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14. März 2008, 20:31 Uhr

Feldzug gegen den Irak

Auge in Auge mit dem Krieg

Als "embedded journalist" erlebte Claus Christian Malzahn den US-Angriff auf den Irak im März 2003. Zwischen Raketenbeschuss und Gasalarm fragte er sich, wem dieser Krieg nutzen sollte. Fünf Monate später war er noch mal im Irak und erkannte: Der Krieg nutzte vor allem dem Terror.

Donnerstag, 20. März 2003

Camp Virginia, Kuwait, nahe der irakischen Grenze

Vor einer Woche bin ich im Krieg angekommen. Noch wird nicht geschossen. Aber bald. Seit ein paar Tagen wird scharfe Munition an die Soldaten ausgegeben.

Ich bin "eingebettet" in die 130. Pionierbrigade der US-Armee.

Was das bedeutet, hat mir ein Presseoffizier der Army folgendermaßen erklärt: "Sie sind immer ganz vorne dabei! Denken Sie einfach an Camping unter ziemlich primitiven Bedingungen. Sie werden im selben Zelt schlafen wie die Soldaten. Sie werden dieselbe Angst haben, Sie werden mit ihnen lachen und weinen, über den Sand und den Staub fluchen und nach ein paar Wochen von einer Badewanne träumen."

Die Pioniere lösen die technischen Probleme der Truppe. Sie sind sozusagen die Hausmeister des Krieges: Sie legen Brücken, räumen Minenfelder, bauen Straßen und, wenn es sein muß, auch ganze Zeltstädte. Etwa 500 Journalisten wurden auf die 135.000 Mann starke US-Armee, die an einem Irak-Krieg beteiligt sein wird, verteilt. Ein solches "Embedment-Programm" haben die Amerikaner zuletzt in Vietnam und davor während des 2.Weltkriegs organisiert.

Joggen mit Gasmaske

Jetzt trage ich einen Helm und eine Splitterweste. Seit einer Woche schlafe ich auf einer feldgrünen Pritsche in einem Mannschaftszelt. Seit meiner Ankunft habe ich etwa zwei Dutzend Soldaten kennengelernt. Die Namen und Dienstgrade schwirren in meinem Zivilistenkopf umher wie ein Bienenschwarm.

Ein junger Offizier namens Jon Stover nimmt mich in Empfang. Er ist unter anderem für die Kommunikation der 130. Pionierbrigade zuständig. Besonders gesprächig ist er

nicht. Meistens sagt er nur ein Wort: "Hua." Das bedeutet unter Soldaten so viel wie: Geht in Ordnung, alles klar, machen wir, habe verstanden. Stovers streichholzkopfkurze Haare machen ihn alterslos. Vermutlich ist er Mitte 20. Er scheint eine wichtige Figur zu sein. Im Kommandozelt hat er jedenfalls einen eigenen Schreibtisch und einen Computer mit Internetzugang - das haben nicht alle Offiziere mitten in der Wüste.

Die Idee des "Embedment" wurde nicht in der Truppe, sondern im Pentagon geboren. Die US-Regierung verspricht sich offenbar ein paar Vorteile durch diese enge, unmittelbare Berichterstattung. Wahrscheinlich rechnen sie sich aus, daß die Berichte aus dem Bauch der Truppe freundlicher ausfallen werden als Artikel, die aus der Distanz geschrieben

werden. Jedenfalls nehme ich das an.

Doch das ist nur die Theorie. In der Praxis ist dieser Vorgang für die Soldaten, mit denen ich in den kommenden Wochen mein Leben teilen werde, genauso neu und ungewöhnlich wie für mich. Und entsprechend wenig können wir miteinander anfangen.

In meinem Zelt leben etwa 30 Offiziere und Unteroffiziere. In den großen Mannschaftszelten übernachten bis zu 100 Soldaten. Sie arbeiten im Schichtbetrieb, irgendwer ist immer wach. Stover kommt morgens um sechs von seiner Nachtwache im taktischen Operationszentrum des 130. Pionierbattaillons zurück. Er fällt halbtot auf seine Pritsche. Vorher prüft er tastend, ob seine Gasmaske in Reichweite liegt. Er läßt sie nie aus den Augen. Er geht sogar mit Gasmaske joggen.

Bin ich zu nah dran?

Gegen die innere Unruhe vor dem Krieg kämpfen die Soldaten hier mir Routine. Ohne Helm und Splitterweste verläßt niemand das Zelt. Selbst beim Zähneputzen ist die Gasmaske um das linke Bein geschnallt.

Bisher war das Wetter die größte Belastung. Tagsüber steht die Hitze über dem Camp wie eine Glocke. Nachts aber ist es in der Wüste viel kühler als ich dachte. Spätestens gegen vier Uhr morgens bin ich in den vergangenen Nächten noch jedes Mal aufgewacht. Mit der Kälte im Mannschaftszelt muß hier nachts jeder alleine fertig werden, und mit seiner Angst auch. Der Vollmond beleuchtet matt die Unterkünfte von etwa 8000 Soldaten. Er scheint auf Panzer, Lastwagen, Offiziersfahrzeuge. Der ganze Fuhrpark des V. Corps ist vollgetankt und fertig zum Abmarsch.

