Kultautor H. P. Lovecraft Sexmuffel und Horrorgott

Vor Sex hatte er eine Heidenangst, menschliche Nähe kannte er nicht - und er war ein Rassist: Aus seinen Komplexen und Unzulänglichkeiten schuf der Horrorautor H. P. Lovecraft ein ganzes Universum voller glitschiger Monster - Hollywood lässt sich davon bis heute inspirieren.

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Eine unkartierte Insel ansteuern, die plötzlich aus den Fluten des Pazifiks hervorbricht? Schlechte Idee. Das Eiland betreten, dessen Strand aus Schlamm, Glibber und gigantischen Steinquadern besteht? Ziemlich dumm. Dann über schleimtriefende Riesenstufen zur Festung hochklettern, obwohl überall grässliche, unheilverkündende Fratzen in den Stein gemeißelt sind? Wahnsinn!

Was den Schiffsmaat Johansen und seine Männer nicht abhielt, genau dies zu tun. Zack, schon wurden drei Matrosen von Tentakeln gewürgt, zwei Mann starben gleich vor Schreck. Johansen rannte um sein Leben. Ihm dicht auf den Fersen: Cthulhu, ein monströses Wesen von humanoider Gestalt mit Flügeln auf dem Rücken und Tentakeln als Bart.

Ähnlichen Schrecken wie seine Romanfigur Johansen muss der Autor der Kurzgeschichte "Cthulhus Ruf" von 1926 durchlebt haben, als er die Geschichte um den wandelnden Wischmop schrieb. Howard Phillips Lovecraft hegte gewaltigen Ekel vor jeder Art Meeresgetier. "Ich habe Fisch gehasst und das Meer gefürchtet mit allem, was dazu gehört, seit ich zwei Jahre alt war", gestand er seinem Freund Donald Wandrei. Geradezu ein "Brechmittel" wären Fische, Krustentiere und Wirbellose für ihn.

H. P. Lovecrafts Hass auf das Meer und seine anderen Komplexe haben bis heute Folgen. Stephen King, Neil Gaiman oder Wolfgang Hohlbein - kaum ein Horror- oder Fantastikautor, den Lovecrafts Geschöpfe wie Cthulhu nicht beeinflusst haben. Das Tentakelmonster hatte einen Gastauftritt bei den "Simpsons", die Heavy-Metal-Band Metallica widmete ihm einen Song, und mit Davy Jones tritt im Hollywoodspektakel "Fluch der Karibik" ein wirbelloser Cthulhu-Verschnitt als Bösewicht auf.

"Eigenartiger muffiger Geruch"

Was wenige wissen - mit den Monstergeschichten bekämpfte Lovecraft seine inneren Dämonen. Weil sie sich immer eine Tochter gewünscht hatte, ließ Sarah Susan Phillips Lovecraft ihren am 20. August 1890 in Providence im US-Bundesstaat Rhode Island geborenen Sohn Mädchensachen tragen und war stolz auf seine langen, blonden Locken. Seit Lovecrafts Vater 1893 wegen Zwangsvorstellungen eingewiesen wurde, erzog sie das Einzelkind allein. Solange er sich diese Rolle gefallen ließ, genoss Lovecraft die Zuneigung seiner Mutter. Statt der verhassten Meeresfrüchte durfte er sich raue Mengen an Eiscreme und Schokolade hineinstopfen - solange er nur seine Kleider anbehielt.

Erst mit sechs Jahren probte der Sohn den Aufstand - und ließ sich die Haare abschneiden. Daraufhin wandelte sich die Mutterliebe in Hass. Sarah Lovecraft vermied jeden Körperkontakt mit ihrem Kind und redete ihm lebenslange Komplexe ein - sein Gesicht sei scheußlich. "Das Haus hatte einen eigenartigen, muffigen Geruch, und die Stimmung war irgendwie unheimlich", beschrieb die Nachbarin Clara G. Hess einen Besuch bei Lovecrafts. Isoliert und emotional verarmt fand der hochintelligente Lovecraft in Büchern Zuflucht.

H. P. Lovecraft gilt heute als Kultautor der amerikanischen Gruselliteratur
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H. P. Lovecraft gilt heute als Kultautor der amerikanischen Gruselliteratur

Mit zwei Jahren rezitierte er Gedichte, mit vier Jahren konnte er lesen. Tausende Bände umfasste die Bibliothek im Haus von Lovecrafts Großvater, in dem die Familie zusammenlebte. Sagen, Märchen, Erzählungen aus "Tausendundeiner Nacht" las Lovecraft am liebsten. Chemie, Astronomie, alte Sprachen - kaum etwas, woran er nicht interessiert war. Schließlich begann der Junge, selbst Gedichte und Erzählungen zu schreiben.

