Geboren in den Sechzigern Wir Babyboomer

Diese Generation ist die Höhe: Nie wieder gab es so viele Kinder in Deutschland. Heute sind sie Fortysomethings und blicken selbst zurück. Martin Rupps spürt den Jahrgängen nach, die mit Drei-Wetter-Taft, dem G-3-Gewehr und nur drei Parteien aufwuchsen - und deren prägendstes Erlebnis keineswegs der Mauerfall war.

Martin Rupps

Am 24. April 1982 gewinnt Nicole, Jahrgang 1964, mit dem Lied "Ein bisschen Frieden" den Grand Prix d'Eurovision de la Chanson. Jetzt sind wir noch nicht Papst, aber immerhin dem Schlagerhimmel nahe. Wie sie da sitzt mit guter Schwiegertochter-Miene, die weißlackierte Gitarre zupft und ihre Friedenssehnsucht in die Kamera singt. Wie ihr Drei-Wetter-Taft-Haar im Fernsehlicht funkelt und das Publikum applaudiert, als sie plötzlich in Englisch singt, weil der Friede eine Sache der ganzen Welt ist - da erkannte auch ich, dass Nicole, die Friedensbotin, Marmor, Stein und Eisen bricht.

So wie Nicole dachten auch ein paar andere, doch die hatten nicht gesungen, sondern geschwiegen. Sie standen einfach da und schwiegen. Ich erinnere mich, dass ich zur Bundeswehr-Zeit an einem Samstag Dienst mit der Waffe

tun musste, wobei mich der verlorene Samstag mehr nervte als das - natürlich mit Platzpatronen bestückte - Gewehr G3 in der Hand. Ein Musketier trägt schließlich auch einen Degen. Mein Auftrag lautete, die Kaserne vor Übergriffen zu schützen. Die gingen von einer sogenannten Menschenkette aus, einer Gruppe händchenhaltender Demonstranten, die das Kasernengebäude nichts weniger als umzingelten, und auf deren Plakaten stand: "Frieden schaffen ohne Waffen!"

Zusätzlich fiel mir auf, dass es unter den Friedensbewegten hübsche Mädchen und Frauen gab, die leider figurverbergende, sicher selbstgestrickte Pullover trugen.

Blechschilder auf Frauenkörpern

An dem Platz, wo ich einen schönen Frauenkörper vermutete, befanden sich Blechschilder mit Sätzen wie "Atomkraft nein danke" und "Nie wieder Krieg". Diese Demonstranten waren ja lustig! Redeten vom Frieden, während ich doch Lebenszeit und Muskelschmerz hergab, um ihn zu sichern. Jedenfalls behauptete das der Bundesverteidigungsminister, der für die Babyboomer-Jahrgänge zunächst Hans Apel, später Manfred Wörner hieß.

Apel und Wörner gehörten zwar unterschiedlichen Parteien an, aber beide ließen sich, um ihre Liebe zum Amt zu zeigen, auf Panzern, mit einem Fernglas in der Hand, fotografieren.

Als ich beim "Bund" war, kümmerte sich Wörner um meine Moral. Er schrieb mir, ich glaube zweimal die Woche, in einem Faltblatt, das auf meinem Stubengang ausgelegt wurde. So war ich zwar nicht gegen die schönen Frauen aus der Menschenkette immunisiert, aber doch gegen die merkwürdigen Gedanken, die sie beim Date loswerden würden.

Zu den glückhaften Zufällen meines Lebens gehört, dass Babyboomer zwar der "Friedensbewegung" angehört, aber sie nicht begründet haben. Dafür waren wir zu jung. Aber dieses Denken hat einige von uns erfasst und schaffte es, ihr Leben zu verändern.

Mit Ghandi gegen die Rote Armee?

Ich hätte es voraussehen müssen.Während meiner Schulzeit bekamen wir an einem Vormittag frei, um einen Vortrag anzuhören - ein Autor stellte sein Buch über "Soziale Verteidigung" vor. Er war der Meinung, der Westen sollte total abrüsten und für den Fall, dass die Russen kommen, passiven Widerstand leisten, so wie es Mahatma Gandhi einst den Indern gelehrt hatte. Die Briten hatten Indien verlassen, die Russen würden auch Westdeutschland wieder räumen. Soziale Verteidigung, ganz ohne Waffen. Die ersten hundert Verweigerer würden erschossen (was der Buchautor natürlich nicht sagte), danach musste die Moral der Angreifer zusammenbrechen.

