Italiens futuristische Nudel-Revolution Basta mit Pasta

Sie liebten Gewalt und hassten Makkaroni: Die italienischen Futuristen wollten die Küche in ihrem Land umkrempeln - und sorgten weltweit für Aufruhr. Dann ließ sich ausgerechnet ihr Chef mit einem Teller Nudeln erwischen.

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In Neapel organisieren die Menschen Pro-Pasta-Demonstrationen, in Aquila setzen erboste Hausfrauen eine Petition für den Erhalt der Teigwaren-Tradition auf. Und in Turin diskutieren die berühmtesten Köche des Landes auf einem eilends einberufenen Kongress über das Für und Wider der Nudel.

Sogar am anderen Ende der Welt kochen die Emotionen hoch: Als Worte nichts mehr ausrichten können, bewerfen sich die Mitarbeiter zweier benachbarter italienischer Trattorien im kalifornischen San Francisco mit Pfannen und Lebensmitteln, mehrere Menschen werden verletzt. So schilderte es voller Stolz der Mann, der den ganzen Schlamassel zu verantworten hat: Oberfuturist Filippo Tommaso Marinetti, den seine Jünger nur "F.T." nannten.

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Futuristische Küchen-Revoluzzer: "Der Patriot bevorzugt den Reis"

Ganze Bände könnte man mit der "Explosion an Absurditäten" füllen, die sich nach seinem Vorstoß ereigneten, schrieb der Dichter 1932 in seinem Buch "Die futuristische Küche". Kein Wunder: Er hatte es auf ein Nationalheiligtum der Italiener abgesehen - die Pasta. Am 15. November 1930 verkündete der korpulente Glatzenmann per Radioansprache:

"So angenehm sie auch für den Gaumen sein mag: Die Nudel ist ein Lebensmittel von gestern, weil sie träge und hässlich macht, über ihren Nährwert täuscht, weil sie skeptisch, langsam, pessimistisch stimmt. Der Patriot bevorzugt stattdessen den Reis."

Für die "Verachtung des Weibes"

Marinetti saß an jenem Abend mit Gleichgesinnten im Mailänder Restaurant "Zur Gänsefeder" zu Tisch, das Mikrofon stand zwischen Avantgarde-Köstlichkeiten wie Rosen-Bouillon, Morgenröte-Salat und Zuckerwatte-Regen. Um der "Rasse neue heroische und dynamische Kräfte einzuflößen", bedürfe es einer "vollständigen Erneuerung der italienischen Kochkunst", tönte der Schriftsteller. Und trat einen landesweiten Proteststurm los.

Von ihren Futuristen waren die Italiener bereits so einiges gewöhnt: In seinem "Manifest" von 1909 hatte Marinetti den Krieg als "einzige Hygiene der Welt" verherrlicht, den Mann besungen, die "Verachtung des Weibes" gefordert. Der Millionärssohn hatte auch dazu aufgerufen, Bibliotheken niederzubrennen und Museen zu überschwemmen; die "ehrwürdigen Städte" Italiens sollten mit Spitzhacke und Axt niedergerissen werden.

Besonders inbrünstig hasste die futuristische Avantgarde die Lagunenstadt Venedig, Inbegriff morbider Vorgestrigkeit. "Schüttet die stinkenden Kanäle zu", wütete Marinetti 1910 und ließ sein Pamphlet 200.000-fach vom venezianischen Uhrturm auf die Touristen herabregnen. In seinen Gedichten imitierte er Artillerielärm und Maschinengewehre, 1918 gründete "F.T." sogar eine futuristische Partei - sie ging wenig später in der Bewegung seines Freundes Benito Mussolini auf.

Sexfeindliche Teigwaren

Die Futuristen pesteten gegen Papst, König und Ehe, sie sangen das Hohelied auf Maschinen und Motoren, Hochgeschwindigkeit, Zerstörung und Tod. All diese Provokationen hatten die Italiener mehr oder minder stoisch hingenommen - mit dem Feldzug gegen die Nudel jedoch hatten die Krawallkünstler den Bogen überspannt.

Landauf, landab gingen die Pasta-Freunde auf die Barrikaden. In Rom veröffentlichten Köche eine Stellungnahme für die Nudel, der Bürgermeister von Neapel schimpfte, dass die "Engel im Paradies nichts anderes als Vermicelli mit Tomatensoße essen". Was Marinetti mit dem Ausspruch konterte: "Das beweist die wenig anziehende Monotonie des Paradieses und des Lebens von Engeln."

Um seinen Gegnern den Wind aus den Segeln zu nehmen, veröffentlichte Marinetti eine Flut an Pseudoexpertisen, die einhellig vor dem Lebensmittel warnten. Der Professor Nicola Pende behauptete gar, die Nudel raube dem Italiener die Manneskraft - "weil der beschwerte und beengte Magen niemals der physischen Begeisterung für die Frau und der Möglichkeit, sie geradewegs zu besitzen, förderlich ist."