Aufgewachsen in einer Atmosphäre der Lieblosigkeit und Manipulation, kultivierte Lovecraft zahlreiche Ängste und Marotten. Lange Zeit beherrschte ihn eine panische Angst vor der Dunkelheit. Nachdem sein Großvater mit ihm nachts durchs Haus gewandert war, wurde er selbst nachtaktiv. Aktivitäten bei Tag waren ihm bald verhasst. Er lernte am liebsten in der Dunkelheit, spazierte beim Schein der Laternen durch die Straßen von Providence und schrieb Briefe an Freunde und Bekannte. Dafür hatte er viel Zeit, zahlreiche Erkrankungen machten einen regelmäßigen Schulbesuch unmöglich.

"Killer-Vagina"

Lovecraft wurde zum Nachtmenschen, der nach dem Tod der Mutter und dem Vermögensverlust seines Großvaters mit seinen Tanten in einem kleinen Haus zusammenlebte, sich von Unmengen Süßigkeiten ernährte und merkwürdige Gruselgeschichten verfasste, zu denen ihn seine Träume inspiriert hatten. Wie "Dagon" von 1917, in der ein Schiffbrüchiger in einem Sumpfland landet, überdeckt mit vergammelnden Fischen. Und es bald mit einem antiken Fischgott zu tun bekommt.

1924 heiratete der zurückgezogen lebende Lovecraft mit 33 Jahren Sonia Greene, die er durch seine Mitgliedschaft bei der United Amateur Press Association, einer Vereinigung von Amateurschriftstellern, kennengelernt hatte.

Die Beziehung stellte Lovecraft vor Schwierigkeiten. Als die sieben Jahre ältere Greene ihn das erste Mal küsste, war der Schriftsteller zutiefst erschrocken. Seit er ein Säugling gewesen war, hätte ihn niemand mehr geküsst, gestand ihr Lovecraft. Noch viel problematischer muss die Hochzeitsnacht verlaufen sein. "Natürlich bin ich nicht mit dem Phänomen der Liebe vertraut, außer durch oberflächliche Lektüre", offenbarte er in einem Brief an seinen Freund Reinhardt Kleiner. Einige Monate lebte das Paar in Brooklyn zusammen, bis es sich bereits wieder trennte. Sonia verließ New York wegen eines neuen Jobs. Ihr Mann war nicht einmal in der Lage gewesen, das Wort "Liebe" auszusprechen.

Bald zurückgekehrt in sein geliebtes Providence, schrieb sich Lovecraft das erlittene sexuelle Trauma von der Seele - und erschuf Cthulhu und andere Monster. "Wir beobachten eine gigantische, tentakelbewehrte Killer-Vagina jenseits von Raum und Zeit", urteilte Stephen King.

"Sex und wenig mehr"

Seiner komplexbeladenen Fantasie entsprang ein ganzes Universum ungeheuerlicher Ideen - Wesen wie die "Großen Alten", für die die Menschheit nur Staub unter ihren, naja, Klauen oder Ähnlichem sind, mit Azathoth, dem Dämonensultan, Cthulhu, dem Tentakelekel oder auch dem geheimnisumwitterten Buch "Necronomicon". Dabei dreht sich bei Lovecrafts Spätwerk oft alles nur um das eine. "Sex und wenig mehr", so Stephen King.

Doch Lovecrafts Geschichten tragen auch rassistische Züge. Als Spross einer ehemals wohlhabenden angelsächsischen New-England-Familie verstand er sich als Elite. Sein Aufenthalt im Schmelztiegel New York erschütterte den bis dahin im provinziellen Providence isoliert lebenden Autor. Er verstieg sich zu hasserfüllten Beschreibungen, schrieb von der Stadt als "Jauchegrube", deren "organische Dinge trotz äußerster Anstrengung der Vorstellungskraft nicht als menschlich bezeichnet werden" könnten.

Lovecraft kam erst nach seinem Tod zu Ruhm. Wie mit der Geschichte "Berge des Wahnsinns", die 1936 in den "Astounding Stories" erschien.

Lovecraft kam erst nach seinem Tod zu Ruhm. Wie mit der Geschichte "Berge des Wahnsinns", die 1936 in den "Astounding Stories" erschien.

Fassungslos stellte Lovecraft fest, dass seine vornehme Herkunft und Bildung in den Armutsvierteln, in denen er lebte, wertlos waren. Er fand keinen Job? Die Einwanderer waren schuld! Diese schlichten Erklärungsmuster tauchen auch in seinen Texten wieder auf.

Oft werden im Lovecraft-Universum gebildete, angelsächsische Akademiker von Unholden dunkler und schwarzer Hautfarbe malträtiert. Wie die Anhänger des Tentakel-Monsters in "Cthulhus Ruf". "Sie umgab etwas besonders Verabscheuungswürdiges, das ihre Ausrottung fast wie eine Pflicht erscheinen ließ", heißt es im Text.

Tatsächlich war Lovecraft neidisch auf die von ihm wahrgenommene Durchsetzungsfähigkeit der Immigranten. "Sie haben völlig recht, wenn Sie sagen, dass die Schwachen die Starken anbeten. Das ist bei mir genau der Fall", gestand er Belknap Long.

