Harry Wijnvoord wird 70 Nächster Halt "Der Greis ist heiß"

Die Gameshow "Der Preis ist heiß" machte Harry Wijnvoord 1989 schlagartig bekannt. Hier erzählt der Moderator von überforderten Kandidaten, tobenden Zuschauern, einem zerstörten Porsche - und seiner größten Niederlage.

Contrast Press/ ullstein bild

Ein Interview von


Ganz schön schwierig, Harry Wijnvoord zu erreichen. Die neue Liebe, der nahende 70. Geburtstag und dazu das Jubiläum 30 Jahre "Der Preis ist heiß" - die Dauerwerbesendung machte ihn fast so berühmt wie Rudi Carrell. Wijnvoord ist ansteckend freundlich. Beim Anruf fährt er gerade sein frisch repariertes Wohnmobil nach Hause und ärgert sich fröhlich über die Kosten: "1200 Euro, das tut weh!" Der Niederländer hat noch viel vor. Im Interview lacht er gern und viel - über Katastrophen im Studio und sich selbst.

einestages: Herr Wijnvoord, zum Aufwärmen ein Spielchen: 1,35 Kilogramm Persil-Vollwaschmittel kosten im Supermarkt 4,99 Euro. Stimmt das?

Wijnvoord (zögert): 1,35 Kilo? Hm, der Preis liegt darunter... Ich schätze, 3,99 Euro.

einestages: Möööp. Falsch. 4,59 Euro. Noch ein Versuch. Das kam schon bei "Der Preis ist heiß" vor: Eine 300-Gramm-Packung Soft Cakes aus Schokolade mit Orangen-Fruchtfüllung kostet nicht 1,19 Euro. Mehr oder weniger?

Wijnvoord (ohne zu zögern): Mehr. 1,49 Euro.

einestages: Wieder falsch. 1,09 Euro.

Wijnvoord: Oh nein. Mit Süßigkeiten kenne ich mich als Diabetiker nicht gut aus.

einestages: Jetzt stellen Sie sich Harry Wijnvoord vor, 30 Zentimeter groß, aus dem 3-D-Drucker. Was kostet Ihr Abbild?

Wijnvoord: Mindestens 850 Euro...

einestages: Da überschätzen Sie Ihren Wert mächtig. 449 Euro.

Wijnvoord: Aber ich habe Übergewicht. Das wird sicher teurer.

einestages: Am Sonntag werden Sie 70, "Der Preis ist heiß" hatte gerade den 30. Geburtstag. Die Jubiläen passen perfekt, oder?

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Harry Wijnvoord: "Da habe ich ich ganz laut Scheiße gebrüllt"

Wijnvoord: Absolut, ein historischer Monat für mich. Ich war ja 30 Jahre aktiv im Fernsehen, auch in vielen anderen Sendungen. So lange einen Beruf auszuüben, den man liebt, ist ein Wahnsinnsgeschenk.

einestages: Es war die große Zeit der Gameshows wie etwa auch "Glücksrad" bei Sat.1 oder "Geh aufs Ganze" mit Jörg Draeger. Wie kamen Sie 1989 zur Moderation von "Der Preis ist heiß"?

Wijnvoord: Ich war vorher sehr erfolgreich als Kaufmann und organisierte Gruppenreisen mit meinem Touristik-Unternehmen. Bei einer USA-Reise fuhr zufällig der neue Unterhaltungschef von RTL Plus mit, Jochen Filser. Er fragte mich aus heiterem Himmel: "Kannst du dir vorstellen, eine Gameshow zu moderieren?" Und das passierte in Hollywood. Viele Leute wollen nach Hollywood. Ich wurde dort entdeckt!

einestages: Warum fiel die Wahl auf Sie?

Wijnvoord: Filser wollte unverbrauchte Gesichter. Und einen sympathischen, charmanten Menschen. Er sah, wie ich mit der Gruppe umging und schnell vom Deutschen ins Holländische und zurück wechselte. Dann hat er wohl gedacht: Nette Erscheinung, spielt mit Sprache - den können wir gebrauchen.

einestages: Wie war Ihre erste Sendung?

Wijnvoord: Wir hatten wahnsinnig viel geprobt, unter schwierigen Bedingungen. Weil sämtliche Studios belegt waren, baute Bavaria uns ein Zelt auf. Das war intensiv, jeden Tag kam ein neues Ratespiel aus der Werkstatt, ich musste alle Regeln lernen. Und es gab nicht mal Kameras! Geübt haben die Kameraleute mit Schuhkartons und vorn drangeklebten Klorollen als Kamera-Ersatz.

einestages: Hat es geholfen?

