"Pippi Langstrumpf"-Star Inger Nilsson Widdewidde, sie macht jetzt, was ihr gefällt

Als bärenstarke Anarcho-Göre begeisterte Inger Nilsson Millionen Kinder weltweit. Nun wird die schwedische Schauspielerin 60. Hier erzählt sie, warum ihre größte Rolle mehr Fluch als Segen war - und wieso Herr Nilsson beim Dreh nervte.

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Ein Interview von


Zur Person
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    Inger Nilsson, geboren am 4. Mai 1959 im südschwedischen Kisa, spielte zwischen 1968 und 1970 in einer Fernsehserie und vier Kinofilmen die Figur der rotzfrech-verrückten "Pippi Langstrumpf". Nach schwierigen Jahren gelang ihr 2007 ein Comeback in der TV-Krimiserie "Der Kommissar und das Meer" (bislang 25 Episoden). Nilsson ist unverheiratet und hat keine Kinder.
Sie stemmt ihr Pferd hoch und besiegt den stärksten Mann der Welt im Ringkampf. Besitzt einen Koffer voller Goldstücke und einen Limonadenbaum. Bringt Räuber zum Weinen, Polizisten zur Verzweiflung - und niemand sagt ihr, wann sie ins Bett gehen soll: Pippilotta Viktualia Rollgardina Schokominza Efraimstochter Langstrumpf ist das großartigste, berühmteste, beneidenswerteste Mädchen aller Zeiten.
Weniger beneidenswert: Inger Nilsson, die Darstellerin der sommersprossigen Draufgängerin in Kino und Fernsehen. Auf ihre Paraderolle reduziert, bekam die Schwedin jahrzehntelang kaum Angebote und hielt sich als Sekretärin über Wasser. Am Samstag wird Inger Nilsson 60 Jahre alt - und hat sich endlich vom ewigen "Pippi"-Image befreit. Beim Gespräch ist die Schauspielerin ziemlich erkältet, aber gut gelaunt.

einestages: Guten Morgen, Frau Nilsson. Wann wurden Sie das letzte Mal erkannt und mit "Hallo, Pippi Langstrumpf" begrüßt?

Nilsson: Ach, das passiert ständig, gerade vorgestern wieder, auf dem Rückflug von Kopenhagen nach Stockholm.

einestages: Wie ist das für Sie?

Nilsson: Es geht. Ich möchte einfach nicht immer mit jeder wildfremden Person reden.

einestages: Aber ist es nicht auch ein Kompliment? Als stärkstes Mädchen der Welt haben Sie Generationen von Kindern beglückt - und tun es noch immer.

Nilsson: Na klar, das ist natürlich schön. Aber es stört dabei, sich weiterzuentwickeln, andere Sachen zu machen. Mich beängstigt das: Weil alle immer die gleichen Fragen stellen und mich auf Pippi ansprechen, verschwimmen ihre Gesichter, ich kann sie nicht wiedererkennen.

einestages: Und nun will auch noch eine Journalistin mit Ihnen über Pippi reden.

Nilsson: Machen Sie sich keine Sorgen, ich kann damit leben (lacht).

einestages: 8000 Kinder bewarben sich 1968 für die Rolle der Pippi. Wieso wurden Sie genommen?

Nilsson: Das weiß ich auch nicht so genau. Ich denke, beim Casting stellten sie fest, dass ich schnell umsetzen kann, was sie von mir verlangen. Dass ich schauspielerisches Talent habe.

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"Pippi"-Darstellerin Inger Nilsson: "Annika war viel mutiger als ich"

einestages: Vielleicht auch, weil Sie der taffen Pippi-Figur ähnlich waren?

Nilsson: Auf gar keinen Fall! Ich war ein eher ängstliches, schüchternes Mädchen aus einem kleinen Dorf namens Kisa.

einestages: Mehr so eine wie Annika?

Nilsson: Genau. Dagegen kam Maria Persson, die Annika-Schauspielerin, aus der Großstadt Stockholm und war viel mutiger und draufgängerischer. Viel eher eine Pippi, als ich es je war. Wir verkörperten jeweils das Gegenteil unseres Charakters.

einestages: Wie haben Sie sich damals auf den Dreh vorbereitet? Lasen Sie alle Pippi-Bücher?

