Fotograf Jerry Schatzberg "Bob Dylan liebt es, mit Menschen zu spielen"

Die Beatles, Frank Zappa, die Stones: Fotograf Jerry Schatzberg bekam sie alle vor die Linse. Hier erzählt der 91-Jährige von Shootings mit Bügeleisen, Starpartys unterm Fischernetz - und seiner Freundschaft zu Bob Dylan.

Jerry Schatzberg/ Prestel Verlag

Ein Interview von


Zur Person
  • imago/ PanoramiC
    Jerry Schatzberg wurde am 26. Juni 1927 in New York geboren. Seine berufliche Karriere begann er als Modefotograf, später war er Teilhaber eines New Yorker Nachtklubs. In den Sechzigerjahren lichtete er Musikstars wie Jimi Hendrix, die Beatles und Frank Zappa ab. Zudem arbeitete Schatzberg als Regisseur und Drehbuchautor, unter anderem führte er 1971 Regie beim Film "Panik im Needle Park", der ersten Hauptrolle von Al Pacino. 2018 erschien sein Bildband "Dylan" mit seltenen Aufnahmen des Sängers. Jerry Schatzberg lebt in New York.

einestages: Mister Schatzberg, im Februar 1966 schossen Sie das Covermotiv für Bob Dylans legendäres Album "Blonde on Blonde". Darauf ist der Künstler mit Jacke und Schal zu sehen - allerdings völlig unscharf.

Schatzberg: Als das Album veröffentlicht wurde, sprachen mich Dylan-Fans an, ob ich beim Shooting high gewesen sei.

"Blonde on Blonde"

"Blonde on Blonde"

einestages: Waren Sie's?

Schatzberg: Nein, es war ganz anders. Dylans Manager Albert Grossman hatte mich beauftragt, das Albumcover zu machen. Ich begann, Bob in meinem Fotostudio zu fotografieren, war aber nicht zufrieden. Da kam mir die Idee, mit ihm rauszugehen - allerdings war es an jenem Tag bitterkalt. Bob hatte nur eine leichte Jacke mit, aus Solidarität verzichtete ich auf meinen dicken Mantel. Die Kälte fuhr mir in die Glieder und ließ mich erzittern - daher rührt die Unschärfe im Bild. Bob hat es trotzdem am besten gefallen.

einestages: Auf der Innenhülle von "Blonde on Blonde" findet sich ein Porträt von Schauspielerin Claudia Cardinale...

Schatzberg: ...nur in der ersten Pressung. Dann ließ es ihr Management verbieten, weil wir die Rechte nicht besaßen. Das Foto lag in meinem Studio auf einem Tisch, es gefiel Bob und er beschloss, es aufs Innencover zu nehmen. Das war naiv. Sein Label musste ein Strafhonorar zahlen. Heute wird Cardinale sich ärgern, dass sie auf diesem historischen Album nicht mehr zu sehen ist.

einestages: Kurz nachdem "Blonde on Blonde" im Mai 1966 erschienen war, hatte Dylan einen schweren Motorradunfall.

Schatzberg: Ja, in der Nähe von Woodstock, wo er damals lebte. Dieser Unfall hat ihn zwei Jahre außer Gefecht gesetzt. Er lag lange im Hospital, dann zu Hause. An eine Tour zum Album war nicht zu denken.

einestages: Hat der Unfall Dylan verändert?

Schatzberg: Nein, his mind was still his mind, sein Geist und seine Einstellung zum Leben haben sich nicht merklich verändert.

einestages: Er gilt als "Shakespeare unserer Zeit". Zu Recht?

Schatzberg: Ja! Ähnlich wie bei Shakespeare lassen seine Texte viel Platz für Interpretationen. Wenn man als Künstler etwas Kreatives schafft, ist es doch großartig, wenn jeder Zuhörer oder Betrachter etwas anderes darin sieht.

einestages: Wann haben Sie Bob Dylan erstmals getroffen?

