Jahresrückblick: Mai 2008 Die erschütterte Großmacht

Mindestens 70.000 Tote und ganze Landstriche dem Erdboden gleichgemacht: Im Mai 2008 wird China von einem unfassbaren Erdbeben heimgesucht. Unter den Opfern sind Abertausende Kinder, weil Schulen wie Kartenhäuser einstürzen. Doch die Regierung erklärt den Pfusch am Bau zum Tabuthema.

REUTERS

Manche sahen Tausende Kröten auf der Flucht, andere berichten, dass sich der Himmel blitzschnell verdunkelte. Kurz danach bebt in der südwestchinesischen Provinz Sichuan die Erde. Es ist der 12. Mai, 14.28 Uhr, als Dörfer und Städte durch einen grausamen Streich der Natur von der Landkarte verschwinden. "Die Erde tat sich plötzlich auf, die Häuser versanken in der Tiefe", berichtet ein Bauer.

Der Erdstoß der Stärke 8 auf der Richterskala und Hunderte schwere Nachbeben sind so stark, dass sie die Topografie Sichuans verschieben. Halbe Berge rutschen ab, neue Seen entstehen, das Drachentorgebirge wird insgesamt um vier Meter nach oben gedrückt.

Mindestens 70.000 Menschen kommen bei dem schweren Erdbeben in der Provinz Sichuan ums Leben. Unter den Opfern sind besonders viele Schulkinder. Rund fünf Millionen Menschen haben plötzlich kein Dach mehr über dem Kopf, es entsteht ein materieller Schaden von etwa tausend Milliarden Yuan (hundert Milliarden Euro). Tausende Hektar von Feldern und Wiesen werden in Mitleidenschaft gezogen, Millionen Tiere sterben, das Leben von 30 Millionen Bauern wird beeinträchtigt.

Zerstört werden nicht nur Häuser, Straßen und Brücken, sondern auch Fabriken, Tempel und Nuklearanlagen. In diesem Gebiet stehen viele Forschungsreaktoren, Versuchslabors und Silos für Atomraketen. China entkommt, so wird später deutlich, offenbar nur mit viel Glück einer Nuklearkatastrophe. Über 2000 Staudämme weisen bedrohliche Risse auf, noch Wochen nach dem Beben ist nicht klar, ob sie halten werden. Städte wie Beichuan werden so zerstört, dass sie nur an anderer Stelle wieder aufgebaut werden können.

Die chinesische Regierung reagiert schnell und schickt rund 140.000 Soldaten und Milizionäre in das Katastrophengebiet. Zunächst nur mit Spaten und Brechstangen ausgerüstet, graben sie in den Trümmern nach Überlebenden. Erst später kommen besser ausgerüstete Rettungstrupps mit Spürhunden dazu.

Stark zerstörte Städte wie Dujiangyan, eine Autostunde von der Provinzhauptstadt Chengdu entfernt, haben Glück im Unglück: Sie können schnell über eine mehrspurige Autobahn erreicht werden, die heil geblieben ist.

Anderen Ortschaften, vor allem in den Tälern, ergeht es schlechter: Tagelang bleiben sie von der Außenwelt abgeschnitten und sind für die Soldaten erst nach mühsamen Fußmärschen zu erreichen. Rettungshubschrauber setzt die Armee in den ersten Stunden nicht ein: Das Wetter ist zu schlecht, die Piloten sind für den Einsatz im Gebirge offenbar zu unerfahren.

Premierminister Wen Jiabao eilt nur wenige Stunden nach der Schreckensnachricht in die Unglückszone, um die Rettung zu koordinieren. Oft den Tränen nahe, klettert er über Trümmer und spricht Opfern Mut zu. "Hier ist Großvater Wen Jiabao. Halte aus, Kind, wir werden dich retten!", ruft er einem verschütteten Mädchen zu.

