Golfkrise 1990 In Saddams Hand

Saddam Hussein nannte sie "liebe Gäste", tatsächlich waren sie Geiseln des Despoten: Tausende Ausländer hielt der Irak nach dem Überfall auf Kuwait gefangen. Als Sebastian Fellmeth heim durfte, wollte er erst gar nicht.

Gerhard Kromschröder

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Unheilvoll ziehen sich die Rauchschwaden über Kuwait-Stadt zusammen. Sebastian Fellmeth, der in einer Jugendherberge am Stadtrand wohnt, schaut morgens in den Himmel und denkt: "Verrückt! Das ist die erste Regenwolke, die ich seit über einem Monat sehe."

Als Kampfflieger über die pakistanische Botschaft hinweg dröhnen, wo sich der 21-jährige Abiturient am Vormittag für seine Weiterreise ein Visum besorgt, wissen Fellmeth und sein Mitreisender Andreas Schmitz noch nicht, was sich da zusammenbraut.

Erst als die zwei Deutschen, zurück in der Jugendherberge, über Mittelwellensender die BBC-Nachrichten hören, wird ihnen klar: Die Wolken künden keineswegs von einem Unwetter. Sondern von einem Überfall, der die Welt in Aufruhr versetzt: Am 2. August 1990, nachts um zwei Uhr, überschreitet die bis an die Zähne gerüstete Armee von Diktator Saddam Hussein die Grenze zu Kuwait. Noch vor dem Morgengrauen erreichen die irakischen Truppen die Hauptstadt des kleinen, aber schwerreichen Ölemirats und attackieren den Regierungspalast.

"Es gab ja noch kein Internet. Als wir endlich herausgefunden hatten, was los ist, waren die Iraker bereits seit zehn Stunden im Land", sagt der heute 46-jährige Fellmeth: "Uns störte vor allem, dass wir unsere Reise nicht fortsetzen konnten. Angst hatten wir keine."

"Größte Geiselnahme seit dem Zweiten Weltkrieg"

Sebastian Fellmeth, Jahrgang 1969.
privat

Sebastian Fellmeth, Jahrgang 1969.

Ein Vierteljahrhundert nach Ausbruch der Golfkrise, erscheint dem TV-Journalisten und dreifachen Vater die Unbedarftheit von einst nur schwer verständlich. Damals gehörte sie zu seinem Lebensgefühl: "Wir waren jung und fühlten uns unsterblich", sagt Fellmeth. Dass die beiden gebürtigen Wieslocher Anfang August 1990 ausgerechnet in Kuwait Urlaub machten, war purer Zufall.

Im April 1990 waren die beiden Freunde nach Ende ihres Zivildienstes mit einem ausrangierten gelben Postbus aufgebrochen, die Reise sollte eigentlich in Nepal enden. Da sie für den Iran kein Visum erhalten hatten, zuckelten Fellmeth und Schmitz über den Irak nach Kuwait-Stadt, wo sie per Containerschiff ins pakistanische Karatschi übersetzen wollten.

Bei ihrer Fahrt durch das von Diktator Hussein regierte Land waren die beiden zwar an zahlreichen Panzerkolonnen vorbeigekommen. Dass eine Invasion jedoch unmittelbar bevorstand, hätten sie nicht für möglich gehalten. "Wir hielten das für das übliche Säbelrasseln", so Fellmeth. Panik habe er keine verspürt - obwohl er und Schmitz ab sofort in der Falle saßen. Am 9. August schloss Hussein die Grenzen, ab sofort war allen Ausländern die Ausreise verboten. Es begann das, was der SPIEGEL 1990 als "größte Geiselnahme seit dem Zweiten Weltkrieg" bezeichnete.

