Reportage über Hans-Dietrich Genscher (1982) "Ich muß doch die Sozis bändigen"

"Ja oder nein" kann er nicht, der FDP-Vorsitzende ist ein ewiger Taktierer: Das schrieb SPIEGEL-Reporter Jürgen Leinemann im Mai 1982 über Hans-Dietrich Genscher - eine preisgekrönte Reportage, wiederentdeckt zum 70. SPIEGEL-Geburtstag.

DER SPIEGEL

Von Jürgen Leinemann


Dieser Beitrag erschien in der SPIEGEL-Ausgabe 22/1982, wenige Monate, bevor Hans-Dietrich Genscher und die übrigen FDP-Minister der sozialliberalen Koalition zurücktraten und Helmut Kohl (CDU) zum neuen Bundeskanzler gewählt wurde. Mit seiner Reportage gewann Jürgen Leinemann (1937-2013) den 1. Egon-Erwin Kisch-Preis.


Der Ausblick ist, wie man so sagt, unbezahlbar; für die meisten zumindest. Vom Dachgarten und Balkon einer luxuriösen Eigentumswohnung am Feenteich in Hamburg schweift der Blick über die segelbetupfte Alster. Sekt wird zwischen Palmen und Marmorbüsten gereicht. Im strahlenden Licht der Maisonne leuchten die blaugelben Sonnenschirme der Liberalen so elegant, als entstammten sie einer Kreation von Jil Sander.

Um den seidigen Chinateppich im Wohnzimmer herum haben sich 60 gediegene Menschen gruppiert, die alle aussehen, als seien sie mit Alfred Dregger verwandt. Irgendwie, wie die fernen Alternativen sagen würden, riecht es nach CDU.

Begrüßt wird aber Hans-Dietrich Genscher, FDP-Chef und Außenminister und Vizekanzler der sozialliberalen Koalition. Hausherr Kai Wünsche, Import-Export, ringt sich, ohne Ironie, die schlichten Worte ab: "Willkommen an der Basis."

Hans-Dietrich Genscher liebt Wahlparties. Über "Bürgernähe" und das direkte "Gespräch mit dem Volk" hat er sich am Morgen richtig in eine Art Vorfreude geredet. "Nichts ist schlimmer als ein Wahlkampf der Blässe", sagt er. "Die Menschen wollen wissen, wo es lang geht."

Wie wahr. Aber soll es wirklich hier lang gehen für die FDP; Richtung Union? Hans-Dietrich Genscher will, wie er später sagt, nichts gemerkt haben von einem solchen Trend seiner Gastgeber.

Sie nennen ihn "Triezekanzler"

Dabei hat Großkaufmann Wünsche, seit Oktober Mitglied der FDP, keinen Hehl aus seiner Abneigung gegen die mit Genscher regierenden Sozis gemacht und noch weniger die vom Hausherrn angeworbenen 36 neuen Mitglieder, die er seinem Parteichef vorstellt - Verwandte und Geschäftsfreunde allesamt. Eine goldbehangene adlige Lehrerin etwa - "Ich bin seit fünf Minuten Mitglied in Ihrem Verein" - erkundigt sich beim Hamburger Spitzenkandidaten Klaus Brunnstein zielstrebig nach den Möglichkeiten einer Partei-"Karriere". Früher, sagt sie, seien ihr die Liberalen mit ihrem Linkskurs zuwider gewesen, jetzt nicht mehr.

Hans-Dietrich Genscher sitzt derweil auf dem Dachgarten und lauscht wortkarg den Bekenntnissen seiner neuliberalen Freunde. Für Kernenergie sind sie und gegen Steuererhöhungen, wie er; für Leistung und Eigentum, wie er. Gegen die Genossen. Wie er?

Für seine Verhältnisse ist Hans-Dietrich Genscher ungewöhnlich einsilbig. Er ist das Thema gewöhnt, seit er im vergangenen Jahr den schillernden Begriff der "Wende" in Umlauf gebracht hat und den Sozialdemokraten in Bonn so unentwegt ins gemeinsame Regierungsgeschäft quengelt, daß er schon im eigenen Außenamt "der Triezekanzler" genannt wird.

