieben Werkstätten, eine Gärtnerei, ein Bauernhof und ein Bürogebäude mit eigener Poststelle.

"Loheland gab es nicht"

Ein einflussreicher Freund in Berlin soll verhindert haben, dass die Nazis die Siedlung schlossen. Als die Gestapo doch einmal erschien, beschlagnahmte sie nur einige anthroposophische Bücher. Zum Schutz jüdischer Gymnastikschülerinnen hatten die Frauen alle Namenslisten der Seminaristinnen vernichtet.

Nach Kriegsende marschierten die Amerikaner ein - doch in Loheland kam keiner vorbei. Wedis Neindorf hat es miterlebt: "Loheland war auf den Karten der amerikanischen Soldaten gar nicht eingetragen. Loheland gab es nicht."

Doch, Loheland gab es - und gibt es bis heute. Die verwunschenen Häuser, versteckt hinter Bäumen, sind noch immer bewohnt, rund 70 Menschen leben dort. Neben Biobauern beherbergt die weitläufige grüne Siedlung auch eine Tischlerei und ein Tagungshotel; die Waldorfschule und ein Kindergarten sorgen tagsüber für Bewegung. Am Nachmittag kehrt Ruhe ein. Dann glaubt man ihn zu spüren - den Geist der Gründerfrauen.

insgesamt 9 Beiträge
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Neapolitaner, 04.07.2019
1. Warum im Dritten Reich Loheland nicht geschlossen wurde
ist eine interessante Frage. Denn mehr Esoterik geht eigentlich nicht. Vermutung: Die galten als "Lesbentruppe" - und da hielten sich SS und Gestapo raus.
Thomas Schröter, 04.07.2019
2. Die Nazi integrierten erfolgreich die meisten Frauenbewegungen
Die Nazis verstanden es hervorragend sich die überwiegende Mehrzahl der Frauenbewegungen und da insbesondere die Frauenemanzipation zu Nutze zu machen. Das Versprechen Frauen stärker an der Macht und in Führungspositionen partizipieren zu lassen verschafte eine breite Unterstützung gerade in der weiblichen Bevölkerung und half den Widerstand aus konservativeren Bevölkerungsgruppen zu brechen. Organisationen wie der BdM oder der Reichsarbeitsdienst leisteten in diesem Sinne einiges. Später im Krieg wuden Bdm-Führerinnen auch an der Waffe ausgebildet und nicht selten verpflichtet.
static_noise, 04.07.2019
3.
Ähhh, ein auffälliges Loch in der Darstellung der Geschichte Lohelands während des Nationalsozialismus. Und eine gewisse Nähe von Naturmedizin, Frauentanz, rytmische Erziehung gibt es da durchaus. Man findet Loheland zB. durchaus im Kontext von Erziehungsratgebern in dritten Reich (ohne daraus direkten Zusammenhang konstruieren zu wollen) Ein genauer Blick wäre da sicher angebracht.
Peer Voss, 04.07.2019
4. und wie war deren Sex- und Liebesleben so?
ist ja nunmal ein wichtiger, oder der wichtigste Teil unseres Lebens, zumal wenn im Alter der Loheländerinnen. Waren sie zur Hälfte lesbisch, mit Beziehungen untereinander? Und die andere Hälfte ab und zu mit Affairen zu Männern "draußen"? Und hatten jene dann eher Hausverbot oder wurden die auch mal mit angebracht. Ich fand es sehr interessant, durch diesen Artikel zum ersten Mal etwas von Loheland zu erfahren, aber diese Fragen hätten mich auch sehr interessiert
Thomas Jenny, 05.07.2019
5.
Um die die Zeit des Nazi Deutschland hat man hier elegant einen großen Bogen gemacht. Es fehlt z.B. der Hinweis, daß nationalsozialistische Lehrinhalte in der Ausbildung unterrichtet wurden - wenn auch unter politischen Druck - was dann zur Trennung der beiden Gründerinnen führte. Einen ähnlichen Artikel gab es vor ca. 15 Jahren in der FAZ, wo dies zumindest erwähnt wurde. Dennoch interessanter Beitrag über Menschen, die nicht gejammert haben, sondern ganz einfach ihren Traum unter schwierigen Bedingungen verwirklichten.
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