In der DDR-Botschaft verschanzt

Während die Uno Resolutionen verabschiedete, Embargos verhängte und der Westen über einen Militärschlag diskutierte, behielt Saddam Hussein die rund 8000 bis 10.000 Ausländer im Land, unter ihnen knapp 400 Deutsche, kurzerhand als Faustpfand. "Liebe Gäste" nannte der Diktator seine Gefangenen zynisch, die meisten saßen in Hotels, Privatwohnungen und Botschaften fest. Manche jedoch, darunter 77 Deutsche, wurden an strategisch wichtige Punkte, etwa Kraftwerke, Raketenstellungen und TV-Sender, verschleppt - wo sie als menschliche Schutzschilde gegen mögliche Angriffe der USA missbraucht wurden.

Fellmeth und Schmitz blieben zunächst dort, wo sie waren: in der Jugendherberge, die sie schon bald als Einzige bewohnten. Als sie erfuhren, dass irakische Soldaten systematisch die Stadtteile nach Europäern durchkämmten, flüchteten die beiden in die geräumige DDR-Botschaft. Doch auch dort waren sie nicht sicher: "Die Iraker forderten uns auf, zu den Sammelstellen für Europäer zu gehen. Als wir uns weigerten, stellten sie der Botschaft Strom und Wasser ab. Jetzt gerieten wir ziemlich in Stress", erinnert sich Fellmeth.

Der Überfall: Ein irakischer Soldat lächelt von einem Militärtransporter herunter, der durch die Straßen von Kuwait-Stadt fährt. Am 2. August 1990 marschiert eine Armee des irakischen Diktators Saddam Hussein in den kleinen, aber ölreichen Nachbarstaat Kuwait ein. Die Truppen können fast ungehindert von der Grenze bis in den Süden vordringen.

Der Diktator und seine Geiseln: Am 25. August 1990 erklärt Saddam Hussein das Emirat Kuwait zur 19. irakischen Provinz. Das Foto, ein Standbild aus dem irakischen Staatsfernsehen, zeigt den Diktator mit einer jungen britischen Geisel. Die offizielle Botschaft: Den im Land Eingeschlossenen geschieht kein Leid. Hussein hält nach Ausbruch der Golfkrise Tausende von Ausländern als Faustpfand im Irak fest.

Gegen den Rest der Welt: Anhänger von Saddam Hussein demonstrieren in den Straßen des jordanischen Al-Mafraq (Foto vom 12. August 1990). Sie halten das Konterfei des Diktators in die Luft sowie Plakate, auf denen etwa steht: "Wo war die gesamte freie Welt, als Bush Panama erobert hat?"

Siegesgewiss: Kuwaitische Soldaten fahren auf einem russischen Schützenpanzer durch einen Sandsturm in der Wüste des Nachbarlandes Saudi-Arabien (Foto vom November 1990). Auch wenn sie ihre Waffen wie nach einem siegreichen Gefecht in die Luft strecken: Bis die irakischen Besatzer ihre Heimat Kuwait wieder freigeben, dauert es noch drei Monate.

Operation "Wüstenschild": Nach dem irakischen Einmarsch in Kuwait beratschlagt US-Präsident George Bush senior gemeinsam mit dem Staatssekretär für politische Angelegenheiten, Robert Kimmitt (l.), und Verteidigungsminister Dick Cheney (r.) über ein weiteres Vorgehen in der Golfkrise (Foto vom 2. August 1990). Mit insgesamt zwölf Resolutionen versuchen die Vereinten Nationen, den Irak zum Einlenken zu bewegen. Am 6. August verhängt der UN-Sicherheitsrat ein Wirtschafts-, Finanz- und Militärembargo. Zwei Tage später kündigt Präsident Bush die Truppenentsendung nach Saudi-Arabien an - die Operation "Wüstenschild" beginnt.

Militärisches Muskelspiel Ein Panzer der US-Armee wird am 14. Oktober 1990 in einem saudi-arabischen Hafen ausgeladen. Seit Beginn der Golfkrise senden die USA und andere Nato-Staaten sowie arabische Länder Truppen und Kriegsgerät in die Region. Mitte Oktober befinden sich mehr als 200.000 US-Soldaten, 15.000 Briten und 11.000 Franzosen im Krisengebiet.