Aber sosehr er sich auch zu sonnen vorgibt im Ruhm einer neuen "bilderbuchhaften Eigenständigkeit der FDP" (ein Berater), so sehr ängstigt ihn das Risiko eines endgültigen Bruchs. "Der ist doch ein Gefangener seiner eigenen Taktik", sorgt sich ein Bonner Fraktionsmitglied. Andere spotten schon: "Die Hermeline verlassen das sinkende Schiff." Nicht mal zu Hause, glaubt ein FDP-Präside, hat Genscher Ruhe: "Da liegt ihm gewiß seine Mutter in den Ohren: 'Dieter, du sollst doch nicht immer mit den Sozis spielen.'"

Hans-Dietrich Genscher reagiert mit feinem Gespür für die äußeren Umstände. Fühlt er sich überlegen, wie auf einer anderen Wahlparty in Hamburg, wo Besitzer nicht ganz so feiner Häuser im nicht ganz so feinen Stillhorn ihn bedrängen, wehrt er sich offensiv: "Ich muß doch die Sozis bändigen. Die haben das nötig."

Dieses Augenkniepen ist ein Trick

Sieht er sich, wie am Feenteich, aber zu stark unter Druck, dann hält er fest an jener staatserhaltenden Formel, die er am Morgen ins Mikrophon des NDR gesprochen hat: Die FDP müsse stark werden, um "die Regierbarkeit der Stadt" gewährleisten zu können. Mit anderen Worten: Ob SPD oder CDU stärkste Partei werden, ist gleich - wenn es zusammen reicht, sind die Liberalen dabei.

Da bleibt gewiß nicht viel übrig von der Verbindlichkeit der Hamburger FDP-Zusage an die Sozialdemokraten. Aber weil er wohl spürt, daß er seinen Gastgebern dennoch zuwenig bietet, versucht er sie auf verwirrende Weise zu entschädigen.

Er blinzelt. Fast unmerklich zuckt es von Zeit zu Zeit um sein linkes Auge, was den jeweils Sprechenden sichtlich irritiert. Aber bevor der noch darauf reagieren kann, ist das Kniepen verschwunden. War es eine Täuschung? Oder signalisiert der FDP-Chef doch an verfänglicher Stelle Komplizenschaft?

Wünsche und seine Freunde sind zu neu im liberalen Geschäft, um zu wissen, daß dieses Augenkniepen ein bonnbekannter Trick des Ministers ist, um den Gesprächspartner in seinen suggestiven Sog zu ziehen.

Nie kann sich einer darauf berufen, immer aber bleibt das Gefühl, dem Liberalen eine Antwort schuldig geblieben zu sein. Das schafft feine Abhängigkeiten, ist unausgesprochener Anlaß für viele Zweifel, Nachfragen, Klarstellungen, spätere Gesprächsvertiefungen. Und überdies trägt es dazu bei, Genschers Ruf zu festigen, er sei ein besonders trickreicher und hintergründiger Politiker.

Denn, das sagen die meisten nach wie vor in Bonn, seine Kritiker und seine engsten Freunde, daß dieser Mann, der über nichts so gerne redet wie über Berechenbarkeit und Verläßlichkeit - daß dieser Hans-Dietrich Genscher letzten Endes ein Rätsel sei: undurchschaubar, nicht auszurechnen.

Die ewige Frage: Was will Genscher wirklich?

Sechsundzwanzig Jahre lang macht Genscher jetzt in der Bundeshauptstadt Politik. Täglich flimmert sein breitflächiges Konterfei über die Mattscheibe. Zu so gut wie jedem Thema äußert er sich in quälender Weitschweifigkeit und mit glatter Zuversicht. Unter dem Motto "Mein Privatleben muß tabu bleiben" hat er Boulevard-Zeitungen über Mutter, Frau und Tochter, deren Reitpferd und seine Sauna, über Fahrrad, Kellerbar und sein Leibgericht "grüne Bohnen", kurz über so gut wie jeden privaten Winkel seines Lebens reichlich Auskunft gegeben. So aufdringlich ist er als Pausenfüller der Politik geworden, daß Satiriker schon um die Gnade eines Genscher-freien Tages für die Bevölkerung der Republik flehen.