Nilsson: Oh nein! Es war uns verboten, vorher die Bücher oder das Manuskript zu lesen. Regisseur Olle Hellbom sagte uns kurz vor Drehbeginn, was gleich passiert, was wir tun und sagen sollten - das taten wir dann. Es war alles sehr intuitiv.

einestages: Waren die Dreharbeiten so vergnüglich wie die Filme? Ich hätte in diesen riesigen Schuhen nicht laufen können.

Nilsson: An die Schuhe habe ich mich schnell gewöhnt, ebenso an die rote Zopfperücke. Schwieriger war das mit Herrn Nilsson: Der kleine Affe war nicht so süß, wie er aussah. Er hat mir ständig auf die Schulter gepinkelt und war recht aggressiv. Einmal hat er mich sogar gebissen, ich musste sehr vorsichtig sein.

einestages: Ihr tollstes Dreherlebnis?

Nilsson: Die vielen Reisen. Wir haben etwa zwei Wochen lang in Jugoslawien gedreht, dann zwei Wochen auf der Insel Barbados, wo "Pippi in Taka-Tuka-Land" spielt.

einestages: Haben Ihre Eltern Sie begleitet?

Nilsson: Nein, das war damals nicht üblich. Manchmal hatte ich auch etwas Heimweh. Nicht so sehr bei den Reisen, eher, wenn wir in Schweden drehten. Die Tage waren sehr lang und anstrengend. Ich hatte mein Elternhaus bis dahin kaum verlassen - und dann war ich plötzlich ganz auf mich selbst gestellt, um mich herum völlig unbekannte Menschen.

einestages: War Astrid Lindgren oft am Set? Sie hat ja auch die Drehbücher geschrieben.

Nilsson: Astrid kam ab und zu vorbei, um uns zu besuchen - eingemischt hat sie sich nie in unsere Arbeit. Sie war sehr zufrieden mit uns und den Filmen, hatte volles Vertrauen in den Regisseur. Astrid war eine großartige Frau, ein bisschen wie eine Großmutter für mich.

einestages: Pippi Langstrumpf verhalf Millionen von Mädchen auf der ganzen Welt zu mehr Mut und Selbstbewusstsein. Ihnen auch?

Nilsson: Ganz und gar nicht (lacht). Ich war Pippi vor der Kamera - dahinter war und blieb ich Inger. Ich fühlte mich nie wie Pippi, niemals im Leben!

einestages: Nach einer TV-Serie sowie vier Pippi-Kinofilmen war 1970 Schluss, Sie verschwanden.

Nilsson: Ich ging wieder zur Schule, machte meinen Abschluss, besuchte eine Schauspielschule. Und bekam kaum noch Rollenangebote.

einestages: Warum?

Nilsson: Regisseure, Produzenten und Zuschauer wollten nicht einsehen, dass ich Inger Nilsson bin. Eine reale Person, eine Schauspielerin. Und dass Pippi nur eine Fiktion ist. Wie dumm von ihnen: Ich kann doch nicht auf ewig neun Jahre alt bleiben.

einestages: Die Menschen wollen den Stars ihrer Kindheit nicht beim Erwachsenwerden zuschauen. Weil sie ihre eigene Vergänglichkeit nicht akzeptieren?

Nilsson: Genau das fällt vielen schwer. Als ich gerade mit der Schauspielschule fertig war, wirkte ich bei einem sehr dramatischen Theaterstück mit, wo ich auf der Bühne ziemlich viel fluchte. Hinterher kam eine Frau zu mir und sagte: "Wir möchten nicht, dass Pippi weint und Schimpfwörter benutzt!" Am besten wäre es wohl gewesen, wenn ich die Schauspielerei an den Nagel gehängt hätte. Ich musste so hart kämpfen, um mich von dieser Rolle zu befreien.

einestages: Lange Jahre hielten Sie sich als Sekretärin finanziell über Wasser.

