Feldzug gegen den Irak Auge in Auge mit dem Krieg

Claus Christian Malzahn

2. Teil: Freitag, 21. März 2003


Irakisch-Kuwaitisches Grenzgebiet

In einem Mini-Konvoi von zwei Humvees und einem Truppentransporter verlassen wir Camp Virginia am späten Nachmittag. Auf der breiten Sandpiste, die in Richtung irakische Grenze führt, sind Hunderte Militärfahrzeuge unterwegs: Panzer, Truppenfahrzeuge, Tanklastwagen, Lkw mit Containern voller Wasser und Essensrationen, Bulldozer, Kräne, Ambulanzwagen, Humvees mit schwerer MG, leichte Schützenpanzer; kurzum: alles, was die US-Armee zu Lande so zu bieten hat.

Der Humvee, in dem ich mitfahre, gehört zu Captain Scott Figlioli, einem Offizier aus Florida. Figlioli ist in Hohenfels stationiert und gilt im V. Corps als Herr der Bulldozer. Etwa zwei Dutzend Fahrzeuge, die er befehligt, sind an der Grenze im Einsatz, um Sandpisten in den Irak zu legen, auf denen das V. Corps dann vorstoßen kann.

Im Krieg verbringt ein Offizier eine Menge Zeit in so einem Humvee. Figliolis Fahrzeug ist vollgestopft mit Wasserflaschen, Proviant, Feldpritschen und Gepäck. Es gibt keinen Zentimeter Platz mehr, ich kann mich kaum bewegen. Und weil auf dem Autoboden lauter schwere Sandsäcke liegen, kann ich meine Beine nicht ausstrecken. Nach einer Stunde sind sie eingeschlafen.

"Kann man die Sandsäcke nicht einfach rauswerfen?"

Figlioli sieht mich mit Offiziersaugen an: "Willst du Deine Beine verlieren?" Falls wir auf eine Mine fahren, federn die Sandsäcke die Explosion ab. Also lieber unbequem fahren als gar nicht mehr laufen können.

Obwohl man schlecht sitzt, sieht es im Humvee aus wie in einem Wohnzimmer. Der Fahrer, ein junger Soldat aus Texas, hat das Foto seiner blonden Freundin, die wahrscheinlich noch zur Schule geht, auf das Armaturenbrett geklebt. Hinten rechts neben mir sitzt Will, ein Unteroffizier. Das Bild seiner Frau und seiner Tochter hängt ebenfalls in Sichtweite. Vor Figliolis Platz schaukelt ein kleiner US-Wimpel hin und her. Hinten hat Will eine Boom-Box mit CD-Player angeschlossen. Der Marsch auf Bagdad wird musikalisch mit Missy Elliot, Norah Jones und Avril Lavigne begleitet. Francis Ford Coppolas Hubschrauberangriff per Walkürenritt in Apocalypse Now war gar nicht so weit von der Wirklichkeit entfernt.

Fun im Krieg?

Figlioli will seinen Soldaten Mut zusprechen - nicht per Feldtelefon, sondern persönlich. Doch der Weg an die Front ist weit. Gegen vier Uhr nachmittags wird die Fahrt unterbrochen, weil Figlioli zu einer Offiziersbesprechung ins Camp New York gerufen wird.

Während Figlioli im Kommandozelt verschwindet, stehe ich mit den Soldaten vor den Fahrzeugen herum. Die Sonne senkt sich, langsam werden die Temperaturen erträglich. Einige Soldaten rauchen, andere gehen pinkeln, manche bewundern den Sonnenuntergang.

Ich unterhalte mich mit einer jungen LKW-Fahrerin. Sie fragt mich: "Do you have fun so far?"

Ich habe diese dämliche Frage schon oft gehört. Langsam macht sie mich wütend. Ich weiß, dieser lockere Ton ist eben die amerikanische Art, ein Gespräch anzufangen. Aber "fun", im Krieg, mitten in der Wüste?

"So würde ich das nicht unbedingt nennen", antworte ich. Die Soldatin sieht mich schuldbewußt an und nickt. Dann bestaunen wir einen Marienkäfer, der über ihren Handballen krabbelt und wundern uns, wie es der kleine Kerl geschafft hat, bis hierhin zu kommen. Und für ein paar Sekunden denken wir nicht mehr darüber nach, wo wir hier sind und was wir hier machen.

Das rächt sich natürlich sofort. Die Sirenen heulen los. Wir rennen über den riesigen Sandplatz. Dann gehen wir unter einer Batterie LKW in Deckung, Bunker sind keine da. Am schlimmsten ist dann diese Stille. Man hört nichts. Nur den eigenen Atem, der durch die Gasmaske fährt. Etwa hundert Vaterunser dauerte die Ungewissheit diesmal, und es war bisher die schlimmste. In solchen Momenten bin ich kein Journalist mehr sondern nur ein Häuflein Elend in der Wüste. Ich kämpfe gegen diesen Identitätsverlust, ich mache mir zitternd Notizen: Eine Soldatin betet ebenso leise wie atemlos, ein anderer trinkt mit einem Strohhalm Wasser durch seine Gasmaske. Den Marienkäfer hat die Soldatin in der Aufregung verloren.