Beamte staucht er vor laufenden Kameras zusammen, er verbeugt sich vor toten Kindern. Mit einem kleinen Satz aber erobert er sich die Sympathien vieler Chinesen: "Solange ein Funken der Hoffnung besteht, bleibt es das Wichtigste, möglichst viele Leben zu retten." So hatte vor ihm kein chinesischer Funktionär gesprochen.

Der Gegensatz zu früheren Katastrophen ist auffällig. Viele Chinesen erinnern sich lebhaft daran, wie die Behörden während der Sars-Epidemie 2003 die Zahl der Opfer verheimlichten. Das Erdbeben von Tangshan, 160 Kilometer östlich von Peking, bei dem 1976 mindestens 240.000 Menschen starben, versuchte die Partei zu vertuschen. Negative Nachrichten galten damals als subversiv, Not war ein Zeichen von Schwäche.

Das ist in Sichuan anders. Die sonst nicht gerade wahrheitsliebende KP erlaubt zunächst offene Berichterstattung über das Unglück, wenn auch nicht ganz freiwillig: Zwar weist die ZK-Propagandaabteilung kurz nach dem Beben alle chinesischen Journalisten an, nur die Berichte der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua zu veröffentlichen. Doch die heimische Presse setzt sich in einer kollektiven Welle zivilen Ungehorsams über den Ukas hinweg. Chinas Journalisten machen sich zu Hunderten in das Katastrophengebiet auf.

Dabei beweisen sie, wie professionell und schnell sie arbeiten können. Über die Bildschirme flimmern erschütternde Szenen vom Sterben Verschütteter, bei denen andernorts Reporter wohl die Kamera abgeschaltet hätten. Auch ausländische Medien dürfen zunächst ohne große Behinderungen aus dem Katastrophengebiet berichten.

Die Folge der ungewohnten Offenheit ist eine kaum gekannte Solidaritäts- und Patriotismuswelle. Vor allem junge Leute versammeln sich am 19. Mai nach drei landesweiten Schweigeminuten auf dem Pekinger Tiananmen-Platz, schwingen rote Fahnen, singen die Nationalhymne und rufen: "Auf, China, auf!"

Tausende Freiwillige aus allen Landesteilen spenden Geld, Kleidung und Lebensmittel. Viele machen sich in ihrem Privatauto mit Wasser und Medikamenten selbst in die Unglücksorte auf, um bei den Rettungsarbeiten zu helfen. Restaurants bieten gratis Verpflegung an, dienstfreie Piloten schleppen Wasser, Psychologen betreuen traumatisierte Opfer. So viele Spenden kommen zusammen, dass die Behörden überfordert sind. Gut einen Monat nach dem Erdbeben sind nach einem Bericht des Rechnungshofs erst 19 Prozent der Geldgaben in die Krisenregion gelangt.

Innerhalb weniger Stunden organisieren die Behörden Auffanglager für Flüchtlinge, etwa im Sportstadion von Mianyang. Für Zehntausende Obdachlose stellen sie in einer logistischen Meisterleistung provisorische Unterkünfte bereit.

Aber sicher ist das Leben in den Zelten anfangs nicht: Erdrutsche haben einen Fluss in der Nähe von Beichuan aufgestaut. Das Wasser im neuen Tangjiashan-See droht das Ufer zu sprengen und die darunterliegende Ebene bis zur Millionenstadt Mianyang zu überschwemmen. Zehntausende Anwohner und Flüchtlinge müssen in höhere Bereiche evakuiert werden und dort tagelang ausharren, bis es Soldaten endlich gelingt, das Wasser durch einen Kanal gefahrlos abfließen zu lassen.

Derweil stehen Eltern wie erstarrt in stummem Zorn vor den zusammengebrochenen Schulen. Über 7000 Klassenzimmer sind zerstört, kaum ein Unterrichtsgebäude hat den Erdstößen standgehalten. Tausende Schüler sterben einen qualvollen Tod, viele Jüngere überrascht das Beben während des Mittagsschlafs. Wie viele Kinder genau ums Leben kamen, verheimlicht die Regierung bislang.

