Hippie-Festival Glastonbury Open Air und oben ohne

Heute ist Glastonbury das größte Open-Air-Festival Europas - bei seiner Premiere im Juni 1971 war es nur ein irres Durcheinander halbnackter Hippies und bekiffter Freaks. Kaum zu glauben, dass die Musiksause für Drogenfans und Aussteiger von der Enkelin des berühmtesten englischen Politikers mitbegründet wurde.

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"Ich war schön damals - und ich war stoned." So erinnerte sich Arabella Churchill an jenes Wochenende im Juni 1971, das ihr Leben verändern sollte. Die Enkelin des britischen Premierministers Winston Churchill hatte zusammen mit einem Freund und anderen Hippies ein Musikfestival auf die Beine gestellt, unweit des Städtchens Glastonbury, in der Grafschaft Sommerset, im Südwesten Englands.

Aus London waren die Rocker von Hawkwind angereist, eine anarchistische Hausband der Squatter genannten Hausbesetzer in der britischen Hauptstadt. Folksängerinnen wie Joan Baez und Melanie traten am 20. Juni 1971 auf, außerdem ein noch unbekannter, feminin gestylter Sänger namens David Bowie. Er erinnerte sich später vor allem daran, dass er vor seinem Auftritt jede Menge Magic Mushrooms, halluzinogene Pilze, zu sich genommen habe. Als er schließlich auf die Bühne kam, fühlte er sich, als würde er fliegen und konnte kaum mehr Gitarre spielen.

Freaks kifften sich die Köpfe weg, Frauen tanzten mit baren Brüsten, Musiker spielten sich in Trance - das Mantra von Glastonbury lautete: Sex and Drugs and Rock'n'Roll. Die 21-jährige Arabella Churchill war fasziniert, aber auch schockiert. "Ich war sehr behütet aufgewachsen", sagte sie später.

Schock für die Churchill-Familie

Es war ein weiter Weg für die Enkelin des konservativen Kriegshelden zur pazifistischen Buddhistin und Mitbegründerin des inzwischen größten Open Air Musik- und Kulturfestivals Europas. Ihr Vater Randolph, Sohn von Winston Churchill, und seine zweite Frau June wollten ihre Tochter standesgemäß verheiraten. Bella war kaum fünf Jahre alt, da präsentierte die amerikanische Illustrierte "Life" bereits ein Foto von ihr auf der Titelseite und brachte sie als mögliche Braut von Prinz Charles ins Spiel.

Als Teenager traf sie in den Vereinigten Staaten Martin Luther King und die Kennedys. Nachdem sie mit dem Kronprinz Carl Gustav von Schweden ausging, gaben sich die englischen Boulevardschreiber schon den schönsten Hoffnungen auf eine königliche Hochzeit hin.

Doch die Churchill-Enkelin sollte es ihnen zeigen. Beim Azaleenfest in den USA feierte die NATO jedes Jahr eines ihrer Mitgliedsstaaten, das eine junge Frau als Azaleenkönigin schickte. 1971 sollte die junge Engländerin mit dem großen Namen Großbritannien vertreten. Churchill sagte zunächst zu, aber erklärte dann öffentlich, dass sie den Krieg der Amerikaner in Vietnam ablehne. Ihr Großvater habe vom "Eisernen Vorhang" gesprochen, erklärte sie, jetzt könnten die Supermächte mit ihren Atomwaffen dafür sorgen, dass bald der "letzte Vorhang" fallen werde. Bella, wie sie sich nun nannte, war ein Kind des Zeitgeistes von "Love, Peace and Freedom". Später sagte sie: "Ich fühlte, ich wollte ein Hippie sein. Ich fühlte, ich war links. Ich fühlte, ich wollte nicht so sein, wie der Rest der Familie."

Kiffer statt Kühe

Die Familie war entsetzt über ihre pazifistischen Anwandlungen. Bella flüchtete nach Glastonbury zu ihrem Freund Andrew Kerr, der etliche Jahre als Assistent ihres Vaters gearbeitet hatte. Kerr hatte unweit des idyllischen Städtchens die Worthy-Farm gemietet, für ein Musikfestival, mit dem er die Sommersonnenwende feiern wollte. Der Farmer Michael Eavis, der hier sonst seine Kühe auf die Weide trieb, hatte im Jahr zuvor bereits ein kleines Festival organisiert, zu dem 1500 Hippies gekommen waren. Kerr hatte nun ein Manifest verfasst, in dem er Ziel und Zweck der "Glastonbury Fair" so beschrieb: "Das Bewahren unsere Naturressourcen. Respekt für Natur und Leben. Und ein spirituelles Erwachen."