Auf die meisten Zuhörer machte die Theorie einen starken Eindruck. Sie kauften das Buch und legten es zu Hause auf den Stapel der anderen Bücher, die sie auch noch lesen wollten.

Für uns Babyboomer war die Debatte um die "Nachrüstung" das erste politische Großerlebnis. Bundeskanzler Helmut Schmidt hatte weitere Mittelstreckenwaffen für Westeuropa gefordert für den Fall, dass die Sowjetunion ihre Überzahl auf diesem Feld nicht abbaut. Schmidt konnte nicht ahnen, dass sich an dieser gesamtstrategisch eher unwichtigen Frage ein neues, seit Anfang der siebziger Jahre wachsendes Bewusstsein verfing - das Bewusstsein, dass mit irrsinnigen Entwicklungen wie dieser endlich Schluss sein musste.

"Hurra, die Schule brennt!"

Eine Umweltbewegung verlangte mehr Schonung für den Planeten Erde. Eine Frauenbewegung forderte die tatsächliche Gleichstellung von Frau und Mann. Schwule und Lesben bemühten sich erstmals öffentlich um ihre gesellschaftliche Anerkennung. Die "Atomkraft nein danke"-Bewegung warnte vor Gefahren der Kernenergie. Und jetzt rief die Regierung Schmidt auch noch nach neuen Waffen! Viele Menschen waren das Wettrüsten über ihre Köpfe hinweg leid.

Die Welt schien aus den Fugen. In meiner Schule tauchte ein sogenannter "Jugendoffizier" auf, um alles zu erklären, doch er wurde ausgebuht. Kein Tag verging, an dem man nicht irgendeine Podiumsdiskussion besuchen konnte. Vier Disputanten, darunter immer eine Frau mit Doppelnamen, wetterten gegen eine "Nachrüstung", ein Teilnehmer sprach sich dafür aus. Das war meistens der Vorsitzende des Ausschusses Sicherheitspolitik des Kreisverbandes Sowieso der Christlich Demokratischen Union (CDU).

Wir Babyboomer mussten uns zu dieser Verrohung der politischen Kultur irgendwie stellen. Die Podiumsdiskussion mag noch angehen, aber was ist mit der Demo am Samstag vor dem Kreiswehrersatzamt, das die kommenden Soldaten

mustert? Oder mit dem Open-air-Konzert von BAP und den Bots ("Alle Menschen, die ein besseres Leben wünschen, sollen aufstehen") im Stadion? Gehe ich in das Konzert der Gruppe "Gewitterwolke" oder in den Kinofilm "The day after", der uns von der Welt nach einem Atomschlag erzählt, oder halte ich es mit dem Spielfilm heute abend im ZDF, dem Peter-Alexander-Thriller "Hurra, die Schule brennt!" Da gibt es auch ein Feuer.

Luftballons und Mittelstreckenraketen

So jung, wie wir waren, hat uns diese Zeit mehr geprägt als später der Fall der Mauer. Einmal führte eine Menschenkette von Stuttgart nach Ulm, Bilder aus dem Hubschrauber gaben in der "Tagesschau" einen Eindruck von ihrer Länge.

Auf Kirchentagen stritten Christen darüber, ob ein Ja zu Mittelstreckenwaffen mit dem Glauben vereinbar ist. Nena glückte mit "99 Luftballons" der erfolgreichste deutsche Schlager seit 100 Jahren. Heinrich Böll setzte sich vor dem Raketendepot im schwäbischen Mutlangen ins Gras und diskutierte mit Polizisten. Ein amerikanischer Offizier wurde von einem deutschen Politiker mit Tomatensaft bespritzt. Helmut Schmidt, jetzt schon im unerwarteten, aber selbst verschuldeten Ruhestand, warnte die "Friedensbewegung" vor Angstmacherei.

