Geiselnahme in Iran "Das Schlimmste waren die Scheinerschießungen"

Es war die längste Geiselnahme der Geschichte: Am 20. Januar 1981 endete für die Mitarbeiter der US-Botschaft in Teheran ein 444-tägiges Martyrium. Auf einestages erinnert sich der Wachmann Kevin J. Hermening an brutale Verhöre, gescheiterte Fluchtversuche - und Verräter in den eigenen Reihen.

CORBIS

"Wir wurden darauf vorbereitet, was theoretisch in einer ausländischen Vertretung der Vereinigten Staaten passieren könnte. Aber es war einfach nicht vorstellbar, dass ein Land es tatsächlich zulassen könnte, dass eine Botschaft attackiert wird. Oder die Angreifer sogar aktiv dabei unterstützt. Botschaften sind Orte des Friedens."

Der 4. November 1979 ist ein kühler Tag, es regnet leicht. Vor der US-Botschaft in Teheran haben sich schon am frühen Morgen Hunderte Studenten versammelt, sie verbrennen US-Fahnen und rufen "Tod für Amerika" oder "Geht nach Hause, Yankees". Doch wenn man so will, ist dieser 4. November ein normaler Tag für die Botschaftsmitarbeiter: Die Demonstrationen vor den Toren der US-Vertretung gibt es seit Wochen.

Iran ist in Aufruhr. Der krebskranke Schah Reza Pahlavi war im Februar aus dem Land gejagt worden und in die USA geflüchtet - mit einem Milliardenvermögen und auf der Suche nach Heilung. In Iran tobt die islamische Revolution, die öffentliche Ordnung ist zusammengebrochen. Nach der Macht strebt ein Mann, der im Februar aus dem Exil zurückgekehrt war: Ajatollah Ruhollah Khomeini.

Amerika, der Freund des Schahs, ist der Todfeind der Mullahs. Demonstrationen gegen die USA finden täglich statt, Khomeini hat die Stimmung noch aufgeheizt, indem er die radikalen Studenten anstachelte: "Es ist deshalb Sache der lieben Schüler, Studenten und Theologiestudenten, mit all ihrer Kraft die Angriffe gegen die USA und Israel zu verstärken, so dass sie die USA zwingen können, den abgesetzten und kriminellen Schah auszuliefern." Am 4. November schlagen die "lieben Studenten" zu - und stürzen die gesamte Welt in eine Krise.

Kevin J. Hermening, damals Sergeant des US-Marine-Corps und Wachmann in der Botschaft, hat den Tag der Erstürmung der Vertretung ebenso wenig vergessen wie die Befreiung 444 Tage später.

"Die Studenten verbrannten an jenem 4. November wie üblich amerikanische Flaggen brüllten "Tod für Amerika". Sie liefen die Straße vor der Botschaft herunter, doch plötzlich kletterten viele von ihnen gleichzeitig über die Mauern außerhalb des Botschaftsgeländes. Schließlich kamen sie auch durch die Tore und dann in die Gebäude. Alles ging so schnell.

Wir schliefen auf dem Boden, gefesselt an Betten

Sie nahmen Marines gefangen, die in ihren Apartments schliefen, sie kidnappten zivile Mitarbeiter. Sie rechneten ganz sicher damit, zu sterben und von uns Marines beschossen zu werden. Aber umso überraschter waren sie, dass wir unsere Waffen nicht einsetzten. Sie wussten offenbar nicht, dass Wachmänner der Marines dem Kommando des Außenministeriums unterstehen und wir keinen direkten militärischen Befehlsgeber dort hatten.

Ich selbst war gerade dabei, Feuerlöscher von einem Gang in den nächsten zu bringen, als durch den Alarm die Sicherheitstür zuging und ich im Tresorraum festsaß, vier Stunden lang. Das war der Ort, an dem ich gefangengenommen wurde - als Vorletzter. Dann wurden wir alle in die Residenz des Botschafters getrieben. Wir mussten die erste Nacht auf dem Boden schlafen, an den Knöcheln zusammengebunden und die Hände an Betten oder Stühle gefesselt."

Die Nachricht von der Erstürmung der Botschaft schockiert die Welt. US-Präsident Jimmy Carter ist ebenso fassungslos wie die Vereinten Nationen, denn die Besetzung einer Landesvertretung ist ein unerhörter Bruch des Völkerrechts. Schon am 12. Februar des gleichen Jahres hatte es einen ähnlichen Vorfall gegeben, bei dem ein Marine getötet wurde. Damals war die gemäßigte iranische Regierung eingeschritten. Doch der Überfall im November wird von der neuen Führung gebilligt. Und schon Minuten, nachdem die radikalen Studenten in die Botschaft eingedrungen sind, beteiligen sich auch iranische Soldaten und Angehörige der Revolutionären Garden an der Erstürmung. Am nächsten Morgen beginnen die ersten Verhöre.

