Amateur trifft auf Weltmeister Jörg Roßkopf An der Platte mit dem Tischtennis-Champion

Er ist eine Tischtennis-Legende, für mich ist Jörg Roßkopf einer der wichtigsten deutschen Sportler. Zum 50. Geburtstag tritt er gegen einen Hobbyspieler an: gegen mich. Schaffe ich es, ihm wenigstens einmal den Ball um die Ohren zu schmettern?

Pressefoto Baumann/ imago images

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Jörg Roßkopf war acht Mal Deutscher Meister im Einzel. Mehrfach Europameister. Er nahm an fünf Olympischen Spielen teil, holte 1992 die Silbermedaille im Doppel, vier Jahre später Bronze im Einzel. Unvergessen, wie er 1989 als 19-Jähriger an der Seite seines langjährigen Doppelpartners Steffen "Speedy" Fetzner in Dortmund den WM-Titel gewann und 10.000 Menschen in der Westfalenhalle jubeln ließ (hier im YouTube-Video). Jahrzehntelang war der heutige Bundestrainer das Gesicht des deutschen Tischtennis-Sports, sein Aushängeschild und bester Werbeträger. Dass sich Anfang der Neunzigerjahre gut 80.000 Deutsche in Tischtennis-Vereinen anmeldeten, lag vor allem an seiner Popularität.

Dieser Mann ist eine Legende. "Tischtennis", sagt Jörg Roßkopf, "ist wie Schach. Die hohe Kunst besteht darin, die Schwächen des Gegners zu durchschauen und zu seinen Gunsten zu nutzen."

Das wird ihm heute nicht schwerfallen. Heute trifft er auf einen Hobbyspieler. Auf mich.

Als ich mit 14 beim ruhmreichen TTC Fanfarenzug Garßen mit Tischtennis begann, brauchte ich erst mal einen geeigneten Schläger. Ein auf mich zugeschnittenes Unikat, keine dieser Billigkellen aus dem Supermarkt. Im daumendicken Tischtennis-Katalog wählte ich ein Holz aus, dazu einen schnellen Belag für die Vorhand, einen langsameren für die Rückhand. Auf den meisten Seiten hoben entweder der Schwede Jan Ove Waldner oder Jörg Roßkopf aufmunternd den Daumen, es konnte also gar nicht schiefgehen.

Jeden Freitag um 18 Uhr holte ich meinen Freund Mike ab, kaufte am Eingang der Garßener Turnhalle eine Cola und eine bunte Tüte mit Schlümpfen und Fruchtgummi-Erdbeeren. Wir rollten die Platten aus den Stauräumen unter der Tribüne und begannen in gruseligen Neunzigerjahre-Klamotten zu trainieren. Unser Held hieß Dirk, er war die Nummer 1 der ersten Herren und bewegte sich an der Platte wie ein Flummi. Mit 16 feierte ich meinen größten Tischtennis-Erfolg: das Double aus Kreispokal und Kreismeisterschaft, hart erkämpft in den muffigen Turnhallen des Landkreises Celle.

Showdown morgens um 9 Uhr

Später in Berlin traf ich mich jahrelang mit einem guten Freund in einer ranzigen Friedrichshainer Sporthalle, es tropfte von der Decke, der Boden warf Blasen. Aus den hitzigen Duellen wurde vertraute Regelmäßigkeit, aus der Freundschaft eine sehr enge Freundschaft. Vor zwei Jahren hatte er einen Unfall. Seitdem haben wir nie wieder gegeneinander gespielt.

Tischtennis bedeutet mir etwas, Jörg Roßkopf ist für mich einer der wichtigsten deutschen Sportler der vergangenen 30 Jahre. Der "Stern" bezeichnete ihn mal als Boris Becker seiner Sportart. Wie würde wohl Becker reagieren, wenn ein Journalist ihn per Mail um eine Trainingsstunde bittet? Jörg Roßkopf antwortete schon nach einer halben Stunde, lud in die Landessportschule nach Frankfurt ein und verabschiedete sich mit "Gruß, Rossi". Er befand sich übrigens gerade bei der Weltmeisterschaft in Budapest.

Um 9 Uhr morgens empfängt mich Rossi mit Tasche über der Schulter und aufgewärmten Muskeln. Der Mann wird am 22. Mai 50 Jahre alt, wirkt aber mit seiner athletischen Figur, als würde er nie etwas anderes tragen als Trikot, kurze Hose und Turnschuhe.

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Jörg Roßkopf: Der Aufstieg zum "Mr. Tischtennis"

Bunte Tüten gibt es in der Landessportschule nicht, dafür sind die Platten längst aufgebaut. Neben den Netzen halten Holzkonstruktionen mit Bällen gefüllte Plastikschalen. Sonst ist alles wie früher in Garßen: an der Wand Holzbänke, um die Platten dunkelgrüne Abfangmatten, in der Hallenmitte die obligatorische elefantengraue Trennwand, dahinter der gedämpfte Lärm von Ballsportlern.

"Beim Tischtennis ändert sich nichts", sagt Roßkopf lachend, als ich von den vertrauten Eindrücken erzähle. Vielleicht meint er auch sich selbst. Der Mann hat deutsche Sportgeschichte geschrieben, aber damit Tischtennisspieler abheben, muss man sie schon in ein Flugzeug stecken. Die vielleicht bodenständigste (nur Unwissende würden sagen: langweiligste) Sportart des Landes bringt eben auch bodenständige Sportler hervor. Selbst der nun schon seit Jahren von Roßkopf trainierte Millionen-Mann Timo Boll versprüht den Charme eines freundlichen Sparkassen-Beraters aus der Kleinstadt.