Und doch: Die Frage, was will Genscher wirklich, ist so heiß wie am ersten Tag. Das hat - Genscher blüht sichtbar auf, wenn ein Wähler ihn auf seine zahlreichen Interview-Äußerungen zum Thema anspricht - wohltuende Folgen für das Selbstwertgefühl des FDP-Chefs. Aber es hat auch einen unfreiwilligen Enthüllungseffekt. Denn je länger das Hin und Her dauert, desto stärker drängt sich der banale Verdacht auf: Hans-Dietrich Genscher weiß selber nicht, was er will.

Was wie Rätselhaftigkeit aussehen soll, wirkt immer peinlicher wie bloße Ratlosigkeit. Zu den wenigen Gewißheiten über den FDP-Chef nämlich gehört, daß er stets auf Nummer Sicher geht. "Der betritt eine Brücke erst, wenn er dreimal geprüft hat, daß sie hält", sagt ein Vertrauter.

Nur - wo wäre derzeit der sichere Weg? Es ist riskant für die FDP, an der Seite der SPD zu bleiben, deren Untergangssog die kleine Partei mitzureißen droht. Und es ist riskant zu springen, um dann einmal mehr als Umfallpartei verschrien zu werden - ganz zu schweigen von der Gefahr der Spaltung im eigenen Lager.

Natürlich tut Hans-Dietrich Genscher so, als sei Risiko sein tägliches Geschäft. Der Stoßseufzer aber, der sich ihm in Hamburg entringt beim Hinweis auf die dort gastierenden Hochseilakrobaten der Trabergruppe, die ohne Netz arbeiten, ist voller Gruseln: "Das tu ich doch auch immer."

"Hans-Dietrich Genscher ist die FDP"

Das wäre neu. Seine Freunde jedenfalls rühmen ihren Boß als einen Mann mit überragendem Intellekt, der Politik betreibe wie ein Computer: Aufnahme von so vielen Informationen wie möglich, nahezu unbegrenzte Speicherkapazität, blitzschnelle Abruffähigkeit. Seine Entscheidungen, sagen sie, basierten immer auf einer möglichst lückenlosen Informationslage. Von emotionalen Vorlieben oder ideologischen Vorurteilen würden sie nicht getrübt.

Wischt man den technokratischen Flitter von diesem Bild, dann zeigt es einen Mann, der nicht von sich aus handelt, sondern reagiert. Und ist die Lage unübersichtlich und widersprüchlich - wie gegenwärtig -, dann geschieht gar nichts.

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Höchstens noch schlägt sich die Informations-Blockade in einander widersprechenden Redesignalen nieder, in zunehmender Nervosität und in der Suche nach Hilfestellung von außen.

Genschers Ausweg: Er bestimmt willkürlich ein Faktum, auf das er reagieren kann. So hat er die Bürgerschaftswahl in Hamburg kurzerhand zur "Schicksalswahl" erklärt. Gemeint ist, wenn er Schicksal sagt, nicht das der Koalition - sondern sein eigenes.

Klare Trennungen gelingen Genscher nicht. Immer ist die Sache, die er betreibt, das Amt, das er ausübt, die Gruppe, die er vertritt, eins mit seiner Person. Nicht zufällig blickt in Hamburgs Straßen dieser Tage sein Gesicht von Stellwänden, als wollte er selbst mit Walther Leisler Kiep und Klaus von Dohnanyi um das Amt des Bürgermeisters ringen. "Hans-Dietrich Genscher ist die FDP", heißt die schlichte Erklärung eines Freundes.

Auf den ersten Blick hat diese Unfähigkeit zur Abgrenzung hybride Züge. In seiner Eigenschaft als FDP tritt Hans-Dietrich Genscher in der Bundesregierung auf, als Regierung verkörpert er die Kontinuität des westlichen Bündnisses.

