Das Ende von Idi Amin Der Horrorclown unter den Despoten

Lange hielt die Welt Idi Amin nur für übergeschnappt, die Karikatur eines Diktators. Ein fataler Irrtum - er ließ 300.000 Menschen ermorden und führte Uganda in den Ruin. Vor 40 Jahren endete seine Tyrannei.

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Die Truppen aus dem Nachbarland Tansania und ihre ugandischen Mitkämpfer stießen auf wenig Widerstand, als sie am 11. April 1979 Kampala erreichten. Ugandas Armeeeinheiten flüchteten in Scharen aus der Hauptstadt oder tauchten in der Bevölkerung unter, nachdem sie ihre Waffen und Uniformen weggeworfen hatten. Wozu noch kämpfen? Ihr oberster Befehlshaber hatte schon im Februar einige seiner fünf Frauen und Dutzende Kinder evakuiert. Nun setzte sich Feldmarschall Idi Amin sang- und klanglos nach Libyen ab. Ein Helikopter brachte den selbst ernannten Präsidenten auf Lebenszeit ins Exil, zu seinem Freund Gaddafi.

Es war die Stunde null in Uganda, diesem wunderschönen, grünen Land am Äquator, das die britischen Kolonialherren einst die "Perle Afrikas" nannten. Amins Flucht beendete eine Zeit brutaler Morde und wirtschaftlichen Niedergangs. Wahlen waren abgeschafft; es gab kein Parlament mehr. Die Regale in den Geschäften waren leer. Über Leben und Tod der damals rund zehn Millionen Einwohner entschied eine grausame Geheimpolizei.

Außer seinem Land hatte Idi Amin auch dem Ansehen Afrikas in der Welt fürchterlichen Schaden zugefügt. Erst hatte der Kontinent durch europäische Kolonialmächte alle Stadien der Unterdrückung und Ausplünderung durchlitten. Dann setzten sich in der Unabhängigkeit nach einer Phase der Hoffnung und des Aufbruchs zahlreiche neue Despoten an die Macht, teils jahrzehntelang - brutale Herrscher und Kleptokraten vom Schlage eines Jean-Bédel Bokassa in der Zentralafrikanischen Republik, eines Charles Taylor in Liberia oder eines Mengistu Haile Mariam mit seinem "Roten Terror" in Äthiopien.

"Der Clown tötet hinterhältig und kaltherzig"

Selbst in diesem "Klub der Schlächter" der Nachkolonialgeschichte ragte Idi Amin noch heraus, als Inkarnation des Bösen, als Karikatur eines Diktators. Keiner bediente rassistische Klischees vom schwarzen Mann so treffend wie dieser 1,93 Meter große, 120 Kilo schwere Koloss: körperlich stark, aber ungebildet, einfältig und heimtückisch, lustig und dabei ungeheuer blutrünstig - das war Idi Amin.

Seine Grausamkeiten entsetzten die Welt, die gleichzeitig ungläubig über seine Possen lachte. Kaum vorstellbar, dass jemand tatsächlich die Köpfe enthaupteter Gegner im Kühlschrank sammelt. Und wer lässt sich schon, wie vormals die Kolonialherren, in einer Sänfte zum Staatsempfang schleppen, mit weißen Männern als Träger?

In seiner Hybris übte Idi Amin eine düstere Faszination aus. Weil er sich zum König von Schottland erklärte und Orden umhängte wie einst Reichsmarschall Hermann Göring, weil er Hitler ein Denkmal errichten wollte und anstelle der Queen das britische Commonwealth repräsentieren wollte - deshalb wurde er zur Hauptfigur von Comedyshows. 1975 dichtete der deutsche "Playboy":

"Die Neger unten in Uganda
die haben einen starken Mann da
Er heißt Amin und spielt Tyrann
und lässt auch keinen andern ran
Wer immer stört da seine Ziele,
verfüttert er an Krokodile."

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Idi Amin: Der Schlächter von Afrika

Als Popstar unter den Despoten bot Amin Stoff für Bücher und Filme. Seine Clownerien seien nur "Fassade", erklärte Ugandas ins Exil geflohener Generalstaatsanwalt Godfrey Lule, in Wahrheit sei Amin "ein Manipulator; er tötet hinterhältig und kaltherzig".

