SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

25. Februar 2019, 16:43 Uhr

Hebron-Massaker 1994

"Er schoss wahllos und ausgiebig"

Von

Der jüdische Arzt und Siedler Baruch Goldstein erschoss 29 Muslime in einer Moschee in Hebron. Die Tat vor 25 Jahren machte Hebron zum Mikrokosmos des Nahostkonflikts - der Mörder wird bis heute verehrt.

Bevor er zum Massenmörder wird, feiert Doktor Baruch Goldstein den Vorabend des jüdischen Purim-Fests. Es ist wegen der lustigen Verkleidungen, fröhlichen Tänze und lauten Tröten leicht mit einem jüdischen Karneval zu verwechseln. Der Kern von Purim aber ist brutal: Laut biblischer Überlieferung geht es um die Rettung des jüdischen Volkes, das der hohe persische Regierungsbeamte Haman ermorden lassen wollte. Am Ende wendete sich das Blatt - die Juden töteten Haman und zahllose seiner Gefolgsleute.

Auch Baruch Goldstein, Arzt in der jüdischen Siedlung Kiryat Arba bei Hebron, geht es an diesem 25. Februar 1994 um Rettung und Rache. In seinem Denken sieht er das jüdische Volk erneut in Gefahr: bedroht durch die Friedenspolitik von Jizchak Rabin. Israels Premier verschleudere für die Zweistaatenlösung Gottes Land an die Palästinenser, werfen national-religiöse Siedler Rabin vor. Nur eine "dramatische Aktion" könne den Friedensprozess aufhalten, prophezeit Goldstein nebulös.

Diese Aktion beginnt in der Morgendämmerung des Purim-Fests. Goldstein streift seine Armeeuniform über, nimmt ein Sturmgewehr und mehrere Magazine, dringt gegen 5.30 Uhr in die Ibrahimi-Moschee ein. Dort sind viele Muslime zum Morgengebet versammelt.

Die Ibrahimi-Moschee ist einer dieser heftig umkämpften heiligen Orte im Nahen Osten, deren historische Last Besucher beinah erdrückt. Denn sie steht über der Machpela-Höhle. Dort sollen vor etwa 4000 Jahren die biblischen Urväter Abraham, Isaak und Jakob mit ihren Frauen begraben worden sein. Abraham als Urahn der monotheistischen Religionen ist Juden wie Christen und Muslimen heilig.

Deshalb baute hier einst König Herodes einen monumentalen Palast. Die Architektur erinnert an seinen Tempel in Jerusalem, von dem heute nur noch die Klagemauer zeugt - das wichtigste jüdische Heiligtum. Und deshalb errichteten hier christliche Kreuzfahrer eine Kathedrale, die arabische Eroberer später in eine Moschee umwandelten. Sie trägt den Namen Abrahams - arabisch Ibrahim.

Über Jahrhunderte war Juden der Zugang zu ihrer zweitheiligsten Pilgerstätte verwehrt. Erst mit dem Sechstagekrieg 1967 gewannen sie die Kontrolle zurück. Die Eroberer erlaubten Muslimen die weitere Nutzung des Heiligtums mit getrennten Eingängen für die Moschee und die Synagoge. Die Grabstätte galt daher eine Zeit lang als Symbol einer Koexistenz der Religionen. Bis Baruch Goldstein dies vor 25 Jahren als Illusion entlarvte.

Schüsse auf Betende

Energisch verlangt er am frühen Morgen Einlass von Moschee-Wächter Suleiman Abu Saleh und gibt sich als diensthabender israelischer Offizier aus. Doch Abu Saleh stellt sich quer: Soldaten dürfen während des Gebets nicht in die Moschee.

Goldstein zögert nicht. "Er schlug mich mit seinem Gewehr auf meine Brust und verschaffte sich gewaltsam Zutritt", erklärt Abu Saleh später. Dann eröffnet Goldstein das Feuer auf die betenden Muslime. Gegen den Krach trägt er Ohrenschützer, als wolle er in aller Stille morden. "Er schoss wahllos und ausgiebig", berichtet Abu Saleh.

Etwa zehn Minuten lang, so schildern es Überlebende, kann Goldstein schießen, mehrmals Magazine nachladen und so 29 Menschen töten und etwa 150 verletzen. Zur Panik und zu weiteren Opfern sollen laut Augenzeugen auch israelische Soldaten mit Schüssen auf den Attentäter beigetragen haben; Israels Armee bestreitet das später. Am Ende überwältigen Gläubige Goldstein und erschlagen ihn mit einem Feuerlöscher.