Morgen Nacht soll es losgehen. Ich weiß das seit drei Tagen, aber ich darf es nicht verraten. Bevor ich "eingebettet" wurde, mußte ich einen Katalog unterschreiben, in dem ich unter anderem versichere, nur über bereits abgeschlossene Operationen zu schreiben. Auch präzise Ortsangaben über den Aufenthalt der Truppe sind während des Krieges nicht erlaubt. Ansonsten gilt: "Everything is on the record", alles darf zitiert werden. Diese Regeln erscheinen mir nicht ehrenrühriger als die Vereinbarungen, die Politiker und Journalisten beispielsweise in der Bundestagsberichterstattung getroffen haben. Allerdings bin ich mit den Leuten, über die ich in Bonn geschrieben habe, nicht in den Krieg gezogen. Bin ich zu nah dran? Abwarten.

Der Gedanke an den Kriegsausbruch weckt unterschiedliche Empfindungen in mir. Einerseits fürchte ich mich. Saddams Raketen, ein möglicher Einsatz von Biowaffen, Giftgas - dieses Szenario ist von geradezu überwältigendem Schrecken. Ich war zwar schon in Kriegsgebieten, doch diesmal bin ich mitten unter den Angreifern. Wenn auf die US-Armee geschossen wird, wird auch auf mich geschossen.

Nachts kann ich nicht schlafen. Der Wind prügelt auf die Zeltplanen, als würde eine Faust aus dem Himmel darauf einschlagen. Draußen tobt wieder ein Sandsturm. Tagsüber kann ich mich mit Gesprächen ablenken, aber nachts liegen meine Nerven blank. Der Krieg liegt wie ein dunkler, endloser Tunnel vor mir. Ich bin hundemüde, vor dem Zelt dröhnt ein Dieselgenerator. Bis zum Morgen halte ich mich an seinem Summen fest, einige der wenigen Konstanten, die hier

noch zu haben sind.

Freitag, 21. März 2003

Irakisch-Kuwaitisches Grenzgebiet

In einem Mini-Konvoi von zwei Humvees und einem Truppentransporter verlassen wir Camp Virginia am späten Nachmittag. Auf der breiten Sandpiste, die in Richtung irakische Grenze führt, sind Hunderte Militärfahrzeuge unterwegs: Panzer, Truppenfahrzeuge, Tanklastwagen, Lkw mit Containern voller Wasser und Essensrationen, Bulldozer, Kräne, Ambulanzwagen, Humvees mit schwerer MG, leichte Schützenpanzer; kurzum: alles, was die US-Armee zu Lande so zu bieten hat.

Der Humvee, in dem ich mitfahre, gehört zu Captain Scott Figlioli, einem Offizier aus Florida. Figlioli ist in Hohenfels stationiert und gilt im V. Corps als Herr der Bulldozer. Etwa zwei Dutzend Fahrzeuge, die er befehligt, sind an der Grenze im Einsatz, um Sandpisten in den Irak zu legen, auf denen das V. Corps dann vorstoßen kann.

Im Krieg verbringt ein Offizier eine Menge Zeit in so einem Humvee. Figliolis Fahrzeug ist vollgestopft mit Wasserflaschen, Proviant, Feldpritschen und Gepäck. Es gibt keinen Zentimeter Platz mehr, ich kann mich kaum bewegen. Und weil auf dem Autoboden lauter schwere Sandsäcke liegen, kann ich meine Beine nicht ausstrecken. Nach einer Stunde sind sie eingeschlafen.

"Kann man die Sandsäcke nicht einfach rauswerfen?"

Figlioli sieht mich mit Offiziersaugen an: "Willst du Deine Beine verlieren?" Falls wir auf eine Mine fahren, federn die Sandsäcke die Explosion ab. Also lieber unbequem fahren als gar nicht mehr laufen können.

Obwohl man schlecht sitzt, sieht es im Humvee aus wie in einem Wohnzimmer. Der Fahrer, ein junger Soldat aus Texas, hat das Foto seiner blonden Freundin, die wahrscheinlich noch zur Schule geht, auf das Armaturenbrett geklebt. Hinten rechts neben mir sitzt Will, ein Unteroffizier. Das Bild seiner Frau und seiner Tochter hängt ebenfalls in Sichtweite. Vor Figliolis Platz schaukelt ein kleiner US-Wimpel hin und her. Hinten hat Will eine Boom-Box mit CD-Player angeschlossen. Der Marsch auf Bagdad wird musikalisch mit Missy Elliot, Norah Jones und Avril Lavigne begleitet. Francis Ford Coppolas Hubschrauberangriff per Walkürenritt in Apocalypse Now war gar nicht so weit von der Wirklichkeit entfernt.

Fun im Krieg?

Figlioli will seinen Soldaten Mut zusprechen - nicht per Feldtelefon, sondern persönlich. Doch der Weg an die Front ist weit. Gegen vier Uhr nachmittags wird die Fahrt unterbrochen, weil Figlioli zu einer Offiziersbesprechung ins Camp New York gerufen wird.

Während Figlioli im Kommandozelt verschwindet, stehe ich mit den Soldaten vor den Fahrzeugen herum. Die Sonne senkt sich, langsam werden die Temperaturen erträglich. Einige Soldaten rauchen, andere gehen pinkeln, manche bewundern den Sonnenuntergang.

Ich unterhalte mich mit einer jungen LKW-Fahrerin. Sie fragt mich: "Do you have fun so far?"

Ich habe diese dämliche Frage schon oft gehört. Langsam macht sie mich wütend. Ich weiß, dieser lockere Ton ist eben die amerikanische Art, ein Gespräch anzufangen. Aber "fun", im Krieg, mitten in der Wüste?

