Historisches Radiodesign Lauscher am Kühlergrill

Klingende Torten, dudelnde Grabsteine: Als der Rundfunk losfunkte, musste das passende Gehäuse erst noch ersonnen werden. Bald wetteiferten Designer um das perfekte Radio - und schufen allerlei Skurrilitäten. Zur Berliner Funkausstellung zeigt SPIEGEL ONLINE die schrillsten Radiogehäuse vor Ausbreitung des HiFi-Turms.

radiomuseum.org

Von Andrea Jonischkies


Komödienspezialist Ernst Lubitsch verewigte die Verwechslungsgefahr 1934 in dem Film "Ninotchka": Beschwipst möchte die junge Frau (Greta Garbo) mit ihrem amerikanischen Freund im Hotelzimmer noch ein bisschen feiern. Beide drehen am Knopf, um einen Radiosender mit Tanzmusik zu finden. Musik erklingt nicht, dafür öffnet sich der Zimmertresor. Statt des Sendersuchknopfs hatten sie den Safe betätigt.

Die Panne war symptomatisch: Zu Beginn des Rundfunkzeitalters nahmen Radios die absurdesten Formen an. Musik und Stimmen drangen aus Schatztruhen alter Piratenschiffe oder dem Chorgestühl gotischer Kathedralen. Manche Gehäuse sahen aus, als hätte jemand die Spitze des New Yorker Chrysler-Buildings abgeschnitten wie ein großes Art-Déco-Tortenstück. Glänzende Chromleisten, dekorative Holzeinlegearbeiten - Amerikas große Radiofreiheit offenbarte sich in bunter Verkleidung aus Pressstoff und Plastik: Opas neue Standuhr sendete Nachrichten. Der Junggeselle öffnete seine Radiohausbar und servierte seinem Besuch zur passenden Musik gleich einen Drink. Einer der gängigsten Radiotypen jenseits des Atlantiks hieß "Tombstone", Grabstein - und sah auch so aus.

Gehäuse, die den Automobilen entliehen schienen, kündeten von der Schnelligkeit und Unmittelbarkeit des neuen Hörerlebnisses, jede Nachricht verbreitete sich in Nullkommanichts - über Radios in Form von Kühlerhauben, Geschwindigkeitsanzeigen oder Rücklichtern. Die geschwungene Lautsprecherverkleidung des Excellence 301 der Firma Sonora etwa korrespondierte mit dem Design der Motorhaube des Chrysler-Coupés DeSoto. "Von zwei Produkten, die in Preis, Funktion und Qualität nichts unterscheidet, wird das mit dem attraktiven Äußeren das Rennen machen", so die These von Raymond Loewy. Er hatte die Signets von Lucky Strike, BP, Shell und Canada Dry entworfen. Inspiriert vom allgegenwärtigen Profitstreben begründete er einen neuen Berufstand: den des Designers.

Bastelei auf Holzplatte

Raymond Loewys braunes Globusradio von 1933 wirkt wie eine Parodie auf das wahnwitzige Streben des deutschen "Führers" nach Weltherrschaft. Mit dem Empfänger konnte sich jeder für nur ein paar Dollar die Welt ins Haus holen. Beim Anblick des Gehäuses gesellt sich vor dem geistigen Auge sofort Charlie Chaplins "Großer Diktator" hinzu, der auf dem Rücken liegend die Weltkugel mit seinen Füßen balanciert.

Entwicklungstechnisch war die Neue Welt der Alten damals gut zehn Jahre voraus. Beinahe hätte die deutsche Wirtschaft den Startschuss für die neue Industrie verschlafen - wenn nicht US-Firmen permanent nach Radiobauteilen gefragt hätten. In Amerika war das Radiofieber schon 1913 ausgebrochen, während sich in Europa gerade das politische Klima vor dem Ersten Weltkrieg erhitzte. Und als sich die Haushalte jenseits des großen Teichs bereits Zweit- und Drittgeräte anschafften, sparte der deutsche Hörer gerade mal auf sein erstes Radio - sofern er es sich nicht selbst bastelte. Die erste offizielle Unterhaltungsmusiksendung ging am Abend des 10. Oktober 1923 von Berlin aus durch den Äther - und löste den Boom auch in Deutschland aus.