Vom Westen aufgerüstet: Blackhawk- und Apache-Hubschrauber der US-Luftlandeeinheiten proben den Ernstfall in der saudi-arabischen Wüste. Den internationalen Truppen steht eine hochgerüstete irakische Armee gegenüber: Rund eine Million Soldaten zählt sie im August 1990 und besitzt mehr als 500 Kampfflieger - hauptsächlich aus russischen und französischen Arsenalen.

Drohender Giftgaseinsatz: Geschützt vor einem möglichen Giftgaseinsatz der Iraker ist dieser US-Soldat in voller Montur mit Gasmaske (aufgenommen am 23. August 1990 in Saudi-Arabien). Die chemischen Waffen besitzt Saddam Hussein unter anderem dank deutscher Anlagelieferanten.

Die Lage spitzt sich zu: Getarnter Unterstand von US-Soldaten in der Wüste von Saudi-Arabien. Am 29. Oktober bewilligt der Sicherheitsrat militärische Gewalt zur Durchsetzung des Embargos, einen Monat später folgt die Resolution 678: Der Sicherheitsrat stellt Hussein indirekt ein Ultimatum: Entweder der Irak zieht sich bis zum 15. Januar 1991 aus Kuwait zurück - oder es gibt Krieg.

"Donner und Blitz": Am 17. Januar 1991 startet die von den USA geführte Operation "Desert Storm" mit Luftangriffen - das Foto zeigt die Bombardierung Bagdads am frühen Morgen des 18. Januar. Mit den Worten: "Jetzt müsst ihr der Donner und Blitz des Wüstensturms sein", motiviert US-Befehlshaber General Norman Schwarzkopf die Truppen.

Nachdem die beiden Freunde ihren hochriskanten Plan verworfen hatten, durch die Wüste nach Saudi-Arabien zu flüchten, erwirkte ein DDR-Diplomat, dass acht der Botschaftsflüchtlinge Ende August nach Bagdad ausreisen durften - als offizielle Delegation der in Auflösung befindlichen ostdeutschen Vertretung.

Die irakischen Soldaten an den Dutzenden von Straßensperren guckten ratlos auf die deutschen Papiere, telefonierten - und ließen das von dem Postbus angeführte Grüppchen passieren. "Danach kam kein Konvoi mehr aus Kuwait raus", sagt Fellmeth. Nach 15 Stunden Fahrt, vorbei an Panzerstellungen, Militärcamps und Flüchtlingen, erreichte die vermeintliche Delegation Bagdad. "Wir dachten: Jetzt sind wir in Sicherheit, jetzt geht's bald heim", erinnert sich Fellmeth. Das Gegenteil war der Fall.

"Auferstanden aus Ruinen" um Mitternacht

Neun weitere Wochen mussten Fellmeth und Schmitz in Bagdad ausharren. Als Geiseln eines Staates, der vor allem eine zermürbende Waffe einsetzte: die Ungewissheit. Ob sie demnächst von irakischen Soldaten verschleppt werden? Sich endlich die Bundesregierung einschaltet und sie rausholt? Oder doch der gefürchtete Krieg ausbricht? Fellmeth und Schmitz mussten mit dieser beklemmenden Ungewissheit klarkommen, ebenso wie alle anderen Geiseln.

Der Journalist und Fotoreporter Gerhard Kromschröder, der im Herbst 1990 als Nahost-Korrespondent des "Stern" nach Bagdad flog, hat in seinen Aufnahmen jene surreale Atmosphäre des Hoffens, Wartens und Bangens bei 45 Grad im Schatten dokumentiert. Jene von Hussein verordnete "Zwangs-Sommerfrische", wie Kromschröder, Jahrgang 1941, rückblickend die Stimmung beschreibt. Zwar durfte man sich innerhalb der Stadtgrenzen frei bewegen. An Flucht war jedoch nicht zu denken.