Vom Hilfskoch zum Gewaltherrscher

Idi Amin wurde 1925 in Ugandas entlegener West-Nil-Region geboren. Wie viele Männer aus dem Hinterland fand der halbe Analphabet in der Kolonialarmee eine Möglichkeit aufzusteigen. Beim britischen Infanterieregiment King's African Rifles begann er 1948 als Hilfskoch; später war er als Hauptfeldwebel bei der Niederschlagung des Mau-Mau-Aufstandes im benachbarten Kenia beteiligt. Als Uganda 1962 unabhängig wurde, war Amin einer von zwei Einheimischen, die es bei den von Weißen geführten King's African Rifles zum Offizier gebracht hatten. Nun wurde er Stabschef von Ugandas 20.000-Mann-Armee.

Wie in vielen afrikanischen Staaten erfüllte Ugandas Unabhängigkeitsregierung nicht die Erwartungen der Massen. Statt Wohlstand blühten Vetternwirtschaft und Korruption. Deshalb jubelten die meisten in Uganda, als Amin 1971 den gerade im Ausland weilenden Präsidenten Milton Obote aus dem Amt putschte. In den knapp zehn Jahren Unabhängigkeit hatte sich das Zivilregime als unfähig erwiesen. Nun sollten die Soldaten Ordnung schaffen. Idi Amin traute man das zu. Alle kannten ihn als mehrfachen Landesmeister im Schwergewichtsboxen, Rugby-Star und freundlichen Riesen, der bei Volksfesten mit den Leuten scherzte und tanzte.

Nach seiner Machtübernahme änderte sich der einstige Volksheld. Statt Fachleute aus Ugandas gebildeter Mittelschicht als Berater zu holen, etablierte sich der neue Präsident als Alleinherrscher. Um seine Macht zu sichern, ließ er Offiziere und Soldaten, die nicht an seinem Coup beteiligt waren, von Mordkommandos umbringen. Andere Militärs starben bei mysteriösen Autounfällen.

Dagegen beförderte Amin ihm nahestehende Kameraden aus Gefreiten- und Sergeantenrängen zu Obristen und Generälen mit Dienstwagen und -villen. Für sie richtete er später nach Ostblock-Vorbild einen Devisenladen ein; dort konnten die Privilegierten Waren aus aller Welt kaufen, während die Bevölkerung bittere Not litt.

Minister an Krokodile verfüttert

Auslöser für Ugandas wirtschaftlichen Niedergang war eine Entscheidung Amins im zweiten Jahr seiner Herrschaft: 40.000 Asiaten, die schon seit Generationen in Afrika lebten und als Händler und Handwerker weitgehend die Wirtschaft dominierten, jagte er aus dem Land. "Nun gehört alles uns", schwärmte Amin, "wir sind das einzige Land in Afrika, wo nur Afrikaner bestimmen." Tatsächlich aber kollabierten Ugandas Innen- und Außenhandel als Folge des erzwungenen Exodus; die Deviseneinnahmen brachen weg, Zehntausende verloren ihre Arbeit.

Aufkommende Unzufriedenheit bekämpfte Amin brutal. Seine Sicherheitsleute drangsalierten und ermordeten Gegner, sie verfolgten auch ethnische Gruppen, die er als Feinde betrachtete. Amin ließ Minister den Krokodilen im Viktoriasee zum Fraß vorwerfen, Oppositionelle mit Hämmern erschlagen und demonstrierende Studenten mit MG-Salven niedermähen. Ugandas anglikanischer Erzbischof Janani Luwum verschwand ebenso wie die jüdische Geisel Dora Bloch.

Die 74-Jährige mit britischem und israelischem Pass war an Bord des Air-France-Airbus, den Palästinenser und die deutschen Terroristen Brigitte Kuhlmann und Wilfried Böse im Juni 1976 nahe Athen entführten und zur Landung auf dem Flughafen von Entebbe in Uganda zwangen. Die Täter forderten die Freilassung inhaftierter Palästinenser.

Ob Amin von dem Vorhaben wusste, ist nicht erwiesen. Jedenfalls versuchte er sich als Vermittler, als ein israelisches Kommando die Geiseln (bis auf die bereits ins Krankenhaus abtransportierte Dora Bloch) befreien konnte. Amin schäumte. Er verurteilte Israels Eingreifen als imperialistische Aktion. Dora Bloch wurde aus der Klinik entführt und von Amins Offizieren ermordet.

War einst der "Judenstaat" - neben dem ehemaligen "Mutterland" Großbritannien - Ugandas wichtigster internationaler Partner, so setzte Amin nun voll auf Muammar al-Gaddafi. Der libysche Revolverpotentat ersetzte Uganda seine von den Israelis zerstörten Jets durch 20 Mirage-Flugzeuge, schickte Geld, Militärausbilder und Waffen.

