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03. Juni 2019, 11:27 Uhr

Legendäres Finale in Paris 1999

Steffi Grafs später Triumph

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22 Grand-Slam-Titel, 377 Wochen Nummer eins: Steffi Graf kann kurz vor ihrem 50. Geburtstag auf eine einzigartige Karriere zurückblicken. Ihr wohl größter Erfolg kam völlig überraschend.

Erst machte Clint Eastwood sich als Schauspieler einen Namen, dann als großer Regisseur auch im Sportgenre: mit der Boxerintragödie "Million Dollar Baby" und dem Rugbyfilm "Invictus". Zweimal erhielt er den Regieoscar. Doch auch Eastwood hätte sich das, was sich vor 20 Jahren in Paris abspielte, kaum ausdenken können. Es enthielt alle Elemente eines Tennisdramas: Forsche Aufsteigerin gegen alternden Star, Momente des Haderns und der Verzweiflung, jähe Wendungen und ein verblüffendes Ende - vielleicht eine Spur zu kitschig für ein Drehbuch.

Damals, im Sommer 1999, befand sich mit Steffi Graf eine deutsche Tennislegende auf der Zielgeraden ihrer ruhmreichen Karriere. Ihre Nachfolgerin schien bereits ausgemacht: Martina Hingis, das Wunderkind aus der Schweiz und die bis heute jüngste Wimbledonsiegerin der Geschichte. Wie es der Zufall so wollte, trafen die beiden im Finale der French Open aufeinander, des wichtigsten Sandplatzturniers der Welt.

Mit unbändigem Ehrgeiz war Hingis geradezu durchs Turnier gestürmt. Ihre Gegnerinnen waren dem intelligenten und gefühlvollen Spiel der Schweizerin nicht gewachsen. Die erst 18-Jährige ging ausgeruhter ins Finale als Graf, deren geschundener Körper ihr zunehmend Probleme bereitete.

"Ehrlich gesagt habe ich nie damit gerechnet, hier zu stehen", hatte Graf noch vor dem entscheidenden Match am 5. Juni gesagt, während Hingis großspurig den endgültigen Generationswechsel angekündigt hatte. Die Deutsche ging als klare Außenseiterin in die Partie, da waren sich auch die Experten einig. Anfangs sprach alles dafür, dass sie recht behalten würden.

"Wundervollste Erinnerung meiner Karriere"

6:4 gewann Hingis den ersten Satz, auch im zweiten Durchgang punktete sie zunächst mit ihrer Taktik, Grafs gefährliche Vorhand möglichst zu umgehen. Doch bei strahlendem Sonnenschein verlor Hingis in der Folge nicht nur zwei Sätze und damit das Spiel, sondern auch die Nerven (hier Auszüge auf YouTube).

Minutenlang diskutierte sie mit der Schiedsrichterin und sah sich Pfiffen des gnadenlosen französischen Publikums ausgesetzt. Plötzlich begann die Schweizerin sogar, von unten aufzuschlagen, um ihre Gegnerin zu verunsichern. Doch Graf blieb stets bei sich und ging als Siegerin aus einem der denkwürdigsten Endspiele der Tennisgeschichte hervor. 4:6, 7:5, 6:2 - im Nachhinein sprach sie von der "wundervollsten Erinnerung meiner Karriere". Der bitterlich weinenden Hingis blieb am Ende nur der Trost ihrer Mutter.

"Steffi macht sich wieder jung. Der Sieg schreibt eines der sensationellsten Kapitel im Buch ihrer fabelhaften Karriere", titelte die französische Tageszeitung "L'Équipe" tags darauf.

Nun liegt Grafs letzter von insgesamt 22 Grand-Slam-Titeln zwanzig Jahre zurück. Ihren ersten hatte sie 1987 geholt, ebenfalls in Paris gegen Martina Navratilova - 17 Jahr', blondes Haar. Kurz darauf gewann sie mit ihrer Rivalin Claudia Kohde-Kilsch auch den Fed-Cup, die Mannschafts-WM im Damentennis. Und 1988 triumphierte die "Gräfin" erneut gegen Navratilova als unermüdliche Kämpferin beim Turnier in Wimbledon . Es war die Zeit ihrer größten Erfolge und des "Golden Slam", des Gewinns aller Grand-Slam-Turniere sowie der Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Seoul innerhalb eines Kalenderjahres.

Ihr härtester Gegner: der eigene Körper

Fortan eilte sie von Sieg zu Sieg. 17 Jahre lang war Steffi Graf Tennisprofi und führte die Weltrangliste 377 Wochen an - so lange wie keine andere. Kurz vor ihrem 50. Geburtstag am 14. Juni sehen viele sie immer noch als größte Tennisspielerin der Geschichte.

Graf, die wegen ihrer gefürchteten Vorhand "Fraulein Forehand" genannt wurde, gewann zwischen 1982 und 1999 im Einzel 900 Spiele. Und damit mehr als Serena Williams, obwohl diese mit mittlerweile 37 Jahren immer noch den Schläger schwingt.

Niemand bewegte sich an der Grundlinie so elegant wie Steffi Graf, von ihrer Beinarbeit schwärmen Trainer bis heute. Auf der Rückhand, die sie fast ausschließlich als Slice spielte, unterliefen ihr praktisch nie Fehler. Ihre Rivalitäten mit Monica Seles, Martina Navratilova und Arantxa Sánchez Vicario waren legendär. Doch Grafs größter Gegner blieb der eigene Körper.

Immer wieder plagten sie Verletzungen, besonders das Knie machte ihr zu schaffen. Nach einer Operation musste Graf in den Jahren 1997 und 1998 insgesamt zwölf Monate pausieren und verlor auch die Führung in der Weltrangliste an Martina Hingis. Noch heute, fast 20 Jahre nach dem Ende des Tenniszirkus, klagt die Deutsche über Hüft- und Knieprobleme. Schon das Sitzen bereite ihr Schmerzen, sagte sie der US-Zeitschrift "Stellar Magazine" in einem ihrer seltenen Interviews.

Umso erstaunlicher war ihr Comeback im Sommer 1999. Im Juli - rund einen Monat nach dem Sieg gegen Hingis - erreichte Graf überraschend auch noch das Endspiel in Wimbledon, unterlag allerdings glatt in zwei Sätzen der US-Amerikanerin Lindsey Davenport. Dank des Tennismärchens in Paris redet über diese Niederlage kaum noch jemand.


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