Feldzug gegen den Irak Auge in Auge mit dem Krieg

Claus Christian Malzahn

6. Teil: Montag, 31. März 2003


Camp Ladder bei An Nassaria, Irak

Die Fahrt durch Sawan verläuft völlig problemlos. Statt auf Heckenschützen treffen wir auf hungrige Kinder und bettelnde Frauen am Straßenrand.

Danach fahren wir auf einer sechsspurigen Autobahn Richtung Norden. Außer Militärfahrzeugen ist fast niemand unterwegs. Nur wenige Irakis trauen sich auf die Straße, an ihren Autos haben sie weiße Fahnen befestigt.

Der Irak scheint kaum bevölkert zu sein. Nur ein paar Nomaden halten leere Wasserflaschen hoch. Aber den Soldaten ist verboten, Nahrungsmittel aus den Wagen zu werfen. Damit würde man nur Menschenaufläufe produzieren und eine unsichere Lage schaffen, heißt es zur Begründung.

Viele Menschen winken unserem Konvoi zu. Aber kaum ein Soldat winkt zurück. Lieutnant Guerreros Truppe ist ziemlich verunsichert; die Angst vor Selbstmordattentätern groß.

Ich würde mit Guerrero gerne ins Gespräch kommen, weil ich neugierig auf ihre Geschichte bin. Wie ist sie vom College in die irakische Wüste gekommen? Was sagt ihre Familie dazu? Wie kommt sie als Frau in der Männerwelt der Armee zurecht? Glaubt sie an diesen Feldzug oder ist es nur ein Job? Wie sehen ihre Zukunftspläne aus?

Viel zu heiß zum reden

Doch Guerrero weicht mir aus. Sie ist kurz angebunden, spricht nur das Nötigste mit mir. Meine Gegenwart ist ihr nicht recht. Ich fühle mich wie ein ungebetener Gast. Wenn der Krieg bloß irgendeine Veranstaltung wäre, würde ich mir jetzt ein Taxi rufen und gehen. Doch das geht nicht, es gibt hier keine Taxis und die Truppe von Guerrero kennt nur den Vorwärtsgang. Fast zehn Stunden dauert die Fahrt durch die Wüste. Ich sitze bei einem Sergeant im Humvee, besonders gesprächig ist er ebenfalls nicht. Immerhin ist er nicht unfreundlich. Ich tröste mich mit dem Gedanken, daß es zum Reden viel zu heiß ist.

Das Thermometer zeigt 45 Grad im Schatten. Bei solchen Temperaturen soll man viel Wasser trinken, aber wenn man viel trinkt, muß man oft pinkeln. Zum Pinkeln aber muß man anhalten. Im Krieg wird unterwegs aber nicht angehalten.

Glücklicherweise haben wir auf halber Strecke eine Panne. Während die eine Hälfte der Soldaten die Maschinengewehre entsichert und den Reifenwechsel militärisch abschirmt, geht die andere Hälfte der Kompanie austreten. Ein absurdes Bild: Die einen pinkeln, die anderen zielen mit Waffen in die Wüste.

Am Abend campiert die Truppe in einem nur dürftig bewachten Lager mitten im Irak auf offenem Gelände. Die Stadt An Nassaria ist nicht weit.

Die Geräuschkulisse des Camps besteht aus Explosionen und Schüssen. In Nassaria werde gekämpft, bestätigt BBC, die US-Marines haben die Stadt noch immer nicht unter Kontrolle.

Mein Kurzwellenempfänger ist inzwischen die wichtigste Informationsquelle. Wenn ich zur vollen Stunde die Nachrichten anknipse, hören manchmal 30 Soldaten und Offiziere zu. "Uns wird doch nichts erklärt. Wir wissen nicht wohin wir fahren, wie lange es dauern wird und welche Gefahren unterwegs lauern," beschwert sich Carl, ein Mechaniker, den ich auf der Fahrt kennengelernt habe.

Carl sieht ungefähr so aus wie Elliot, der Dicke aus Blues Brothers. Nur trägt er keinen schwarzen Anzug sondern Uniform. Sein LKW ist randvoll mit allem, was hier in der Wüste als Luxusware gilt: Klappstühle, Chips, Schokolade, Coca Cola. Kaffee gefällig? Kein Problem. Es gibt zwar keinen Campingkocher, doch mit einem Bunsenbrenner bringt Carl einen Metallbehälter mit Mineralwasser zum Sieden.

"Wie geht's meinem Kind?"

Carl verflucht den Tag, an dem er seinen Armeedienst verlängerte. Bevor Bush an die Regierung kam, hat er sich 1999 noch mal für fünf Jahre verpflichtet. Damals sah es so aus, als wäre Mechaniker bei den Pionieren ein krisensicherer, ungefährlicher Job.

Carl ist mit einer Deutschen verheiratet und lebt mit ihr und seinem kleinen Sohn in Hanau. Er hat Heimweh. Seine Frau ist im 5. Monat schwanger. Zur Geburt darf er nicht zurück.

Ich biete ihm mein Satellitentelefon an, weil er seit Wochen nicht mit seiner Familie sprechen konnte. Carl steigen die Tränen in die Augen. "Das darf ich nicht. So was ist streng verboten. Dafür stecken sie dich in den Bau."

Deswegen rufe ich bei Carl zu Hause an und bestelle seiner Frau viele Grüße von ihrem Mann. "Machen Sie sich keine Sorgen, hier ist alles o.k." behaupte ich. Carl steht ein paar Meter entfernt und winkt. "Wie geht's meinem Kind?", ruft er. "Wie geht's dem Kind?", frage ich. Eine Stunde später kommt Carl mit zehn Kameraden zurück - so werde ich zum Telefonisten der Truppe.



insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
dirk brauns, 24.03.2008
1.
der text ist langweilig. um mitzuteilen, was krieg ist, benötigt es etwas mehr als dieses verstockte gemurkse. abtreten, embedded mahlzahn. nochmal schreiben.
Indira Geisel, 29.03.2008
2.
Malzahn bei der US Armee in der irakischen Wüste erinnert nicht wenig an Isherwood in dem Berlin Weimars. Ein Beobachter ringt mit seiner Sympathie sowie mit seiner Skepsis gegenüber einen tollkühnen Gastgeber. Eine Vorahnung der Katastrophe, ehe sie anfängt: "Der Krieg liegt wie ein dunkler, endloser Tunnel vor mir." Aber eigentlich darf er nur über abgeschlossene Operationen schreiben.
johann legner, 30.03.2008
3.
ich bin malzahn dankbar für seinen beitrag und die risiken, die er dafür eingegangen ist. dazu gehört auch, sich mit dem verdacht auseinanderzusetzen, instrumentalisiert zu werden. beim lesen habe ich mich an diese tage der ungewissheit erinnert, die den beginn des irak-krieges prägten, an den der kampf mit den gasmasken, der damals für die angreifer alles beherrschte. im nachhinein scheint er das fanal des weiteren verlauf dieses krieges. der erwartete schrecken bleibt aus, aber die angst vor ihm wirft einen langen schatten und gebiert seinerseits schreckliches. vom ersten tag an ist alles ganz, ganz anders als erwartet. dies in erinnerung zurück zu rufen, zeichnet einen zeitzeugen aus.
Norbert Polster, 30.03.2009
4.
>der text ist langweilig. um mitzuteilen, was krieg ist, benötigt es etwas mehr als dieses verstockte gemurkse. >abtreten, embedded mahlzahn. nochmal schreiben. gott sei dank geschmackssache. ich werde mir das buch kaufen.
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