Jahresrückblick: April 2008 Der Vater, die Bestie

Der Inzest-Horror von Amstetten schockierte die Welt: 24 Jahre hielt Josef F. seine Tochter als Sex-Sklavin in einem Keller gefangen, zeugte insgesamt sieben Kinder mit ihr. Die Nachbarn wollen nichts gemerkt haben - dann kam im April 2008 die grausame Wahrheit ans Licht.

DPA

Von Marion Kraske


Ein Notruf, morgens um kurz vor sieben, eine junge Frau, ohne Bewusstsein, sie braucht schnelle Hilfe. Es ist Samstag, der 19. April, mit einem Rettungswagen wird sie ins Krankenhaus von Amstetten gebracht. Reine Routine, wären da nicht diese Merkwürdigkeiten: Die 19-Jährige ist sichtlich abgemagert, ihre Haut seltsam fahl. Sie hat schwere Krämpfe, Leber und Niere funktionieren nicht mehr, der Mund ist voller Blut. Die Ärzte wissen sich keinen Rat.

Der braungebrannte ältere Herr, der die Sanitäter morgens in seinem Haus empfangen hatte, trägt nicht gerade zur Klärung bei: Er sagt, er sei der Großvater der kranken Heike*. Die Mutter, seine Tochter Gertrud*, habe den Teenager bei ihm abgegeben. Sie selbst habe der Familie den Rücken gekehrt, vor 24 Jahren schon.

Weitere Untersuchungen liefern neue, besorgniserregende Fakten: In Heikes Gehirn sind gefährliche Schwellungen sichtbar, ein Ödem infolge von Sauerstoffmangel. Die Ärzte wollen helfen, schnell und umfassend, doch dazu benötigen sie Informationen, am besten von der Mutter. Über das Fernsehen verbreiten sie eine Suchmeldung: Gertrud F. möge sich umgehend melden, das Leben ihres Kindes sei in Gefahr.

Was die Mediziner nicht wissen: Mit ihrem Aufruf bringen sie den entscheidenden Stein ins Rollen - einer der spektakulärsten Kriminalfälle in der Geschichte der Alpenrepublik kommt ans Licht. Denn Heikes Mutter Gertrud ist nicht, wie ihr Vater glaubhaft machen will, seit Jahren unauffindbar, sie ist auch nicht Mitglied einer dubiosen Sekte. Gertrud sitzt vielmehr gefangen in einem schäbigen Kellerverlies, fast ein Vierteljahrhundert, ihr Vater hat es eigens für sie ausgebaut. Dort unten gibt es eine kleine Dusche, zwei Schlafzimmer, an den Wänden Poster, eine Waschmaschine, einen Fernseher. Als Gertrud den Aufruf der Klinik sieht, mobilisiert sie ihre letzten Kräfte, sie kann Josef F. überreden, sie ins Krankenhaus zu fahren. Zu ihrer Tochter. Zu seiner Tochter.

Den Ärzten erzählt die verängstigte Frau zunächst die von ihrem Vater eingebläute Version, all das, was sich Josef F. über all die Jahre zurechtgelegt hat, die Flucht, die Sekte, doch dann bricht sich die Wahrheit Bahn. Wie eine Abrissbirne zerstört sie das abgründige Lügengebäude des 73-jährigen Familienvaters.

Gertrud, 42, beginnt zu erzählen: wie der strenge Vater sie, die Lieblingstochter, mit elf oder zwölf Jahren das erste Mal vergewaltigte, wie er sie mit 18 in den Keller lockte und einschloss, wie er sie zeitweise an die Leine legte wie einen räudigen Hund, wie er sie missbrauchte, ihr halbes Leben lang. Sieben Kinder zeugte Josef F. mit seiner Frau Hannelore*, sieben Kinder zeugte er auch mit Gertrud in der engen Gruft, ohne medizinische Hilfe kamen sie zur Welt. Ein Junge starb nach der Geburt, den kleinen Leichnam, wird Josef F. später gegenüber der Polizei aussagen, entsorgte er im Heizkessel seines Hauses.