Er arbeitet nur noch 14 Stunden täglich

So anmaßend und lächerlich solche Identifikationen auch scheinen mögen - im Grunde sind sie eine Art Notwehr. Denn es gibt wohl keine runde, in sich eigenständige Person Genscher, die den jeweiligen Funktionen ihren prägenden Stempel aufdrücken könnte. Dieser Mann geht so nahtlos in seinen Ämtern auf wie in seinen privaten Rollen als Sohn, Vater, Gatte. Hans-Dietrich Genscher "ist ein Mensch ohne eigene Wünsche", glaubt ein Mitarbeiter.

Er versucht den Mangel hinter seiner manchmal einschüchternden, trotz Gewichtsabnahme noch massiven Körperlichkeit zu verstecken, deren oft leblose Ruhe in seltsamem Kontrast steht zu seiner öffentlichen Dynamik.

Befragt ihn einer zur Person, redet er im Stil seiner Presseverlautbarungen - vorsichtig und allgemein. Genscher sieht sich in dieser Situation als der Benachteiligte in einem Duell: "Wer schreibt, hat das letzte Wort." Er witzelt, blinzelt, weicht aus, wickelt ein. Seine als Charme verkleideten manipulativen Fähigkeiten sind beachtlich. Aber seine Unsicherheit ist noch größer. Wird er etwa verkniffen angeguckt? In seinem Hamburger Hotelzimmer springt der FDP-Chef auf und zieht die Gardine vor die Sonne. Dazu weiß er die Geschichte eines Angeklagten zu erzählen, der auf diese Weise einen Geschworenen gnädig gestimmt hat. Wer könnte diese Analogie mißdeuten?

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Titelbilder: SPIEGEL-Titel - die stärksten Cover von 1977 bis 1986

Aber warum zieht ein Mann, der mit begründetem Stolz von seinem Ansehen als dienstältester Außenminister der westlichen Welt berichtet, solche Parallelen?

Genscher offeriert Ablenkungen. Er habe sich sehr verändert, sagt er: "Man wird älter." Das gewiß, aber - "auch gelassener ... ruhiger". Nach der ersten Behauptung springt er ans Telephon, nach der zweiten blickt er - fast reflexhaft - zur Uhr.

Seine Behauptungen sind dennoch nicht ganz falsch. Seine Frau, seine Mitarbeiter, seine Fraktionsfreunde - alle berichten, daß er sich nach seinen Herzbeschwerden im vergangenen Jahr ein bißchen mehr Zeit lasse für Ruhestunden daheim; daß er nur noch 14 Stunden arbeite statt 16 bis 18 wie früher; daß er nicht immer gleich losbrülle, wenn etwas nicht klappt. Einmal, im mexikanischen Cancun, ist er gar mit Journalisten segeln gegangen. Diesen Trip trägt er jetzt wie eine Trophäe seines guten Willens vor sich her. Als sei ihm die Öffentlichkeit Dank schuldig, wenn er sich schont.

"Leistung" lautet eines seiner Schlüsselworte

Sein Lebenskonzept jedoch wird von solchen Gesten nicht berührt. Hans-Dietrich Genscher bleibt ein Mensch, der sich stets hinter seinen eigenen überhöhten Erwartungen im Rückstand sieht. Sein Leben lang hat er Situationen wiederholt, die ihn zwangen zu beweisen, daß er nahezu Unmögliches bewältigt.

Als er zehn Jahre alt war, starb sein Vater. Da halste er sich, wie freiwillig auch immer, die Beweislast auf, daß er die Rolle des männlichen Familienoberhauptes zu übernehmen vermöge. Er versuchte seiner Mutter mit Leistungen zu imponieren, berichten Freunde, ihre Erwartungen zu erfüllen, ob die nun ausgesprochen wurden oder nicht.

"Leistung" - in einer Rede vor jungen Handwerkern im Februar verwendet er das Wort in drei Sätzen gleich achtmal - und "Bewährungsprobe" sind bis heute Schlüsselworte Genschers.

Daß er nach dem Krieg drei Jahre mit Tuberkulose in Hospitälern verbringen muß - ständig ermutigt von seiner Mutter, er werde später alles nachholen -, setzt ihn endgültig unter Zugzwang. So hat er seither gelebt und Karriere gemacht: immer überfordert, immer in Unsicherheit darüber, ob die Ausgangsbasis reicht. Längst hat sich das Konzept verselbständigt. Bleibt die Überforderung aus, schafft er sie sich selber.

