Hamburg in den Zwanzigern Als St. Pauli wirklich rot war

Es waren turbulente Zeiten: Resi Holm wuchs in den zwanziger Jahren im Hamburger Arbeiterviertel St. Pauli auf. Dort war die KPD die stärkste Partei - und wie ihr Vater war auch Resi Kommunistin. In einem Parteilokal verliebte sie sich in den Rotfrontkämpfer Charly - doch ausgerechnet als sie schwanger wurde, musste Charly ins Gefängnis.

Marianne Sauer

1918 wurde ich in der Schule Kampstraße in Hamburg-St. Pauli eingeschult. Wir wohnten in der Marktstraße 111, Haus 3 - ein langer Hof mit vielen Kindern. Das war herrlich! Alle hatten wir viele Freunde und immer Spaß beim Spielen.

Meine beste Freundin hieß Emmi. Mit ihr ging ich Arm in Arm zur Judenbörse. Aus den Karren mit Resten, Stoffen und Haarbändern haben wir uns schöne Stoffreste ausgesucht und daraus im Treppenhausflur was für uns genäht. Das mochten wir beide am liebsten.

Ich war das jüngste von fünf Geschwistern und sollte an und für sich nicht mehr kommen. Meine Schwester Henny habe ich nicht mehr kennengelernt, sie starb mit 16 Jahren. Und mein Bruder Heinrich war früh von zu Hause weggegangen und fuhr zur See. Wenn Nachricht von meinem Bruder kam, haben sich meine Eltern sehr gefreut und uns Kindern einen Groschen geschenkt. Davon kauften wir dann eine Salzgurke beim Gurken-Fritz.

Zwei Schwestern, ein Bett

Unsere Wohnung, in der damals meine Eltern, meine große Schwester Lieschen, die Käthe, die Guste und ich wohnten,

hatte zweieinhalb Zimmer. Das war zwar eng, aber meine Mutter und Lieschen haben es immer ordentlich gehalten. Wir Kinder waren gut erzogen und durften nichts 'rumliegen lassen. Guste war nur zwei Jahre älter als ich und wir schliefen zusammen in einem Bett. Wenn mein Vater sich am Handstein im Klo gewaschen hat, wurde die Tür aufgehalten und keiner kam mehr durch den Flur.

Mein Vater war von Anfang an Kommunist. Zuerst war er in der SPD, und als die KPD gegründet wurde, ist er gleich Mitglied geworden. Er war ein Idealist, in der Politik. Dabei war er übersichtlich und man konnte ihn gut verstehen. Er war klug, hat viel gelesen und hatte schöne Bücher, von der Büchergilde. Weil meine Mutter gar nicht gelesen und sich auch nicht für Politik interessiert hat, konnte er sich nicht richtig mit ihr unterhalten. Ich kriegte schon mal mit, dass er zu ihr sagte: "Du bist dumm und bleibst dumm."

Früher hatte mein Vater als Unständiger im Hafen gearbeitet, doch als er Familie hatte, hat er beim Staat angefangen. Er war Straßenfeger, zuerst am Rathaus und dann in der Blumenhalle. Er hatte entweder Frühschicht oder arbeitete von mittags bis abends um 10 Uhr. 1933 wurde er dann gleich entlassen.

Den Sonntag mochten wir nicht

Unser Vater liebte die Geselligkeit. Er lud oft seine und meine Mutters Geschwister ein. Dann mußten Käthe, Guste und ich unseren Onkel und Tanten was vorsingen und es war auch für uns ein schöner Tag. Wenn Besuch kam, haben sich alle ins Zimmer gesetzt. Da gab es ein Chaiselongue auf dem auch geschlafen wurde, ein Sofa und viele Stühle. Besuch hatten wir meistens am Sonnabend, weil dann ja ausgeschlafen werden konnte.

Sonst passierte alles in der Küche. Da haben wir auch viel gespielt, am meisten "66" und Halma. Nur den Sonntag mochten wir Kinder nicht so gern. Er lief immer gleich ab: weil wir so viele waren, haben wir nacheinander gefrühstückt. Zuerst die Eltern. Mittags gab es dann immer frische Suppe und nachmittags kam immer selbstgebackener Kuchen auf den Tisch. Danach gingen wir Kinder zum Spielen auf den Hof und das machte keinen Spaß, weil wir uns mit den Sonntagssachen so vorsehen mußten.

Weihnachten war bei unseren Eltern etwas ganz Besonderes.

Mein Vater war Kommunist, aber deswegen hat er sich den Tannenbaum nicht nehmen lassen. Unter dem Tannenbaum hat er dann einen wunderschönen Winterwald aufgebaut. Wir Kinder waren glücklich - da fehlte auch gar nichts! Mein Vater glaubte nicht an einen kirchlichen Gott, aber er hat das Wort "Gott" oft gebraucht. Das tue ich auch. In großer Not - zum Besipiel im Krieg - hat jeder, da kann einer sagen was er will, schon mal gebetet. Und warum soll man so ein Egoist sein, dass man nur wenn man keine andere Hilfe kriegen kann zu Gott spricht und ihn sonst vergißt.

