Interview mit William Bootsy Collins "Ich wollte dem Himmel immer nahe sein"

Wie verändert sich im Laufe der Jahre der Blick aufs Leben? In der Rubrik "Mit 17 hat man noch Träume" befragt der KulturSPIEGEL jeden Monat einen Star nach seinen Jugendsünden - und Träumen. Dieses Mal: die Funk-Legende William Bootsy Collins, 59, über die "Sex Machine", seinen Spitznamen und seine Vorliebe für ausgefallene Brillen.

AP

KulturSPIEGEL: Mit 17 hat man noch Träume. Erinnern Sie sich?

Collins: Wow, das ist lange her! Seit ich acht war, träumte ich nur von Musik. Mein großer Bruder "Catfish" Collins war mein Held, der spielte sagenhaft Gitarre. Ich habe mich im Schrank versteckt und ihm so lange heimlich zugehört, bis ich seine Tricks kapierte. Ich war 17, als er mir erlaubte, in seiner Band zu spielen, und seitdem habe ich nie mit Musik aufgehört.

KulturSPIEGEL: Sie sind in einfachen Verhältnissen aufgewachsen. War eine Gitarre etwas Besonderes?

Collins: Stimmt, wir hatten wenig Geld zu Hause in Cincinnati, aber das Tolle daran, ein Kind zu sein, ist ja, dass man kaum merkt, was vielleicht fehlt. Wir hatten eine Gitarre und ein Skateboard, und das waren unsere tollsten Spielzeuge. Der Unterschied war nur, dass ich für das Skateboardfahren leider kein Geld bekam.

KulturSPIEGEL: Sie wurden zum wichtigsten Bassisten des Funk. Als Erster erkannte James Brown Ihr Talent und engagierte Sie. Später sagten Sie, das sei wie in der Armee gewesen. Wie meinten Sie das?

Collins: Sehr positiv. Ich habe als Kind nie Disziplin gelernt. Was vielleicht daran liegt, dass ich ohne Vater aufgewachsen bin. James Brown hat mich dann sozusagen adoptiert. Er hat mir die Welt erklärt, aber auch Disziplin beigebracht. Von ihm habe ich aber vor allem gelernt, wie wichtig es ist, sich zu konzentrieren, wenn man Musik macht. Auf den Punkt zu kommen. Davon profitiere ich bis heute.

KulturSPIEGEL: Sie spielten Bass bei James Browns Klassiker "Sex Machine". Angeblich schrieb er den Song in fünf Minuten im Bus.

Collins: Das stimmt, mein Bruder Catfish, Bobby Byrd und ich saßen mit ihm im Bus nach einem Konzert, als James plötzlich schrie, dass er sofort Stift und Papier brauche, er habe eine Super-Songidee. Er kritzelte die Noten auf eine braune Papiertüte, während er sang: "Get up, get on up …" Wir rasten sofort ins Studio und spielten "Sex Machine" ohne Proben ein.

KulturSPIEGEL: Woher kommt eigentlich Ihr Spitzname "Bootsy"?

Collins: So werde ich genannt, so lange ich denken kann. Ich habe mal meine Mutter gefragt, wie ich zu diesem Namen kam. Sie sagte: "Junge, du siehst eben aus wie ein Bootsy." Ich habe nicht kapiert, was sie meinte, aber ich habe nie wieder gefragt. Nur meine Frau nennt mich bei meinem Geburtsnamen William. Als Bootsy hätte sie mich nicht geheiratet, hat sie mal gesagt.

KulturSPIEGEL: Sie sind auch für Ihre extravaganten Shows und Kostüme berühmt. Woher kommt Ihre Liebe zum Theatralischen?

Collins: Das Sternendesign meiner Brillen habe ich bereits als Schüler entworfen. Ich wollte dem Himmel immer nahe sein. Außerdem liebte ich Comic-Superhelden, und mit einer coolen Brille fühlt man sich, als ob man fliegen könne.

KulturSPIEGEL: Sind Sie daheim so extrovertiert wie auf der Bühne?

Collins: Natürlich nicht. Aber ich musste mühsam lernen, die "Bootsy"-Show abzustellen und mich privat wieder in den Familienmann William zu verwandeln.

KulturSPIEGEL: Auf Ihrem aktuellen Album arbeiten Sie mit eindrucksvoll viel Prominenz wie Snoop Dogg, Samuel L. Jackson, George Clinton und Bobby Womack. Rufen Sie die einfach an?

Collins: Ich kenne die wirklich alle gut. Nehmen wir Samuel Jackson, mit dem habe ich in den letzten Jahren viel Werbung gemacht. Und für den großen Denker Dr. Cornel West habe ich lange einen Song geplant, und als ich einen hatte, rief ich ihn an, und er kam prompt ins Studio und fing an, über seine Verachtung für Smart Phones zu rappen, über Spielzeuge, die immer aufwendiger werden, und Kids, die sich immer weniger für Bildung interessieren.

KulturSPIEGEL: Auf Ihrer Webseite gibt es sogar "Bootsy Duschvorhänge" zu kaufen. Nutzen Sie die selbst auch?

Collins: Dieses Zeug entwirft meine Frau. Das macht ihr Spaß. Aber wie ich schon sagte, bei mir daheim hat die Bootsy-Show nichts verloren. William Collins hat einen anderen Geschmack.

Zum Weiterhören:

Bootsy Collins: "Tha Funk Capital of the World". Mascot Records, 2011.

Das Interview führte Christoph Dallach



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