Er arbeitet mehr als andere und bringt es weiter. Er lernt, daß man nicht anecken darf. Er legt sich nicht fest, gegen Personen schon gar nicht. Er ist intelligent, vernünftig, gefällig. Da er ohnehin vom Start weg im Rückstand ist, darf er nichts riskieren. Er ist mißtrauisch gegenüber Fremden und hilfsbereit gegenüber Freunden. "Aber nie, nie tut er etwas ohne Kalkül", weiß ein politischer Wegbegleiter. Und immer wirkt, was er tut, ein bißchen übertrieben.

Wie sein Vater studiert Hans-Dietrich Genscher Jura, dabei lernte er eine absichernde, versatzstückartige Sprache, die ihn zum Meister der flexiblen Formel macht, mit der er heute von EG-Gipfelkrisen bis zu Parteitagsanträgen jeden Konflikt wohlklingend zu übertünchen versteht. Nichts scheut er mehr als Konkretisierungen und Festlegungen. In der Politik kann er seine Lebenskonzeption voll verwirklichen: Seine Grundverunsicherung und seine Arbeitswut sorgen für einen Informationsvorsprung. Er kommt nicht nach oben, weil er immer das nächsthöhere Amt anstrebt. Er steigt, weil er aus Absicherungsgründen für die jeweilige Position ein Übermaß an Kenntnissen anhäuft.

Als Klatschmaul so berühmt wie als Kompromißkünstler

Sein Bedürfnis nach Kontrolle ist enorm - immer will er alles im Griff haben, regeln, hinkriegen. Mit einem System von Vorleistungen und Einforderungen von Dankbarkeit dafür würde er - so ein Bonner Liberaler - die FDP am liebsten zur "Kaderpartei" formen. Dabei ist seine Mischung aus Vorsicht und Raffinesse, das Underdog-Talent, die Schwachstellen der anderen zu wittern, pures politisches Kapital.

Denn so kalkuliert verblasen er formuliert, so genau ist sein Blick für die Blößen seiner Konkurrenten. Als Klatschmaul ist er inzwischen so berühmt in den Hauptstädten der Welt wie als Kompromißkünstler.

Sein Grundgefühl, eigentlich nicht gut genug zu sein für das, was er jeweils tut, ist er dennoch wohl nie losgeworden bei seinem Aufstieg vom wissenschaftlichen Assistenten der Bonner FDP-Fraktion zum Vorsitzenden der Partei, Außenminister und Vizekanzler. Gewiß, wenn die Besetzung von Schlüsselpositionen im politischen Apparat heute Herrschaft bedeutet, dann ist der Groß-Funktionsbesitzer Genscher einer der mächtigsten Männer in Bonn.

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70 Jahre SPIEGEL: Die Gründerjahre - wie alles begann

Aber er muß sich dessen offenbar immer aufs neue vergewissern - durch ständige Telephonate, Reisen, Interviews und Presseauftritte. Als Flucht ist diese umtriebene Hektik oft beschrieben worden, die ihn nicht länger als vier bis fünf Stunden schlafen läßt und ihn von Termin zu Termin hetzt. Eher gleicht sie aber einem ununterbrochenen Drang nach Selbstbestätigung.

Immer muß Genscher bei der Ausübung einer Funktion auch das Weiterfunktionieren seiner anderen überprüfen und dokumentieren. Kaum betritt er die Veranda seines Parteifreundes Günther Glatz in Hamburg-Stillhorn, entschuldigt er sich schon und hastet zum Telephon. "Yes", hört ihn die ehrfürchtige Party-Gesellschaft rufen, "yes, can you understand me?"

Zumindest das Wahlvolk versteht: Da arbeitet der Außenminister, jetzt sogar in englischer Sprache. Eigentlich ist es nicht mehr nötig, daß er danach mit stolzer Beiläufigkeit erläutert: "Der Pym hat gerade aus Schottland angerufen." Der Colombo aus Italien, der Thorn aus Luxemburg, der Cheysson aus Frankreich und der Tindemans aus Belgien rufen auch in Hamburg an. "Ich bin immer zu erreichen", versichert Genscher stolz seinen Wählern in Eimsbüttel, die skeptisch blicken, weil die Anrufe wie bestellt wirken.