"So würde ich das nicht unbedingt nennen", antworte ich. Die Soldatin sieht mich schuldbewußt an und nickt. Dann bestaunen wir einen Marienkäfer, der über ihren Handballen krabbelt und wundern uns, wie es der kleine Kerl geschafft hat, bis hierhin zu kommen. Und für ein paar Sekunden denken wir nicht mehr darüber nach, wo wir hier sind und was wir hier machen.

Das rächt sich natürlich sofort. Die Sirenen heulen los. Wir rennen über den riesigen Sandplatz. Dann gehen wir unter einer Batterie LKW in Deckung, Bunker sind keine da. Am schlimmsten ist dann diese Stille. Man hört nichts. Nur den eigenen Atem, der durch die Gasmaske fährt. Etwa hundert Vaterunser dauerte die Ungewissheit diesmal, und es war bisher die schlimmste. In solchen Momenten bin ich kein Journalist mehr sondern nur ein Häuflein Elend in der Wüste. Ich kämpfe gegen diesen Identitätsverlust, ich mache mir zitternd Notizen: Eine Soldatin betet ebenso leise wie atemlos, ein anderer trinkt mit einem Strohhalm Wasser durch seine Gasmaske. Den Marienkäfer hat die Soldatin in der Aufregung verloren.

Auch nachts haben wir noch zweimal Alarm. Die ABC-Anzüge ziehen wir inzwischen gar nicht mehr aus. Wir übernachten in der Nähe einer Stellung, die Marines ausgehoben haben. Zu viert dösen wir im Humvee vor uns hin. Plötzlich weckt mich ein Knall und ein zischendes Geräusch.

Ein halbes Dutzend Raketen fliegt genau auf uns zu. Ich weiß nicht, was ich machen soll und warte auf Figliolis Anordnungen. Der ruft nur: "Shit."

Die Raketen ziehen mit weißem Feuerschweif vielleicht 20 Meter an uns vorbei. Nach kurzer Zeit schlagen sie mit einem dumpfen Knall ein paar Kilometer weiter ein; kurze Blitze im Nachthimmel, da vorne muß die Front sein.

Kann man Tapferkeit üben?

Es waren keine irakischen, sondern amerikanische Raketen. Um ein Haar hätten sie Figliolis Humvee getroffen. "Friendly Fire" nennt man das, ein Euphemismus. Denn der Beschuss durch eigene Truppen ist vielleicht ein Fehler im Stellungskrieg, aber keineswegs freundlich. Für ein paar Momente hatten wir Todesangst. Es geht einem bemerkenswert wenig durch den Kopf, wenn man Todesangst hat. Es ist keineswegs so, daß das ganze Leben noch einmal an einem

vorbeiläuft. Das gibt es nur im Kino. In Wirklichkeit muß man sich sehr anstrengen, überhaupt etwas denken zu können. Es ist merkwürdig. Manchmal bin ich angesichts der Gefahr bei vollem Verstand, beim nächsten Mal wirft die Furcht vor dem Tod mich fast nieder. Kann man Tapferkeit

üben? Soll man das üben? Darf man so ein Wort überhaupt noch benutzen? In Deutschland ist man heute nicht mehr tapfer; man zeigt allenfalls Zivilcourage. Aber Zivilcourage im Krieg? Wie soll das denn aussehen? Also doch: Tapfer bleiben.

Auch Figlioli hat jetzt die Nase voll. Er gibt den Befehl zum Rückzug. An der Front ist es im Moment zu gefährlich. Er will erst am nächsten Tag auf die Suche nach den Bulldozern

gehen, die über eine Strecke von 60 Kilometern an der Front entlang verstreut sind.

Am nächsten Morgen hören wir über Funk, daß in der Nacht des Angriffs fünf Soldaten durch "friendly fire" ums Leben gekommen sind.

Samstag, 22. März 2003

Südirak

Die irakischen Sperranlagen sind an insgesamt zwölf Stellen durchbrochen worden, Figliolis Bulldozer sind auch noch mittags im Einsatz. Von der riesigen Armada des V. Corps, die hier gestern Nacht durchgezogen ist, sieht man nur noch eine riesige Staubwolke.

Die US-Armee kämpft etwa 60 Kilometer von hier vor An Nassaria. Außer einer amerikanischen Flagge, die munter auf einem Sandwall weht, ist nichts zurückgeblieben.

Auch per Satelliten-Telefon bekomme ich keine Funkverbindung mehr. Wir befinden uns ein paar Kilometer hinter den Sperranlagen, irgendwo in der südirakischen Wüste.

Wir übernachten unter freiem Himmel an der Grenze, in der Nähe eines verlassenen UNO-Checkpoints. Der Mond ist verschwunden. Es ist still, nur ab und zu höre ich das sonore Brummen einer B52. Das Geräusch hat für mich nichts Furchtbares; ganz im Gegenteil, ein fast behütender Ton hängt da am Himmel, und dann erschrecke ich über diesen Gedanken, weil dasselbe Geräusch in Bagdad jetzt Menschen in Keller und Bunker fliehen läßt und Panik auslöst.

Ich leihe mir ein Nachtsichtgerät und starre sprachlos eine Stunde lang in einen Himmel voller Sterne; tausende Planeten funkeln mich an, wie ein Schirm aus Licht. Das beruhigt mich, und zum ersten Mal seit Tagen weicht meine Angst einer unbestimmten Zuversicht. Ich glaube wieder fest daran, daß mir hier nichts passieren wird.