"Einige der Offiziere wurden brutal geschlagen. Ihnen wurden Zähne bis kurz unter das Zahnfleisch herausgebrochen, zahnärztliche oder überhaupt medizinische Betreuung bekamen sie nicht. Thomas Ahern musste 425 Tage in Einzelhaft verbringen, weil er von den Iranern als CIA-Vorortchef identifiziert worden war. 425 Tage ist eine unglaublich lange Zeit, wenn man allein ist und nicht weiß, ob man der Letzte ist, der noch da ist.

Einer der Wächter brüllte Exekutionsbefehle

Aber nichts war so grausam wie die Scheinhinrichtungen. Mitte Februar 1980 wurden wir morgens um 2 Uhr geweckt. Ein paar der Wachen kamen in unseren Raum und durchsuchten das Zimmer nach Kugelschreibern oder Ähnlichem. Wir hatten miteinander über Nachrichten kommuniziert, die wir in Toilettenpapierrollen versteckten. Das empfanden die Iraner als bedrohlich.

Wir wurden auf den Flur geführt und mussten uns bis auf die Unterhosen ausziehen. Die Entführer, die meisten waren in meinem Alter, schnürten uns die Hände auf den Rücken und verbanden uns die Augen. Einer der Wächter lief im Gang auf und ab und brüllte auf Farsi Exekutionsbefehle. Daraufhin hielten sie uns ihre Waffen ins Genick und drückten ab. Es waren keine Kugeln in den Gewehren aber das wussten wir ja nicht. Es war grausam."

Die USA verklagen das Land vor dem Internationalen Gerichtshof. Dieser fordert die Mullahs auf, die Botschaft zu verlassen und alle Geiseln freizugeben. Doch nichts passiert. Iran beharrt auf der Auslieferung des Schahs - und auf der Rückzahlung von dessen Vermögen. Präsident Carter denkt nicht daran, auf die Forderungen einzugehen. In der Botschaft vergehen die Monate, es macht sich Verzweiflung breit.

"Ich war sehr niedergeschlagen, dass es so lange dauerte. Ich wollte, dass es endlich aufhörte. Ich habe sehr viel Zeit mit Schlafen verbracht. Schlaf wurde für mich eine Fluchtmöglichkeit, ich konnte meine Augen schließen und für eine Zeit vergessen, wo ich war. Es gab ja sonst nur Langeweile, Eintönigkeit über Wochen und Monate. In den ersten Wochen durften wir nicht mal mit den Menschen reden, die mit uns in einem Raum waren, selbst wenn sie nur 30 Zentimeter von einem entfernt saßen. Wurden wir erwischt, bedeutete das wie in meinem Fall jeweils zwei Tage Einzelhaft. Und eigentlich glaubten wir jede Woche, dass wir umgebracht werden könnten. Dieser unglaublich hohe psychische Druck und die Furcht waren es letztlich auch, die zu meinem Fluchtversuch führten.

Der Verräter aus den eigenen Reihen

Wir waren zu dritt. Alle zwei Wochen wurden wir zu einem Gebäude außerhalb geführt, um zu duschen. Von dort wollten wir fliehen und es die paar Blocks bis zur Britischen oder Schweizer Botschaft schaffen. Aber wir haben es nicht mal aus dem Haus geschafft, denn wir wurden von einem Mitglied der Gruppe verraten. Er war kein Marine, aber ein Soldat. Er hatte schon immer große Sympathien für die Iraner gehabt und bekam im Gegenzug bessere Behandlung und besseres Essen. Was wir nicht wussten, war, dass er während unserer dreiwöchigen Planung jedes Detail unseres Fluchtplans an die Wächter weitergab, während sie ihn zum Duschen begleiteten. Später war er der Einzige, der von der Armee nicht ehrenhaft entlassen wurde. Er bekam auch keine Orden oder Medaillen.

Ich bekam als Strafe 43 Tage Einzelhaft. Ich saß allein in einem Raum, der 1,50 Meter mal 2,50 Meter maß. An den ersten beiden Tagen war ich gefesselt, meine Augen waren verbunden."

Am 7. April 1980, sechs Monate nach der Erstürmung der Botschaft und erfolglosen Verhandlungen brechen die USA die diplomatischen Beziehungen zu Iran ab. Drei Wochen später endet eine dilettantisch geplante Befreiungsaktion mit dem Namen "Adlerklaue", acht US-Soldaten sterben in der iranischen Wüste. Der Fehlschlag soll Präsident Carter später das Amt kosten - zunächst aber führt er dazu, dass die Gefangenen aus Teheran im ganzen Land verteilt werden, um eine Befreiung unmöglich zu machen.

"Als wir getrennt wurden, hatten wir keine Ahnung, dass das an der gescheiterten Mission lag. Alles, was wir erfuhren, war, dass acht Menschen gestorben waren. Wir hatten eigentlich schon den Glauben daran verloren, dass unsere Regierung etwas für uns tun würde, wir fühlten uns vergessen. Aber plötzlich merkten wir: Oh, sie haben doch versucht, uns zu retten.