Bis dahin war das Radio, das damals noch Funkentelegraphie hieß, seit 1910 ausschließlich im Börsenalltag genutzt worden, bevor es vom Telefon abgelöst wurde. Die ersten Geräte waren Kristalldetektoren, mit denen sich Morsezeichen empfangen ließen. Auf diese Weise hatten die Broker zu Beginn des 20. Jahrhunderts Anschluss an die europäischen Börsenplätze.

Die Schiebespulen-Detektoren, die lediglich auf einer Holzplatte montiert waren, erinnerten an die ersten Basteleien des Telefonerfinders Alexander Graham Bell. Abgehört wurde mit Kopfhörern, damals als "Telephon" bezeichnet. Dieses preiswerte "nackte" Radio, das ohne Strom arbeitete, wurde schon bald durch teurere Röhrengeräte ersetzt - den Schaltpult-Look mit den freiliegenden Röhren sollten Jahrzehnte später die Designer von Edelverstärkern wieder aufgreifen. In Deutschland allerdings waren es zunächst nicht Designer, sondern Ingenieure und Architekten, die das Äußere der Rundfunkgeräte bestimmten.

Nachrichten aus der "Brotbüchse"

Zu den bekanntesten Detektorempfängern gehörte der "D-Zug", bei dem verschiedene Komponenten hintereinander gehängt wurden wie Eisenbahnwaggons. Die Einstellungen am Gerät gingen leicht verloren, Radiohörer mussten daher ständig nachjustieren, wenn das Konzert, dem sie lauschten, nicht im Knistern und Pfeifen untergehen sollte. Ab 1930 bekam die Konstruktion daher eine Hülle. Die sperrigen Batterien der Röhrengeräte wurden durch Strom aus der Steckdose ersetzt - das Radio fand seinen Platz im Wohnzimmer.

Ob als Sarkophag oder Safe - die Form erzählt Geschichte. Das altarähnliche Sarkophag-Gehäuse stilisierte das Radio zum Denkmal, und den, der sich damit auskannte, zum Priester einer neuen Religion. Im Safe zeigt sich der Gedanke an den Rundfunk als Geldanlage. Schließlich wurden in der Anfangsphase vorwiegend Börsenkurse und Wirtschaftsnachrichten durch den Äther geschickt. Von Arbeitern wurde der Safe-Look allerdings spöttisch als "Brotbüchse" karikiert. Auch das machte Sinn: Über den Äther bekamen Hausfrauen jeden Morgen angesagt, wo sie die günstigsten Lebensmittel kaufen konnten.

Dank stärkerer Röhrenleistung konnten an die Rundfunkgeräte der dreißiger Jahre Lautsprecher angeschlossen werden. Die Zeit des Radios als Möbelstück hatte begonnen. Die starre Form des rechteckigen Kastens verschwand: Etwa beim "Halbmond" von Siemens 35 W, Baujahr 1931/32. Eine dem Jugendstil nachempfundene goldene Metallfront wertete das fein gemaserte Nussbaumgehäuse auf. Beim modernen Modell "Schlittschuh", dem Loewe Opta GW 537 von 1936/37, stützten drei auslaufende Metallkufen den Lautsprecher.

Stromlinien-Design und Klinkerfassade

Die neuen Geräte waren teuer. Zwischen 200 und 400 Reichsmark kostete in den dreißiger Jahren ein Radiogehäuse mit "Gesicht". Doch nicht jedes Design kam an, nicht selten blieben Hersteller auf ihren Geräten sitzen. Wie etwa Siemens auf dem Modell 53 GWL von 1935, bekannt als "Herr im Frack".