Montag, 24. März 2003

Camp Virginia, Kuwait

Der schnelle Vormarsch durch die Wüste sorgt in der Truppe für gute Laune. "Das ist kein Krieg, sondern ein Spaziergang" trompetet ein Offizier, bevor er im Kommandozelt verschwindet. Doch die Stimmungen schwanken hier schnell. Ein paar Stunden später scheinen die Soldaten unter Depressionen zu leiden.

Die Nachricht von der Gefangennahme mehrerer Soldaten, die Berichte von dem heftigen Widerstand der irakischen Armee in Um Kassr haben die Stimmung ziemlich ruiniert.

"Warum jubeln die nicht?" fragt sich ein Soldat im Kommandozelt, als er TV-Bilder von irakischen

Einheimischen sieht, die teilnahmslos, fast skeptisch, zusehen, wie Amerikaner die Strassen entlangfahren. Die Amerikaner haben sich bisher als Befreier gesehen, aber irgendwie machen die Irakis nicht mit. Im Gegenteil. Die Berichte über den hartnäckigen Widerstand von Saddams

Armee in Um Kassr irritiert die Offiziere.

"Hoffentlich gibt es keinen Straßenkampf. Das können wir nämlich nicht" sagt Eric, ein Soldat, den ich vor ein paar Tagen an der Grenze kennengelernt habe. Eric, Anfang 30, gehört zu den Krisenspezialkräften, einer Sondereinheit der Armee. Er hat 1993 in Somalia gekämpft. "Wir haben da ziemlich alt ausgesehen", sagt Eric.

Das Wort "Somalia" höre ich heute ziemlich häufig. Die meisten Soldaten hier im Camp David waren zwar nicht dabei, als die Amerikaner in Mogadischu zwei Kampfhubschrauber und fast 20 Soldaten verloren haben. Den Film Black Hawk Down von Ridley Scott kennen aber alle. Seine atemlosen, blutigen Bilder haben die Soldaten hier im Kopf, wenn sie jetzt an Basra, Um Kassr oder Bagdad denken.

Eric ist ein ziemlich ausgeschlafener, intelligenter Bursche. Ich habe die ganze Zeit das Gefühl, daß er viel mehr weiß, als er sagt. In der Geschichte des Irak kennt er sich ganz gut aus. Die meisten Soldaten, haben keine Ahnung, welches Land sie gerade erobern. Die Truppen bekommen am Flughafen in Kuwait-City eine kurze Lektion per Overhead-Projektor, in denen ihnen gesagt wird, daß sie die Finger von muslimischen Frauen und Alkohol lassen sollen. Das wars. Zuviele Informationen schaden bloß, lautet die Devise.

Sonntag, 30. März 2003

Irakische Grenze

Gegen neun Uhr morgens fahre ich mit einem Konvoi von etwa 20 Fahrzeugen los. Das Kommando hat Lieutenant Rose Guerrero, eine 24-jährige Texanerin. Es ist ihr erster größerer Einsatz, sie ist nervöser als ich. Ständig läuft sie hin und her. Vor der Abfahrt hält sie mit gepreßter Stimme eine kurze Rede an die Truppe.

"Da draußen ist alles voller Terroristen. Wenn ein Kind auf die Straße läuft - nicht stoppen. Es könnte ein Trick sein. Wir halten nicht an, wenn wir im Irak sind. Auch unter Beschuss fahren wir weiter."

Kein Mensch redet hier mehr von Befreiung. Seit es Selbstmordattacken auf amerikanische Truppen gab, ist den Amerikanern jeder Iraker verdächtig, sogar Kinder.

Bevor der Konvoi sich in Gang setzt, kommt auch noch der Militärpfarrer der 130. vorbei. Die Soldaten nehmen die Helme ab. Der Pfarrer segnet die Truppe und behauptet: "Gott ist auf eurer Seite." Den jungen Soldaten scheint dieser Segen sehr wichtig zu sein. Sie beten mit geschlossenen Augen.

Bisher habe ich vor allem mit den Offizieren vom taktischen Operationszentrum zu tun gehabt. Jetzt werde ich ein paar Tage unter ganz normalen Soldaten leben. Die meisten von ihnen sind nicht mal 20 Jahre alt.

Mit Hip-Hop in den Krieg

Unteroffizier Marstaller hat sich vor der Abfahrt eine Glatze rasieren lassen. Er raucht billige Virginia-Zigarren, spuckt ständig auf den Boden - und ansonsten große Töne.

"Schreibst du für uns oder gegen uns?", fragt er mich forsch vor der Abfahrt. "Das hängt von Dir ab. Ich schreibe auf, was ich sehe!", antworte ich. Die Antwort scheint ihm nicht zu passen. Mürrisch zieht er wieder ab.

Marstaller scheint wie die meisten Rekruten, die jetzt in Richtung Irak aufbrechen, die High-School noch nicht lange verlassen zu haben. Sie tragen Piratenkopftücher, Sonnenbrillen und hören Hip-Hop auf ihren LKW. Fast sieht es so aus, als wollten sie zur Love Parade und nicht in den Krieg.

An der Grenze zum Irak stoppt uns die Militärpolizei. Der befehlshabende Offizier will Guerreros Kinderkreuzzug nicht durchlassen. Schon in der ersten Stadt hinter der Grenze sei mit Heckenschützen zu rechnen. Der Konvoi hat nicht genügend Feuerkraft, nur ein schwenkbares MG auf einem LKW.

