Augenblick mal Warum junge Jazzerinnen ein Konzert für Kühe gaben

Das Ständchen im Stall - eine Band von Jazzmusikerinnen spielte 1930 in den USA vor Rindern auf. Wollte sie keiner hören? Oder sollte sie keiner hören? Ein Bild und seine Geschichte.

Angus B. McVicar/ Wisconsin Historical Society/ Getty Images

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Hatten sie etwa keinen Probenraum oder keine Zuhörer? Jedenfalls wählten diese Musikerinnen ein Publikum, das nicht davonlaufen konnte. Fotograf Angus Boyd McVicar entdeckte sie 1930 in einem Kuhstall in Madison (Wisconsin).

In Wisconsin gibt es viele Kühe. Sehr viele. Auf heute rund sechs Millionen Einwohner kommen 1,3 Millionen Milchkühe. Damit zählt der Bundesstaat zu den führenden Milchproduzenten der USA. 1930 gab es noch rund 125.000 Milchviehbetriebe, inzwischen lediglich 8000. Statt damals fünf Millionen werden jetzt aber 14 Millionen Tonnen Milch pro Jahr produziert.

Was es mit dem Ständchen im Stall auf sich hatte, erfuhren die Leser der Regionalzeitung "Capital Times" am 8. August 1930: Unter dem Titel "Zwölf Musikerinnen spielen für eine Kuhherde" berichtete das Blatt von einer "enthusiastischen Mädchenband" und "erstaunten Kühen", die sich auf dem Gelände der University of Wisconsin-Madison zu einem wissenschaftlichen Experiment trafen. Es sollte zeigen, ob "eine Kuh, beruhigt von den gefühlvollen Klängen einer Posaune, mehr Milch geben würde als eine, die von der Eintönigkeit des Lebens gelangweilt ist".

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Der universitätseigene Kuhstall mit Molkerei galt seit Beginn des 20. Jahrhunderts als bedeutende Lehr- und Forschungsstätte der Milchwirtschaft. Wissenschaftler beschäftigten sich mit der optimalen Aufzucht und Fütterung von Rindern, der Ausrottung von Krankheiten und künstlicher Befruchtung - alles mit dem Ziel, die Erträge für Milchbauern und Viehzüchter zu verbessern.

Da schien es nicht abwegig, den Einfluss von Musik auf die Produktivität der Kühe zu untersuchen. Zumal gerade die Jazzband Ingenues für drei Abende im Revue-Theater der Stadt auftrat. "Ingenues" ist ein englischer Ausdruck für naive Mädchen, eine typische Bühnenrolle in Musik und Theater.

Der Elefant musste in Indien bleiben

Den 25 jungen Orchesterdamen aus Chicago mangelte es keineswegs an Auftrittsmöglichkeiten: Gerade erst waren sie von einer 60.000-Meilen-Tour zurückgekehrt, die sie unter anderem nach Kairo, Melbourne und London führte. Laut "Capital Times" schreckten die Ingenues vor keiner Herausforderung zurück, sie spielten "in jedem zivilisierten Land und an einigen Orten, die nicht ganz so zivilisiert waren".

Gestört habe den Tourmanager nur die Leidenschaft der lebhaften Frauen, Souvenirs zu sammeln, schrieb die Zeitung. Als sie in Indien ihr Geld zusammenlegen wollten, um einen weißen Elefanten zu kaufen, sei er eingeschritten.

Vielleicht sollte der arrangierte Auftritt vor Madisons Uni-Rindern die Musikerinnen auch über den zurückgelassenen Elefanten hinwegtrösten. Das Experiment jedenfalls führte zu keinem klaren Ergebnis: "Die Kühe waren zu überrascht vom ungewöhnlichen Genuss, um in der erwarteten Weise zu reagieren", so die Zeitung. Für seriöse Schlussfolgerungen brauche es sorgfältige Aufzeichnungen über einen längeren Zeitraum. Die Musikerinnen schlugen vor, dass lokale Bands, die sich wie sie für Wissenschaft interessierten, täglich zur Melkzeit Konzerte geben sollten.

Die Annahme, Musik steigere die Milchleistung, hielt sich bis ins 21. Jahrhundert. Dazu gab es einige private Versuche, wie etwa von einem englischen Bauern, der 2009, unterstützt von einer Eiscremefirma, für seine Kühe einen Opernsänger engagierte - die sich davon jedoch unbeeindruckt zeigten und stoisch weiterfraßen. Und es gab wissenschaftliche Experimente.

"Perfect Day" für Kühe

Den größten Versuch starteten 2001 Psychologen der Universität von Leicester: Neun Wochen lang beschallten sie rund tausend Tiere jeden Tag für zwölf Stunden mit mal gemächlichen Titeln, mal mit treibenden Beats. Tatsächlich waren die Euter bei langsamer Musik etwas besser gefüllt, um durchschnittlich drei Prozent oder 0,73 Liter.

Die Briten schlossen daraus, dass beruhigende Musik den Melkstress für die Tiere lindere und deshalb zu höheren Erträgen führe. Sie erstellten sogar eine kleine Stall-Hitparade - Titel wie Lou Reeds "Perfect Day", "Everybody Hurts" von R.E.M. oder Beethovens "Pastorale", von Kühen nicht so gern gehört dagegen "Space Cowboy" von Jamiroquai oder "Size of A Cow" von Wonderstuff.

Zweifler überzeugte das nicht. So gab die kanadische Agrarforscherin Anne Marie de Passille 2014 zu bedenken, dass es danach keinen weiteren derartigen Großversuch gegeben habe, der die Ergebnisse hätte bestätigen können. Solche Experimente seien aufwendig und teuer.

Gleichwohl läuft in vielen amerikanischen Milchviehbetrieben tatsächlich Musik: meist spanischsprachige oder Country, wie das US-Magazin "Modern Farmers" 2014 berichtete. Das liege vor allem an den Vorlieben der Mitarbeiter. Zu den musikalischen Vorlieben von Kühen sagte Forscherin De Passilles: "Ich denke, sie sind Individuen, und wir wählen sie nicht nach ihrem Musikgeschmack aus. Warum sollten sie alle die gleiche Musik mögen?"

Die bayerische Blasmusikcombo LaBrassBanda variierte das Experiment 2014: Statt Kühen nur etwas vorzuspielen, machte sie die Tiere gleich zu Mitwirkenden ihres Live-Albums "Kiah Royal" - in einem Kuhstall im Landkreis Traunstein. Für die Aufnahmen wählte die Band, die sonst auch gern bei tekknoiden Blasmusikvarianten aufdreht, recht entspannte Titel.

Für die Rinder war das offenbar gut zu verdauen: "Statt der Fans klatschen im Hintergrund die Kuhfladen der 80 Milchkühe", berichtete das Nachrichtenportal Agrarheute.com.

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