Selbst die internationale Presse berichtete ausführlich über die Pasta-Posse: "Marinetti attackiert Makkaroni als Fluch Italiens", schrieb die "New York Times" - und die "Chicago Tribune": "Italien könnte die Spaghetti abschaffen." Die Londoner "Times" ging gleich in mehreren Artikeln auf die Pläne der Futuristen ein, die mit der Nudel gleich der gesamten italienischen Kochkunst an den Kragen wollten.

Weg mit Messer und Gabel

In seinem "Manifest der futuristischen Küche", veröffentlicht am 28. Dezember 1930 in der Turiner "Gazzetta del Popolo", pochte Marinetti nicht nur auf die "Abschaffung der Pastasciutta, dieser absurden Religion der italienischen Gastronomie", die Italien vom ausländischen Weizen abhängig mache. Er forderte langfristig auch die Abschaffung jeglicher Mahlzeiten - durch den Einsatz von Pulvernahrung:

"Nehmen wir die Chemie in die Pflicht: Sie soll dem Körper schnell die notwendigen Kalorien durch Nahrungsäquivalente zuführen, unentgeltlich vom Staat verteilt, in Pulver- oder Pillenform, die eiweißartige Stoffe, synthetische Fette und Vitamine enthalten."

In seiner Zukunftsbesessenheit schwadronierte Marinetti gar von "Ernährungswellen über das Radio". Bis die Wissenschaft so weit sei, dürfe normal weitergegessen werden - aber bitte ohne Messer und Gabel. Auch politische Gespräche wollten die Futuristen vom Esstisch verbannen; dafür forderten sie den Einsatz speisebegleitender Gerüche, Poesie und Musik.

Nie wieder Nudeln! Ober-Futurist Filippo Tommaso Marinetti 1934
ullstein bild/ W. Seldow

Nie wieder Nudeln! Ober-Futurist Filippo Tommaso Marinetti 1934

Sogar konkrete Menüvorschläge enthielt das "Manifest der futuristischen Küche": Anstelle von Saltimbocca, Minestrone und Tiramisù empfahl es den Italienern Kreationen wie "Alaska-Lachs in Sonnenstrahlen mit Mars-Soße", die "Fleischplastik" oder "Äquator + Nordpol".

Wie die Idealküche der Zukunft aussehen soll, war in Turin zu bestaunen: Am 8. März 1931 eröffnete in der Via Vanchiglia 2 die "Taverne zum Heiligen Gaumen" - Italiens erstes und einziges Futurismus-Restaurant. Ein Ereignis, das ein erleuchteter (oder schon betrunkener) Redakteur der "Stampa" in seiner epochalen Bedeutung mit der "Entdeckung Amerikas, der Erstürmung der Bastille, des Friedens von Wien und des Versailler Vertrags" gleichsetzte.

Nicht weniger als 14 Gänge bekamen die Gäste an diesem Tag im aluminiumverkleideten Gaumentempel gereicht - von der "Sonnensuppe" über die "Nahrungslandschaft" bis hin zum "Fiat-Huhn" (mit Stahlkugeln gefüllt). Unbestrittener Höhepunkt des Menüs: Die "Greifbare Luftspeise mit Geräuschen und Gerüchen".

Schwer verdauliche Kugellager

Mit der rechten Hand führte der Esser Olive, Fenchel und kandierte Frucht zum Mund, während er zugleich mit der linken Hand über ein "Berührungsrechteck" aus roter Seide, schwarzem Samt und Glaspapier strich. Dazu spritzte der Kellner Parfüm in die Luft und spielte eine Wagner-Oper ab. Mit heiligem Ernst wurden in Turin die absurdesten Speisen kredenzt. So richtig gut kamen sie jedoch nicht an.

Clara Grifoni, eigentlich eine treue Futuristen-Freundin, schrieb über das Menü: "Heute Abend musste ich bereits die dritte Magenspülung über mich ergehen lassen - trotzdem scheint es, als ob die Kugellager meine Gedärme noch immer nicht verlassen haben."

Ertappt: Marinetti mit Spaghetti

Ertappt: Marinetti mit Spaghetti

So gewaltig die Futuristen mit ihrem Sermon von Rasse, Krieg und wirtschaftlicher Autarkie auch ins faschistische Horn bliesen: Für die große Küchenrevolution war Mussolinis Italien nicht zu haben. Bald ging die Turiner Taverne pleite. Und Marinetti stolperte über den eigenen Heißhunger: Ein Fotograf erwischte "F.T." in flagranti beim Abtragen eines beeindruckenden Nudelbergs im Mailänder Restaurant "Biffi".

"Fotomontage!", meckerte der Ober-Futurist, vergeblich. Seinen Kreuzzug wider die Pasta hatte er verloren - ungerührt mampfte man im Stiefelstaat weiter Nudeln. Was der Libido laut Catherine Deneuve nicht geschadet hat: "Die Italiener", so ein der Diva zugeschriebener Spruch, "haben nur zwei Dinge im Kopf. Das andere sind Spaghetti."

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Peter Schetzkens, 02.02.2019
1. Göttlich!
Mediterrane Menschen sind eben nicht so leicht zu manipulieren, denn bei Pasta hört die Freundschaft auf!
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