Wir sollen bis morgen warten, dann wird der Konvoi von einigen Schützenpanzern der MP begleitet und gesichert. In der Dämmerung filmen ein paar Kollegen von BBC an der Grenze. Sie sind mit einem riesigen Wohnmobil und zwei Jeeps unterwegs. Sie tragen Zivil. Ich trage dagegen seit heute morgen einen ABC-Schutzanzug, selbst aus der Nähe wirke ich in dem Camouflage-Dress wie ein Soldat. Das will ich nicht. Aber ich kann im Moment nichts dagegen tun, der Anzug ist Vorschrift, ohne ihn, Helm und Splitterweste, komme ich nicht in den Irak.

Die BBC-Kollegen schenken mir Kartoffelchips und Kekse, weil sie gehört haben, das Essen bei der US-Armee sei schlecht. Dann sagen sie: "Wir beneiden Dich. Du kannst morgen da rein. Wir müssen draußen bleiben." Für nicht eingebettete Journalisten bleibt die Grenze dicht. Ein kleiner

Pressekonvoi durfte zwar am Morgen in Sawan, einer irakischen Grenzstadt, filmen. Aber dann wurden die Kollegen von Heckenschützen ins Visier genommen und beschossen. Der Konvoi raste wieder zurück nach Kuwait.

Montag, 31. März 2003

Camp Ladder bei An Nassaria, Irak

Die Fahrt durch Sawan verläuft völlig problemlos. Statt auf Heckenschützen treffen wir auf hungrige Kinder und bettelnde Frauen am Straßenrand.

Danach fahren wir auf einer sechsspurigen Autobahn Richtung Norden. Außer Militärfahrzeugen ist fast niemand unterwegs. Nur wenige Irakis trauen sich auf die Straße, an ihren Autos haben sie weiße Fahnen befestigt.

Der Irak scheint kaum bevölkert zu sein. Nur ein paar Nomaden halten leere Wasserflaschen hoch. Aber den Soldaten ist verboten, Nahrungsmittel aus den Wagen zu werfen. Damit würde man nur Menschenaufläufe produzieren und eine unsichere Lage schaffen, heißt es zur Begründung.

Viele Menschen winken unserem Konvoi zu. Aber kaum ein Soldat winkt zurück. Lieutnant Guerreros Truppe ist ziemlich verunsichert; die Angst vor Selbstmordattentätern groß.

Ich würde mit Guerrero gerne ins Gespräch kommen, weil ich neugierig auf ihre Geschichte bin. Wie ist sie vom College in die irakische Wüste gekommen? Was sagt ihre Familie dazu? Wie kommt sie als Frau in der Männerwelt der Armee zurecht? Glaubt sie an diesen Feldzug oder ist es nur ein Job? Wie sehen ihre Zukunftspläne aus?

Viel zu heiß zum reden

Doch Guerrero weicht mir aus. Sie ist kurz angebunden, spricht nur das Nötigste mit mir. Meine Gegenwart ist ihr nicht recht. Ich fühle mich wie ein ungebetener Gast. Wenn der Krieg bloß irgendeine Veranstaltung wäre, würde ich mir jetzt ein Taxi rufen und gehen. Doch das geht nicht, es gibt hier keine Taxis und die Truppe von Guerrero kennt nur den Vorwärtsgang. Fast zehn Stunden dauert die Fahrt durch die Wüste. Ich sitze bei einem Sergeant im Humvee, besonders gesprächig ist er ebenfalls nicht. Immerhin ist er nicht unfreundlich. Ich tröste mich mit dem Gedanken, daß es zum Reden viel zu heiß ist.

Das Thermometer zeigt 45 Grad im Schatten. Bei solchen Temperaturen soll man viel Wasser trinken, aber wenn man viel trinkt, muß man oft pinkeln. Zum Pinkeln aber muß man anhalten. Im Krieg wird unterwegs aber nicht angehalten.

Glücklicherweise haben wir auf halber Strecke eine Panne. Während die eine Hälfte der Soldaten die Maschinengewehre entsichert und den Reifenwechsel militärisch abschirmt, geht die andere Hälfte der Kompanie austreten. Ein absurdes Bild: Die einen pinkeln, die anderen zielen mit Waffen in die Wüste.

Am Abend campiert die Truppe in einem nur dürftig bewachten Lager mitten im Irak auf offenem Gelände. Die Stadt An Nassaria ist nicht weit.

Die Geräuschkulisse des Camps besteht aus Explosionen und Schüssen. In Nassaria werde gekämpft, bestätigt BBC, die US-Marines haben die Stadt noch immer nicht unter Kontrolle.

Mein Kurzwellenempfänger ist inzwischen die wichtigste Informationsquelle. Wenn ich zur vollen Stunde die Nachrichten anknipse, hören manchmal 30 Soldaten und Offiziere zu. "Uns wird doch nichts erklärt. Wir wissen nicht wohin wir fahren, wie lange es dauern wird und welche Gefahren unterwegs lauern," beschwert sich Carl, ein Mechaniker, den ich auf der Fahrt kennengelernt habe.

Carl sieht ungefähr so aus wie Elliot, der Dicke aus Blues Brothers. Nur trägt er keinen schwarzen Anzug sondern Uniform. Sein LKW ist randvoll mit allem, was hier in der Wüste als Luxusware gilt: Klappstühle, Chips, Schokolade, Coca Cola. Kaffee gefällig? Kein Problem. Es gibt zwar keinen Campingkocher, doch mit einem Bunsenbrenner bringt Carl einen Metallbehälter mit Mineralwasser zum Sieden.

