Hauptmann von Köpenick "Zur Attacke marsch, marsch!"

Der Schuster Wilhelm Voigt verkleidete sich 1906 als Hauptmann, besetzte das Rathaus von Köpenick und türmte mit der Stadtkasse. Preußens Armee: blamiert. Der dreiste Gauner: über Nacht ein Medienstar, weltweit.

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Dieser Coup war bis ins Detail vorbereitet. An der Spitze einer Wachmannschaft der preußischen Armee marschierte Wilhelm Voigt am Nachmittag des 16. Oktober 1906 zackig vom Bahnhof zum Rathaus von Köpenick. In der kleinen Stadt vor den Toren Berlins verbreitete sich die Nachricht rasant. Zahlreiche Schaulustige standen an den Fenstern, Kinder liefen den Soldaten hinterher. Niemand hegte auch nur den geringsten Verdacht, dass der vermeintliche Hauptmann alle an der Nase herumführen könnte.

Tatsächlich stammten Uniform und Mütze vom Trödler. Denn gedient hatte der gelernte Schuster nie, aber viele Jahre im Gefängnis verbracht.

Vor den Rathauseingängen postierte er Wachen mit aufgepflanzten Bajonetten, bevor er selbst mit sechs Grenadieren und einem Füsilier in das imposante rote Backsteingebäude marschierte. Bürgermeister Georg Langerhans sprang erschrocken auf, als Voigt zur Tür hereinplatzte, sich als "Hauptmann von Maltzahn" vorstellte und schnarrte, "auf allerhöchsten Befehl" müsse er Langerhans zur Neuen Wache nach Berlin bringen.

"Gibt es wieder Krieg?"

Obwohl Langerhans Reserveoffizier war, übersah er vor lauter Aufregung, dass an Voigts Mütze eine Kokarde fehlte, ein Militärabzeichen des Kaiserreichs. Vor Uniformierten hatten die Bürger Preußens strammzustehen, ohne lange nachzudenken.

Auch andere Beamte ließ der Schuhmacher, 57 Jahre alt, kurzerhand verhaften und in Droschken nach Berlin transportieren. Telefonate waren nicht erlaubt. Die Wachen ließen niemanden in das Gebäude hinein oder heraus. Inzwischen hatte sich vor dem Rathaus eine riesige Menschenmenge versammelt, wie das "Köpenicker Extrablatt" berichtete. Gendarmen mussten den Straßenverkehr regeln, man spekulierte heftig über die Gründe für die Abriegelung des Rathauses. Die Ängstlichsten befürchteten gar, es werde wieder ein Krieg ausbrechen.

In seiner Autobiografie "Wie ich Hauptmann von Köpenick wurde" wollte Voigt der Öffentlichkeit später weismachen, er habe lediglich ein Passformular gebraucht. Tatsächlich hatten ihm die Behörden dieses Dokument, ohne das er weder eine Aufenthaltsgenehmigung noch Arbeit bekam, aufgrund seiner Vorstrafen verweigert.

Filmtrailer: "Der Hauptmann von Köpenick" mit Heinz Rühmann (1956)

Mit der Wahrheit nahm es Voigt jedoch nicht so genau. Er steckte in der Klemme, weil ihm ohne Pass eine rasche Ausweisung aus Berlin drohte; wer einmal straffällig geworden war, wurde im Kaiserreich ständig von den Behörden observiert und auch ohne triftige Gründe schikaniert. In Polizei- und Gerichtsakten fanden Historiker allerdings Beweise dafür, dass der falsche Hauptmann bei seinem Coup in Köpenick vor allem auf eines spekulierte: die Stadtkasse.

Um auf Nummer sicher zu gehen, hatte Voigt am Morgen in aller Frühe die Umgebung des Rathauses ausgekundschaftet. Beruhigt stellte er fest, dass ihn andere Offiziere ehrerbietig grüßten. Seine Uniform wirkte also echt. Er fuhr zurück nach Berlin, hielt gegen Mittag eine abgelöste Wachmannschaft der Militärbadeanstalt Plötzensee an und stellte sie kurzerhand unter sein Kommando. Mit dem Zug fuhren sie nach Köpenick, wo er den Soldaten ein Mittagessen spendierte, bevor sie ihm in Richtung Rathaus folgten. "Zur Attacke marsch, marsch!", lautete die Losung.

Eine Schwäche für alles Militärische

Voigt spielte seine Rolle überzeugend, seit seiner Kindheit hatte er eine Schwäche für alles Militärische. Doch schon als Jugendlicher kam er in Ostpreußen ins Gefängnis, wurde später mehrmals wegen Diebstahls und Urkundenfälschung verurteilt. An eine Karriere in der Armee war also nicht mehr zu denken. Im Zuchthaus hatte er immerhin die Dienstvorschriften für Soldaten und Offiziere genau studieren können.

Auch der Verwalter der Köpenicker Stadtkasse ließ sich durch das autoritäre Auftreten des "Hauptmanns" einschüchtern und übergab ihm etwa 4000 Mark. Sogleich unterschrieb ihm der Gauner eine Quittung.

In seiner 1909 veröffentlichten Autobiografie versuchte sich Voigt eine weiße Weste zu verpassen und erklärte, der Finanzwart habe ihn gebeten, das Geld mitzunehmen: "Ich war ganz erstaunt darüber, denn ich hatte mit keinem Worte und mit keiner Silbe geäußert, dass ich die Kasse übernehmen wollte. Sie wäre ohne diese Übergabe ruhig in Köpenick geblieben." Dass diese Behauptung nicht stimmte, konnte der Historiker Winfried Löschburg in seinem 1978 erschienenen Buch "Ohne Glanz und Gloria" anhand offizieller Dokumente nachweisen.