Nilsson: Das ist vorbei, ich kann von der Schauspielerei leben. Darüber bin ich sehr glücklich.

einestages: Erinnern Sie sich noch, was Sie sich damals vom Pippi-Honorar kauften?

Nilsson: Ja klar. Ein Pferd.

einestages: Das Sie Kleiner Onkel nannten?

Nilsson: Aber nein, es hieß Maestoso.

Inger Nilsson 1975: Vom Pippi-Honorar kaufte sie ein Pferd
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Inger Nilsson 1975: Vom Pippi-Honorar kaufte sie ein Pferd

einestages: Reich wurden Sie nicht mit den Pippi-Filmen.

Nilsson: Nein, wir wurden nur einmal bezahlt, Tantiemen gab es keine. Ich glaube, im sozialdemokratischen Schweden sollten Kinder nicht zu viel Geld verdienen, man wollte uns auf diese Weise wohl schützen.

einestages: Weil Sie, aber auch Maria Persson als Annika und Pär Sundberg als Tommy damals so wenig Geld bekamen, starteten zwei Niederländerinnen unlängst im Netz eine Spendenkampagne. Wie finden Sie das?

Nilsson: Ich gehöre nicht zu der Generation, die mit diesem Crowdfunding vertraut ist. Meine erste Reaktion war: Warum? Ich brauche das Geld nicht, ich habe doch alles, was ich zum Leben brauche. Als Heleen Bosma und Marjan Tulp mir dann erklärten, dass es ihnen schlicht um Anerkennung ging, konnte ich sie besser verstehen.

einestages: Mittlerweile sind knapp 37.000 Euro beisammen. Was werden Sie mit dem Geld unternehmen?

Nilsson: Das steht noch nicht fest. Für Maria Persson kommt diese Unterstützung sicher zur richtigen Zeit. Sie lebt wie Pär Sundberg in Spanien, leidet unter Arthrose und wartet derzeit auf eine Knie-Operation. Daher kann sie nicht arbeiten.

einestages: Sehen Sie die beiden noch regelmäßig?

Nilsson: Ich habe Maria zweimal getroffen im letzten halben Jahr. Und dann trafen wir uns alle drei vor zwei Wochen in den Niederlanden, um diese beiden Damen von der Spendenkampagne kennenzulernen.

einestages: Ihre Agentin sagte, Sie hätten zurzeit viel zu tun. Woran arbeiten Sie?

Nilsson: Gerade war ich in Dänemark, als Gast bei "Hr. Skægs Hotel", einer TV-Show für Kinder. Und jetzt in Stockholm haben gestern die Proben für ein historisches Lustspiel begonnen, das jedes Jahr im Sommer vor der Kathedrale von Strängnäs aufgeführt wird. Ich spiele eine junge Schönheit, die sich mit anderen Frauen anlegt. Sehr lustig.

einestages: In Deutschland kennen wir Sie seit 2007 vor allem als Gerichtsmedizinerin "Ewa" in der Krimi-Serie "Der Kommissar und das Meer". Keine komische Rolle.

Nilsson: Nein, im Film lächle ich nie, stimmt (lacht). Aber ich mag Ewa. Sie ist eine kluge Frau, die immer einen kühlen Kopf bewahrt und einen großartigen Job macht. Wir funktionieren seit vielen Jahren als tolles Team.

einestages: Bekommen Sie noch immer Fanpost?

Nilsson: Ja, es ist unglaublich. Vor allem aus Deutschland.

einestages: Warum lieben gerade wir Deutschen die Pippi so sehr?

Nilsson: Vielleicht, weil es so eine Figur im vernünftigen Deutschland zuvor nicht gab. Ein kleines Mädchen, das die ganze Welt auf den Kopf stellt. Bei Ihnen war Pippi eine ganze Zeitlang sogar populärer als hier in Schweden. Die Deutschen haben Straßen und Gebäude nach ihr benannt. Verrückt!

einestages: 2009 haben Sie in der schwedischen "Dschungelcamp"-Version mitgemacht, mussten Ratte und Skorpion verzehren.