"Wie geht's meinem Kind?"

Carl verflucht den Tag, an dem er seinen Armeedienst verlängerte. Bevor Bush an die Regierung kam, hat er sich 1999 noch mal für fünf Jahre verpflichtet. Damals sah es so aus, als wäre Mechaniker bei den Pionieren ein krisensicherer, ungefährlicher Job.

Carl ist mit einer Deutschen verheiratet und lebt mit ihr und seinem kleinen Sohn in Hanau. Er hat Heimweh. Seine Frau ist im 5. Monat schwanger. Zur Geburt darf er nicht zurück.

Ich biete ihm mein Satellitentelefon an, weil er seit Wochen nicht mit seiner Familie sprechen konnte. Carl steigen die Tränen in die Augen. "Das darf ich nicht. So was ist streng verboten. Dafür stecken sie dich in den Bau."

Deswegen rufe ich bei Carl zu Hause an und bestelle seiner Frau viele Grüße von ihrem Mann. "Machen Sie sich keine Sorgen, hier ist alles o.k." behaupte ich. Carl steht ein paar Meter entfernt und winkt. "Wie geht's meinem Kind?", ruft er. "Wie geht's dem Kind?", frage ich. Eine Stunde später kommt Carl mit zehn Kameraden zurück - so werde ich zum Telefonisten der Truppe.

Dienstag, 1. April 2003

Camp Bushmaster bei An Nadschaf, Irak

Der Konvoi ist fast am Ziel. Es dämmert, meine Pritsche habe ich neben dem Humvee aufgebaut. Plötzlich geht das Gehupe wieder los. Also: Gasmaske auf, es sind mal wieder Raketen im Anmarsch. Ich habe es so satt.

Ich klebe mir das Ding genervt ins Gesicht. Ein Sergeant rasiert sich erst zu Ende und trocknet sich ab, bevor er sich seine Maske überzieht. Bisher ist ja nie was passiert.

Und dann kommt plötzlich ein Unteroffizier von der Militärpolizei und brüllt: "Positive Testergebnisse. Saddam setzt Giftgas ein!"

Okay, denke ich mir, auf Wiedersehen. Das war es dann wohl.

Von weitem sehe ich, wie Marstaller, dieser glatzköpfige Angeber, bleich wird. Er kommt mit seiner Maske nicht zurecht, die Gummibänder haben sich verheddert.

Ich prüfe die Ösen meines Chemieanzuges, setze mich in den Humvee und schließe meine Augen. Ich zähle meine Atemzüge, mehr fällt mir nicht ein, um mich abzulenken. Und wieder habe ich das Gefühl, daß das alles gar nicht passiert. So blöde kann doch keiner sein. Trautman hat mich gestern angestarrt wie einen Irren, als ich ihm sagte, ich wäre freiwillig hier.

Nach ein paar Stunden gibt es Entwarnung. Der Alarm basierte auf einer Fehlmessung des ABC-Trupps, die ständig ihre Testampullen in den Wind halten.

Eigentlich könnten wir jetzt in das Camp fahren. Da wäre es etwas sicherer als hier. "Bushmaster" wurde zwar in den vergangenen Tagen mit Mörsern beschossen; getroffen wurde aber niemand. Außerdem ist das Camp mit Stacheldraht, Sandwällen und Gräben vor Überfällen gesichert. Hier draußen in der Wüste bin ich viel ungeschützter.

Aber wir dürfen nicht rein. Wieso wir warten sollen, ist mir ein Rätsel, auch die Offiziere wissen es nicht. Befehl ist Befehl, meine Fragen irritieren hier bloß. Die 565. ist nicht meine Lieblingstruppe. Hoffentlich treffe ich Captain Figlioli wieder, wenn wir morgen endlich aufs Gelände dürfen.

Mittwoch, 2. April 2003

Camp Bushmaster, Irak

Unser von Teenagern bewachter Konvoi wird im Morgengrauen angegriffen. Es ist Einzelfeuer zu hören, ganz nah peitschen die Schüsse an den Wagen vorbei. Während die Soldaten links und rechts mit ihren durchgeladenen MP's in Stellung gehen, krieche ich unter den Humvee und verkrieche mich hinter einem Autoreifen. Alle sind bewaffnet, ich habe bloß einen Bleistift. Ich fühle mich ziemlich schutzlos. Angst habe ich komischerweise nicht, aber der Krieg mit seinem "hurry and wait" fängt an, mir auf die Nerven zu gehen.

Eine Stunde vergeht, ohne das etwas geschieht. Wer auch immer auf die Fahrzeuge gefeuert hat, muß gleich wieder abgehauen sein. Man kann so eine Armee auch mit geringem Einsatz auf Trab halten.

Das Lager macht einen brauchbaren Eindruck. Das Zentrum besteht aus einem verlassenen Industriegebäude, in dem das 94. Pionierbataillon seinen Stab eingerichtet hat. Um das Gebäude herum wird auf Wüstensand Zelt neben Zelt errichtet.

Ich bekomme eine Luxussuite im Industriebau; ein 15 Quadratmeter großer Raum, den ich mir mit drei Männern teile. Nachts werde ich nicht mehr so frieren, tagsüber ist es nicht so heiß.