Rund 12.000 Besucher folgten dem Aufruf. Entsprechend dem Idealismus der Zeit war der Eintritt frei. Finanziell war die Glastonbury Fair von 1971 deshalb ein Desaster, und Kerr und Churchill probierten es erst 1979 auf ein Neues. In der Zwischenzeit heiratete Bella - nicht einen Duke, wie es ihr Vater sich gewünscht hatte, sondern einen bürgerlichen Lehrer, mit dem sie in Wales Schafe züchtete. Nach dem Scheitern der Ehe machte sie in London unweit der Paddington Station ein Restaurant in einem besetzten Haus auf, eine frühe Volxküche für Squatter.

Bei dem neuen Start des Festivals im Juni 1979 übernahm Bella Churchill das Theater- und Zirkusprogramm: Kabarettisten, Schwert- und Feuerschlucker, Jongleure und Gaukler aller Arten. Nun stieg auch Michael Eavis, der Besitzer der Worthy Farm mit ein. Dank seines Organisationstalents legte das Fest eine steile Karriere hin.

Hort der Alternativkultur

Das Glastonbury Festival entwickelte sich zum Gegenpol des neoliberalen Englands von Maggie Thatcher, allerdings brachten zahlungsunwillige Besucher, die Jahr für Jahr das Gelände stürmten, die Organisatoren noch bis in die neunziger Jahre hinein in Schwierigkeiten. Nur zögerlich gingen Eavis, Churchill und ihre vielen Mitstreiter den Weg der Professionalisierung. Gleichzeitig kämpften sie mit Erfolg dagegen, dass dem Festival der hippieske Gründergeist ausgetrieben wurde.

"Glastonbury läutet den Sommer ein", sagt David Swindells, Musikjournalist aus London. "Das Festival definiert den Sommer, entweder mit Sonne und einem gutem Gefühl oder mit einer Schlammschlacht im Dauerregen." Am 22. Juni geht es wieder los, fünf Tage lang. Die 144.000 Tickets wurden vergangenen Herbst innerhalb von wenigen Stunden verkauft.

Für Musiker ist es eine Ehre, in Glastonbury aufzutreten. Gleichzeitig macht die dank der Radio- und TV-Live-Übertragung der BBC enorme Publicity sich durchaus bezahlt. Von den Erlösen des Festivals werden der Großteil, an die drei Millionen Euro, an Greenpeace, Oxfam und Water Aid und kleinere wohltätige Organisationen gehen.

Bella Churchill wird nicht dabei sein. Sie starb am 20. Dezember 2007 in ihrem Haus in Glastonbury mit nur 58 Jahren an Pankreas-Krebs. "Ich war nie gut darin, eine Churchill zu sein", räumte sie in ihrem Todesjahr in einem ihrer ganz wenigen Interviews ein, das sie gab. "Die Leute haben in mir nie mich gesehen." Heute erinnert auf dem Festival-Gelände bei Glastonbury "Bella’s Bridge" über den Whitelake River an die Enkelin Churchills. Es ist ein Dank an die Frau, die, wie es auf einer Tafel an der Brücke heißt, dort "über 30 Jahre arbeitete und einige der besten Theater- und Zirkusaufführungen des Landes schuf".



insgesamt 2 Beiträge
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simone flohr, 20.06.2011
1.
Winston Churchills "geistiger Berater im Verborgenen", ein gewisser Wellesley Tudor Pole eröffnete in den späten 50ern in Glastonbury den sog. Garten "Chalice Well", ein spiritueller Ort, der auch heute noch unzählige Menschen in seinen Bann zieht. So sieht man immer wieder, wie klein doch eigentlich die Welt ist!!!!
Niels Woisin, 23.06.2011
2.
Der Familienname war eben nicht Church-ill sondern Chur-chill :)
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