"Anmerkungen zu einer Null"

Nach der Trennung fristete Lovecraft sein Leben in seiner kleinen Unterkunft in Providence, schrieb Geschichten und ernährte sich von Süßkram, Käse und kalten Bohnen, die er aus der Dose aß. Die paar Dollar, die er mit vor allem mit Textüberarbeitungen für andere Autoren verdiente, investierte er größtenteils in Briefpapier und Marken. Kontakt zur Außenwelt hielt er vor allem auf dem Postweg. Rund 100.000 Briefe soll er im Laufe seines Lebens an seine Freunde verschickt haben.

Seine literarische Ausbeute war viel geringer. Etwa 40 Kurzgeschichten und einige ausführlichere Erzählungen hinterließ Lovecraft bei seinem Tod, mit keiner hat er jemals nennenswert Geld verdient. 1937 starb er verarmt an Krebs. "Mein Leben ist so still, so ereignislos und so unauffällig verlaufen, dass es zu Papier gebracht, bestenfalls erbärmlich, glanzlos und fade erscheinen muss", schrieb er in seinen autobiografischen Aufzeichnungen. Ihr Titel? "Einige Anmerkungen zu einer Null".

Vom Tentakelzottel Davy Jones im "Fluch der Karibik" bis hin zu Terry Pratchetts Kerkerdimensionen - zahlreiche Filmemacher und Schriftsteller haben sich von H. P. Lovecrafts Horrorfiguren inspirieren lassen. Hier, zu Lovecrafts 125. Geburtstag, eine Bildergalerie des Schreckens:

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Kultautor H. P. Lovecraft: Tentakelmonster und Todesbücher


insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
Rachel Stein, 20.08.2015
1.
Einfach schrecklich dieser Artikel! Viel schrecklicher als alles, was Lovecraft je geschrieben hat. OK, mit der Ausnahme seiner frühen Werke... Da werden nur die alten Platitüden über ihn zum tausendsten Mal wieder aufgewärmt und aufgetischt, aber kaum was schlüssiges über sein Werk. Wo geht es bitteschön in seinen Werken um "Sex und wenig mehr"? Hat der Autor überhaupt selbst was von Lovecraft gelesen? Und dabei aber King zitieren, der schon öfters offen gestanden hat, dass er Lovecraft beneidet und hasst, weil er selbst nie so werde schreiben und diesen Kultstatus erreichen können. Und wer ihn für einen Rassisten hält, sollte zuerst alle seine Briefe lesen und sich dann seine Meinung bilden. Lovecrafts Geschichten machen mich nicht mehr so sehr an, aber die Überzeugung bleibt dass es sich bei ihm um einen hochintelligenten Menschen mit sehr ausgeprägtem Sinn für Selbstreflexion handelte, der aber leider durch die Lebensumstände nicht mehr wurde als er am Ende war.
Sebastian Evers, 20.08.2015
2. Darksiders 2
In Darksiders 2 steht Death zweitweise einem Endboss gegenüber, der doch sehr starke Ähnlichkeit zum lieben Cthulhu aufweist. Beim ersten Spielen musste ich sofort an Lovecraft denken.
Judith Brandner, 20.08.2015
3. Schreckliche Geschichten
Immerhin sind seine Geschichten um Suhrkamp Verlag erschienen. Als ich einmal Grippe hatte, habe ich etliche davon verschlungen, irgendwie bin ich zu der Sammlung gekommen und mochte damals "Gespenstergeschichten", besonders von guten Verlagen. Sie hatten einen unheimlichen Sog und haben mich meistens sehr schön mitgenommen, was eine gute Ablenkung ist, wenn man nur herumliegen kann. Allerdigs waren die folgenden Träume furchtbar. Im Nachhinein glaube ich, dass ich schneller gesund geworden wäre, wenn ich etwas Positives gelesen hätte. Seine Fantasie ist schon sehr schrecklich. Als es mir besser ging, habe ich die Bände auf dem Flohmarkt verkauf - ich wollte sowas nicht mehr in Haus haben.
Jackie Jack, 20.08.2015
4.
Nicht nur Hollywood lässt sich inspirieren, eine Vielzahl Musiker und/oder Künstler mindestens ebenso. Als kleines Beispiel sei das Cinematic-Ambient-Label "Cryo Chamber" genannt, die Lovecrafts Schaffen erst kürzlich mit einer "Cthulhu"-Compilation würdigten. Ich hoffe, es stört sich niemand daran, dass ich hier einen Link zu jenem Underground/Indie-Label poste: https://cryochamber.bandcamp.com/album/cthulhu
Peter Reigber, 20.08.2015
5. Wer
so einen Artikel schreibt hat keine oder nur gaaanz wenige seiner Geschichten gelesen. Seine Geschichten so oberflächlich zu beschreiben ist peinlich !! peter(R)
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