Es gibt natürlich kein fließendes Wasser. Aber an das Waschen mit feuchten Baby-Wipes habe ich mich inzwischen gewöhnt. Wahrscheinlich stinken wir hier längst alle wie Ochsen, aber es fällt niemandem mehr auf. Die Pioniere haben sogar schon Latrinen aufgebaut. Dafür sollten sie Orden bekommen.

Ich treffe Scott Figlioli wieder, mit dem ich an der Grenze war. Er lädt mich sofort in seinen Humvee ein. Seine Bulldozer sind schon wieder unterwegs, sie verbreitern die Straße nach Bagdad. Der Job ist gefährlich, denn die Gegend links und rechts der Piste ist stark vermint. Der Weg nach Norden führt durch einen ausgetrockneten Salzsee. Es ist furchtbar heiß. Drei bis vier Liter Wasser sollen wir täglich trinken.

Doch die im Humvee gelagerten Plastikflaschen werden durch den Fahrtwind erhitzt. Das Thermometer an meinem Taschenmesser zeigt 48 Grad im Schatten. Es kostet echte Überwindung, heißes Wasser zu trinken, wenn man Durst hat.

Freitag, 4. April 2003

Camp Bushmaster, Irak

Wir dürfen endlich die ABC-Anzüge ausziehen. Die Iraker sind angeblich nicht mehr in der Lage, Raketen abzufeuern. Ihre Kommando- und Koordinationszentren seien zerstört, berichtet ein Offizier. Ali ist begeistert; er bleibt sauber. Wir müssen nicht mehr schwitzen. Und ich kann endlich wieder Zivil tragen.

Ich fahre mit Figlioli ein paar Posten Richtung Norden ab. Es ist nicht viel los. Unterwegs sehe ich Nils in seinem Humvee. Immer wenn ein Kind an der Straße steht, fährt er rechts ran und verteilt Bonbons und Wasser. Offiziell ist das noch verboten. Aber Nils Vorgesetzter, Sergeantmajor Sergio Riddle, hält überhaupt nichts von dem Fraternisierungsverbot.

"Wenn uns die Kinder trauen, kommen auch die Erwachsenen zu uns. Und die sagen uns dann, wo die Minenfelder sind und die Chemiewaffen liegen." Von Saddams Massenvernichtungswaffen fehlt bisher jede Spur. Riddle bereitet das Sorgen. "Wo hat er das Zeug bloß versteckt?"

Juni 2003

Deutschland

Der Krieg ist nicht vorbei. Ich bin wieder zu Hause, aber die fünf Wochen Irak lassen mich nicht los. Ostern habe ich mit Freunden am Chiemsee verbracht, zwischen blühenden Geranien und blitzenden Berggipfeln. Das war sehr erholsam, trotzdem macht mich die Idylle in Deutschland mißtrauisch. Ist die seeblaue Ruhe am Chiemsee eigentlich selbstverständlich - oder sind es die schmutzigen Rauchpilze, die im Irak weiter in den Himmel wachsen? Leben wir am Chiemsee im Normalzustand oder in Bagdad? Ich weiß es nicht mehr.

Auf einer Podiumsdiskussion beim NDR in Hamburg werde ich vom Moderator gefragt, ob Kriegsberichterstatter ihr Leben riskieren müssen. "Ja", antworte ich. Alles andere wäre gelogen. Manche Zuhörer möchten gerne, daß ich ihnen bestätige, was für ein durchtriebener Propagandatrick "embedded journalism" gewesen ist. Leider kann ich diese Herrschaften nicht bedienen. Ich bin im Irak weder zensiert noch von Presseoffizieren manipuliert worden. Ich war manchmal nur ziemlich alleine. Dieser Krieg läßt mich ratlos zurück. Ich kann nicht erkennen, daß er für irgendwas gut war.

Montag, 18. August 2003

Camp Bushmaster bei An Nadschaf, Irak

Ich bin zurück im Irak, diesmal ohne Armeebegleitung. Die Soldaten sind aus Camp Bushmaster lange verschwunden. Das Zimmer, in dem ich mit Tom Sawyer, Mils und Ali übernachtet habe, wird gerade renoviert. Die neu gegründete Ölpolizei hat das Gelände übernommen. Sie sollen die Pipelines bewachen, die hier durch die Wüste laufen.

Ich frage die Bauarbeiter, ob sie wissen, daß die Amerikaner hier einen Stützpunkt hatten. Schon, schon, antworten sie. Aber ansonsten sind sie froh, daß sie weg sind. Würden sie gegen die Amerikaner auch kämpfen? "Wir werden alles tun, was uns unsere religiösen Führer auftragen!", sagt der Vorarbeiter. Es scheint sich nicht viel geändert zu haben in diesem Land.

Mittwoch, 20. August 2003

Bagdad, Flowerland-Hotel

Gestern, gegen 16.30, zitterte meine Fensterscheibe. Ein grauer Rauchpilz zieht in den blauen Himmel. Die Detonation ist in der ganzen Stadt zu hören.

Kabul scheint mir im Vergleich zu Bagdad ein Ort der Ruhe und Entspannung zu sein. Täglich höre ich zwei bis drei Explosionen, abends kann man kaum auf die Straße, weil irgendwer immer gerade auf irgendwen schießt. Auch Journalisten schweben als Chronisten der Kreuzritter in Gefahr. Ich habe es satt, eine Zielscheibe zu sein.

