Historische Schiffsplakate Hollywood auf hoher See

Champagner in Strömen und Kokain gegen Seekrankheit: An Bord der frühen Ozeanriesen wurde kein Luxus ausgelassen. Heute erinnern nur noch farbenfrohe Werbeplakate von einst an die Goldene Ära der Passagierschifffahrt.

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Ein Schiff von gigantischer Größe wirft seinen mächtigen Schatten auf die Menschen am Pier. Frauen, Kinder und Männer begrüßen die Passagiere, die sich an der Reling des Dampfers drängen - und natürlich jubeln sie dem Ozeanriesen zu, dieser Grande Dame der Meere mit ihrem mächtigen Bug und ihren haushohen Schornsteinen. Ihren Namen zu nennen, ist nicht nötig. Auf dem Plakat, das diese Szene in bunten Farben zeigt, steht nur der Name der Reederei: Cunard. Das Schiff selbst ist schon damals längst eine Legende. Die "RMS Mauretania" ist in der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts der schnellste und vor allem größte Hochseedampfer der Welt. Die Farblitografie zementiert diesen Status eindrucksvoll, indem sie den Bug der "Mauretania" majestätisch und überlebensgroß in das Bild ragen lässt.

Als Mitte des 19. Jahrhunderts die transatlantischen Schiffspassagen boomten, wurden Plakate wie dieses zum beliebten Werbemittel. Die bunten Poster verkauften Träume, weckten Sehnsüchte und sollten so Auswanderer, Geschäftsleute und Touristen auf die Ozeandampfer locken. Die farbintensiven Plakate erzählten von Luxus, Abenteuer und Erfolg in der Fremde.

Um die Reiselust der Menschen zu wecken, leisteten sich manche Reedereien sogar eigene Werbeabteilungen. Für die Gestaltung vieler Motive wurden namhafte Künstler und Grafiker engagiert. Etwa der belgische Art-Nouveau-Maler Henri Cassiers und der Hamburger Ottomar Anton. Letzterer gestaltete in den zwanziger Jahren eine Reihe eindrucksvoller Schiffsplakate für die Reedereien Cunard und Hapag und schuf später das Logo für die Kölnisch-Wasser-Marke 4711.

Zu Beginn der Passagierschifffahrt waren die Fahrten über den Atlantik allerdings alles andere als eine Traumreise. Die Reedereien interessierten sich vor allem für den Gütertransport. Die Auswanderer, die ihr Glück in der neuen Welt suchten, sollten lediglich die Kapazität der Schiffe auslasten. Die meiste Zeit hockten die Emigranten dicht an dicht, eingepfercht wie Vieh in den Laderäumen. An Deck durften sie nur, wenn der Kapitän es erlaubte.

Je nach Jahreszeit und Wetterlage konnte eine Fahrt in die USA mehr als zwei Monate dauern. Hunger, Durst und Seuchen brachen aus. Viele Reisende starben an Cholera oder Typhus, noch bevor sie einen Fuß auf den Boden der verheißungsvollen Neuen Welt gesetzt hatten. Zudem havarierte manches frühe Passagierschiff, weil es in Stürme geriet oder schlicht hoffnungslos überladen war. Nur selten gab es genügend Rettungsboote oder Schwimmwesten für alle.

Rekorderummel auf dem schwimmenden Luxushotel

Doch durch technische Weiterentwicklungen wurden Überfahrten zu fernen Kontinenten nach und nach schneller und komfortabler. Um 1870 dauerte die Passage auf der Nordatlantikroute nur noch etwa zehn Tage - und die Reedereien überboten sich nun laufend mit neuen Rekorden. Die immer größer werdenden Hochseedampfer entwickelten sich vom einfachen Transportmittel zu Symbolen der Industrialisierung und des Fortschrittsglaubens. Das Wettrennen der Nationen um immer neue Superlative war eröffnet.

Die begehrteste Auszeichnung war das "Blaue Band", der Titel für die schnellste Atlantiküberquerung zwischen Europa und New York. An Bord der Schiffe wurden hohe Wetten abgeschlossen, ob man das "Blaue Band" erringen würde. Hatte wieder einmal ein Dampfer eine Rekordmarke geknackt, wurde dies schnell zum internationalen Medienereignis - und somit zum Aushängeschild für die jeweilige Reederei und ihr Heimatland.

