Jerry Halls Memoiren Micks Maus

Vom Daddy verdroschen, von den Mitschülern als "Bohnenstange" verlacht, von Jagger nach Strich und Faden betrogen: Topmodel Jerry Hall führte ein bewegtes Leben, nun hat sie es aufgeschrieben. Die Hauptrolle spielt jedoch nicht Jerry, sondern ein begnadeter, unverschämter Sexmaniac namens Mick.

Graham Hughes / courtesy Schirmer/Mosel

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Schuld an einem der der längsten Techtelmechtel der Rockgeschichte war ein schnödes Telegramm aus dem Jahr 1977. Der Tod ihres Vaters tue ihm aufrichtig leid, teilte Roxy-Music-Frontmann Bryan Ferry seiner Verlobten Jerry Hall darin lapidar mit und sparte sich so die Reise zur Trauernden. Jerry war außer sich ob so viel männlicher Dusseligkeit. Und flüchtete sich in die starken Arme ihrer Sommeraffäre Mick Jagger - der so enorm viel Mitgefühl zeigte, dass Jerry mit dem Stones-Star nach Marokko durchbrannte.

Viermal pro Tag fielen sie hier, in der afrikanischen Gluthitze, übereinander her, fuhren in Kapuzengewändern, die Augen schwarz mit Kajal umrandet, durch die Gegend, hörten Musik und fühlten sich frei. "In den Hotels, wo wir abstiegen, standen Schalen mit duftenden Rosen und brennende Kerzen in den Zimmern, wir saßen am offenen Kamin, Mick spielte Gitarre und sang für mich", beschreibt Jerry Hall den Beginn einer gigantischen On-Off-Affäre. Ganze 23 Jahre hielt es das Topmodel aus Texas an der Seite des charismatischen Lustmolchs Jagger aus, vier Kinder schenkte sie ihm. Erst als Mick 1999 eine andere schwängerte, reichte Jerry Hall die Scheidung ein.

Nun, nach drei Dekaden des Schweigens, hat die mittlerweile 54-jährige Jerry ausgepackt. Zumindest ein bisschen. "Mein Leben in Bildern" heißt das soeben auf Deutsch erschienene autobiographische Fotoalbum. Enthüllt wird wenig, denn dass Mick ein Junkie und noch dazu notorischer Fremdgänger war, ist allseits bekannt. Dafür illustriert das Hall-Buch die Vita einer Frau, deren Lebensdrama darin besteht, stets auf die Rolle des schmückenden Jagger-Accessoires reduziert zu werden. Obwohl sie doch genug anderes erlebt hat. Eine hoffnungslos verkorkste Kindheit etwa.

Hotel-WG mit Grace Jones, Tee mit Gala Dalì, Lunch mit Jean-Paul Sartre

Geboren 1956 in Gonzales, einem kleinen Nest in Texas, wuchs Jerry, die vierte von fünf Töchtern, in gruseligen Verhältnissen auf. Das Gitterbettchen, das sie sich mit ihrer Zwillingsschwester Terry teilte, wurde wegen der selten gewechselten Stoffwindeln so feucht, dass die beiden Mädchen mit drei Monaten beinahe an einer Lungenentzündung gestorben wären. Bei jeder Gelegenheit züchtigte Jerrys Vater, ein traumatisierter Vietnam-Veteran und Fernfahrer, der seinen Frust mit Poker und Whisky bekämpfte, seine Töchter mit dem Gürtel. Eines Nachts, als Papa Hall volltrunken nach Hause kam, schoss er mit seiner Pistole so wild um sich, dass Jerry voll Todesangst in den Kleiderschrank flüchtete.

Nachdem das Mädchen in der Highschool wegen ihrer Größe von 1,83 Meter als "Tall Hall" und "Bohnenstange" verlacht wurde, kam sie erst in völlig zugedröhntem Zustand auf die Idee, ihr Geld auf dem Laufsteg zu verdienen. Von LSD benebelt, sperrte sich der Teenager auf einer Party im Bad ein, schaute in den Spiegel und dachte bei sich: "Du bist echt schön. Du solltest Model werden." In den USA taugten ihre Maße allerdings lediglich zur erfolgreichen Leg-Wrestlerin, also "Beindrückerin", einer lustigen Variante des Armdrückens.

