Geschichte einer Einbürgerung Ich werde Deutscher!

Als voll integriertes, türkisch-muslimisches Migrantenkind entscheidet sich Muri Eren, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen. Nach einem bürokratischen Hindernisrennen bekommt er den ersehnten Pass - doch für seine neuen Mitbürger ist er weiter nicht einer von ihnen. Eren selbst fühlt sich ganz als Deutscher: Wenn er in der Türkei ist.

Muri Eren

Es war im Frühjahr 1990, als ich von der Frankfurter Einwohner- und Meldestelle ein Schreiben erhielt, in dem ich aufgefordert wurde, mich um eine Aufenthaltserlaubnis in Deutschland zu kümmern. Der Schock saß tief, dachte ich doch bis zu jenem Tag, dass ich aufgrund meiner Geburt in Frankfurt am Main automatisch in den deutschen Staatsverband hineingeboren wäre.

Falsch gedacht! Der Weg führte nur zur Aufenthaltserlaubnis, die mir leider nicht dieselben Rechte wie meinen deutschen Mitbürgern gewährte. Nach einem halben Jahr also, beschloss ich, für meine Eltern, meine Geschwister und für mich die Aufenthaltsberechtigung für meinen legitimen Aufenthalt in Deutschland zu beantragen.

Praktisch und formal erfüllten wir die Bedingungen, die den Erwerb der Aufenthaltsberechtigung zuließen. Mama und Papa gingen brav zur Arbeit, bezahlten ihre Steuern, ohne dass sie jemals das Wahlrecht erhielten. Wir waren Schüler, deren Abitur eines Tages nicht denselben Wert haben sollte, wie das eines deutschen Abiturienten - unser Status wurde mit dem höchst obskuren Terminus "Bildungsinländer" beschrieben.

Brummelnde Beamtin an der Kindergeldkasse

Bildungsinländer hin, Bildungsinländer her: Der Erwerb meiner Aufenthaltsberechtigung im Herbst 1990 war eine große Bereicherung, da ich nun keine Arbeitserlaubnis mehr für meine Jobsuche brauchte. Dies sicherte mir der - vielen unbekannte - Paragraf 9 Nr. 13 der Arbeitserlaubnisverordnung (AEVO) zu. Lediglich eine alteingesessene Beamtin der Kindergeldkasse musste von mir über dieses Plus an positiver Veränderung meines Migrantenstatus überzeugt werden. (Hörte ich da etwa ein Brummeln?)

Es kam die Zeit der großen Klassenfahrten. An die Cote d'Azur nach Frankreich und die wunderschöne Abschlussfahrt nach Bolsena respektive Rom im Jahre 1993. Meine Deutschen Mitschüler löcherten mich permanent, warum ich denn bei der Besprechung der Klassenfahrten dauernd nach den Einreisebestimmungen der jeweiligen Länder fragte. "Muri, was ist denn ein Visum?", hörte ich immer wieder von meinen deutschen Mitschülern.

Die anderen Türken und Nicht-EU Kinder in meiner Klasse hatten sich aus derlei Diskussionen, zu meiner Verwunderung, wiederholt herausgehalten. Nun ja. Recht hatten letztlich meine Deutschen Mitschüler. Es war höchste Zeit, ernsthaft über den Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft nachzudenken.

"Dann bist du ja gar kein Türke mehr!"

Es kam, wie es kommen musste. Als ich meine Eltern über diese Absicht unterrichtete, waren sie nicht gerade froh. "Dann bist du ja gar kein Türke mehr. Wo soll das alles hinführen?", meinte mein Vater, während sich meine Mutter ihrer Meinung enthielt. Es war mir egal, ob ich nach meiner Einbürgerung noch von meinen türkischen Freunden und Verwandten weiterhin als Türke angesehen, anerkannt und auch akzeptiert werden würde.

Dieser sehr oberflächlichen Sichtweise auf meine "Staatsbürgerkonvertierung" wollte ich mich aus tiefster Überzeugung nicht anschliessen. Außerdem war für mich der Gedanke, dass ich bei einer Wehrpflicht womöglich im Osten der Türkei auf meine eigenen Leute würde schießen müssen und die Tatsache, dass ich viele griechische Freunde und Bekannte habe, ein weiteres großes Argument die türkische Staatsbürgerschaft zugunsten des Erwerbs der deutschen aufzugeben.