Er erschreckt die Bürger nicht durch Originalität

Eitelkeit? So kann man es sehen. Aber es ist wohl immer auch ein Stück existenznotwendige Identitätssicherung. Echtes Empfinden und Wirkungskalkül sind bei Genscher stets gleichzeitig da.

Wohl nicht zuletzt deswegen mögen die Bundesbürger den FDP-Chef. Nach Helmut Schmidt hat er die höchsten Sympathiewerte.

Genscher bedankt sich durch artiges Benehmen in Fernsehdiskussionen, redet den Bürgern beruhigend nach dem Munde, soweit er ihre Äußerungen von Meinungsbefragungen ablesen kann, und erschreckt sie nicht durch Originalität.

Vor allem wirkt er auf sie - im Vergleich zu den anderen Bonner Griesgramen - verhältnismäßig zufrieden. Mutterliebe, Bausparvertrag, Bohnensuppe - ein Vater spricht zum Volk, der keine Angst macht. Denn sie erleben ihn ja stets in Funktion, und damit so rund, wie er gern wäre.

So erkennen die Bundesbürger, paradoxerweise, gerade in Hans-Dietrich Genscher nicht jenen Typ von Politiker, über den sie am meisten schimpfen. Dabei verkörpert der FDP-Chef fast makellos jenen glatten Macher, der "da oben" in einer Art Grauzone vereinsamt, die "seine Umgebung" heißt. Aus der kommen Informationen, dahin fließen auch Informationen, aber nichts ist persönlich zurechenbar, und Verantwortung läßt sich nicht festmachen.

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FDP-Generalsekretär Günter Verheugen hat so die Welt beschrieben, in der "die Kaste der Politiker" heimisch ist. Und keinen - außer sich selbst - kennt er besser als den Mann, durch dessen politische Schule er gegangen ist: Hans-Dietrich Genscher.

Fast könnte man glauben, Verheugen habe das Drehbuch geschrieben für jenen Wahlkampf-Nachmittag in Stillhorn, wo sein Chef ganz konkrete Fragen mit grandiosen Worthülsen beantwortet - von "zukunftsorientierter Politik" redet er und von "Rahmenbedingungen" für "die Selbstverwirklichung des Menschen in liberaler Verantwortung".

Ungeniert verwendet er gegen ihn formulierte Vorwürfe und Zweifel zu eigenen Forderungen an Unbekannt: "Politik darf sich nicht in Taktik erschöpfen", sagt er. "Man muß zu seinem Wort stehen." Und: "Politische Parteien dürfen keine Ratlosigkeit verbreiten."

Umfrage-Zahlen versteht Genscher

Als aber einer etwas ganz genau wissen will, "ja oder nein", sagt Genscher: "Da kann man nicht einfach abstrakt mit Ja oder Nein dafür sein." "Ja oder nein" kann er nicht, aber "dafür" ist er immer; positiv, wie er nun mal denkt.

Natürlich spielt Genscher den jovialen Politparty-Löwen nicht für die dreißig, vierzig Liberalen, die gekommen sind, ihn live zu erleben. Zu denen ist er nur nett. Wichtig sind ihm nur die Multiplikatoren, vor allem das Fernsehen.

Diesmal ist lediglich das österreichische dabei - aber man muß, sagt "seine Umgebung", auch daran denken, wie viele Deutsche dort Urlaub machen. Mit schnellen Seitenblicken behält Genscher die herumstreifenden Journalisten im Auge. Es ist, wie Verheugen sagt: "Der Show-Charakter der Politik hat inzwischen auch den direkten Umgang der Politik mit dem Bürger verändert. Auch hier geht es nicht mehr um Dialog oder Begegnung, sondern es wird eine Show inszeniert, damit darüber berichtet wird."