Eine Geschichte, so apokalyptisch, so monströs, dass sie selbst in Zeiten weltumspannender technischer Allmacht, in denen man per Mausklick in Sekundenschnelle zu den abscheulichsten Greueltaten vordringen kann, heraussticht. Sogar erfahrenen Kriminalisten stockt der Atem. Und so wird der Inzestfall aus der niederösterreichischen Provinz schnell zum globalen Medienereignis.

Nach Wolfgang Priklopil, der Natascha Kampusch acht Jahre in einem Keller gefangen hielt, wird Josef F. zum Symbol für das Böse schlechthin. Die Polizeifotos zeigen einen grimmig dreinblickenden Rentner im schwarzen Hemd, die Augenbrauen seltsam eckig geformt.

Nach und nach kommen die grausigen Details des jahrelangen Martyriums seiner Tochter ans Licht: Drei Kinder holte der Inzestvater nach oben, in sein offizielles Leben. Als vermeintliche Findelkinder legte er sie vor die Haustür, versehen jeweils mit handschriftlichen Briefen von Gertrud, ihre Eltern sollten sich, bitte schön, um sie kümmern. F. und seine Frau adoptieren eins, zwei weitere werden zur Pflege aufgenommen. Die anderen drei, Heike und zwei Brüder, hält der Vater unter Tage gefangen, ohne Licht, ohne echte Luft. Versteckt im Keller, hinter einer schweren Stahlbetontür, gesichert mit einem elektronischen Code, den nur F. kannte.

Und wie schon im Fall Kampusch will niemand etwas bemerkt haben. Nachbarn von gegenüber sagen, sie hätten häufig Baulärm gehört. Gewundert haben sie sich schon, aber ein Verdacht? Nein, sagt eine wohlfrisierte Nachbarin im Schottenrock und schüttelt den Kopf, man habe ja keinen Kontakt gehabt.

Und die Behörden? Auch sie wollen in all den Jahren keine Auffälligkeiten registriert haben. Dass die drei Kinder wie aus dem Nichts auftauchten - egal, es gab ja diese Briefe und die Mär von der abtrünnigen Tochter. Wozu also suchen? Der Sektenbeauftragte des Landes Niederösterreich sagt, er sei niemals konsultiert worden.

Wie konnte Josef F. sein perfides Doppelleben über all die Jahre geheim halten? Wie schaffte er es, seine zweite Familie unter Tage zu versorgen, ohne dass jemals etwas auffiel? Wieso merkte oben niemand etwas, seine Frau etwa oder die im Haus lebenden Mieter? Es gibt viele Fragen und nur vage Antworten.

Womöglich haben die Nachbarn nur allzu gern weggeschaut, auch das Jugendamt, womöglich hat Josef F. mit seinem herrischen Wesen Nachfragen seiner Familie schon im Keim erstickt. Seine Schwägerin beschreibt ihn als selbstgerechten Despoten, der keine Widerworte duldete. Der Keller, ließ er jeden wissen, sei tabu. Was Josef F. sagte - es war Gesetz.

Nach außen hin gibt Josef F. den Biedermann, der morgens im kleinen Café an der Ecke zehn Brötchen kauft, hinter der Fassade agiert die Bestie, die regelmäßig zum Sex-Urlaub nach Thailand aufbricht. Seine Kellerfamilie überlässt er in diesen Wochen ganz sich selbst.

Ein rüstiger Pensionär, ein "rechtschaffener Bürger mit ausgezeichnetem Leumund", befindet der Amstettener Bezirkshauptmann Heinz Lenze einen Tag nach der Festnahme. Und wie um sich und seine Behörden von jeglichem Vorwurf freizusprechen: "Man kann niemandem mehr trauen. Wir müssen damit leben, dass Menschen ein perfekt konstruiertes Verbrechen begehen."