Das Blutbad, das Goldstein anrichtete, ließ die Situation in Hebron vollends eskalieren.

Yehuda Shaul kennt die Folgen. Der Israeli beschreibt die Stadt als "Mikrokosmos" des Nahostkonflikts, wo sich alle Probleme auf engstem Raum verdichten. Er selbst war dort 14 Monate als Soldat stationiert. Entrüstet von den ständigen nächtlichen Hausdurchsuchungen und Demütigungen der Palästinenser, an denen Shaul teilnehmen musste, gründete er mit Mitstreitern 2004 "Breaking The Silence". Die politische NGO will anhand von Aussagen ehemaliger und aktiver Soldaten Armee-Übergriffe sowie den Alltag in den besetzten Gebieten dokumentieren.

"Das Goldstein-Massaker war der Schlüsselmoment, der Hebron bis heute verändert hat", sagt Shaul im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Die Altstadt verwandelte sich in eine Geisterstadt, die Palästinenser wurden aus ihrem Stadtzentrum vertrieben." Das Attentat habe die "Politik der Trennung" zwischen jüdischen Siedlern und Palästinensern entfacht. Mit einem klaren Sieger: "Die Siedler haben am Ende bekommen, was sie wollten." Mehr Wohnraum, im Herzen einer Altstadt, nunmehr ohne Muslime.

Goldsteins Erbe - so sieht es Schaul. Wie konnte es dazu kommen?

In der Geisterstadt

Da war etwa diese zweimonatige Ausgangssperre für Palästinenser nach dem Massaker, um Racheakte abzuwenden. So konnten die Siedler Fakten schaffen, wie sie es ähnlich überall im Westjordanland machen: Sie besetzten Gebäude, brachten sich damit absichtlich in Gefahr - und fortan musste das Militär sie vor Angriffen beschützen. Aus Sicherheitsgründen wurden für Palästinenser bald immer mehr Straßen rund um die illegalen Siedlungen gesperrt; "sterilisiert" nennt das Israels Armee.

Mit dem Hebron-Abkommen 1997 wurde die Stadt in zwei Zonen geteilt. In Zone H1, unter palästinensischer Verwaltung, leben heute etwa 190.000 Palästinenser. H2 steht unter israelischer Aufsicht und ist mit 40.000 Bewohnern kleiner, beinhaltet aber das historische Stadtzentrum. Dort leben heute etwa 850 jüdische Siedler, 650 Soldaten kontrollieren die Sicherheit. Tausende Palästinenser haben H2 verlassen, etwa 1800 ihrer Geschäfte schlossen laut Beobachtern. Etliche Straßen im Stadtkern dürfen allein die Siedler nutzen, deren Zahl sich seit Goldsteins Massaker fast verdoppelt hat.

Seit bald 15 Jahren führt Aktivist Jehuda Shaul politisch interessierte Touristen nun schon durch ein Labyrinth aus Checkpoints. Er zeigt verwaiste Märkte mit verrosteten Ladentüren. Darauf haben Siedler Davidsterne, "Tod den Arabern" oder Gemälde gesprüht, die von der Ankunft des Messias künden.

Shaul zeigt auch die einst belebte Shuhada-Straße und berichtet von fünf palästinensischen Familien, die hier trotzig weiter wohnen. Ihre Balkone mussten sie wie Käfige vergittern, um sich vor Steinwürfen der Siedler zu schützen. Um aus dem Haus zu gelangen, klettern sie über Dächer oder durch Hinterhoffenster, weil die Straße vor ihrer Haustür für sie gesperrt ist.

Shauls Tour beginnt aber immer am Friedhof in Kiryat Arba, bis heute eine Hochburg national-religiöser Siedler. Hier liegt Goldsteins Grab, ganz in der Nähe eines Parks, benannt nach Meir Kahane. Der jüdische Extremist, Verfechter eines Großisraels, gründete 1971 die Kach-Bewegung, von den USA und Israel später als Terrororganisation eingestuft.