Wijnvoord, "Superpreis"
Sandro Cambruzzi/ action press

Wijnvoord, "Superpreis"

Wijnvoord: Naja, mein erster Kandidat hat absolut nichts verstanden. Ich habe ihm die Regeln wieder und wieder erklärt und dachte: "Oh Gott, wenn das jetzt bei jedem so läuft..." Mit ihm dauerte das Spiel zwölf Minuten, ich hatte eigentlich nur drei. Die Längen wurden hinterher rausgeschnitten. Bei den nächsten Kandidaten flutschte es aber. Und die Sendung ging ab wie die Post. Dem Publikum wurde vorher gesagt: "Also, Sie dürfen hier schreien, Preise vorsagen, sich austoben. Wir sind nicht mehr in der Schule und nicht beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen." Es war ein Lärm wie im Fußballstadion und packte jeden.

einestages: Wie erklären Sie sich die Begeisterung? Im Grunde ging es doch in Dutzenden Varianten immer nur um das Erraten der Preise.

Wijnvoord: Die Zuschauer wünschten sich so sehr, dass die Kandidaten gewinnen. Ich wollte niemanden verunsichern, sondern glückliche Gesichter sehen und habe auch mal geholfen. Die Leute waren ja so nervös. Wenn ich merkte, dass sie zitterten, habe ich gesagt: "Es wird alles gut", sie in den Arm genommen, sie einhaken lassen.

einestages: Erinnern Sie sich an dramatische Situationen?

Wijnvoord: Etwa beim Spiel "Mehr oder weniger": Da erkläre ich meiner Kandidatin, dass sie eine Kamera gewinnen kann und eine Reise in die Türkei. Sie hat 30 Sekunden Zeit, den jeweils richtigen Preis zu erraten, und ich helfe ihr, indem ich "mehr" oder "weniger" sage. Ich frage also: "Was kostet diese Kamera?" - Sie: "Mehr!" - "Nein, das sage doch ich. Also, was kostet die Kamera?" - "Weniger!" - (Wijnvoord prustet vor Lachen) - "Waaaas?! Sie müssen mir einen Betrag nennen!" Ich stelle die Uhr noch mal auf null und erkläre: "Sie müssen einen Betrag nennen, ich sage dann, ob die Kamera 'mehr' oder 'weniger' kostet". - "200 Mark?" Die Uhr läuft wieder, ich frage: "Was kostet die Kamera?" - "Weniger!" (Wijnvoord lacht schallend los)

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einestages: Hat sie es noch begriffen?

Wijnvoord: Nach 28 Sekunden erriet sie tatsächlich den Preis der Kamera. Ihr blieben zwei Sekunden für den der Türkeireise. Ich sagte: "Sie haben jetzt nur eine Chance, mehr Zeit ist nicht. Was kostet die Reise, Fünf-Sterne-Hotel, zwei Wochen?" - "2999 Mark?" Bingo, das stimmte, sie hatte gewonnen! Da stand das Studio Kopf, meine Mitarbeiter haben mit mir gejubelt, ich lag vor Lachen fast auf dem Boden.

einestages: Gab es schlimme Pannen in den 1873 Sendungen?

Wijnvoord: Ja, Granatendinger. Einmal stand meine Assistentin vor der Verblendung eines offenen Kamins. Feinster Marmor, das Ding kostete 8500 Mark. Sie machte die typische Handbewegung zu "Das ist Ihr Preis!" - da kippte das Ding um und zerbrach in tausend Stücke. Ein Unglück passierte auch mit unserem ersten Porsche. Damit sollte unsere Assistentin durch buntes Papier und ein Tor fahren, konnte aber kaum etwas sehen. Wir hatten extra geübt, dass sie auf eine Handbewegung hin Gas geben sollte, sobald sich das Tor öffneten. Das tat sie auch, sah jedoch nicht, dass sich der linke Torflügel nicht richtig öffnete. Ins Studio rollte also ein Porsche mit einer abgerissenen Tür auf der Motorhaube. Schaden: 7000 Mark.

einestages: Nach acht Jahren war 1997 Schluss. Konnten Sie bei den letzten Sendungen noch die gewohnte Fröhlichkeit zeigen?

Wijnvoord: Ich erfuhr davon schon anderthalb Jahre vorher. Ich war sehr traurig, 80 Kollegen zu verlieren, mit denen ich die Sendung mit so viel Leidenschaft gemacht habe, es war wie in einer großen Familie. Aber ich musste noch 200 Sendungen produzieren. Bei der Verabschiedung in der letzten Show hatte ich einen Kloß im Hals, meine Herren!

einestages: War es ein Fehler von RTL, "Der Preis ist heiß" einzustellen?