Geld war immer knapp

Von Geld wurde bei uns nicht viel geredet. Aber es war immer knapp, und wir Kinder haben schon früh angefangen Zeitungen auszutragen. Wir Hofkinder wurden größer und spielten nun ab liebsten auf dem Heiligengeistfeld bei der Mühle. Als ich dreizehn war, tauchte ein junger Mann, er hieß Heinrich, bei uns auf. Heinrich war Lehrer an der Volksschule und wohnte auch in der Marktstraße. Mein Vater und er führten viele gute Gespräche und ich hörte ihnen gern zu.

Heinrich nahm mich mal mit zu seinen Eltern. Da hatte er ein schönes Zimmer mit einem großen Schrank voller Bücher. Ich hatte ja kein großes Interesse an Büchern, aber Heinrich las mir vieles vor und erklärte mir dabei alles sehr gut. So kam es, dass ich ernst und nachdenklich wurde und mich irgendwie von der Spielerei zurückzog. In der Schule war ich faul und überhaupt nicht ehrgeizig und deswegen auch nicht traurig, dass die Schulzeit bald zu Ende gehen würde.

Ich kam durch Freidenker aus der Schule. Das war ein schönes Fest und ich hatte ein hübsches Kleid. Meine Eltern meinten, ich sollte erstmal weiter Zeitungen austragen und noch nicht arbeiten. Ich war die Kleinste und zart und sollte erst kräftiger werden.

Die Erste, die nicht mehr dienen sollte

Meine Schwester Lieschen arbeitete bei der HABAFA, einer Batteriefabrik am Eppendorfer Weg. Das war eine gute Arbeit und sie fühlte sich wohl da. Eigentlich sollte sie ja dienen, aber sie hatte sich durchgesetzt. Käthe diente in der Annenstraße bei einem jüdischen Arzt. Guste war die erste, die nicht mehr dienen sollte und gleich ins Kontor kam. Meine Freundin Emmi ging in den Schneiderberuf.

Nach der Schule trat ich der kommunistischen Jugend bei und hatte bald die alten Hoffreunde vergessen. Nun gab es für mich nur noch die kommunistische Jugend. Wir trafen uns im Parteilokal bei "Riesler" in der Feldstraße. Da habe ich der Wirtin immer die Haare gemacht und bekam dafür 50 Pfennige. Das war für mich viel Geld.

Wir waren viele Mädchen, sprachen über Politik und machten Aktionen. Wir fuhren mit der Eisenbahn oder offenen Lastwagen über Land und machten Propaganda für die Partei. In unser Clublokal kamen auch die jungen Rotfrontler. Einer von ihnen fiel mich gleich auf. Er war groß und breit und sah in seiner grauen Rotfrontuniform für mich wie ein Supermann aus. Er muss das gespürt haben, denn er blieb, als seine Freunde gingen.

Wir haben dann im Lokal getanzt und er brachte mich nach Hause.

Charly wird der Prozess gemacht

Als er meinen Namen hörte, dachte er, ich wäre aus Bayern. Nein, ich war St. Paulianerin, und er wohnte auch auf St. Pauli, war drei Jahre älter als ich und hieß Carl. Vom Wiedertreffen war nicht die Rede, weil sein Vater erst ein halbes Jahr tot war, er sieben Geschwister hatte und für seine Mutter da sein mußte.

Wir sahen uns aber immer wieder im Parteilokal und irgendwann brachte er mich dann wieder nach Hause.

So kam es, dass wir es uns oft bei meiner Freundin Gertrud gemütlich machten. Meine Eltern wußten davon nichts. Wir paßten auf, weil ihre Wohnung und die von Gertrud Hof an Hof lagen. So verging Woche für Woche, Monat für Monat... Später haben sich dann meine Eltern und mein Charly in unserem Lokal kennengerlernt. Die Wirtin gab zur Stärkung einen kleinen Schnaps aus, und meine Eltern mochten Charly mit einem Blick.

Um das Jahr 1929/30 traten immer öfter faschistische Gruppen bei uns auf. Da gab es böse Schlägereien und Charly war immer dabei. Er wurde mit anderen verhaftet und bekam einen Prozess wegen Landfriedensbruch und Beamtennötigung.

Heirat nach der Haftentlassung

Was nicht kommen sollte kam - ich wurde schwanger. Das Schlimmste war, es meinen Eltern zu sagen. Charly trat seine Strafe im Oktober 1930 an und wurde im Januar 1931 entlassen.

Danach machten wir als Erstes unseren Hochzeitstermin. Er war der 14. Februar 1931

Meine Schwestern wohnten nicht mehr zu Hause. Zuletzt war Guste zu einer Freundin in die Karolinenstraße auf Zimmer gezogen. Meine Eltern machten für uns das Zimmer frei. Ihr altes Sofa blieb drin, mein Schwager tischlerte uns einen hübschen Schrank und ein Paradiesbett hatten wir auch.

Charly hatte duch seine Haft seine gute Arbeit als Kranführer in einer Holzfabrik verloren. Aber irgendwie würde es weitergehen. Wir waren alle vier, Vater, Mutter, Charly und ich, genügsame Menschen. Was wir nicht hatten, hatten wir eben nicht. Wir trafen uns weiter mit unseren Genossen, haben geredet, gesungen, musiziert und hatten viele schöne Stunden zusammen.

Jetzt sind wir fünfzig Jahre verheiratet, politisieren mit keinem Menschen mehr, aber unsere Gesinnung tragen wir immer noch bei uns.



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