Angetrieben von der stetig wachsenden Fangemeinde - 1925 hörten in Deutschland eine Million Menschen Radio, drei Jahre später hatte sich die Zahl bereits verdoppelt - plünderten Radiodesigner bald munter die Architekturgeschichte. Gotisches Maßwerk war ebenso zu finden wie barocke Mezzaningeschosse. Die Firma Mende setzte mit ihrem Empfänger 278 GW von 1935/36 ihrem Anfangsbuchstaben ein Denkmal. Das "M" wurde den Bögen des Renaissancearchitekten Palladio nachempfunden, der das Stadtbild Venedigs und Vicenzas prägte.

Auch die zeitgenössische Architektur half bei der Formgebung der Gehäuse. Beim Blaupunkt (4W65 von 1934/35) sind die vertikale Betonung und das Hochformat Merkmale des Expressionismus. Der Stromlinienstil zeigt sich am Telefunken Großsuper (564 WLK von 1935), dessen Lautsprecheröffnungen um die Ecke gezogen sind. Und es blieb nicht beim Zitat. Das Telefunken-Gerät Nauen sieht aus wie der Seitenflügel des damaligen Überseesenders Nauen bei Berlin. Die Holzmaserung empfindet sogar die Klinkersteinstruktur des Bauwerks nach. Doch auch das Gebäude hat ein historisches Vorbild - in Ägypten: die Mauer des Grabmals von König Djoser in Sakkara.

Frischer Wind mit "Tokioer Barock"

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs konnten sich die Hersteller nur langsam von den schwerfälligen Gehäuseformen der späten Dreißiger lösen. Das Telefunkenmodell Allegro, wegen der elfenbeinfarbenen Tasten auch "Gebiss-Radio" genannt, blieb bis tief in die sechziger Jahre bei altmodisch dunkelbraunem Holz, verziert mit goldenen Leisten. Lediglich die Stoffbespannungen und Plastikrippen der Lautsprecherzone erfuhren zwischen 1952 und 1963 eine behutsame Modernisierung. Die Nachkriegsgeschichte des Radiogehäuses spiegelt die Schwierigkeiten der Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Deutschland wider.

Erst der "Tokioer Barock", die High-Tech-Welle aus dem Fernen Osten mit ihren elektronischen Dumping-Produkten, den HiFi-Türmen und dem pseudofunktionellen Design der 1001 Knöpfe fegte den Staub der Vergangenheit aus den Entwürfen der deutschen Firmen.

Nostalgie-Design aber ist nicht totzukriegen. Die quietschbunten Formen der frühen US-Plastikära leben im Internet-Zeitalter wieder auf. Nur: Wer sich die neuen Player genau ansieht, dem fällt die CD-Schublade auf. Auf der Foto-Website flickr trifft sich eine Gemeinde von Röhrenradio-Fans. Sammler der alten Röhrenradios der Fünfziger erfreuen sich an Nachtaufnahmen beleuchteter Radioskalen, der "Seele des Radios". Ihr warmes Licht schickt einen leuchtenden Hoffnungsstrahl durch das Dunkel der Nacht - wie ein alter Wärmestrahler, an dem sich der einsame Wanderer durch die kalte digitale Welt zuweilen aufwärmen kann.



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Dirk Becker, 29.08.2008
1.
Vielen Dank für den guten und sehr lesenswerten Artikel, leider haben sich ein paar kleine Fehler in den Artikel geschlichen: 1.) Der öffentliche Unterhaltungsrundfung begann in Deutschland am 29. Oktober 1923, nicht am 10. Oktober 1923. (siehe z.B. http://de.wikipedia.org/wiki/Funk-Stunde_Berlin) 2.) Mit Kristalldetektoren lassen sich nicht nur Morsezeichen sondern auch ganz normale Rundfunksendungen verfolgen. 3.) Der sogenannte D-Zug war ein Röhrenempfänger und kein Detektorempfänger! Der ursprüngliche und im Artikel wohl gemeinte D-Zug wurde von Telefunken, Siemens und AEG verkauft, es gab jedoch unzählige andere Hersteller, die auch zusammensteckbare Geräte herstellten, die original Siemens Vorstellung gibts z.B. unter http://www.oldradio.de/wiki/images/Siemens_rfe_1_small.pdf. Dirk Becker
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.