Da ist es nicht mehr weit bis zum Stichwort Staats- und Parteiverdrossenheit. Spürt er etwas davon in Hamburg? Genscher: "Merkwürdigerweise nicht."

So merkwürdig ist das aber nicht. Schließlich ist der Vizekanzler so sehr mit Koalitionsarithmetik beschäftigt, daß er, was die Realität an der Basis betrifft, selbst "ein Aussteiger" ist, wie ein SPD-Prominenter aus Hamburg sagt.

Auch in der eigenen Fraktion in Bonn gibt es niemanden, der glaubt, Hans-Dietrich Genscher verstünde wirklich, was die Alternativen und Grünen, die Frauen- und die Friedensbewegung an- und umtreibt. Hat er denn nicht den Umweltschutz sozusagen regierungsamtlich erfunden? Tritt er nicht mit Vehemenz für Minderheiten ein? Redet er nicht unentwegt für Frieden? Wohl wahr, aber daß viele das eher als Alibi betrachten für die Fortsetzung einer techno- und bürokratischen Wachstums- und Abschreckungspolitik alten Stils, das hält er nicht nur für Spinnerei, das findet er auch undankbar.

Was Hans-Dietrich Genscher aber versteht, sind Umfrage-Zahlen. Und die drohen seiner FDP nicht nur die einträgliche Rolle als Mitregierer in allen politischen Lagen zu nehmen. Sie bedrohen damit auch - obwohl sie sich gar nicht an ihm reiben ("Den kannste vergessen", heißt es im alternativen Lager nicht nur in Hamburg) - die politische Bedeutung und damit die ganz persönliche Existenz von Hans-Dietrich Genscher.

Soll er etwa in die Knie gehen?

Soweit will Hans-Dietrich Genscher zur Zeit aber nicht blicken - sondern nur bis zum 6. Juni, zunächst. Und da sieht er die Sozialdemokraten an der Elbe tiefer in Schwierigkeiten als sich und seine FDP.

Also taktiert er - wie üblich. Er täuscht einen hektischen Wahlkampf vor, um hinterher sagen zu können, er habe sein Bestes getan. In Wahrheit aber läßt er die Dinge eher treiben, geht seine Wahlbeschäftigungen mit ungewöhnlicher Muße an.

Nur dadurch kommen seine Begleiter in den unerwarteten Genuß eines Ausfluges durch den Botanischen Garten. Nicht nur erleben sie dabei, wie sich Hans-Dietrich Genscher - während Helga Schuchardt und ihre sozi-freundlichen Liberalen in Eimsbüttel schon eine Stunde auf ihn warten - mit dickfälliger Geduld Gräser und Pflanzen vorführen läßt, die ihn sichtlich gleichgültig lassen. Sie werden auch Zeuge eines Entscheidungsprozesses im Genscher-Stil.

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Hans-Dietrich Genscher: Keine Atempause, Geschichte wird gemacht

Denn Direktor Adolf Weber will unbedingt, daß die Gäste, entsprechend den Anweisungen der Zen-Philosophie, seinen Japanischen Garten aus der Hocke besichtigen. Hans-Dietrich Genscher zögert. Soll er in die Knie gehen wie die Hälfte seiner Begleiter? Er blickt um sich. Wieder knicken ein paar Gefolgsleute ein. Ziemlich allein steht der FDP-Vorsitzende auf einmal da. Von unten gesehen und auch, weil er so groß und gewichtig ist, wirkt Genscher schon fast isoliert.

Für einen Augenblick bekommt sein witternder Ausdruck etwas Gehetztes. Dann fällt dem Antreiber Weber der erlösende Satz ein: "Herr Genscher schafft das wohl nicht", spottet er.

In plötzlicher Entschlossenheit sackt endlich auch der FDP-Chef in die Knie - allerdings nur, um sofort wieder hochzuschießen: "Nachdem wir alle gezeigt haben, daß es geht, stehen wir wieder auf."

Nur erheiternd ist das nicht. So muß man sich Hans-Dietrich Genscher wohl vorstellen bei der Überlegung, ob er springen soll zur CDU oder nicht: als einen Mann, der den Finger in die Luft reckt, um zu sehen, woher der Wind weht, den er selbst macht.



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