Auffällig ist, dass umliegende und offenbar stabiler gebaute Gebäude stehen geblieben sind. So stellt sich bald heraus, dass beim Bau der Schulen gepfuscht worden war: Stahlträger fehlten, der Beton war schlecht gemischt, die Statik fehlerhaft. Viele Schulen waren, wie es der Volksmund nennt, "aus Tofu".

Außer sich vor Schmerz und Wut verlangen viele Eltern Erklärungen und drohen Klagen an. "Ich kann die leeren Worte der Funktionäre nicht mehr ertragen", weint eine Mutter aus Mianzhu.

Die Verantwortlichen fallen bald in alte Verhaltensweisen zurück: Sie verhindern Demonstrationen, bedrohen und verhaften die in ihren Augen besonders aufrührerischen Hinterbliebenen. Chinas Presse bekommt einen Maulkorb: Das Thema "Tofu-Häuser" wird zum Tabu erklärt.

Nach zwei Wochen beginnen auch die alten Zensurmechanismen für westliche Journalisten zu greifen. Polizisten blockieren den Kontakt zu den trauernden Eltern, manche Pressevertreter landen für Stunden auf Wachen.

Wie jede Katastrophe bringt auch das Erdbeben von Sichuan Helden und Schurken hervor - etwa den Rektor Ye Zhiping, der seine wacklige Schule so renoviert hatte, dass sie den Erdstößen standhält. Oder den feigen Lehrer Fan Meizhong, der seine Schüler, als das Beben begann, zurückgelassen hatte. Zum Glück kommt niemand seiner Schützlinge ums Leben.

Die ganze Nation bangt mit der in Dujiangyan verschütteten Zhang Xiaoyan, die, hochschwanger, nach 50 Stunden fast unverletzt aus den Trümmern gezogen wird und ein paar Wochen später ein Töchterchen gebiert.

Mittlerweile hat die Diskussion darüber begonnen, was man aus den Fehlern lernen kann. Die Armee war mit den Rettungsarbeiten in vielen Bereichen überfordert. Guter Wille und Tausende ungeschulte Soldaten konnten nicht Hubschrauber, Spürhunde, Sanitäter ersetzen. Ein schlagkräftiger Katastrophendienst müsse her, verlangen seither Wissenschaftler und Funktionäre.

Weil sie überzeugt war, sie könnte das Unglück selbst bewältigen, ließ die Regierung zunächst keine erfahrenen ausländischen Bergungstrupps ins Land. Dass sie nach einigen Tagen ihre Meinung ändert, erweist sich als Glücksfall - sogar für die Beziehungen mit dem ungeliebten Japan.

Japanische Retter kommen zwar zu spät, um Verunglückte bergen zu können, doch sie agieren so feinfühlig, dass sie viele Chinesen für sich einnehmen. "Ich hasse die Japaner nicht mehr", sagt eine pensionierte Lehrerin.

Es sei ein "tragischer Fehler" gewesen, so viele Dämme in einem für seine Erdbeben bekannten Gebiet zu errichten, erklärt eine Gruppe von Wissenschaftlern und Umweltschützern nach der Katastrophe. Sie verlangt von der Regierung, die "fieberhaften" Pläne für weitere Dämme in diesem Landesteil zu überdenken.

Derweil räumen die Sichuaner auf. Zerstörte Häuser müssen ersetzt, Wohnungen für die Obdachlosen gebaut, Plätze für neue Städte gefunden werden. Über 372.000 Städter brauchen neue Jobs.

Peking hat 70 Milliarden Yuan (rund 7 Milliarden Euro) für den Wiederaufbau versprochen, viele Provinzen müssen zudem ein Prozent ihrer Einkünfte an Sichuan abgeben. Allein der Aufbau der Häuser dürfte circa 27,5 Milliarden Euro kosten.

Bis jeder wieder ein eigenes Dach über dem Kopf hat, wird es lange dauern. Die chinesische Regierung rechnet mit acht Jahren.



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