Doch war es das wirklich? Perfekt? Im Umfeld der Familie habe es sehr wohl Auffälligkeiten gegeben, konstatiert die Wiener Kriminologin Katharina Beclin. Gertruds Flucht beispielsweise, damals, im Alter von 16 Jahren. "Das Mädchen galt als angepasst und unterdrückt. Wenn so ein Kind ausreißt", so Beclin, "sind das eindeutige Alarmzeichen."

Doch niemand sah sie. Niemand wollte sie sehen. Während die Nachbarn auf der Straße über die dunkle Vergangenheit, über ein Sexualdelikt tuschelten - 1967 soll F. in Linz eine junge Frau vergewaltigt haben -, waren die zuständigen Ämter, die der Adoption zustimmten, ahnungslos. Die Vorstrafe, so die Begründung, sei bereits vor Jahren aus den Akten gelöscht worden.

Bis zu 600 Journalisten belagern jetzt das Haus der Familie F., der Inzestfall verdrängt in den Abendnachrichten mittlerweile sogar Berichte über die andauernde Krise im Irak. Vor allem der Boulevard überschlägt sich, vom Horrorhaus ist da die Rede, vom Inzest-Monster, vom Land der Kerker. Erst Natascha Kampusch, jetzt Amstetten - wieder ein Mädchen eingesperrt, einem Mann hilflos ausgeliefert. "What is wrong in the State of Austria?", fragt ein ausländischer Korrespondent bei einer Pressekonferenz.

Aufgebracht meldet sich nun auch die hohe Politik zu Wort. Der österreichische Kanzler Alfred Gusenbauer tobt, im Ausland sei eine Rufmordkampagne im Gange. Es gebe "keinen Fall Österreich". Nicht um die leidgeprüfte Familie geht es nunmehr, sondern um die österreichische Nation, die sich - wie so oft - als Opfer sieht.

Die wahren Opfer werden in eine psychiatrische Klinik nahe Amstetten gebracht. Abgeschottet von der Außenwelt kommen hier die beiden Welten zusammen, die Josef F. einst trennte, seine Familie aus der Oberwelt, die mit ihm und seiner Frau ein normales Leben führen durfte, und die Kellerfamilie. Für sie ist der Übergang ins neue Leben besonders schwer: Der fünfjährige Martin* und der 18-jährige Ingo* haben nie zuvor das Tageslicht gesehen, ihre Augen, ihre Haut müssen sich erst an die Helligkeit gewöhnen. Jahrelang konnten sie sich nicht bewegen, nicht richtig atmen, ihre Seele hat gelitten, sie werden wohl in Therapie bleiben. Vielleicht ein Leben lang.

Ironischerweise braucht auch der Täter besonderen Schutz, im Gefängnis wird Josef F. von anderen Insassen getrennt - Sexualstraftäter gelten in der unbarmherzigen Knasthierarchie als Freiwild. Er sei ein ruhiger und höflicher Gefangener, sagt die Gefängnisleitung. Er selbst gibt zu Protokoll, sein Drang, sich an seiner Tochter zu vergehen, sei irgendwann unkontrollierbar geworden. Ein psychiatrisches Gutachten wird später feststellen, dass F. mit seiner Mutter eine Hassliebe verband. Auch sie soll er bis zu ihrem Tod 1980 in einem Zimmer eingemauert haben. Das gestörte Verhältnis zwischen Mutter und Sohn weckte bei F. das Verlangen, Macht über Frauen auszuüben.

Am 15. Mai, einen Monat nach ihrer Einlieferung ins Krankenhaus, holen die Ärzte Heike aus dem künstlichen Koma. Ihre lebensbedrohliche Erkrankung war es, die das Verbrechen des Josef F. erst aufdeckte; jetzt, verkünden die Mediziner, sei sie genesen. Solange sie denken kann, hat Heike in einem Keller dahinvegetiert, nun ist sie in Freiheit. Zum ersten Mal sieht sie ihre wiedervereinigte Familie. Es ist ein kleiner Schritt auf einem langen Weg.

* Name von der Redaktion geändert.



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