Schatzberg: Das war 1965 in New York. Ich war damals schon 38, Modefotograf für Magazine wie "Vogue" und "Esquire". Bob war 24 und als Folksänger schon eine Nummer. Aber ich hatte mich nie mit ihm befasst.

Fotostrecke

20  Bilder
Jerry Schatzberg: His Bobness ganz nah

einestages: Wie wurden Sie auf ihn aufmerksam?

Schatzberg: Ich war mit einem Model namens Sara befreundet (der späteren Frau von Dylan - Anm. des Autors), sie schwärmte ständig von diesem Sänger Bob Dylan. Ich besorgte mir seine Platten - und war sofort angetan. Eines Tages waren Freunde bei mir im Fotostudio und erzählten, dass sie mit Dylan privat verkehrten. Da meinte ich: Hey, wenn ihr ihn wiederseht, sagt ihm, ich würde ihn gern mal fotografieren. Zack, am nächsten Tag bekam ich einen Anruf aus den Columbia Studios.

einestages: Was für einen Eindruck machte Dylan auf Sie?

Schatzberg: Bob war extrem offen und zuvorkommend, sein Charisma hat mich sofort umgehauen. Er spielte mir im Studio seine neuesten Aufnahmen vor, Songs fürs Album "Highway 61 Revisited". Mit der Zeit freundeten wir uns an. Später schenkte er mir sogar ein paar seiner Mundharmonikas, zwei davon habe ich verkauft, zwei behalten.

einestages: Der britische Pop-Art-Künstler Sir Peter Blake gestaltete 1967 das weltberühmte Album-Artwork für "Sergeant Pepper's" von den Beatles und erhielt damals nur 200 Pfund.

Schatzberg: Zu dieser Zeit ein üblicher Preis, aus heutiger Sicht viel zu wenig.

einestages: Frank Zappa und seine Mothers of Invention haben 1968 wiederum das "Sergeant Pepper's"-Motiv parodiert - dieses Foto schossen Sie.

Schatzberg: "We're Only in It for the Money" hieß das Album. Bei den Beatles lagen Blumen und Blüten auf dem Boden, bei Zappa Gemüse und Müll. Frank hatte mein Singlecover für die Rolling Stones gesehen, "Have You Seen Your Mother, Baby, Standing in the Shadow". Dafür hatte ich Mick, Keith und die anderen in Frauenkleider gesteckt, der Drag-Look war revolutionär und Zappa fand das cool. Weil er wusste, dass ich eng mit Jimi Hendrix war, fragte Frank, ob man Jimi fürs Covermotiv gewinnen könne. Jimi machte mit - aber in Frauenklamotten wie Zappa und der Rest ließ er sich nicht stecken.

einestages: Neben der Fotografie waren Sie damals auch im New Yorker Nachtleben aktiv.

Schatzberg: Als Mitbesitzer der Diskothek Ondine an der 59. Straße. The Doors spielten bei uns, Jimi Hendrix, Buffalo Springfield. Zu unseren Stammgästen gehörten Faye Dunaway, Jackie Kennedy und Eric Burdon. Den Klub benannten wir nach einer berühmten Segeljacht, überall hingen Fischernetze. Bob Dylan kam oft mit Freunden vorbei, ich hing mit ihm ab. Er ist ja eher misstrauisch, besonders Journalisten und Fotografen gegenüber. Aber er merkte, dass ich kein Paparazzo bin, und vertraute mir.

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einestages: Die Beatles, damals auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, hatten Sie auch vor der Linse.