Also ging am 25. Oktober 1994 mein Antrag zur "Durchführung des Einbürgerungsverfahrens" beim Frankfurter Standesamt ein. Dem Antrag ging ein obligatorisches Beratungsgespräch voraus, in dem ich noch über die Erledigung diverser Formalitäten unterrichtet wurde. Die Zutaten zur Einbürgerung waren folgende:

1. Ein formblattmäßiger Antrag,

2. ein handgeschriebener ausführlicher Lebenslauf,

3. meine deutsche Geburtsurkunde,

4. Bescheinigungen über die monatlichen Einkommens- und Vermögensverhältnisse meiner Familie,

5. ein Lichtbild,

6. eine Schul- beziehungsweise Semesterbescheinigung,

7. die Unterzeichnung zweier amtlicher Erklärungen,

8. eine Fotokopie des Passes.

Nachdem ich alle Ingredienzen zusammen und diese ordnungsgemäß dem Amt abgegeben hatte, kam nun die Phase des Wartens.

Erste Nachricht nach zwei Jahren

Es verging Monat um Monat. In der Zwischenzeit hatte ich mich um meine Ausbürgerung aus dem türkischen Staatsverband zu kümmern. Ich hatte das "Glück", dass meine Registrierung im türkischen Einwohnerverzeichnis in unserem Dorf, ganz tief in Anatolien, vorgenommen wurde. Mein Vater dachte wahrscheinlich, dass wir die brachliegenden Felder, Wiesen und Wälder eines Tages zur eigenen Subsistenz wieder bewirtschaften würden. Zusätzlich erschwerend kamen die kriegerischen Auseinandersetzungen in den Ostprovinzen der Türkei hinzu.

Es vergingen also etwa zwei Jahre, bis ich die erste Nachricht aus der Türkei, über den Bearbeitungsstatus meiner Ausbürgerung erhielt. In der Zwischenzeit erreichte mich vom Frankfurter Standesamt die Mitteilung, dass mein Antrag nun zur Entscheidung dem Regierungspräsidium in Darmstadt vorgelegt worden sei. Diese würde noch einige Zeit in Anspruch nehmen, wie mir in einer Zeile mitgeteilt wurde. Von Sachstandsfragen solle ich absehen, da sie angeblich die Bearbeitung verzögerten.

Einen Monat später erhielt ich aus Darmstadt meine Einbürgerungszusicherung . Auch die türkischen Behörden waren in der Zwischenzeit in die Gänge gekommen. Ich bekam meine "Zusicherung zur Ausbürgerung aus der türkischen Staatsbürgerschaft", die ich von einem staatlich zugelassenen Dolmetscher ins Deutsche übersetzen lassen musste. Mit der Übersetzung in der Hand ging es nun wieder zum Standesamt, das mir die deutsche Einbürgerungsurkunde aushändigte. Diese musste nun ins Türkische übersetzt dem türkischen Generalkonsulat vorgelegt werden, woraufhin mir die Aberkennung der türkischen Staatsbürgerschaft bescheinigt wurde. Das Kuriose an den beiden türkischen Bescheinigungen waren die schwarzen Trauerflore am linken oberen Rand der Schriftstücke. Offiziell war ich nun für die Türkei "gestorben".

Deutschwerden - und Deutschsein

Im Anschluss musste auch noch die Bescheinigung über meine Ausbürgerung ins Deutsche übersetzt und dem Regierungspräsidium vorgelegt werden. Eine einmalige Zahlung von 100 D-Mark machten mich dann am 24. August 1998 zum deutschen Staatsbürger resepktive zum Deutschen. Das Deutschwerden und Deutschsein zwei extrem unterschiedliche Paar Schuhe sein sollten, wurde mir in den darauf folgenden Jahren bewusst. Trotzdem ich nun Deutscher bin, ist meine Akzeptanz und damit auch meine Existenz in Deutschland sehr vielen Deutschen ein Dorn im Auge. Warum das so ist, das sollen meine "blutsdeutschen" Mitbürger doch bitte selbst herausfinden.

Fazit: Ich lebe nun als Deutscher in der Türkei und fühle mich das erste Mal in meinem Leben als echter Deutscher.



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