Ein großer, breiter und tiefer Mann, Helmut Kohl, musste kommen, um die Gemüter zu beruhigen. Mit seiner neu gebildeten Regierungsmehrheit ging die Stationierung der Raketen im Parlament durch. Doch der Geist einer neuen Zeit war aus der Flasche. Die Politik musste ihm - ganz wörtlich - Platz machen.

Blumentöpfe im Bundestag

Im Frühjahr 1983 betraten eine Handvoll Leute mit Blumentöpfen in der Hand den Plenarsaal des Deutschen Bundestages. Die Damen und Herren waren schlecht angezogen, sicher ein knittriger Öko-Stoff, die Männer hatten

ihre Schlipse vergessen. Jetzt saßen die Grünen also auch im Parlament. Petra Kelly hatte immer einen sehr ernsten Gesichtsausdruck.

Wir Babyboomer sind die letzte Generation, die noch stabile politische Verhältnisse erlebt hat. Drei Parteien im Bundestag, davon eine mal mit der einen, mal mit der anderen verbunden, eben immer das Fähnchen im Wind das konnten wir noch überschauen. Jetzt wurde alles unübersichtlich.

Frühe Babyboomer haben noch eine Erinnerung an das Kopfschütteln von Rainer Barzel, dem Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Sekunden nach dem Scheitern seines konstruktiven Misstrauensvotums. An diesem April-Tag

1972 hatte er versucht, Bundeskanzler Willy Brandt zu stürzen, um mit einer als sicher geglaubten Mehrheit selbst in das Amt zu kommen. Barzels Kopfschütteln ging einher mit dem Staunen von Willy Brandt. Der unerhoffte Sieg machte ihn völlig regungslos. Erst langsam wich die Starre einer ungläubigen Freude.

Ich erinnere mich auch an den Tag, als Willy Brandt zurückgetreten ist. Es war eine dieser Nachrichten, deren Inhalt ich noch nicht erfassen konnte, deren Bedeutung sich aber transportierte, sei es über den betroffenen Ton des Radiosprechers, sei es über die Reaktion von Erwachsenen in meiner Nähe.

Guter Kanzler, falsche Partei

An diesem Mittag im Mai 1974 saß ich zusammen mit meiner Mutter und einem der Brüder in der Küche und hörte Radio. Es war ein Nordmende Galaxy, Dekor Palisander.

Der Nachrichtensprecher sagte, Bundeskanzler Willy Brandt sei zurückgetreten, worauf meine Mutter erschrak. Ich glaube, sie hat Brandt nie gewählt, aber ihr Gesichtsausdruck verriet, dass etwas Unerwartetes passiert war. Auf Willy Brandt folgte Helmut Schmidt, der - so einige Erwachsene aus dem Tennisclub Stetten auf den Fildern - ein guter Mann war, aber leider das falsche Parteibuch hatte. Helmut Schmidt wurde, ob wir es wollten oder nicht, zum Bundeskanzler der Babyboomer.

Vorher hatte ich selbst noch versucht, Schmidt zu stürzen. Anlass gaben einige Lehrer, die sich im Bundestagswahlkampf 1980 für eine Wiederwahl von Helmut Schmidt stark machten. Das war vor uns Schülern völlig überflüssig, wir durften ja noch nicht wählen, aber es mobilisierte mein Mitleid für Schmidts Gegenkandidaten, Franz Josef Strauß. Mich störte, dass Strauß vor Fernsehkameras heftig schwitzte und bayerisch sprach, diesen rohen vordeutschen Dialekt, aber so konnte es auch nicht gehen, dass Lehrer ihren Schülern eine politische Meinung aufdrückten! Ich wusste dank Bernt Engelmanns "Schwarzbuch" von Franz Josef Strauß' Schandtaten, aber auf dem Wahlplakat wirkte er gereift und manierlich. Meine Franz-Josef-Strauß-Aufkleber auf der Schultasche kamen bei meinen Lehrern nicht gut an. Sie drückten jeweils meine mündliche Note, also die für die Mitarbeit im Unterricht, um die Gesamtnote im Zeugnis nach unten zu korrigieren. Zum Dank trat ich als Mitglied Nummer 05876 in die CDU ein.