Die in Bagdad Eingeschlossenen reagierten unterschiedlich auf den Ausnahmezustand: Die einen "haderten gewaltig mit ihrem Schicksal", so Kromschröder. Die anderen erstickten die aufkeimende Angst mit Joggen und Volleyballspielen, Skatkloppen, Einkaufen und Beten. Fellmeth und Schmitz machten das Beste aus ihrer Situation: Sie vertrieben sich die Zeit damit, zu lesen, Sport zu treiben, Videoabende und wilde Partys zu organisieren. Zigaretten, Lebensmittel und Alkohol besorgten sie auf dem Schwarzmarkt. "Das Ganze glich einem seltsamen Abenteuertrip", sagt Fellmeth.

Ein wichtiger Anlaufpunkt bildete für alle in Bagdad internierten deutschen Geiseln die DDR-Botschaft. Fellmeth und Schmitz, die auf dem von Mauern umgebenen Gelände in einer Art WG mit zwei anderen jungen Deutschen wohnten, erlebten dort auch die deutsche Wiedervereinigung: "In der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober, um Punkt Mitternacht, legte ein Mitarbeiter der ostdeutschen Vertretung 'Auferstanden aus Ruinen' auf. Als das Lied zu Ende war, nahm er die Schallplatte und zertrümmerte sie."

"Deutsche Unterhändler statt deutsche Waffen!"

Während die in der irakischen Hauptstadt Gefangenen abwarteten und Bier tranken, stritten die Parteien in Bonn über den richtigen Umgang mit dem Geisel-Drama. Durfte man mit einem Schurken wie Saddam Hussein verhandeln? Amerikaner und Briten standen für die unnachgiebige Linie - die Deutschen zauderten. Als Angehörige der Geiseln in Bonn demonstrierten und voller Zorn "Deutsche Unterhändler statt deutsche Waffen!" skandierten, lenkte die Regierung ein.

Statt eines offiziellen Vertreters übernahm der 76-jährige Altkanzler Willy Brandt die heikle Mission. Ungeachtet nationaler und internationaler Kritik reiste der SPD-Ehrenvorsitzende und Präsident der Sozialistischen Internationale am 5. November 1990 nach Bagdad. Hartnäckig feilschte Brandt mit Diktator Hussein um die Geiseln - am Ende standen 175 Menschen aus elf Ländern auf seiner Liste. Darunter auch Fellmeth und Schmitz.

"Wir hielten den Ausreisestempel in Händen und dachten: Super! Jetzt fahren wir in die Türkei und setzen endlich unsere Reise fort", sagt Fellmeth. Als seine Mutter ihm am Telefon entsetzt ins Gewissen redete, entschieden sich die beiden Abenteurer um, parkten ihren geliebten Bus und flogen zurück nach Deutschland.

Der Lufthansa-Airbus "Nördlingen" landete am 9. November um 21.27 Uhr im winterlichen Frankfurt. Fellmeth lief in seinem dünnen, blauen Hemd die Gangway runter, fror fürchterlich - und war überwältigt: "Halb Wiesloch stand in dem großen Hangar, den der Flughafen extra für uns freigeräumt hatte: die Abiklasse, alle Freunde, die ganze Familie."

Ihre Reise setzten die beiden Weltenbummler dennoch fort. "Das wollten wir uns nicht kaputtmachen lassen", sagt Fellmeth. Anfang Januar 1991 flogen sie erneut los. Als der zweite Golfkrieg zur Befreiung Kuwaits schließlich ausbrach, saßen Fellmeth und Schmitz in einem kleinen Café - in der Altstadt von Delhi.

insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
Jochen Hoffstätter, 30.07.2015
1. ...
die zweite Reise war dann wohl "der Lohn der Angst!"
Horst Frank, 31.07.2015
2. naja
inwieweit man der Propaganda beider Seiten von damals glauben schenken kann, ist leider nicht mehr nachvollziehbar. Im Lichte (zum Beispiel) einer Brutkastengeschichte, erscheinen auch andere Stories plötzlich nicht mehr so eindeutig.
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