Als sie einen Autounfall hatte, im Krankenhaus falsch behandelt wurde und dafür 800 Dollar Schmerzensgeld erhielt, witterte Jerry die Chance ihres Lebens: Sie nahm das Geld, stopfte einen Rucksack randvoll mit Mamas selbst genähten Kleidern und flog kurz vor ihrem siebzehnten Geburtstag nach Frankreich. Gewandet in einen pinkmetallicfarbenen Häkelbikini und ein paar pink-silberne Plateauschuhe mit Korbabsätzen, stakste die blonde Texanerin auf der Promenade von Saint-Tropez umher - und wurde schon nach zwei Stunden von einem Model-Agenten entdeckt, der sie nach Paris einlud.

"Unglaublich, mein allererster Tag am Strand, und gleich ein solches Angebot!", schreibt Jerry in ihren Memoiren. Unglaublich auch das, was dann in der französischen Hauptstadt folgte: Jerry teilte sich ein Hotelzimmer mit Grace Jones, trank Tee mit Gala Dalì, wurde von Jean-Paul Sartre zum Lunch eingeladen und geriet im Nullkommanix vor die Linse von Starfotograf Helmut Newton. Über Nacht war Hall zur Model-Ikone avanciert, die ihr erstes Geld in Diamanten und Rennperde investierte - und alsbald die Blicke der ganz großen Rocker auf sich zog.

"In sexueller Hinsicht war er ein gefährliches Raubtier"

Als der Funke übersprang, trug Mick einen Morgenmantel aus roter Seide. 1976, nach einem Stones-Konzert in London, lud der Stones-Star Jerry nebst ihrem Verlobtem Bryan Ferry zum Essen ein. "Gegen Ende des Abends streifte Micks Bein das meine, ich war wie elektrisiert!", schreibt Hall. Dass Hall verlobt war, kümmerte Jagger ebenso wenig wie seine eigene Ehe. Kein Wunder: Der Mann entpuppte sich - wer hätte dies gedacht? - als wahres Sexmonster.

"In sexueller Hinsicht war er ein gefährliche Raubtier", schimpft Hall und bedauert: "Ich hatte ihn von den Drogen weggebracht, aber an ihre Stelle war der Sex getreten, und Mick hatte sich nie professionelle Hilfe gesucht." So sehr sie den Ratschlag ihrer Mutter auch beherzigte ("Um einen Mann zu halten, musst du ein Zimmermädchen im Wohnzimmer sein, eine Köchin in der Küche und eine Hure im Schlafzimmer") - Jagger war einfach unersättlich. Der Stones-Star ging selbst dann fremd, als Jerry nach der Geburt ihres zweiten Kindes mit postnatalen Depressionen im Bett lag.

Wie Jerry in ihren Memoiren andeutet, betrog er sie sogar noch in der Nacht vor der gemeinsamen Hochzeit 1990 auf Bali mit Carla Bruni, die zu jener Zeit gerade mit Eric Clapton angebandelt hatte. Doch damit nicht genug: Jagger war nicht nur ein Weiberheld, sondern auch ein lausiger Vater, der bisweilen gar die Geburtstage seiner Kinder vergaß. Zur Geburt von Jagger-Spross Nummer vier war er nicht einmal anwesend - eine Tournee hielt ihn davon ab, seiner Frau beizustehen. Ein Nachbar musste Jerry ins Krankenhaus fahren.

