Holocaust-Überlebende in Israel Bilder aus dem Jetzt

Die Erinnerungen an den Holocaust quälen die Überlebenden bis heute. Die Kasseler Fotografin Helena Schätzle hat einige von ihnen lange begleitet und porträtiert - und in Israel neue Freunde gefunden.

Helena Schätzle

Ein Interview von


Zur Person
  • Lioba Keuck
    Helena Schätzle wurde 1983 in Zell am Harmersbach geboren, studierte in Kassel bis 2009 Visuelle Kommunikation und arbeitet seither als Fotografin. Mit einem Bild aus der Serie "Leben nach dem Überleben" hat sie den Preis für das Friedensfoto des Jahres gewonnen.

einestages: Frau Schätzle, wie haben die Überlebenden reagiert, als eine Fotografin aus Deutschland vor ihnen stand?

Schätzle: Ich hatte fest mit Ablehnung gerechnet und bei den Begegnungen Angst, mich falsch zu verhalten, zu verstören mit meinen Fragen. Aber die Überlebenden waren von Anfang an dazu bereit, sich auf mich einzulassen. Vielleicht wollten sie, dass ihre Erlebnisse und ihr Leid nach Deutschland zurückgetragen werden und dort Anerkennung finden. Sicher war auch ein Vorteil, dass ich aus der dritten Generation nach den Tätern bin. Seit dem Holocaust sind rund 75 Jahre vergangen. Viele Überlebende haben erst nach Jahrzehnten begonnen, davon zu erzählen.

einestages: Auf Ihrer Homepage schreiben Sie, dass noch in hohem Alter lange verdrängte Erfahrungen "mit brutaler Wucht ins Bewusstsein zurückkehren".

Schätzle: Ab Herbst 2013 war ich fünfmal in Israel, jeweils für mehrere Monate. In den ersten Wochen habe ich meine Kamera überhaupt nicht ausgepackt, sondern nur mit den Überlebenden gesprochen und mir ihre Geschichte angehört, damit Vertrauen entsteht. Solche Gespräche dienen der Aufarbeitung, sind aber auch aufwühlend. Ich stand in engem Kontakt mit der israelischen Hilfsorganisation Amcha. Deren Psychologen betreuen die Überlebenden, falls die Traumata wieder aufbrechen.

einestages: Kam es dazu?

Schätzle: Mit einer Frau hatte ich ein langes Gespräch, wir haben einen Fototermin ausgemacht. Am Abend davor hat sie aufgeregt angerufen und gesagt, dass sie doch nicht mitmachen will. Sie war als Kind vor den Nazis versteckt worden und fürchtete jetzt, noch so viel später, sie könnte wiedergefunden, könnte entdeckt werden, wenn die Fotos in die Öffentlichkeit kommen. Das habe ich selbstverständlich akzeptiert.

Fotostrecke

18  Bilder
Holocaust: Leben nach dem Überleben

einestages: Ihre Fotos der Holocaust-Überlebenden sind dynamisch und in Farbe. Warum haben Sie sich für diese Bildsprache entschieden?

Schätzle: Von Holocaust-Überlebenden gibt es oft klassische Schwarz-Weiß-Portraits, bei denen die Menschen stark in der Erinnerung verankert gezeigt werden. Ich wollte Bilder aus dem Jetzt machen und die Überlebenden in ihrer gesamten Menschlichkeit darstellen. Denn die Menschlichkeit war das, was ihnen im Holocaust genommen wurde.

einestages: Auf den ersten Blick wirken manche Bilder beinah wie Urlaubsfotos.

Schätzle: Es ging mir darum, die Menschen nicht erneut zu stigmatisieren. Deshalb setze ich auch fröhliche oder alltägliche Bilder ein, mit denen man sich identifizieren kann: "Das könnte auch meine Mutter oder meine Großmutter sein." Eine der Überlebenden, Yael Rosner, hat mir sogar gesagt: "Ich möchte deine dritte Großmutter sein." Ich habe bei meinen Begegnungen mit Menschen, die so viel Hass erleben mussten, viel Wärme und Liebe erfahren.

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einestages: Und gar keine Abweisung?

Schätzle: Dazu muss ich ergänzen: Ich habe ausschließlich Menschen porträtiert, die nach ihren schrecklichen Erfahrungen langsam gelernt haben, sich wieder den schönen Dingen des Lebens zuzuwenden. Zumindest manchmal können sie wieder fröhlich sein. Ein Kollege hat in einer Psychiatrie Holocaust-Überlebende fotografiert, die durch ihre Traumatisierung gebrochen wurden. Seine Bilder vermitteln eine ganz andere Stimmung.

    Die Ausstellung "Leben nach dem Überleben" ist bis zum 5. Februar in der Citykirche in Aachen zu sehen. Am 8. Februar eröffnet sie im Herz-Jesu-Gemeindezentrum in Eschweiler. Helena Schätzles Fotoprojekt wurde von der israelischen Hilfsorganisation Amcha gefördert, die Überlebenden des Holocausts und ihren Nachkommen seit 1987 psychologische Hilfe und Betreuung anbietet. Auf der Amcha-Homepage kann man auch das Buch bestellen und spenden.

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