"Darüber lacht ganz Deutschland"

Der Bürgermeister und die anderen "Verhafteten" wurden unterdessen in Kutschen auf dem schnellsten Weg nach Berlin gebracht, wo sie allerdings niemand erwartete. Erst hier wurde allen klar, dass sie hereingelegt worden waren. Voigt gab den Soldaten Geld für Bier, Bockwurst und Rückfahrkarten und befahl ihnen, noch eine halbe Stunde auf ihrem Posten zu bleiben.

Sodann spazierte der falsche Hauptmann durch die aufgeregte Menschenmenge zum Bahnhof und fuhr unbehelligt nach Berlin zurück. Beim besten Herrenausstatter kaufte er sich Anzug, Mantel, Hut und bezahlte mit einem Tausendmarkschein, wie Ulrich Stahr, ehemals Bezirksverordnetenvorsteher in Treptow-Köpenick, 2006 in einer Dokumentation zum 100. Jahrestag der "Köpenickiade" schrieb.

Im feinen Zwirn blieb Wilhelm Voigt zunächst unerkannt. Womöglich wäre er gar nicht gefasst worden, hätte ihn nicht ein früherer Mithäftling an die Polizei verraten, um eine Belohnung von 2000 Mark zu kassieren. Die Nachricht von der Posse verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Sogar Kaiser Wilhelm II. soll Voigt als "genialen Kerl" bezeichnet haben. "Darüber lacht ganz Deutschland", titelten Zeitungen schadenfroh. Auch in anderen Ländern spottete man über die preußische Armee und das Obrigkeitsdenken der hackenknallenden Deutschen.

Wachsfigur, Zirkusattraktion, Filmstar

Zum Prozess kamen Journalisten aus aller Welt. Voigt wurde zu lediglich vier Jahren Gefängnis verurteilt und schon nach der Hälfte der Zeit begnadigt. Nach der Haftentlassung im August 1908 begann er sich so clever zu vermarkten wie ein heutiger Star.

Tags darauf machte er gleich eine Grammophonaufnahme mit einer Dankesbotschaft an seine Fans (hier eine Tonaufnahme davon) und bekam dafür 200 Mark. In Castans Panoptikum Unter den Linden wurde er als Wachsfigur verewigt. Signierte Autogrammpostkarten fanden reißenden Absatz; der amerikanische Zirkus Barnum and Bailey organisierte für ihn eine Tournee durch mehrere europäische Städte.

Voigt ließ sich schließlich in Luxemburg nieder, wo er sein Vermögen durch Krieg und Inflation verlor und 1922 in Armut starb. Von der Popularität der "Köpenickiade" profitierten dagegen noch viele andere, etwa der Schriftsteller Carl Zuckmayer. Sein Theaterstück über den Hauptmann verschaffte ihm allein im Premierenjahr 1931 Tantiemen von 160.000 Mark. So viel verdiente ein Arbeiter damals in seinem ganzen Leben.

Voigts Lebensgeschichte kam auch ins Kino, zuerst bereits im Jahr 1906. Millionen Zuschauer in aller Welt lachten in den Fünfzigerjahren über Heinz Rühmann, der den kauzigen Hauptmann unter der Regie von Helmut Käutner spielte. Anders als in Wirklichkeit stellt sich der Held hier selbst der Polizei und zieht auch im Präsidium eine Show ab. "Kennt ich vielleicht mal 'n Spiegel haben?", fragt Rühmann zum Schluss. "Ich hab mir nämlich noch nie in Uniform gesehen."



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
Joachim Brandenberg, 14.10.2016
1.
Eigenartig: Bild 6 der Fotostrecke sieht gewaltig nach Photoshop aus, die sich wiederholenden Muster des Kopierstempels sieht man ganz deutlich. Gab es in der analogen Fotografie auch etwas, das diesem Kopierstempel entsprochen hat? Ich stehe da auf dem Schlauch...
Dieter Dussel, 14.10.2016
2.
Ein Evergreen- er ist!-"Ohne Arbeit keine Wohnung und ohne Wohnung keine Arbeit"- Heinz, dein bester Film ever!
Wolfgang Klann, 15.10.2016
3. Fußmatte
Naja, was auch immer an Motiven nachgewiesen sein mag ... Nur: wer will denn dem Voigt verdenken, daß er gleich nach seiner Entlassung seine Story vermarktet hat? Wovon hätte er sonst leben sollen? Und die Käutner-Verfilmung mit Rühmann war auch kein Schenkelklopfer. Ich sage bloß: Fußmatte! Wer da keinen Kloß im Hals hat, ist kein Mensch. Eine frühere Wohngenossin sah an der Stelle nur kurz von ihrem Strickzeug auf und sagte: Guck mal, ne Zimmerlinde! Ich hätte sie erwürgen können. (Nicht die Zimmerlinde...)
Werner Stroh, 15.10.2016
4. lBesuch beim Schwager
In der Käutner-Verfilmung "Der Hauptmann von Köpenick" ist mir ganz stark die Szene in Erinnerung, als der spätere Hauptmann nach der Haftentlassung bei seiner Schwester und seinem Schwager auftaucht und dort Kaffee trinkt. Wohin gehe ich, wenn ich am Ende bin? Wer hilft mir? Das sind die wirklich wichtigen Fragen, die am Ende jeden berühren. Daher der Erfolg des Filmes. Und ein "Schenkelklopfer" ist dieser Film mit Sicherheit nicht. Eher eine Tragödie.
Ulrich Krüper, 16.10.2016
5. Insofern da ne Kasse is...
Manche Dialoge sind heute noch bei uns geflügelte Worte. Mein Lieblingsfilm mit Heinz Rühmann. Super Besetzung mit allen anderen Schauspielern.
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