Anderthalb Jahre Ewigkeit

Als Strauß klar verloren hatte, was er selbst am besten verstand, dachten wir alle, Helmut Schmidt würde ewig regieren. Die FDP würde mangels Alternative zur SPD halten, solange Schmidt Kanzler blieb, und vielleicht auch über Schmidts Kanzlerschaft hinaus. Mir, dem CDU-Mitglied, standen Jahrzehnte in der Diaspora bevor.

Die Ewigkeit dauerte anderthalb Jahre. Das Gift des neuen Bewusstseins war auch in Schmidts Partei eingedrungen. Binnen kurzer Zeit zersetzte es die Positionen der Bundesregierung. Die FDP empfand sich als Partei der Vernünftigen und bekam es obendrein mit nackter Existenzangst zu tun. Am 1. Oktober 1982 wurde Helmut Kohl zum Bundeskanzler gewählt. Im Tennisverein sagte mir ein Erwachsener mit der ganzen Fülle seiner Lebenserfahrung: "Jetzt haben sie dem Schmidt vor den Koffer geschissen."

Ich hoffte, dass jetzt doch noch alles gut wird. Die Bunten - die Bezeichnung "Grüne" war noch eine von vielen - hatten ihre Schuldigkeit getan. Jetzt wird Helmut Kohl vermutlich zehn Jahre lang regieren und danach wieder ein Sozi. "Report"-Moderator Franz Alt durfte weiter "Frieden ist möglich" in die Fernsehkamera predigen, aber mehr auch nicht. Aber es sollte anders kommen.

Die Welt war jetzt schon wieder nicht mehr so, wie sie gewesen war.

Martin Rupps Buch "Wir Babyboomer. Die wahre Geschichte unseres Lebens", dem dieser Text entnommen ist, ist gerade im Herder-Verlag, Freiburg, erschienen.



insgesamt 4 Beiträge
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Uli Krumme, 27.02.2008
1.
Hallo Heino, also ich denke das ist die Klasse A, Jahrgang 1961 der Grundschule in Witten Ruedinghausen - aufgenommen ca 1967/77. Die Lehrerin scheint Frau Niewert zu sein - und ich glaube mich oben links zu erkennen, neben Rolf Mueller. Habe noch weitere Photos - u.A. das legendaeren Photo aus Dechenhoehle - muss wohl jede Grundschulklasse aus der Zeit gemacht haben. Doch schoen mal im "Spiegel" zu erscheinen - hab's ja leider nie in die grosse Politik oder Wirtschaft geschafft - dann eben ueber diesen Weg. Gruss an all diejenigen, die mit 'ner Tuete Brausebonbons ins Freibad gegangen sind und Arschbomben von Dreier gemacht haben. Uli Krumme
gregor schneider, 27.02.2008
2.
Falls es sich auf das Klassenfoto des Berichts bezieht: Der Tip ist leider falsch. Bei dem Foto handelt es sich um das Klassenfoto der Grundschule v.-Bodelschwingh-Str. in Koeln Hoehenhaus, aufgenommen 1970. Ich bin uebrigens der 5. von links, 2. Reihe von unten. mit dem Namen der klassenlehrerin kann ich leider nicht mehr dienen, die namen einiger Mitschueler bekomme ich aber noch auf die Reihe ;) Einen schoenen Gruss aus Koeln! Gregor Schneider
Peter Pauling, 29.02.2008
3.
Leider sind beide Tips nicht richtig: Es handelt sich um den Jahrgang 1965 an der Grundschule Stetten/F. heute Stadt Leinfelden-Echterdingen in Baden-Württemberg. Die Klassenlehrerin ist Frau Hilgeris. Gruss aus Filderstadt Peter Pauling
gregor schneider, 29.02.2008
4.
Also Jungs, Ihr koennt mir erzaehlen was Ihr wollt: Ich habe genau dieses Foto zu Hause in einem Album liegen, und es handelt sich hier um die Einschlungsklasse der Gemeinschaftsgrundschule Koeln-Hoehenhaus, v.-Bodelschwing-Str. von 1970 (bin selbst Baujahr 1964) Kann ja sein, dass es aufgrund der hohen Anzahl der Babyboomer eine unverhaeltnis hohe Anzahl an Doppelgaengern gab... Einen schoenen Gruss aus Koeln Gregor Schneider
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