Leben im Goldfischglas

Trotz alledem hielt Hall Mick all die Jahre die Treue. Vielleicht, weil er einfach ein begnadeter Musiker war und das Leben mit der großen Stones-Familie jede Menge Spaß brachte. "Es war toll, die Stones und ihre Frauen kennenzulernen und zuzuhören, wie diese Wahnsinnsmusik entstand", schreibt das auch schauspielernde Model. "Mick kam mit Texten an, und dann improvisierten sie dazu. Keith schrieb ein paar Takte, und ohne groß zu reden, spielten sie auf einmal all diese irren Songs. Man hatte wirklich das Gefühl, als wäre da ein alchemistischer Zauber am Werk", so Hall.

Zudem führte Jerry als Gespielin des Weltstars ein bombastisch glamouröses Jet-Set-Leben. Pendelte, ob mit oder ohne Jagger, zwischen den Häusern in New York, London und Texas, dem Schloss in Amboise an der Loire sowie dem Anwesen auf der Karibikinsel Mustique hin und her. Feierte Silvester mit Andy Warhol im legendären New Yorker "Studio 54", ließ ihren Kindern von Bob Geldof Gute-Nacht-Geschichten vorlesen und wohnte zeitweise Tür an Tür mit John Lennon sowie Yoko Ono im New Yorker "Dakota Building".

Das Paar war so berühmt, dass Groupies und Paparazzi sie jagten wie Freiwild. Einmal, an St. Patrick's Day, drohte der Mob sie gar vor Ekstase totzuquetschen. Die Polizei musste anrücken und die beiden mit Waffengewalt, "blutend und zitternd", ins Hotel zurückeskortieren, wie Hall erinnert. "Wir lebten wie in einem Goldfischglas; unsere Ruhe hatten wir nur hinter verschlossenen Türen", klagt Jerry. Und nahm es dennoch gern in Kauf. Erst als das brasilianische Model Luciana Morad ein Kind von Jagger erwartete, hatte sie genug und verließ den Schürzenjäger - an den sie nach wie vor ihr Herz verloren hat. "Natürlich liebe ich ihn immer noch, wie soll man sich denn entlieben?", resümiert Jerry am Ende ihrer zahmen Autobiographie. Abrechnung sieht anders aus.

Rock-Chicks beim Vorlesezirkel

Sogar in der vom Boulevard als "Schniedel-Streit" gefeierten Affäre, als Keith Richards in seiner Autobiographie am Mythos des charismatischen Sexgottes zu kratzen versuchte und das beste Stück Jaggers als "tiny todger" ("kleines Pimmelchen") kleinredete, stand sie Mick bei. Er sei bestens bestückt und Keith einfach nur eifersüchtig, beendete Jerry kurzerhand die erregte Debatte.

Vielleicht enthielt ja die ursprüngliche Version von Jerry Halls Memoiren wirklich neue, skandalöse Details. Etwa, dass Jagger beim Schlafen Wollstrümpfe trug, vor dem Essen betete oder sonntags gern einen Waldspaziergang unternahm. Denn eine erste Version hatte das Model 2009 überraschend zurückgezogen. Mick käme zu schlecht weg, begründete Jerry ihre Entscheidung, für die sie vom amerikanischen Verlag Harper Collins sogar eine Konventionalstrafe von 500.000 Dollar kassierte.

Selbst mit den Ex-Frauen ihres prominenten Langzeit-Lovers, Marsha Hunt und Bianca Jagger, verbindet sie eine innige Freundschaft. "Rockstars ähneln Seemännern - zumindest darin, dass sie immer wieder lange Zeit fort sind und die Frauen zu Hause zurücklassen. Wir Mädels haben einander tapfer Gesellschaft geleistet und stehen und bis heute nah", so Hall. Statt wie einst auf ihre Kerle zu warten und deren prominenten Nachwuchs zu versorgen, treffen sich Jerry und ihre einstige Rock-Chick-Clique heute zur Creative-Writing Gruppe, um einander Gedichte und Theaterstücke vorzulesen. Halls Fazit: "Es ist gut, keinen Groll zu hegen und sich fortentwickelt zu haben."

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silvia vogt, 06.03.2011
1.
Das Sexualleben von mittlerweile im Rentenalter befindlichen Egozentrikern ist wirklich interessant.
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