Im Olympiafieber Poesie und Propaganda

Seit Detlev Mahnert auf dem Dachboden ein Zigaretten-Album mit dem Titel "Olympia 1936 in Berlin" gefunden hat, ist er Feuer und Flamme für die Olympischen Spiele. 1956 hörte er sich die Übertragung aus Melbourne noch im Radio an. Olympia 1960 in Rom konnte er schon im Fernsehen mitverfolgen - und sah so die für ihn damals schönste Sportlerin der Welt.

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Irgendwann habe ich es auf dem Dachboden gefunden: Das Zigaretten-Album "Olympia 1936 in Berlin", blau kartoniert, großes Format und fast alle Bilder schon eingeklebt: Jesse Owens, der schnellste Mann der Welt, der auch die weitesten Sprünge machte; Alfred Schwarzmann, der Turner; Karl Hein, der Weltrekordhammerwerfer; Hans Woellke, der blonde Kugelstoßer, die Radfahrer, die Ruderer, die Reiter, die Schwimmer und die unglückliche 4 x 100-Meter-Staffel der Frauen, die, den Sieg vor Augen, den Staffelstab fallen ließ, so eine Art Schalke-Syndrom.

Da hatte mich das Olympiafieber gepackt.

Melbourne 1956 erlebte ich dann schon am Radio. Ich höre noch Herbert Zimmermann - ja, der legendäre "Rahn schießt - Tooor - Tooor - Toooor für Deutschland"-Zimmermann von 1954 - wie er das Finale im 200-Meter-Brustschwimmen der Frauen kommentiert und die erste deutsche Goldmedaille nach dem Zweiten Weltkrieg ins Mikrofon brüllt: "Szekely ... kommt näher, aber Ursula Happe kämpft ... da ist die Goldmedaille!" Schnell habe ich ein Album gemacht, in dem ich alles zusammengepackt habe, was ich an Zeitungsausschnitten und Fotos bekommen konnte. Auf meiner antiquarischen Schreibmaschine, an deren linker Seite ein Schuh hing, um mittels Erdanziehung den eigentlich defekten und zur Untätigkeit verdammten Wagen in Bewegung zu setzen, schrieb ich eigene Kommentare.

Nägel kauend vor dem Fernseher

Eine Olympiade später, Rom 1960: Ich war 19 und wir hatten zum ersten Mal einen Fernseher, vor dem wir saßen und Nägel kauend zusahen, wie Armin Hary beim 100-Meter-Lauf dem Amerikaner Dave Sime die Hacken zeigte. "Simm" wurde der übrigens ausgesprochen - entgegen allen phonetischen Regeln, die wir uns im Englischunterricht so mühsam erarbeitet hatten. Zunächst war nicht klar, ob Hary wirklich gewonnen hatte. Es wurde eine Zielfotoentscheidung, die selbst meinen Vater jubeln ließ - allerdings weniger aus sportlichen denn aus nationalen Gründen.

Mit großen Augen verfolgte ich auch das Laufduell zwischen der grazilen Amerikanerin Wilma Rudolph und der ungemein deutschen, ungemein kräftigen und so ungemein blonden Jutta Heine. Ich machte jetzt nicht nur ein Album, sondern ein richtiges Olympiabuch mit fesselnden Berichten - fand ich jedenfalls. Meine Reportage von diesem 200-Meter-Lauf der Frauen war jedenfalls ein literarisches Ereignis. "La Gazzella - die schwarze Gazelle", wie Wilma Rudolph genannt wurde, war die schnellste Frau der Welt und für mich damals die Schönste - oder zumindest die schönste Sportlerin. Für einen friedlich vor sich hin pubertierenden Jungen wie mich war sie ein geeignetes, weil ob ihrer Unerreichbarkeit völlig ungefährliches Liebesobjekt. Damals konnte ich noch nicht ahnen, dass ich ihr einmal die Hand drücken würde.

Was sind mir doch für bewegende Edelkitsch-Sätze aus der Feder geflossen! Leider ist das Buch wie so manches, das ich mit großem Elan begonnen habe, nicht wirklich fertig geworden. Ich bin dann doch nicht über die Sprintstrecken, den Zehnkampf und die Ruderwettbewerbe hinausgekommen, da das Abitur - und da besonders die Mathematik, die mir immer rätselhafter wurde - Priorität haben musste, aber die ersten dreißig Seiten sind reinste Sportpoesie.

Heldenköpfe mit eingedellten Nasen

Da fällt mir Leni Riefenstahls "Olympia"-Zweiteiler über Berlin 1936 ein - "Fest der Völker" und "Fest der Schönheit": Eindrucksvoll in Szene gesetzte griechische Ruinen, untermalt von der pathetisch-mythischen Musik von Herbert Winde, steinerne Heldenköpfe mit nur gelegentlich leicht eingedellten Nasen, von unten angeleuchtet, durch leichte Kameradrehungen fast zum Leben erweckt und in einer raffinierten Überblendung in einen realen modernen Helden verwandelt, den klassischen Diskuswerfer natürlich, in der klassischen Pose, in keuscher Nacktheit unpornographisch im Mondlicht glänzend. Es folgen nicht minder nackte junge Frauen, die mit über dem Kopf hin- und herschwenkenden Armen, eine Mischung aus klassischem Ballett und Steinerscher Eurythmie tanzen. Alles kreist irgendwo um einen Mythos von der Wiege des Abendlandes.

Und dann der Einzug des olympischen Feuers: Fackelläufe waren bei den Nazis immer schon beliebt, und wenn Riefenstahl so etwas in Szene setzte, dann ging das unter die Haut. Arrangierte germanische und nicht so germanische Sportler in Aktion - bei der Klasse eines Jesse Owens war es nicht zu vermeiden, auch mal einen "Nicht-Arier" zu zeigen - aber überwiegend nordische Köpfe, aus denen stahlblaue Augen leuchteten. Natürlich, ich weiß, es war ein Schwarz-Weiß-Film, aber dieses Stahlblau drängt sich überall vor, so wie der rote Blutfleck auf den Dielen von Schloss Canterville.

Und der Einmarsch der Nationen: Die Griechen, die Österreicher, die Italiener, die Deutschen sowieso - aber sogar die Franzosen marschieren mit ausgestrecktem Arm vorbei und schneiden den Faschistengruß in die Luft. Der Führer sieht's und lächelt selbstzufrieden. Als Thors Nachfahren, die deutschen Hammerwerfer, das Gerät vergolden und versilbern, sieht man den Schnurrbärtigen begeistert klatschen.

Was für eine Propagandaschau! Was für ästhetische Bilder, begleitet von der stählernen Stimme des Rudi Wernicke!

Was für eine Lüge!



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