Plopp! Der Soundtrack von Roßkopfs Leben

Einschlagen mit Jörg Roßkopf, das muss ich eigentlich erst mal sacken lassen. Doch so viel Zeit ist nicht, Tischtennis ist ein schnelles Spiel. Verliert das Auge den Ball, verliert der Arm den Rhythmus, und es geschieht, was mir in diesen ersten Minuten passiert: Es kommen keine Ballwechsel zustande. Milde korrigiert der Meister mein Spiel ("Arm weiter oben halten, Bewegung aus dem Unterarm, früher treffen!"), endlich erfüllt das vertraute Ploppen des Balles auf Schläger, Platte, Schläger, Platte die halbe Halle. Ein Ohrwurm meiner Sportlerjugend, Soundtrack von Rossis Leben. Vorhand, Vorhand, Vorhand. Rückhand, Rückhand, Rückhand.

Ein paarmal wage ich, verkappter Defensivspieler, mich zwei Meter hinter die Platte und pariere zwei, drei Attacken des Linkshänders, dann macht er ernst und schmettert den Ball unerreichbar gegen die Laufrichtung. "Viele halten Tischtennis für ein einfaches Spiel", sagt Roßkopf, und ich denke, mir würde das im Traum nie einfallen. "Ist es aber nicht." Wie zum Beweis bringt er so stark angeschnittene Aufschläge übers Netz, dass ich von sechs Versuchen fünf versemmele und den einzigen gelungenen Return zurückgedonnert bekomme.

Beim Spiel sprechen wir über Roßkopfs Karriere. Wie er damals nach dem überraschenden WM-Sieg im Oldtimer durch seinen Heimatort kutschiert wurde, wenige Tage später noch den Europapokal mit Borussia Düsseldorf gewann und gleich nach dem letzten Schlag in einem Privatjet nach Berlin flog, um als Gast in der Frank-Elstner-Show "Die Nase vorn" aufzutreten. Über die 1989 eigens für die Dortmunder WM komponierten Hymne "Magic Ball", die er bis heute mitsingen kann: "Magic games, you keep me going on...".

Wie er bei internationalen Spielen den Sportlerkollegen hinter dem Eisernen Vorhang seine benutzten Beläge zusteckte, weil denen in ihrer Heimat gutes Material fehlte. Wie er 1992 an der Seite seines Freundes und WG-Partners "Speedy" nur knapp die Olympia-Goldmedaille verpasste - was ihn bis heute wurmt: "Ich würde gern das verlorene Finale neu spielen."

Auch in meinem Holz wohnt ein Vogel

Seit 35 Jahren bestimmt dieser Sport sein Leben. Alte Liebe rostet nicht, die Arbeit als Trainer sei ähnlich erfüllend wie die als Spieler, sagt Roßkopf - "aber irgendwann ist ja auch mal gut". Später will er Golf spielen und mehr Zeit zu Hause verbringen. Im Schuppen steht eine Platte, aber die kommt fast nie zum Einsatz. Jörg Roßkopf will die Arbeit nicht mit nach Hause nehmen.

Die Trainingsstunde ist gleich vorbei. Die anfangs wacklige Rückhand sitzt, ein paar Aufschläge haben dem Bundestrainer ganz gut gefallen. Aber ich kann nicht gehen, ohne ihm wenigstens einmal den Ball um die Ohren zu schmettern.

Rossi hat einen letzten Tipp: "Beim Tischtennis steht und fällt alles mit der richtigen Haltung des Schlägers. Einer meiner ersten Trainer hat mir mal gesagt: Stell dir vor, in deinem Holz wohnt ein Vogel. Und du musst den Griff deines Schlägers so fest halten, dass der Vogel nicht wegfliegen kann. Aber auch so locker, dass du ihn nicht zerdrückst."

Die letzten Ballwechsel. Ich denke an '89, an Fetzner in Roßkopfs Armen. An Mike und die bunten Tüten, an die ewigen Zweikämpfe in der Friedrichshainer Bruchbude. An den Vogel, der auch in meinem Holz wohnt. Roßkopfs Rückhand landet auf meiner Vorhandseite. Jetzt oder nie. Pamm! Mein Schlag landet unerreichbar in der hinteren rechten Ecke. Rossi hat keine Chance. "Also das", sagt die Tischtennis-Legende auf der anderen Seite der Platte, "war ja Weltklasse!"

Das Training ist vorbei, der Amateur schwebt auf Wolke sieben. Fast so schön wie damals der Sieg im Kreispokal. Jetzt erst mal eine bunte Tüte.

insgesamt 7 Beiträge
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Wulfing von Rohr, 22.05.2019
1. Danke
für den bildhaften dichten Bericht.
Michael Sell, 22.05.2019
2. Glücksgeschichte !
Schöne Erinnerungen wollen vorbereitet sein! Freundlich gefragt, positive Antwort bekommen , und es entstand eine lebendige, unprahlerische Geschichte, wo der Leser alle Gefühle des Autors nachempfinden kann. Wie heisst es: Mittendrin statt nur dabei. Danke !
Marti Ziegert, 22.05.2019
3. süss
schön geschrieben, gern gelesen - bedanke mich ebenfalls!
Jjan Poersckhe, 22.05.2019
4. Danke
ich erinnere mich noch daran dass wir in der 5ten / 6ten Klasse in jeder Pause auf den Beton Tischtennisplatten auf dem Schulhof spielten - jeder wollte Rosskopf, Steffen fetzner oder Jan Ove Waldner sein.. :-)
schwelle, 22.05.2019
5.
Vorher hatte Tischtennis immer dieses "Wir spielen auf Klassenfahrten Rundlauf-Image". Mit Jörg Roßkopf änderte sich das. Da wurde Tischtennis zu einer "echten" Sportart und man wurde nicht mehr belächelt, weil man nicht im Fußballverein war...
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