Gummistiefel Fetisch für die Füße

Vom Gärtner-Outfit zum Hipster-Accessoire: Flippige Gummistiefel liegen voll im Trend. Für trockene Füße können sich Fashion Victims bei Charles Goodyear bedanken, der herausfand, wie man widerspenstiges Kautschuk zu elastischem Gummi macht - und neben Regentretern auch gleich das Kondom erfand.

DPA

Von Lydia Leipert


In Berlin ist die Liebe zum Gummi entbrannt. Nein, es geht nicht um Sex, sondern um wasserfeste Schuhbekleidung: Gummistiefel. Im KaDeWe gibt es die bunte Luxusvariante, im Gartenfachhandel den dunkelgrünen Klassiker und in verschiedenen Szene-Läden auch deutlich ausgefallenere Varianten - letztere haben selbst im Winter Hochsaison.

In dem kleinen Laden "Konsumfilter" im Prenzlauer Berg findet man sie in grellen Farben, mit schrägen Mustern, Deko-Schnürsenkeln und Reflektorenstreifen. "Sie sind hippe Accessoires", sagt Stefan Preuss und hebt einen der vielen bunten Stiefel aus dem Regal. "Je ausgefallener das Design, desto besser werden sie verkauft", sagt er.

Leopardenmuster und Gartenzwerge

Der Trend kommt aus New York und London. In Manhattan bietet sogar das Modelabel "Issey Miyake" Gummistiefel an - für mehr als 600 Dollar. In London, auf dem Flohmarkt in Camden, wo sich die Hippsten unter den Briten rumtreiben, warten die knallig bedruckten Stiefel auf Käufer.

Und mittlerweile sind sie auch in Deutschland in: Mit Schotten-, Blumen- oder Leopardenmuster, mit Tigern, Gartenzwergen oder Kühen drauf. Die knallige Vielfalt in Gummi kommt an. "Natürlich haben wir viele Hobby-Gärtner oder Hundebesitzer, die die Stiefel kaufen", erklärt Preuss. Daher der "Gassi-Boot" oder das Modell mit fröhlichen Möpsen drauf. "Aber wir hatten auch schon einen langhaarigen Musiker da, der die Boots mit dem Piratenschädel unbedingt für seinen Auftritt brauchte."

Wer die Wurzeln des neuen Trends sucht, muss tief graben: Angeblich stellte bereits die Urbevölkerung Südamerikas einen Vorläufer des Stiefels her. Stoffschuhe wurden mit latexhaltigem Pflanzensaft getränkt und hielten so beim Waten durch den Sumpf die Füße trocken.

Ein Leben für das Gummi

In anderen Teilen der Erde hat es weit länger gedauert, bis man Geschmack an Gummi-Klamotten fand. Der Großvater des Gummistiefels ist der Amerikaner Charles Goodyear: Er fertigte Anfang des 19.Jahrhunderts erstmals Anzüge und sogar einen Gehstock aus Gummi. Das brachte allerdings so seine Probleme mit sich. Denn das Material schmolz, wenn es zu heiß wurde. Und wurde brüchig, wenn es zu kalt war. Deshalb experimentierte der im Jahr 1800 geborene Hobby-Chemiker pausenlos in der heimischen Küche und testete neue Gummirezepte.

1839 gelang dann der Durchbruch: Goodyear erfand die sogenannte Vulkanisierung. Ein Prozess, bei dem er rohen Kautschuk, Schwefel und Füllstoffe mischte und dann das Ganze erhitze. Auf einmal hatte er eine Masse, die elastisch und haltbar war. Goodyear gründete eine Firma, die Gummihandschuhe und Zelte herstellte, letztere waren damals zur Goldgräberzeit heiß begehrt.

So konnte Goodyear seine Kautschuk-Visionen ausleben: 1851 präsentierte er auf der Weltausstellung in London Möbel, die komplett aus Gummi waren. 1855 stellte er das erste Kondom her, das 15 Jahre später serienmäßig in Produktion ging. Goodyears Name ist trotz allem aus einem anderen Grund bekannt: Eine Reifenfirma setzte dem Erfinder mit ihrem Firmennamen ein Denkmal. Denn Charles Goodyear selbst war eher Tüftler als Geschäftsmann und ließ seine Erfindung zu spät patentieren. Davon profitierte ein anderer Amerikaner: Hiram Hutchinson.