Wijnvoord: Absolut. Wir hatten mehr als drei Millionen Zuschauer im Vormittagsprogramm. Nach dem Abbau der Gameshow-Schiene hat RTL nie mehr diesen Erfolg gehabt. Nie mehr. Ich fing mit 300.000 Zuschauern an, hatte am Ende 2,3 Millionen. Naja. Senderpolitik.

Wijnvoord, "Der Reis ist heiß"
Bernhard Hofauer/ action press

Wijnvoord, "Der Reis ist heiß"

einestages: Auch für Sie war es ein Wendepunkt. Warum konnten Sie danach im Fernsehen nicht mehr richtig Fuß fassen?

Wijnvoord: Einmal schlug ein großer Sender mich für eine Moderation vor, dann sagte der Rundfunkrat: "Der Wijnvoord ist zu privatsenderbehaftet." Aber ich hatte ja noch 440 Mal "Der Reis ist heiß", eine Kochsendung auf tm3. Danach habe ich Teleshopping gemacht, für Sonnenklar.TV gearbeitet und unzählige andere Sachen moderiert, im Radio, auf Messen.

einestages: Der "Preis ist heiß" ließ Sie nicht los. 2010 engagierten Sie sich in einer Onlinepetition für eine Neuauflage, die Leute kommentierten euphorisch: "Go for Harry!"

Wijnvoord: Ich bekomme heute noch enorm viel Zuspruch: Mensch Harry, ich hab' die Sendung mit meiner Oma geschaut, ich bin mit dir groß geworden! Fast 500.000 Leute unterschrieben die Petition. Die Antwort vom Sender war trotzdem: Kommt nicht in Frage.

einestages: 2017 reanimierte RTL Plus das Format dann doch. Ohne Sie. Das muss geschmerzt haben.

Wijnvoord: Ja. Zwei Jahre vorher ließ man mich einen Vorvertrag unterschreiben, falls "Der Preis ist heiß" wiederkommt. Der hatte aber nur ein Jahr Gültigkeit. Und dann die Neuauflage, ohne dass man mich informierte. Da habe ich ganz laut "Scheiße" gebrüllt und mich furchtbar aufgeregt: Wie kann man nur! Und diese Moderatoren, ein Komiker und ein Journalist - das konnte nichts werden. Es ist auch nichts geworden. Nach 30 Sendungen war Schluss, seit Oktober 2018 laufen nur Wiederholungen.

einestages: Warum der Misserfolg?

Wijnvoord: Billig, billig, billig. Es fehlte an Herz, bei Spielen und Preisen wurden Abstriche gemacht. Eine Totgeburt. Das hatte ich mir anders vorgestellt: Ich hätte gern noch zwei Jahre moderiert, das Ding richtig zum Laufen gebracht und dann einem jungen Nachfolger das Zepter übergeben.

einestages: Wurmt es Sie, wenn Sie ständig mit dieser Show in Verbindung gebracht werden? Die "Bild" etwa betitelte Ihre neue Partnerin Iris Dahlke kürzlich als Ihren "Superpreis".

Wijnvoord: Nein, das nervt nicht. Den "Superpreis" zu gewinnen, war das Schönste, was einem in unserer Sendung passieren konnte. Und jetzt habe ich eine traumhafte Partnerin, ein Sechser im Lotto. Sie ist wirklich mein Superpreis.

einestages: Wie feiern Sie Ihren 70. Geburtstag?

Wijnvoord: In einer Patchwork-Familie. Ich fahre zu meinem Sohn und seiner Partnerin nach Nürnberg, mit Iris und ihrer Tochter.

einestages: Haben Sie noch ein Sendekonzept für die nächsten Jahre?

Wijnvoord: Das habe ich mir schon vor Jahren überlegt: Nach "Der Preis ist heiß" und "Der Reis ist heiß" bleibt mir nur noch eine Seniorensendung - "Der Greis ist heiß". Alles für Über-55-Jährige, Reisen, Sex und Glücklichsein im Alter, samt Datingportal. Das würde ich gern machen.

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Jay Dee, 10.05.2019
1. Auf Bild Nr.9
..wird der Spass-Schlagerist Klaus (von Klaus&Klaus) mal eben zum erfolgreichen Autor von Lauras Stern gemacht. Das, liebe Redaktion, ist ein anderer Klaus Baumgart. Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. Die Redaktion.
Claro Maa, 10.05.2019
2. Bild 13
Ist WolfRAM Kons, nicht Wolfgang... Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. Die Redaktion.
Reinhard Schweizer, 11.05.2019
3. Was für ...
... eine dämliche Überschrift.
Doc Mago, 12.05.2019
4.
@3: Is doch ganz witzig und wer bis zum Ende gelesen hat, weiß auch, dass es ein Zitat aus dem Interview ist und damit legitimiert.
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