Nilsson: Es war ein Abenteuer, definitiv. Aber ich bin Schauspielerin, da überrascht einen nichts mehr. Und ich dachte mir: Was soll's, irgendwo auf der Welt ist das bestimmt eine Spezialität. Einer meiner beiden Brüder hat sich damals zwei Tage lang übergeben (lacht).

Preisabfragezeitpunkt:
20.05.2019, 12:10 Uhr
Ohne Gewähr

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Astrid Lindgren
Pippi Langstrumpf: Gesamtausgabe

Verlag:
Oetinger Verlag
Seiten:
400
Preis:
EUR 17,00

einestages: Am 4. Mai werden Sie 60 Jahre alt. Ihr größter Geburtstagwunsch?

Nilsson: Gesundheit und weiterhin gute Arbeit. Ich habe kein Problem mit dem Altern. Meine Einstellung ist eher: Oh mein Gott, wie toll, ich bin noch ein weiteres Jahr hier.

einestages: Für ältere Frauen ist es nicht einfach, Jobs im Schauspielberuf zu bekommen.

Nilsson: Es hat auch Vorteile, nicht mehr 25 zu sein. Ich finde, Frauen in meinem Alter sind die besten Schauspieler: Wir haben so viel erlebt und erfahren! Das wirkt sich doch positiv auf unsere Arbeit aus.

einestages: Könnten Sie mir zum Schluss noch einen Tipp geben? Meine Tochter gebärdet sich genauso wild und verrückt wie Pippi, Haare kämmen findet sie ebenso unnötig wie Plutimikation. Was würden Sie als Mutter tun?

Nilsson: (kichert) Ach, so lange sie nicht sich selbst oder andere verletzt - lassen Sie das Mädchen doch einfach gewähren. Irgendwann wird sie schon von allein groß und vernünftig.



insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
Frank Dürrach, 03.05.2019
1.
Plutimikation?
Andre Villiers, 03.05.2019
2.
Das schönste an Pippi Langstrumpf fand ich immer die langweiligen Erwachsenen, die trotteligen Polizisten, Gauner und Piraten sowie die nervige Tante Prüsseliese. Wenigstens Letztere ist uns ja im real life erhalten geblieben in Form von Claudia Roth von den Grünen.
Zelda Hut, 03.05.2019
3. Verrückt
Also nicht die Schauspielerin sondern die Tatsache, dass sie keine anderen Rollen bekam... Jeder sollte doch wissen was Film und Realität ist. Ein Schauspieler/in ist nur ein Mensch mit eigenem Charakter der eben etwas vorspielt. Die Filme sind gut gewesen. Bei den Schauspielern von Harry Potter hat das scheinbar besser geklappt.
Max Fischer, 03.05.2019
4. Meine erste Liebe...
...war Pippi Langstrumpf. Als ich dann so Ende der 70er einen Artikel über sie las musste ich jedoch enttäuscht feststellen, dass Inger Nilsson ja deutlich älter war als ich, somit wohl nicht an mir interessiert. Also: wenn ich schon als Kind Schauspielerin und Rolle auseinderhalten konnte, warum nicht andere? Aber ich denke, so ging es den allermeisten Kinderstars. Žaneta Fuchsová (Luzie der Schrecken der Strasse) war es auch nicht vergönnt, Lidija Kovačević (Die Rote Zora) wollte zu ihrem Glück scheinbar gar nicht weiter machen und wurde Gymnasiallehrerin, etc. Das Pippii Langstrumpf in anderen Ländern nicht so erfolgreich war wundert mich aber auch nicht so sehr. Wärend das Langstrumpf-Lied auf Deutsch doch eher anarchistisch war, ist es z.B. auf Spanisch ein langweiliger Kinderkitsch, eine pure Beleidigung der grossartigen Pippilotta Viktualia Rollgardina Schokominza Efraimstochter Langstrumpf!
Theo Verhülsdonk, 03.05.2019
5. @1
Ein echter Kenner, Hauptsache mal gemeckert. Da Pippi rein gar nichts mit Formalbildung zu tun hatte, interessierte sie sich auch nicht für Multiplikation oder der richtigen Aussprache derselben. Sie haben also alles verstanden, worum es in den Büchern und Filmen geht, sehr gut.
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