Schatzberg: Die habe ich im August 1965 im Shea Stadium fotografiert. Zu diesem Konzert hatten mich die Stones eingeladen, die ich aus meinem Ondine-Klub gut kannte. Nach der Show bin ich mit Mick & Co. zum Hotel der Beatles gefahren, wo wir die ganze Nacht durchfeierten. Am nächsten Abend kamen alle zu mir ins Ondine, die Party ging weiter. Paul McCartney hat übrigens Linda Eastman, seine künftige Frau, bei mir im Klub kennengelernt. Sie wollte auch Fotografin werden, löcherte mich ständig mit Fachfragen.

einestages: Es gab wohl keinen aufregenderen Ort als New York in den Sechzigern.

Schatzberg: Wohl wahr. Andy Warhol, zu dessen Clique ich gehörte, gab in der Künstlerszene den Ton an, er hatte immer Models um sich herum. Mein Klub Ondine war eine Goldgrube, was Kontakte anging.

einestages: Und mittendrin ein gewisser Robert Allen Zimmerman aus Hibbing, einem Kaff in Minnesota.

Schatzberg: Als ich ihn kennenlernte, nannte er sich bereits Bob Dylan und hatte sich in New York akklimatisiert. Für die, die ihn näher kannten, war er ein angenehmer Typ. Cool, selbstbewusst, aber ohne besonders ausgeprägtes Ego.

einestages: Wie lief die Zusammenarbeit?

Schatzberg: Bob und ich haben gut kooperiert. Wenn er mit einem Motiv nicht einverstanden war, habe ich das akzeptiert. Er ist ein spielerischer, experimentierfreudiger Typ. Ich warf ihm eine Idee zu, er gab seinen Senf dazu.

einestages: Es gibt ein bizarr anmutendes Motiv, das Dylan mit Kreuz und Bügelbrett zeigt.

Schatzberg: Das Kreuz hatte ein Freund von mir angefertigt, ein Bildhauer. Bob interessierte sich damals für verschiedene Religionen. Das Bügelbrett stand einfach rum. Ich nahm es mit aufs Bild und stellte diesem gewöhnlichen Haushaltsgegenstand das bedeutungsschwere Kreuz als Kontrast entgegen. Bob gefiel die Idee.

einestages: Haben Sie mit Dylan auch gestritten?

Schatzberg: Nein, nur einmal gab es Unstimmigkeiten. Ich wollte ihn in anderen Klamotten fotografieren, aber er hatte nichts zum Wechseln dabei. Da holte ich ein Shirt aus meiner Wohnung über dem Fotostudio. Er zog es an, aber als ich anfing zu schießen, meinte er: "This is not me." Bob war damals eine Mode-Ikone, bald kam er auf den Cowboy-Trip, mit Hemden und Hüten: eine Hommage an alte Countryhelden wie Hank Williams oder Merle Haggard.

einestages: Bob Dylan versteht es bis heute meisterhaft, ein Image zu kreieren.

Schatzberg: Er wusste sich immer in Szene zu setzen, in jeder Beziehung. Journalisten hat er oft die irrsten Storys aufgetischt, meistens unwahre. Er liebte es, mit Menschen zu spielen.

einestages: Stehen Sie noch in Kontakt mit Dylan?

Schatzberg: Wir haben uns aus den Augen verloren. Ich habe ihn 1973 das letzte Mal gesehen, bei der Hochzeit eines gemeinsamen Freundes. Bob war sehr am Thema Film interessiert und erstaunt, dass ich, der Fotograf, in kurzer Zeit drei Filme gedreht hatte. Damals lief gerade mein Streifen "Scarecrow" ("Asphaltblüten") mit Al Pacino und Gene Hackman in den Kinos.

einestages: Dylan hatte auch schauspielerische Ambitionen?

Schatzberg: Verglichen mit Al Pacino allerdings keine besondere mimische Begabung. Fairerweise muss man sagen, dass Pacino auch keine poetische Lyrik verfassen kann wie Dylan. Ich hatte keine Rolle, die für Bob gepasst hätte.

einestages: Wie reagierte er auf Kritik?

Schatzberg: Nicht gut. Es hat ihm nicht gefallen, als er im Sommer '65 beim Newport Folk Festival ausgebuht wurde, weil er es wagte, mit einer E-Gitarre auf die Bühne zu gehen. Folkfans bezeichneten ihn damals als "Judas", weil er seinen Sound in Richtung Rock weiterentwickelte. Beim nächsten Konzert in Forest Hills, Queens, habe ich ihn live fotografiert. Wieder wurde er ausgepfiffen. Direkt nach dem Konzert trafen wir uns im Apartment seines Managers Grossman in Gramercy Park und diskutierten. Auf die Kritiker angesprochen, meinte Dylan: "Fuck them!" Er blieb konsequent bei seiner musikalischen Richtung.

einestages: 2016 war Bob Dylan der erste Popmusiker der Geschichte, der mit dem Literaturnobelpreis geehrt wurde - und nicht zur Verleihung nach Stockholm fuhr.

Schatzberg: Das hat Patti Smith für ihn übernommen. Bob schrieb der Akademie zum Dank ein paar Zeilen und hat auf seine Art einen Teil beigetragen. Dylan spielt eben nach eigenen Regeln.

einestages: Wünschen Sie sich - nach 46 Jahren! - ein Wiedersehen mit Dylan?

Schatzberg: Wäre schön, liegt aber nicht an mir. Ich bin mit seinem Manager in Kontakt, Bob selbst lebt ziemlich zurückgezogen in Malibu, außer 80, 90 Gigs im Jahr macht er nicht viel. Die Konzerte von Dylan finde ich übrigens gar nicht so gut. Außer seiner Musik gibt er seinen Fans nicht viel, kommuniziert so gut wie nicht mit dem Publikum. Ganz anders Mick Jagger, der ist großartig im Umgang mit den Fans. Ja, live ziehe ich die Stones vor.

Bob Dylan Tourdaten 2019: 31.03. Düsseldorf + 02.04. Würzburg + 04.04. Berlin + 05.04. Magdeburg + 20.04. Augsburg

insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
Ronald Soll, 04.02.2019
1. Das wußte ich gar nicht!
Claudia Cardinale! Hab gleich mal nachgeschaut, bei meinem Blonde On Blonde Album ist sie drauf. (Fragte mich, ob sie Sara Lowndes sei?) Merkwürdig fand ich damals, dass dieses Album damals in zwei Einzel-LP´s erschien, als ich es kaufte. Ich habe Dylan nie als großen Bühnenkommunikator erlebt. War aber bei verschiedenen Konzerten, die mir sehr gut gefallen haben.
Rainer Wäscher, 04.02.2019
2. Er hat recht
Schatzberg ist da vollkommen im Recht. Seine Konzerte sind nicht gut. Vom Konzertbesuch kann ich nur abraten.
Robert Squatter, 04.02.2019
3. Seine Konzerte
sind entweder absolut super oder total miserabel. Je nach Dylan‘s Stimmung.
Werner Gilliam, 04.02.2019
4. Konzert nach dem Konzert
Das beste Dylan Konzert haben wir vor 3 Jahren in Hamburg gesehen. Drinnen Dylan auf dem "Sinatra-Trip" mit nur wenig Resonanz bei einigen wenigen Jublern, dann nach dem Rausgehen ein Straßenmusiker mit Gitarre und Mundharmonika im Regen vor der Alsterdorfer Sporthalle, der perfekt all die alten Dylan Hits spielte, die wir beim Konzert nicht zu hören bekommen hatten. Bombenerfolg für dem talentierten Jungen, dessen Gitarrenkasten voller und voller mit den Münzen der dankbaren Endtäüschten wurde. Schön wäre es, wenn jemand das Dylan gesteckt hätte...!
Ralf Krefting, 05.02.2019
5. Ein mittelmäßiger Sänger
Und Gitarrist wird schon zu Lebzeiten hochgejubelt und das schon seit Ewigkeiten.
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