Unbequeme Wunderschuhe

Der amerikanische Ingenieur wanderte Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem frisch von Goodyear erworbenen Gummi-Patent in der Tasche nach Montargis in Frankreich aus. Dort, so dachte er sich, arbeiteten viele bei Wind und Wetter in der Landwirtschaft. Die Fischer und Bauern der Region waren zunächst verblüfft und dann begeistert von den Wunderschuhen, die er ihnen brachte. Damit konnten sie tatsächlich ohne nasse Füsse zu bekommen durchs Wasser laufen. Seitdem hat der Erfolgskurs der Schuhe angehalten. Gummistiefel sind heute sogar gut fürs Image: Gerhard Schröder etwa, hat einem Paar Gummistiefeln, mit denen er beim Oderhochwasser vor Ort den volksnahen Kanzler gab, seine zweite Wahlperiode zu verdanken.

Heute macht die knallbunte Version des Gummistiefels die Mädels in Berlin-Mitte glücklich. Aber was macht die Stiefel eigentlich so trendig? Selbst Gummistiefelfachmann Stefan Preuss kann sich die Begeisterung nicht so richtig erklären: "Sie sind nichts für Schweißfüsse, denn trotz der Baumwollbeschichtung innen schwitzt man natürlich enorm. Und sie sind auch nicht besonders bequem. Lange durch die Stadt laufen, kann man damit nicht - aber die Leute lieben sie trotzdem."

Und wie trägt man die Stiefel? "Frauen tragen sie entweder zum Rock oder mit Leggins drunter. Jeans reinstecken funktioniert nicht, da ist der Schaft zu dünn", so der Verkäufer. Und der Trend für die, die schon bunte Stiefel haben? "Halbhohe Gummistiefel sind im Kommen", sagt Preuss. "Die gehen knapp über den Knöchel und sehen etwas unförmiger aus als die längeren." Außerdem kommen in der Sommersaison auch Stiefel mit Deko-Schnalle und Schnürungen bis ganz obenhin. Goodyear hätte sicher seine helle Freude daran gehabt.