Als der Selbstmordattentäter seinen LKW vor die UNO fuhr, fand gerade eine Pressekonferenz statt. Dutzende Journalisten wurden verletzt. Ich habe diese Veranstaltung zum Thema Minen geschwänzt und hatte deshalb sogar ein schlechtes Gewissen. Stattdessen habe ich die Kunstgalerien in der Nähe des Palestine-Hotels besucht und mir ein Bild von einem jungen, irakischen Maler gekauft. Es zeigt drei Figuren, die an die dünnen Bronzefiguren Giacomettis erinnern. Der Maler sei früher Bildhauer gewesen, erklärt mir der Galerist, der froh ist, nach Monaten mal wieder einen Kunden im Laden zu haben. Das Bild heißt Frog of Furok. Mit etwas Fantasie zeigt es die geknechtete irakische Kreatur. Ich würde mich jetzt gerne mit dem Maler unterhalten, aber ich muß mich um die Explosion kümmern.

Ich springe in ein Taxi. Der Fahrer kann kein Englisch. Ich sage: "Bumm", eine Ortsbeschreibung, die man im Irak inzwischen versteht.

Nach 20 Minuten sind wir am Tatort. Schwarzer Qualm verdunkelt den blauen Himmel, drei Apache-Hubschrauber kreisen wie wütende Hornissen in der Luft. Das Uno-Hauptquartier, etwa 300 Meter entfernt, ist ein Trümmerfeld. Von Dutzenden Toten ist die Rede. Ein paar verzweifelte Frauen versuchen, durch eine Absperrung zu kommen. Ihre Männer arbeiten offenbar für die UN-Verwaltung.

Abends fahre ich mit ein paar Kollegen zu einem Restaurant am Tigris. Wir bestellen Karpfen. Beim Essen unter dem Sternenhimmel fliegen uns plötzlich die Kugeln um die Ohren. Wir stecken im Kreuzfeuer zweier Gangs. Wir gehen in Deckung. Nach 30 Sekunden ist es wieder ruhig. Es hat keinen Zweck, mitten im Wahnsinn Normalität simulieren zu wollen. Morgen fliege ich über Amman zurück nach Berlin.

Freitag, 10. Oktober 2003

Hanau, US-Base, Deutschland

Ich habe eine E-Mail von Nils Gransberg bekommen. Er durfte die Truppe verlassen und macht auf dem Weg in die USA einen Zwischenstopp in Hanau.

Wir treffen uns mittags vor einem Hotel. Nils trägt Uniform. Vor ein paar Tagen hat er geheiratet. Solche Sachen nimmt man sich im Krieg vor: Heiraten, Kinder bekommen, jemanden um Verzeihung bitten, eine Wallfahrt machen. Ich kenne das jetzt.

Ich habe mir bei einem Raketenangriff in der Wüste auch geschworen, ein paar Sachen zu tun, wenn ich heil wieder herauskomme aus diesem Embedment. Aber ich werde nicht verraten, was, weil das nur Leute verstehen können, die auch im Krieg waren - und die anderen nichts angeht.

Hanau ist häßlich. Alle Häuser wurden nach 1945 gebaut. Als nachts die englischen Bombenflieger kamen, hat man in Hanau absichtlich das Licht angelassen, damit die Navigatoren Hanau mit Frankfurt verwechselten. In Frankfurt wurde auf Befehl des Führers hin alles verdunkelt. Die Strategie ging auf. Von Hanau blieb nichts übrig, außer einer Kirchenruine.

Wir verabreden uns für den Abend zum Essen in einem italienischen Restaurant. Nils bringt drei Freunde mit, die auch gerade aus dem Irak zurückkehren durften. Ich frage sie, ob sie nicht verraten wurden von ihrem Präsidenten. Schließlich wurden keine Massenvernichtungswaffen gefunden.

Aber Soldaten versuchen immer an ihren Krieg zu glauben, auch wenn es vielleicht der falsche war. Ein Freund von Nils sagt: "Besser, wir bekämpfen die Terroristen im Irak, als wenn die alle in die USA kommen und sich da in die Luft jagen." Mit dieser Fliegenfänger-Theorie wappnen sich die Soldaten gegen den Vorwurf, an einem ungerechten Feldzug teilgenommen zu haben. Wir wechseln das Thema und reden ein bißchen über neue amerikanische Fernsehserien wie die Sopranos und 24. Sie sind einfach leichter zu beurteilen als ein Krieg, von dem wir im Moment nicht wissen, wann er je zu Ende sein wird.

Eines scheint jedenfalls klar: Ein Abzug der US-Armee würde den Terror und die Gewalt im Irak nicht beenden.

Plötzlich malt Nils eine Skizze von seinem Humvee auf eine Serviette. Ich kenne den Wagen, ich bin ja oft genug mitgefahren.

"Sie standen oben auf einer Brücke", sagt Nils, "etwa zehn Mann, alle vermummt." Acht oder neun Raketen haben sie abgefeuert, eine traf unseren Humvee. Die Rakete schlug hinten ein, genau in das Rücklicht; flog dann am Tank vorbei und trat vorne durch den Scheinwerfer wieder aus. Das war Anfang Mai, nördlich von Bagdad. Aber Nils ist noch am Leben. "Die Rakete ist nicht explodiert," sagt er. Er sitzt mir gegenüber, trägt einen Trauring am Finger, trinkt Rotwein und stößt mit mir an. Wir trinken auf ein gutes Leben.

Nils Gransberg, 23, wird hoffentlich steinalt.

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