Ruhmloses Ende in Saudi-Arabien

Amin, der zur Muslim-Minderheit (16 Prozent) seines Landes gehörte, erhielt auch Hilfe vom Irak und von konservativen Araberstaaten wie Saudi-Arabien und Kuwait. Sein Israel-Hass und der Traum von der Ausbreitung des Islam in Afrika erklärten das arabische Engagement für den Glaubensbruder. Zudem holte Amin Palästinenser ins Land. Die PLO schickte Menschen mit der Qualifikation der vertriebenen Asiaten, Ölscheichs gaben Geld. Das passte den etablierten arabischen Staaten, denen Palästinenser im fernen Afrika lieber waren als etwa in Kuwait.

Amins neue Verbündete konnten nicht helfen, als der Diktator 1978 einen verhängnisvollen Fehler beging: Um von sporadischen Unruhen im eigenen Land abzulenken, griff er Tansania an und annektierte Gebiete des Nachbarstaates. Dort mobilisierte nun Präsident Julius Nyerere seine Armee zum Gegenschlag. Mit Hilfe Tausender Exil-Ugander drängten die Tansanier Amins Truppen immer weiter zurück und eroberten schließlich Ugandas Hauptstadt Kampala.

Mindestens 300.000 Ugander hatten die achtjährige Gewaltherrschaft des "Schlächters von Afrika" nicht überlebt. Der besiegte Amin fand nach einem Zwischenaufenthalt in Libyen Zuflucht in Saudi-Arabien. Einzige Bedingung seines Gastlandes: keine politischen Aktivitäten, keine militärischen Abenteuer, keine öffentlichen Erklärungen.

Damit verschwand der afrikanische Albtraum aus den Medien - Idi Amin lebte fortan luxuriös als Diktator in Rente mit seiner Großfamilie in einer von den Saudis bereitgestellten Villa. Er starb am 16. August 2003 im Alter von 78 Jahren an Nierenversagen in Dschidda.

insgesamt 15 Beiträge
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Klaus Kinsie, 11.04.2019
1. Halber Analphabet?
Idi Amin wurde 1925 in Ugandas entlegener West-Nil-Region geboren. Wie viele Männer aus dem Hinterland fand der halbe Analphabet in der Kolonialarmee eine Möglichkeit aufzusteigen. Was ist denn ein halber Analphabet? Einer der nur die Buchstaben A bis M lesen kann?
Monsieur Accie, 11.04.2019
2. Hinterlassenschaften von den rassistischen Europa
Idi Amin ist nicht anderes als Hinterlassenschaften des europäischen Kolonialzeiten. Uganda ist nicht einziges Land in Afrika solche menschenverachtende unfähige Menschen an die Macht kamen. Bestes Beispiel Süd Afrika. Die Europäer haben Apartheimsystem in Süd Afrika so lange unterstützt bis es nicht mehr ging. Am Ende haben sie so getan als wären sie gegen Apartheimsystem. Wenn man so will. Wer waren die Weisen in Süd Afrika. Kriminelle Europäer, die das Land von den Ureinwohner geraubt haben. Wo in Afrika für die Europäer selbstverständlich war. Der Spiegel ist ein Teil dieses System. Überfallen-Ausbeuten-Elend.
helmut alt, 11.04.2019
3. Idi Amin ist der Prototyp für die Afrikanische Krankheit
und daran hat sich leider nicht viel geändert: Korruption, Machtmissbrauch, Ausbeutung des eigenen Volkes, Mord und Totschlag, Stammeskriege etc. Die Aufzählung könnte beliebig fortgesetzt werden. Kein Wunder, wenn dann viele Afrikaner ihr Heil in Europa suchen.
Hans Wurst, 11.04.2019
4.
Herrscher wie Ist Amin erscheinen uns heute völlig abstrus und unwirklich. Dabei war er das was Mr. Trump gerne sein würde. Wir müssen ständig wachsam sein, dass solche Menschen nicht mehr an die Macht kommen. Auch wenn das heißt, sich in dir Politik anderer Länder einzumischen. Dies hätte auch in Ruanda früher passieren müssen.
Reinhard Kupke, 11.04.2019
5. Ja, der Idi Amin
Wenn der nicht so ein wahnsinniger Mörder gewesen wäre, möchte man fast sagen: "was für eine Knallcharge." In einem Interview für einen europäischen Fernsehsender hat der damals erklärt, dass er zum Beispiel die Wirtschaftskrise in Großbritannien beenden könnte. Er könnte nämlich Bananen liefern.
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