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14. Oktober 2009, 16:42 Uhr

Geheimdienste

Mussolini 007

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Die Welt kennt ihn als Erfinder des Faschismus und eitlen Diktator Italiens. Doch Benito Mussolini hatte eine unbekannte Seite, wie ein Aktenfund jetzt enthüllt - in jungen Jahren stand der "Duce" im Dienst des britischen Geheimdienstes. Haben die Briten seinen Aufstieg erst möglich gemacht?

Auf einem Panzer steht Benito Mussolini, die Brust stolz durchgedrückt, den Blick entschlossen in die Ferne gerichtet, umgegeben von jubelnden Menschen. So kannte und fürchtete ihn in den dreißiger und vierziger Jahren die freie Welt. Und so wollte sich der "Duce" selbst am liebsten sehen. Doch der Mann, der als Erfinder des italienischen Faschismus, brutaler Tyrann und engster Verbündeter Adolf Hitlers in die Weltgeschichte einging, hatte offenbar eine bisher völlig unbekannte Seite - als britischer Geheimagent.

Im Ersten Weltkrieg, so zeigen jetzt aufgetauchte Akten, war Mussolini für den Geheimdienst Ihrer Majestät tätig. Sein Auftrag: die Moral der italienischen Soldaten im Kampf gegen die Mittelmächte mittels Propaganda stärken. Die überraschende Zusammenarbeit mit den Briten, die Mussolini dann im Zweiten Weltkrieg bitter bekämpfen sollte, kann jetzt der Historiker Peter Martland von der Universität Cambridge mit bisher unbekannten Dokumenten belegen. "Von Herbst 1917 an wurde Mussolini mindestens ein Jahr lang wöchentlich mit 100 Pfund für seine Pro-Kriegskampagne bezahlt", sagt Martland der britischen Tageszeitung "The Guardian" - die Summe entspräche heute rund 6500 Euro.

Dass Mussolini mit dem MI5 kooperierte, ist für Historiker nicht ganz neu - doch Martland kann mit seinem Fund erstmals Details der Abmachung und die Höhe der Bezahlung nachweisen. Eingefädelt und genehmigt wurde der Deal von Sir Samuel Hoare. Der britische Parlamentarier und Geheimdienstmann verfügte damals über ein Netz von etwa 100 Agenten in Italien. Doch was machte Mussolini attraktiv für ihn? Welchen Vorteil erhoffte sich Hoare von dem damals noch recht unbekannten 34-jährigen Italiener?

Vom Sozialisten zum Kriegstreiber

Die Antwort liegt in Mussolinis Vergangenheit als Journalist. Aus einer Arbeiterfamilie stammend, war er zunächst überzeugter Sozialist. Schon 1904, gerade 21 Jahre alt, hatte Mussolini in Trient als Redakteur für eine sozialistische Zeitung geschrieben. Seine Parteigenossen erkannten sein publizistisches Talent und vertrauten ihm 1912 die Leitung des sozialistischen Zentralorgans "Avanti" an, deren Auflage er binnen kurzem auf 100.000 verkaufte Exemplare vervierfachte. Doch weil Mussolini strikt den Kriegseintritt Italiens an der Seite der Entente befürwortete, zerstritt er sich heillos mit seinen Parteifreuden und wurde im November 1914 aus der Partei ausgeschlossen. Trotzig gründete er sein eigenes Blatt, die Zeitung "Popolo d'Italia", und meldete sich als Freiwilliger zum Kriegsdienst. Nach einer schweren Verwundung schied er 1917 aus der Armee aus.

Zu etwa dieser Zeit könnte der Kontakt mit dem britischen Geheimdienst zustande gekommen sein. Die Interessen passten jedenfalls damals gut zusammen: Mussolini wollte in die Politik und benötigte Geld für seine Zeitung, die seit 1914 so unablässig für den Kriegseintritt auf Seiten der Briten getrommelt hatte. Die Engländer hingegen fürchteten um die Durchhaltekraft ihres italienischen Verbündeten und sahen Mussolinis Blatt als Plattform, um gezielt gegen die drohende Kriegsmüdigkeit der Italiener daheim und an der Front vorgehen zu können.

"Das Letzte, was die Briten wollten, waren Streiks für den Frieden, die die Fabriken in Mailand zum Stillstand bringen", zitiert der "Guardian" Historiker Martland. Die Zahlungen an Mussolini seien zwar "eine Menge Geld für einen Journalisten" gewesen, aber "verglichen mit den vier Millionen Pfund, die Großbritannien jeden Tag in den Krieg investierte, war es ziemlich günstig."

Wohin floss das Geld aus London?

Und schon 1917 war Mussolini nicht gerade zimperlich in der Wahl seiner Mittel. So versprach er seinem Auftraggeber Hoare, nicht nur mit flammenden Artikeln und Kommentaren gegen die Kriegsmüdigkeit vorzugehen. Zur Not, so der ehrgeizige Jungpolitiker, werde er mit italienischen Kriegsveteranen mögliche Arbeiterstreiks in Mailand einfach mit Gewalt niederknüppeln.

Der Archivfund wirft eine Reihe neuer Fragen auf: Haben die Briten womöglich den kometenhaften Aufstieg Mussolinis befeuert, der schon im März 1919 seine Faschistische Partei gründete und sich binnen dreieinhalb Jahren zum "Duce" ("Führer") und Diktator Italiens aufschwang? Gewährte ihm London gar die entscheidende Geldspritze, die seinen Aufstieg zum Hauptverbündeten Adolf Hitlers erst ermöglichte?

Über Antworten lässt sich weiterhin nur spekulieren - denn wofür Mussolini sein Geld verwendete, ist aus Martlands Aktenfund nicht nachzuweisen. Vielleicht nutzte er die Devisen, um an seiner politischen Karriere zu feilen. Vielleicht war die Wirklichkeit aber auch weitaus trivialer: Der Frauenheld Mussolini, so vermutet zumindest Martland, habe möglicherweise "einen guten Teil des Geldes für seine Geliebten ausgegeben".

Eines jedoch ist sicher: 18 Jahre nach dem spektakulären Deal mit Mussolini spielte Samuel Hoare seinem einstigen Partner noch einmal kräftig in die Karten: 1935 handelte Hoare, inzwischen für kurze Zeit zum Außenminister avanciert, mit seinem französischem Amtskollegen Pierre Laval ein Abkommen aus, dass den Krieg zwischen Italien und Abessinien beenden sollte. Mussolinis Armee hatte 1935 das heutige Äthiopien überfallen und dabei sogar Giftgas eingesetzt. Das Hoare-Laval-Abkommen sprach nun Italien große Teile Abessiniens zu - was in der britischen Öffentlichkeit einen Sturm der Entrüstung auslöste, der Hoare nach nur sechs Monaten im Foreign Office sein Amt kostete.

Mussolini hingegen ließ sich von dem Abkommen nicht beeindrucken - er annektierte Abessinien vollständig und machte es zur italienischen Kolonie.

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