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Max van Org, 01.04.2008
1.
"Flippige Gummistiefel liegen voll im Trend" heißt es in dem Artikel von Lydia Leipert. Mir zwingt sich erneut der Verdacht auf, dass ein Trend herbei geschrieben wird. Entweder bin ich in anderen Städten unterwegs als die Autorin oder die Fashion Victims verstecken sich vor mir. Es stimmt, dass auf matschigen Konzertwiesen Gummistiefel getragen werden - ist es außergewöhnlich? Ich meine nicht! Doch ein Trend ist es auf keinen Fall, denn heute ist mir in der Stadt keine mutige Dame in Gummistiefel aufgefallen. Vom Trend würde ich reden, wenn die Stiefel zweckentfremdend auch auf Partys, in der Disko oder in den Einkaufsmeilen zusehen wären. Auf matschigen Feldern und taubedeckten Wiesen sind die klumpigen Boots selbstverständlich. Im letzten Jahr schrieb die Presse "mit Gummistiefeln kann man ins Büro", das Jahr davor war es die Disko und vor drei Jahren waren Gummistiefel angeblich so heiß begehrt, dass in einem WDR-Bericht erklärt wurde, dass es zu Engpässen kommen kann, weil so viele gekauft werden. Nichts davon ist eingetreten, die Gummistiefel wurden zu Ladenhütern. Seit mindestens vier Jahren werden Gummistiefel im Frühjahr zum Trend erklärt, meistens zeigt die Zeitschrift Öko-Test einige Wochen später auf, welche Gifte in den Stiefeln stecken. Gerne präsentieren die Hype-Macher Bilder vom ,Glastonbury' und anderen Musikfestivals, um ihre Thesen zu untermauern. Hat sich jemand gefragt was mit den Gummistiefeln passiert, wenn die Musik verstummt? Die Wahrheit ist, sie verlassen nicht einmal die Konzertwiesen. Die Wellington Boots, wie Gummistiefel in Groß Britannien heißen, werden nach dem ,Glastonbury' gesammelt, gereinigt und nach Afrika verschifft. Die BBC berichtete in März, dass fünf Tonnen Gummistiefel an Farmer in Senegal verschifft wurden. ( http://news.bbc.co.uk/1/hi/england/somerset/7294928.stm ) Haben die Afrikaner weniger Angst vor Schweißfüßen als die Deutschen? Und ich dachte immer in Afrika wäre es wärmer als im verregneten Nord-Europa. Entledigen sich die Britten eines Umweltproblems, verschiffen die Altlasten nach Afrika und Greenpeace protesteiert nicht? Dass Regenkleidung in Afrika getragen wird beweist das Rainweargirl. Auf ihrer Homepage zeigt eine jungen Frau aus Südafrika die bunte Vielfalt der Friesennerze. Ihre Kleidung erinnert an die Friesennerz-Generation der 70er, die in Gelb vor AKWs ausharrte. Die deutsche Gummistiefel-Fetischszene trifft sich auf rubber-boots.de und beklagt, das Gummistiefelträger als infantil angesehen werden, trägt man Gummistiefel in der Stadt, wird man belächelt und gefragt ob die nächste Sintflut kommt, heißt es im Forum. Der Trend ist in Deutschland nicht angekommen. Frau Merkel und Herr Schröder haben zwar Gummistiefel kamerawirksam in Katastrophengebieten getragen, doch nur einfarbige und keine trendigen bunten Tretter. Frau Merkel könnte von Theresa May lernen, die britischen Tory-Politikerin wurde zum Hauptthema der Klatschblätter, weil sie in Tigerlook-Gummistiefeln zum Parteitag kam. Für Herren gibt es keine buntgemusterten Stiefel. Herr Schröder hätte gar nicht trendy sein können. Das dürfte dem Ex-Kanzler egal sein, schließlich hat er mehr Ahnung von dem Gas-Geschäft als vom Öl. Gerade der hohe Öl-Preis dürfte der Grund für den Ausruf eines Hype sein, denn viele Gummistiefel sind nicht aus Gummi sondern aus Kunststoff der aus Öl hergestellt wird. Schon einmal gab es den Versuch aus wenig Öl großen Gewinn zu schlagen, 1971 erfand Horst Brandstätter kleine Kunststofffiguren, die wir alle als Playmobil kennen. Weil die Herstellung großer Spielzeuge zu teuer wurde, mussten die Spielzeuge schrumpfen. Auch damals wurden Gummistiefel zum Hype erklärt und heute ist es nicht anders - dem hohen Öl-Preis sei Dank. Vielleicht haben die Hersteller noch einen wichtigen Absatzmarkt nicht erkannt, nach Handyschalen und personalisierten Briefmarken wäre es sicherlich möglich personalisierte Gummistiefel herzustellen. Spezielle Buntstifte zum bemalen von Gummistiefeln gibt es schon. Jetzt ist es Zeit für Gummistiefel mit einer Liebesbotschaft auf dem Stiefelschaft. So könnten die Stiefel sogar das nächste Musikfestival überleben. Ein Parteilogo auf dem Stiefelschaft hingegen könnte zum politischen Überleben beitragen. Einfach per Internet ein Logo, eine Kinderzeichnung oder ein Foto einsenden und nach 7 Tagen in Gummistiefel schlüpfen mit dem Foto der/des aller Liebsten.
Arne Hoffmann, 09.12.2009
2.
Also mir persönlich ist es ziemlich egal, was andere Personen darüber denken, wenn ich bei nassem Wetter oder matschigem Boden meine gelben Gummistiefel und meinen gelben Friesennerz anhabe! Ich ziehe dies problemlos auch an, wenn ich in der Stadt unterwegs bin oder wenn ich einen Spaziergang bei Regen unternehme. Für mich ist da auch überhaupt nichts dabei - schließlich dienen die Gummistiefel und mein gelber Friesennerz eigentlich ja nur dazu, nicht nass zu werden. Und wenn ich dann teilweise sehe, mit was für Schuhen und Stiefeln manche Leute auch bei schönem Wetter auf der Straße unterwegs sind, muss ich mich mit meinen gelben Gummistiefeln und meinem gelben Friesennerz bei schlechtem Wetter sicherlich nicht verstecken.
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