Mit dem Rekorderummel wurde die Fahrt mit den stetig schneller werdenden Dampfern immer beliebter - vor allem die besser Gestellten wollten nun mit den Ozeanriesen reisen. Die Reedereien passten ihre Schiffe den veränderten Bedürfnissen der neuen Passagiere an und schufen Dampfer mit den modernsten und nobelsten Inneneinrichtungen.

Die Erste Klasse glich einem schwimmenden Luxushotel. Zwischen römischen Säulen, kostbaren Mosaiken und Deckenmalereien schmückten Putten goldgerahmte Spiegel. Wintergärten mit Volieren und Springbrunnen, Tennisplätze, Fitnessräume und erste Kinosäle lenkten von der eintönigen Überfahrt und den Gefahren des Meeres ab. Das Hallenbad auf dem Ozeankreuzer "Imperator" strotzte nur so vor Marmor. Auf der "Kaiser Wilhelm der Große" arrangierte der französische Starkoch Auguste Escoffier feinste Speisen. Auf der "Île de France" kümmerten sich Dogsitter um die Hunde der Herrschaften, es gab sogar ein spezielles Menü für die privilegierten Vierbeiner. Und gegen die Seekrankheit wurde vom Bordarzt auch schon mal Kokain verschrieben - damals wohlgemerkt noch als Medikament üblich.

Filmstars, Farewellpartys, Flakgeschütze

Zwischen den Weltkriegen machten die Reichen und Schönen die Fahrten mit den Ozeanriesen dann endgültig legendär. Filmstars, Künstler und die oberen Zehntausend lösten Überfahrten, darunter Greta Garbo, Charlie Chaplin, Josephine Baker und Salvador Dalí. Glücksspiel, ausschweifende Gelage und exzessive Farewellpartys mit Musik und bunten Luftschlangen beim Ablegen der Schiffe gehörten zum guten Ton. Sehen und gesehen werden galt auch auf den glamourösen Prunktreppen zu den Speisesälen, die von den Damen in ihren kostspieligen Abendroben zu einem Laufsteg der Eitelkeiten gemacht wurden. Der Champagner floss in Strömen, so mancher Bordflirt sorgte weltweit für Schlagzeilen und die Etikette wurde gern mal vergessen. So heißt es, der Schauspieler Errol Flynn habe auf der "Île de France" rote Socken zum Smoking getragen und Austern in maßlosen Mengen vertilgt.

Waren die Ozeanriesen für die Betuchten die Grandhotels der Hochsee, ging es in den untersten Klassen kaum anders zu als zu Beginn der Dampfschifffahrt: Die Passagiere schliefen in den stickigen Schlafsälen der oft nur 1,80 Meter hohen Zwischendecks und wurden strikt von den anderen Klassen getrennt.

Der Zweite Weltkrieg schließlich läutete das Ende für die mächtigen Ozeanriesen ein. Viele Reisedampfer wurden zu Truppentransportern umfunktioniert. In ehemaligen Schwimmbädern wälzten sich nun Soldaten auf unbequemen Pritschen. Feinstes Porzellan, Silberbesteck und Kristallgläser wichen der Grundausstattung der Feldküche. Wo man sich zuvor an Deck beim Shuffleboard vergnügt hatte, stand jetzt die Flak zur Verteidigung vor Luftangriffen. Zahlreiche Dampfer wurden im Krieg von U-Booten oder Bombern abgeschossen, fuhren auf Minen oder endeten als Kriegsbeute. Einige Reedereien erlitten den vollständigen Verlust ihrer Flotte.

Mit dem Aufkommen des transatlantischen Linienflugverkehrs in den späten fünfziger Jahren, verloren dann auch die letzten der ehemals so imposanten Record Breaker ihre Bedeutung. Die Legenden der See mit den klangvollen Namen und der prunkvollen Ausstattung sind heute allesamt von der Meeresoberfläche verschwunden. Was von den Ozeanriesen bleibt, ist einzig ein Reigen bunter Schiffsplakate, der an den Mythos einer großen Ära erinnert.



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veit schütz, 08.03.2017
1.
Es wäre schön gewesen, wenn auch ein paar der erwähnten Plakate gezeigt worden wären.
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