Goldstein - für manche "ein Held"

In diesem Umfeld also ruht Goldstein, ein Bewunderer Kahanes. Die Grabinschrift preist ihn als "heiligen Doktor" und "Märtyrer Gottes", der sich "ohne Fehler und reinen Herzens" für sein Volk geopfert habe: "Möge Gott diesen Gerechten segnen, sein Blut rächen".

Das Grab ist bis heute eine Pilgerstätte. Hier wird gebetet, gefeiert, getanzt - an Purim auch verkleidet. Erst kürzlich war Shaul mit seinen Besuchern am Grab. Ein Video zeigt, wie Siedler Breaking The Silence als "Lügner" beschimpfen und Goldstein zum "Helden" erheben, der "mehr als 2000 Juden" vor den Arabern gerettet habe. Einige verehren den Mörder singend und werfen sich auf sein Grab und küssen es.

Um linke Aktivisten wie Shaul zu bekämpfen, bieten Siedler-nahe Organisationen längst ebenfalls Touren an. Sie führen in dieselbe Stadt - und erzählen doch eine ganz andere Geschichte.

Für die National-Religiösen ist das gesamte Westjordanland, das sie Judäa und Samaria nennen, biblisches Land. Das sei den Juden einst geraubt worden; wie das Völkerrecht über ihre illegalen Siedlungen urteilt, interessiert sie nicht. In Hebron sehen sie sich als Opfer häufiger Angriffe und Mordanschläge der Palästinenser, die auch Shaul auf seinen Touren nicht verschweigt. Und sie argumentieren mit einem anderen Massaker: 1929 metzelte ein arabischer Mob 67 Juden in Hebron mit Messern und Beilen nieder, darunter viele Frauen und Kinder. Das Pogrom, das die völlige Überforderung der damaligen britischen Verwaltung in Palästina zeigte, bedeutete das Ende der jüdischen Gemeinde in Hebron bis zum Sechstagekrieg.

Aufwertung der Siedler

Dann kamen die Siedler. Und blieben, auch wenn das Militär ihre Siedlungen nach Gerichtsbeschlüssen mitunter räumen ließ. 1979 kampierten Frauen ein Jahr lang mit ihren Kindern vor dem historischen Beit-Hadassah-Krankenhaus, bis das Gebäude neu errichtet und zur Siedlung für heute 30 Familien umgebaut wurde. In den Achtzigern gab es erste Tote auf beiden Seiten.

Noch immer wird in Hebron erbittert um jeden Quadratmeter Boden gekämpft. Eines habe sich entscheidend geändert, sagt Shaul: "Lange wurden Hebrons Siedlungen als extremes Randphänomen gesehen." In den vergangenen Jahren aber seien sie zum "Symbol der Rechten" aufgestiegen, von der Regierung als "normal" akzeptiert.

So eröffnete Israels Präsident Rivlin 2015 in einer Siedlung ein Museum. Die Regierung bewilligte 2018 den millionenschweren Bau von 31 weiteren Wohneinheiten. 50 Knesset-Mitglieder forderten "mehr Unterstützung" für die jüdische Gemeinde in der "Stadt unserer Vorväter und unserer Kinder". Vor wenigen Wochen erst verlängerte Premier Netanyahu das Mandat für die internationale Beobachtermission TIPH nicht mehr, die angeblich einseitig propalästinensisch aufgetreten sei. TIPH war auf Weisung der Uno nach dem Goldstein-Massaker in die Stadt geschickt worden.

Der Mord nach dem Mord

Die anstehenden Parlamentswahlen könnten die Verhältnisse weiter verschieben: Anhänger der einst verbotenen Kach-Bewegung sammeln sich in der Partei "Jüdische Kraft" und bilden eine Wahlallianz mit zwei weiteren ultrarechten Parteien, die eine Koalition mit Netanyahus Likud eingehen könnte. "Damit schließt sich der Kreis von 1994 bis heute", sagt Shaul.

Zurück zum blutigen Purim-Fest. Damals verurteilte der Premier Rabin den Anschlag als "abscheulich". Er beschwor die Palästinenser, "nach den Blut und Tränen" zu Verhandlungen zurückzukehren, um einen Traum zu verwirklichen: "Hundert Jahre Krieg und Terror zu beenden".

Eineinhalb Jahre später wurde Rabin, inzwischen Friedensnobelpreisträger, vom jüdischen Extremisten Jigal Amir erschossen - ein Bruder im Geiste Goldsteins.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung