TV-Moderator Jörg Draeger "Wo ist meine Anti-Falten-Creme?"

Die Stripshow "Tutti Frutti" kommt zurück - mit Jörg Draeger von "Geh aufs Ganze". Hier erzählt der Moderator von seiner alten Show mit dem Zonk, Schnurrbärten und Cash in de Täsch.

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Ein Interview von


einestages: Herr Draeger, ab Ende Dezember sollen Sie das Comeback des Nackedei-Klassikers "Tutti Frutti" moderieren. Sind Sie nicht zu alt für diesen Quatsch?

Draeger: Als RTL Nitro anrief, war ich auch sehr erstaunt. Sofort schossen mir zwei Fragen durch den Kopf. Erstens: Wo ist meine Anti-Falten-Creme, zweitens: Hat denn der Balder keine Zeit?

einestages: Hugo Egon Balder will nicht - er moderierte die Sendung bei RTL plus von 1990 bis 1993. Haben Sie sich schon Tipps zum Umgang mit Früchtchen und strippenden Kandidaten geholt?

Draeger: Dafür wird schon noch Zeit sein. Außerdem wird er auch in der Show auftauchen. In welcher Rolle, kann ich noch nicht sagen, aber ganz sicher nicht als Erdbeere oder Banane. Da freue ich mich auf Monique Sluyter und Elke Jeinsen, die schon Anfang der Neunziger die optischen Akzente als Früchtchen setzten und nun wieder dabei sind.

einestages: Die Sendung gilt als legendär sinnfrei. Für Menschen, die's nie gesehen haben: Worum geht es bei "Tutti Frutti"?

Draeger: Ehrlich gesagt, habe ich die Spielregeln damals auch nicht verstanden. Aber die sind ja zweitrangig. Es geht um Unterhaltung, Spaß und ein wenig nackte Haut, so was funktioniert über die Jahrzehnte hinweg. Für das Comeback hat sich der Sender einiges einfallen lassen, aber auch das darf ich noch nicht verraten.

einestages: Bekannt machte Sie die Gameshow "Geh aufs Ganze", nur echt mit dem Zonk. Haben Sie zu Hause wirklich ein Zonk-Zimmer?

Draeger: Allerdings. Zum Abschied bei "Geh aufs Ganze!" bekam ich den Zonk in allen Varianten geschenkt, auch den 2,20 Meter großen und 8000 Mark teuren. Dafür musste bei meinem Umzug von Teneriffa nach Berlin extra ein Teil des Dachs abgetragen werden, sonst hätten wir ihn nie hineinbekommen.

einestages: Der Zonk ist der wohl bekannteste und hässlichste Trostpreis der deutschen TV-Geschichte. Wie entdeckten Sie das Teil?

Draeger: Bei einer Nürnberger Spielzeugmesse gab es diese kleine graue Stoffmaus. Die Firma bastelte eine in Rot und Schwarz. Für den Namen bediente unser Co-Produzent Erasmus Boelte sich bei der US-Comicsprache, da heißt "Thong" so viel wie "raus" oder "weg". Als er dem Team den ersten Zonk in voller Pracht mit dem dazugehörigen Geräusch präsentierte, wussten wir alle: Das ist es!

einestages: Wie reagierten die Zuschauer?

Draeger: Sie waren begeistert. Wir stellten fest: Mochte jemand noch so unglücklich den Hauptpreis verpassen - hatte er am Ende die Maus in der Hand, verließ er glücklich das Studio. Der Zonk wurde so beliebt, dass später die Kripo im Einsatz war, weil auf Jahrmärkten billige Imitate im Umlauf waren.

einestages: "Geh aufs Ganze!" lief ab 1992 auf Sat.1, zunächst ohne Zonk.

Draeger: Wir adaptierten die US-Vorlage "Let's Make a Deal" eins zu eins: Moderator wählt Gast aus, Gast darf was auswählen, Gast gewinnt oder verliert, Ende. Das funktionierte nicht. Und die Trostpreise waren Absurditäten, unsere ersten Verlierer bekamen Jägerzäune oder kaputte Ampeln. Die Öffentlichkeit prügelte auf uns ein. Zu Recht. Erst mit dem Zonk kam die Wende, der Zonk war der Star der Show.

einestages: Und die Show der größte Erfolg Ihrer Karriere. Wie kamen Sie zum Fernsehen?

Draeger: Das war ein langer Weg. Meine Kindheit verbrachte ich in Spanien und ging 1966 nach Berlin, um mein Abitur zu machen. Ein Jahr später schrieb ich mich für Theaterwissenschaften, Politik und Germanistik an der FU ein ...

einestages: ... und waren gleich mittendrin in der Studentenrevolte?

Draeger: Die FU Berlin war damals so politisiert, dass du als Student praktisch mitmischen musstest. Weil ich bilingual aufgewachsen war, heuerte der SDS, der Sozialistische Deutsche Studentenbund, mich als Dolmetscher und Übersetzer an. Bald ging ich in der Kommune 3 ein und aus, hatte die Haare bis zum Hintern, lief barfuß, mit "Ho, Ho, Ho-Chi-Minh" auf den Lippen und "Enteignet Springer!"-Button. Als am 2. Juni 1967 Benno Ohnesorg erschossen wurde, befand ich mich in einer Demo genau eine Straße weiter. In einer Schöneberger Bar produzierten wir Flugblätter. Aber ich war nur Mitläufer.

einestages: Was heißt das?

Draeger: Ich kam aus Spanien, einer strengen, restriktiven Diktatur. Beim Sprung in die totale Freiheit West-Berlins habe ich mich für etwas entschieden, das zwar spannend und aufregend war, aber nicht meiner vollen Überzeugung entsprach. Der radikale Teil war mir einfach zu brutal. Es war ein Fehler, mich im SDS-Umfeld zu bewegen.

einestages: Was wurde aus Ihren ersten Schauspiel-Erfahrungen?

Draeger: Die waren schnell vorbei. Die Studentenbühne kooperierte mit dem Schiller-Theater. Einmal spielte ich für die Rolle eines Eunuchen vor und musste mit einem Silbertablett voller gefüllter Weingläser auf der Bühne laut rufen: "Burgunder! Burgunder!" Der große Regisseur Fritz Kortner kam auf mich zu und beendete meine Schauspiellaufbahn mit dem Satz: "Jörg, es hat keinen Sinn."

einestages: Wie kamen Sie zur Bundeswehr?

Draeger: 1969 jobbte ich als Übersetzer in der Firma meines Vaters in Essen und bewarb mich für Sport-Studienplätze. Aber daraus wurde nichts, weil der Einberufungsbescheid ins Haus segelte. Auf dem Kreiswehrersatzamt ließ ich mich dazu überreden, eine diplomatische Karriere bei der Bundeswehr einzuschlagen - und verpflichtete mich auf Lebenszeit als Berufssoldat.

einestages: Wann bereuten Sie das?

Draeger: Als ich das erste Mal mit der Nase im Dreck lag. Nach einem Jahr stellte ich den ersten Antrag auf Freistellung, hätte mich dafür aber als Kriegsdienstverweigerer bekennen müssen, was nicht meiner Überzeugung entsprach. Nach dem Grundwehrdienst wurde es bequemer: Für das Bundessprachenamt lehrte ich Deutsch für Diplomatenkinder und vertrat die Bundeswehr später als Jugendoffizier bei Podiumsdiskussionen. Einmal saß ich im Audimax der Uni Tübingen neben dem Friedensforscher Carl Friedrich von Weizäcker. In Ausgehuniform. Mitte der Siebziger. Alle natürlich gegen mich. Aber das war eine Schule fürs Leben. Kurz darauf kam ich zu einem Volontariat bei der dpa und beim NDR. Ich wollte unbedingt Journalist werden, nur dachten meine Vorgesetzten gar nicht an eine Freistellung.

einestages: Wie gelang Ihnen der Absprung?

Draeger: Gerd Behnke, damals Staatssekretär von Uwe Barschel, absolvierte bei uns eine Wehrübung. Ich erzählte von meinem Dilemma und erhielt bald einen Anruf von Henning Röhl, dem NDR-Funkhausdirektor in Kiel: "In einer Woche können Sie die Korrespondentenstelle an der Westküste übernehmen!" Behnke hatte seine Kontakte spielen lassen, damit endete 1981 meine Zeit beim Bund. Bei "Westküste" dachte ich an San Francisco - und erfuhr im Vorstellungsgespräch, dass es um die Westküste Schleswig-Holsteins ging. Heide statt USA. Fortan berichtete ich über Kohlköpfe und Dithmarscher Gänse. Doch dann kam 1981 Brokdorf ...

einestages: ... mit den riesigen Demonstrationen gegen Atomkraft.

Draeger: Ich berichtete fortan mit dem Ü-Wagen von den Protesten, wurde erst ins Hauptstudio nach Kiel geholt und wechselte dann zu den Privaten. Bei Radio Hamburg gelang mir ein Scoop.

einestages: Nämlich?

Draeger: Als der SPIEGEL im September 1987 die Barschel-Affäre aufdeckte, lag die Ausgabe schon am Samstag in einigen norddeutschen Redaktionen aus. Gerd Behnke rief an und bat mich, ihm ein Heft zu geben. Was ich auch tat - und bekam als Gegenleistung einen O-Ton von Uwe Barschel. Diese 60 Sekunden waren eine kleine Sensation, weil alle Beteiligten Stillschweigen vereinbart hatten. Kurz nach der Sendung wollte das Büro von Björn Engholm Stellung beziehen, darauf wiederum reagierte SPIEGEL-Chefredakteur Erich Böhme. Wir waren die Größten! Durch Zufall.

einestages: Warum wechselten Sie kurz darauf zu Sat.1?

Draeger: Des Geldes wegen. Ich moderierte die Hauptnachrichten, aber es gab ein Problem: meinen Schnäuzer. Der gefiel meinem Chefredakteur nicht: "Männer mit Schnurrbart wirken unglaubwürdig." Ich rasierte mir das Teil ab - und hatte eine rote geschwollene Oberlippe. Woraufhin mir der Chefredakteur befahl, einen falschen Bart aufzukleben. Irgendwann wurde es mir zu blöd, ich schmiss hin. Letztlich landete ich aber wieder bei Sat.1, im Ressort Unterhaltung. 1992 schaute ich mir in München ein neues Spielshow-Format an: "Let's Make a Deal".

einestages: Wie wurde aus "Geh aufs Ganze!" nach holprigem Start ein Quotenhit mit bis zu zwei Millionen Zuschauern?

Draeger: Wir produzierten täglich drei Sendungen, jede mit neuem Publikum, pro Drehtag 1200 Zuschauer. Viele warteten vor den Studios, hielten Plakate hoch und riefen meinen Namen. Irre. Wir hatten den Deal, dass - außer wenn ich überzog -, wirklich alles gesendet wurde. Was zu kuriosen Szenen führte. Einmal wurde ein Kandidat im Rollstuhl ausgewählt. Ich wusste, hinter den Toren standen ein Motorrad und eine Sonnenbank. Also bot ich ihm immer mehr Geld als Gegenangebot, bis er sagte: "Kannst du mich nicht wie einen normalen Gast behandeln? Ich will mitspielen!" Eine Lektion fürs Leben. Er fuhr dann glücklich mit der Sonnenbank nach Hause.

einestages: Warum sieht man in alten Aufnahmen so viele Leute mit schrillem Outfit im Publikum?

Draeger: Wir drehten in Köln, die Menschen tauchten in den verrücktesten Kostümen auf. Bald hatte uns die Transvestiten-Szene ins Herz geschlossen, regelmäßig saßen etwa zehn von denen im Studio - großartig! Als wir die Show von 1999 bis 2003 noch einmal bei Kabel1 sendeten, war der Stil eher ans Kasino angelegt, dezenter. Und wesentlich gesünder für die Augen.

einestages: Um mit den Kandidaten zu zocken, trugen Sie dauernd Bargeld in den Taschen Ihrer grellen Anzüge. Wie viel Cash war drin?

Draeger: Etwa 10.000 Mark pro Sendung. Eine Mitarbeiterin hat die Scheine gebügelt. Damit die immer schön frisch aussahen.

(Kurze Interview-Unterbrechung: Ein altes Ehepaar möchte sich an den Nebentisch setzen. Draeger springt auf, greift einen freien Stuhl und hebt ihn - "Vorsicht, Köpfchen!" - an den Platz der wirklich sehr alten Dame. Draeger säuselt zu ihrem Gatten: "Ist das Ihre Frau oder Ihre Tochter?" Das Paar lacht. Gelernt ist gelernt.)

einestages: Sie erhielten viele Liebesbriefe, bis zu 400 pro Woche. Was war das kurioseste Angebot?

Draeger: Eine Einladung von Mutter und Tochter in ein nobles Hotel nach Nizza. Die Fotos waren äußerst charmant, die Flugtickets lagen bei. Ich flog nach Nizza und fragte den Hotelportier nach einem deutschen Mutter-Tochter-Paar. Die Realität unterschied sich doch eklatant von den Fotos. Ich bezog ein anderes Hotel.

einestages: Sie haben später weitere Shows moderiert, konnten aber nie wieder an den Triumph mit "Geh aufs Ganze!" anknüpfen. Wie frustrierend ist das?

Draeger: Ganz ehrlich? Sehr. Wer einmal so eine tolle Zeit hatte, will sie zurückhaben. Aber inzwischen hat sich auch bei mir die Gelassenheit des Alters durchgesetzt.

einestages: Zuletzt liefen Sie für die Tele5-Show "OGOT - Old Guys On Tour" den Jakobsweg, mit den Show-Veteranen Harry Wijnvoord, Björn-Hergen Schimpf, Frederic Meisner und Karl Dall. Die Einschaltquoten waren mau. Sind Sie dennoch zufrieden?

Draeger: Absolut. Der Jakobsweg ist meine Leidenschaft, bei "OGOT" bin ich ihn bereits das zehnte Mal gelaufen. Der Sender hat uns vorbehaltlos unterstützt. 30 Menschen waren vier Wochen unterwegs, noch nie wurde der Weg in Gänze gefilmt. Ich finde, das ist ein Kunstwerk geworden. Und um die Quote mussten wir alten Säcke uns keine Sorgen machen. Das haben wir hinter uns.

einestages: Außer demnächst bei "Tutti Frutti". Ist denn da für Ihren alten Kumpel, den "Zonk", eine Rolle drin?

Draeger: Selbstverständlich nicht. Sonst klaut der mir noch die Show. Hat er ja schon mal geschafft.

insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
Thomas Kapitke, 14.11.2016
1.
"Geh auf's Ganze" fehlt einfach im TV. Show großartig, Draeger mit seiner Schmierlappeskheit ebenso. Aber soviel Geld nimmt leider kein Sender mehr für eine Vorabendshow in die Hand.
Philip Schwedhelm, 14.11.2016
2.
Sehr schönes Interview!
Hans Mans, 14.11.2016
3. danke
Einer der Helden meiner Kindheit. Ich habe die show geliebt. Tolles Interview!
Sven König, 14.11.2016
4. Banane?
Lieber Jörg! Es gab nie eine Banane bei Tutti-Frutti! Ich will ja nicht kleinlich sein, aber Hausaufgaben wären hier nicht schlecht ? Erdbeere, Blaubeere, Ananas, Kiwi, Kirsche, Zitrone und Mandarine ?
Ulrich Ruecke, 14.11.2016
5. Showmaster braucht die Welt
Das OGOT nur maue Einschaltquoten erreicht hat, ist wirklich schade. Ein intelligentes Format mit den Helden der Vergangenheit. Sehr nah und trotzdem mit viel Respekt. Es lebe die Avantgarde von Tele 5, es lebe der Jörg. Showmaster braucht die Welt.
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