Briefe und Bibeln aus der Heimat

Die Geiseln wurden im ganzen Land verteilt. Mich und Vizekonsul Donald Cooke packten sie in einen Van und fuhren uns sechs Stunden durch die Wüste nach Nordosten in einen Ort namens Gorgan, keine 20 Meilen von der afghanischen Grenze entfernt. Andere setzten sie in Flugzeuge Richtung Süden oder fuhren sie nach Isfahan. Nach zwei Monaten kamen wir alle in ein Hochsicherheitsgefängnis nach Teheran.

In der gesamten Zeit haben wir sehr viele Briefe aus der Heimat bekommen - von Schülern, Bibeln von Kirchengruppen. Informationen über den Stand der Verhandlungen oder die Befreiungsaktion wurden ausgesiebt und uns vorenthalten."

Am 27. Juli 1980 stirbt der Schah in Ägypten, im September überfällt der Irak Iran. Die US-Geiseln verlieren für die Mullahs an Bedeutung, zumal Carter im November die Bereitschaft signalisiert, im Falle einer Lösung eingefrorenes iranisches Vermögen freizugeben. Am 20. Januar 1981 endet das Martyrium für die 52 Botschaftsangehörigen. Sie werden ausgeflogen.

"Am Tag vorher sagten sie uns, dass wir unsere Sachen packen sollten. Wir versuchten, die Hoffnung nicht allzu groß werden zu lassen - und waren nicht wirklich überrascht, als wir am nächsten Morgen immer noch in der Botschaft saßen. Ein paar Stunden später kamen sie dann, verbanden uns die Augen, setzten uns in einen Bus und fuhren uns zum Flughafen. Draußen hörten wir die Menschenmassen johlen, sie riefen "Death to America" und "Yankee, go home". In den USA war Inauguration Day, der Tag von Reagans Amtseinführung.

Ich erinnere mich, dass ich die Leiter zum Flugzeug so schnell hochsprintete, dass es mir vorkam, als würden meine Füße den Boden nicht berühren. Ich war mit 21 Jahren der Jüngste, ich hatte natürlich erst mal nur Augen für die gutaussehenden Stewardessen. Wir umarmten uns alle, schüttelten uns die Hände, jubelten."

Die Gruppe fliegt zunächst nach Algier zum Auftanken, dann weiter nach Wiesbaden. In der US-Basis taucht auch der ehemalige US-Präsident Carter auf, als Emissär der neuen Reagan-Regierung.

"Deutschland war großartig, wir wurden herzlich willkommen geheißen. Als ich meine Mutter zu Hause anrief, fragte sie mich, was ich wollte, wenn ich zurückkomme. Ich sagte ihr, dass ich seit Monaten kein Schweinskotelett mehr gehabt hätte. Als ich schließlich nach Hause kam, hatte eine Firma mir eine 50-Tonnen-Ladung geschickt, von der ich natürlich den Großteil an Suppenküchen abgegeben habe.

Eine Katharsis

Später wurden alle im Weißen Haus von Ronald Reagan empfangen, die Menschen waren auf den Straßen und feierten uns wie Helden. Aber keiner von uns dachte, dass wir das verdienen. In unseren Augen waren die einzigen Helden die drei Marines und die fünf Luftwaffensoldaten, die in jener Nacht in der iranischen Wüste gestorben waren. Wir waren eher Überlebende. Und ich wollte auch nie, dass man unsere Situation mit der von Soldaten verglich, die in Vietnam, Korea oder in den beiden Golfkriegen in Kriegsgefangenschaft geraten waren.

Für einen 21-Jährigen wie mich war der ganze Trubel nach der Freilassung wie ein Wirbelsturm. Aber ich fing dann relativ schnell an, vor Schulklassen, Bürgervereinen und Kirchengruppen über das Erlebte zu reden. Es war wie eine Katharsis für mich, die schlechten Zeiten sollten aus dem Körper verschwinden. Andere hielten die Erinnerungen in sich gefangen und gingen daran zugrunde."

Kevin J. Hermening schied nach 13 Jahren im US-Marine-Corps 1994 aus. Der heue 51-Jährige ist geprüfter Finanzberater und Chef der Hermening Financial Group. Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Wausau, Wisconsin.

Aufgezeichnet von Christian Gödecke



insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Stephan Gurke, 20.01.2011
1.
Für wen war es denn die längste Geiselnahme? Die über 600 Tage dauernde Geiselhaft von Cordes und Schmidt Ende der Achtziger Jahre durch die Hisbollah übersteigt diese doch deutlich. Wenn sie auch zugegebenermaßen nicht die gleiche globale Aufmerksamkeit erlangt hat...
Florian Geier, 23.01.2011
2.
"Botschaften sind Orte des Friedens." Wer so eine weltfremde Aussage über USA-Botschaften macht, sollte einmal zu Büchern über die usamerikanische Außenpolitik greifen, bspw. von Robert Baer.
Christoph Kögl, 23.01.2011
3.
Äh, und N. Kampusch war fast acht Jahre gefangen. Und I. Betancourt war > 6 Jahre bei der FARC gefangen. Aber vermutlich unterscheide ich nicht korrekt zwischen Geiselnahme, erpresserischem Menschenraub, Entführung und Freiheitsberaubung ...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.