Auch nachts haben wir noch zweimal Alarm. Die ABC-Anzüge ziehen wir inzwischen gar nicht mehr aus. Wir übernachten in der Nähe einer Stellung, die Marines ausgehoben haben. Zu viert dösen wir im Humvee vor uns hin. Plötzlich weckt mich ein Knall und ein zischendes Geräusch.

Ein halbes Dutzend Raketen fliegt genau auf uns zu. Ich weiß nicht, was ich machen soll und warte auf Figliolis Anordnungen. Der ruft nur: "Shit."

Die Raketen ziehen mit weißem Feuerschweif vielleicht 20 Meter an uns vorbei. Nach kurzer Zeit schlagen sie mit einem dumpfen Knall ein paar Kilometer weiter ein; kurze Blitze im Nachthimmel, da vorne muß die Front sein.

Kann man Tapferkeit üben?

Es waren keine irakischen, sondern amerikanische Raketen. Um ein Haar hätten sie Figliolis Humvee getroffen. "Friendly Fire" nennt man das, ein Euphemismus. Denn der Beschuss durch eigene Truppen ist vielleicht ein Fehler im Stellungskrieg, aber keineswegs freundlich. Für ein paar Momente hatten wir Todesangst. Es geht einem bemerkenswert wenig durch den Kopf, wenn man Todesangst hat. Es ist keineswegs so, daß das ganze Leben noch einmal an einem

vorbeiläuft. Das gibt es nur im Kino. In Wirklichkeit muß man sich sehr anstrengen, überhaupt etwas denken zu können. Es ist merkwürdig. Manchmal bin ich angesichts der Gefahr bei vollem Verstand, beim nächsten Mal wirft die Furcht vor dem Tod mich fast nieder. Kann man Tapferkeit

üben? Soll man das üben? Darf man so ein Wort überhaupt noch benutzen? In Deutschland ist man heute nicht mehr tapfer; man zeigt allenfalls Zivilcourage. Aber Zivilcourage im Krieg? Wie soll das denn aussehen? Also doch: Tapfer bleiben.

Auch Figlioli hat jetzt die Nase voll. Er gibt den Befehl zum Rückzug. An der Front ist es im Moment zu gefährlich. Er will erst am nächsten Tag auf die Suche nach den Bulldozern

gehen, die über eine Strecke von 60 Kilometern an der Front entlang verstreut sind.

Am nächsten Morgen hören wir über Funk, daß in der Nacht des Angriffs fünf Soldaten durch "friendly fire" ums Leben gekommen sind.



insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
dirk brauns, 24.03.2008
1.
der text ist langweilig. um mitzuteilen, was krieg ist, benötigt es etwas mehr als dieses verstockte gemurkse. abtreten, embedded mahlzahn. nochmal schreiben.
Indira Geisel, 29.03.2008
2.
Malzahn bei der US Armee in der irakischen Wüste erinnert nicht wenig an Isherwood in dem Berlin Weimars. Ein Beobachter ringt mit seiner Sympathie sowie mit seiner Skepsis gegenüber einen tollkühnen Gastgeber. Eine Vorahnung der Katastrophe, ehe sie anfängt: "Der Krieg liegt wie ein dunkler, endloser Tunnel vor mir." Aber eigentlich darf er nur über abgeschlossene Operationen schreiben.
johann legner, 30.03.2008
3.
ich bin malzahn dankbar für seinen beitrag und die risiken, die er dafür eingegangen ist. dazu gehört auch, sich mit dem verdacht auseinanderzusetzen, instrumentalisiert zu werden. beim lesen habe ich mich an diese tage der ungewissheit erinnert, die den beginn des irak-krieges prägten, an den der kampf mit den gasmasken, der damals für die angreifer alles beherrschte. im nachhinein scheint er das fanal des weiteren verlauf dieses krieges. der erwartete schrecken bleibt aus, aber die angst vor ihm wirft einen langen schatten und gebiert seinerseits schreckliches. vom ersten tag an ist alles ganz, ganz anders als erwartet. dies in erinnerung zurück zu rufen, zeichnet einen zeitzeugen aus.
Norbert Polster, 30.03.2009
4.
>der text ist langweilig. um mitzuteilen, was krieg ist, benötigt es etwas mehr als dieses verstockte gemurkse. >abtreten, embedded mahlzahn. nochmal schreiben. gott sei dank geschmackssache. ich werde mir das buch kaufen.
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