Jugend in der DDR "Deutschland, Deutschland, spürst du mich?"

Ein Ost-Berliner Punker mit "Toy Dolls"-Kassetten war Marko Schuberts erstes Idol. Als der Teenager später selbst Lieder der Kultband "Die Ärzte" sang, grölte die ganze Klasse mit. Mit West-Musik lehnten sich DDR-Jugendliche gegen das System auf - und viele Lehrer hörten weg.


Bergi und ich machten die Musik. Im Klassenzimmer hatten wir die Tische an die Wände gerückt und die Stühle in U-Form aufgestellt. Unsere Anlage stand in der rechten Ecke auf dem Lehrertisch, mit einem Verstärker und zwei alten Boxen aus dem Musikzimmer, die an den Kassettenrekorder gestöpselt waren.

Nicht ein einziges Lied einer DDR-Band war dabei, und unser Lehrer Herr Blase ermahnte uns auch nicht, welche zu spielen. Er verschwand ins Lehrerkabinett und tauchte erst wieder um 21 Uhr auf, um das Licht anzumachen. In den Stunden dazwischen legten wir mindestens sechs Mal "Ich will Spaß" von Markus ein. Alle Jungs sprangen dann sofort von den Stühlen und brüllten mit in die Höhe gereckter Faust - und wie von Sinnen - die Zeile: "Deutschland, Deutschland, spürst du mich? Heut' Nacht komm ich über dich." Es war der 12. November 1985, wir machten Klassen-Disco.

Am Tag danach war ein Fahnenappell anberaumt. Alle Klassen stellten sich zunächst vor der Schule in Zweierreihen auf und marschierten dann im Gleichschritt zu Arbeiterliedern. Für uns war das eine willkommene Abwechslung im tristen Schulalltag. Am Anfang ertönte krächzend ein Kampflied aus den alten Lautsprecherboxen, die wir noch am Vorabend benutzt hatten. Die Schüler der höheren Klassen gaben sich Mühe, besonders falsch zu singen und, wenn möglich, den Text zu verunstalten. Zum Beispiel hieß es: "Ich trage eine Fahne und diese Fahne ist rot. Es ist die Arbeiterfahne, die Vater trug durch die Not." Das Wort "Arbeiterfahne" wurde von uns durch "Arschkriecher-Fahne" ersetzt. Was durch den "Kot" getragen wurde, klang so viel fröhlicher.

"Immer breit"

Sobald alle Schüler in U-Form ihren Platz eingenommen hatten, hissten die "Arschkriecher" aus dem FDJ-Freundschaftsrat theatralisch die DDR- und die rote Arbeiterfahne. Der Vorsitzende Hannes Jungblut rief ins Mikrofon: "Für Frieden und Sozialismus. Seid bereit!" Die Pioniere in den vorderen Reihen parierten mit ihrem "Immer bereit". Die FDJler, die soeben noch "Immer breit" gemurmelt hatten, bekamen ihr "Freundschaft" vorgesetzt und antworteten mit einem gezischten "Feindschaft", weil keinem etwas Kreativeres eingefallen war.

Vor uns lagen zehn Treppenstufen. Oben auf einer zusätzlichen Empore stand die Direktorin Frau Seifert und nannte ein paar Schüler, die sich positiv hervorgetan hatten. Dirk aus meiner Klasse erhielt von ihr einen Buchgutschein in Höhe von zehn Mark, weil er Zweiter der Mathe-Olympiade von Friedrichshain geworden war. Der eigentliche Höhepunkt folgte aber erst, als die schlimmsten Schüler nach oben zitiert wurden. Die Seifert brüllte nun mit fester Stimme ins Mikrofon: "Einen Tadel erhalten: Peter Kunert und Stefan Kartman." Waren die zuvor ausgezeichneten Schüler einfach ignoriert worden, gab es für die Getadelten von uns zustimmenden Applaus.

Applaus für "Peter Punk"

Meine "Lichtgestalt" war damals Peter, ein Junge zwei Klassen über mir. Seit ich in der Fünften war, wurde er bei jedem Appell öffentlich verurteilt. Er war etwas ganz Besonderes, nicht nur wegen seines Irokesenschnitts, der Jeans mit Löchern, der zerschlissenen Lederjacke und der klobigen schwarzen Armeeschuhe. Schon in den achtziger Jahren hörte er fies klingende Kassetten der britischen Band "Toy Dolls", später war er in ganz Ost-Berlin als "Peter Punk" bekannt. Irgendwann hatten sich seine Streiche schon vor dem Appell in der gesamten Schule herumgesprochen. Sobald der Punker seine Bühne betrat, begannen alle aufmarschierten Jugendlichen Beifall zu klatschen und "Bravo!" zu rufen. Ich bewunderte diesen zynisch lächelnden Typen sehr.

Auf einer dreitägigen Chorreise ins Erzgebirge mit dem Jahrgang wurde Mario Grossi aus der zehnten Klasse die zweite Lichtgestalt meiner Jugend. Im Gegensatz zu Peter Punk sah er extrem gut aus, so wie ich mir in der DDR einen Italiener vorstellte. Ein großer Mensch mit glänzend schwarzen Haaren, dunklen Augen und feinen Gesichtszügen, der gerne weiße Hemden auf Bluejeans trug und natürlich keinerlei Löcher in Hosen oder Ohren hatte. Er besaß einen riesigen West-Rekorder und sämtliche bis dahin erschienenen Platten der "Ärzte" auf BASF- und TDK-Kassetten. Wie seine West-Kassetten roch er auch anders als wir. Das konnte ich als langjähriger Orwo-Kassetten-Schnüffler, Florena-Deo-Benutzer und Badusan-Bader durchaus einschätzen.

Vor allem konnte Mario phantastisch singen. Obwohl ich selbst schon vor Mutters Arbeitskollegen bei Betriebsfeiern zum Einsatz gekommen war, fast in der Musikschule gelandet wäre und seit jeher dem Schulchor angehörte, schämte ich mich fast in seiner Gegenwart. Vor dem zukünftigen Startenor des Ostens konnte man nur andachtsvoll auf die Knie fallen. Zusammen mit Grossi und Bergi lernte ich im Chorlager tagelang heimlich alle Titel der "Ärzte" auswendig. Wir sangen sie dreistimmig nach. Mario war der Frontmann Farin Urlaub, ich sang zumeist Moll - was erst im Verbund mit den anderen Tonlagen einen Sinn ergab - und Bergi machte Nebengeräusche wie "Ba ba baba" und "Dadum".

"El Cattivo" statt deutscher Kanons

Der Chorleiter Herr Elster bekam davon nichts mit. Wie alle anderen stand er überrascht in der voll besetzten Turnhalle, als wir mit unserem Auftritt zu Marios Abschiedsparty in der zehnten Klasse begannen. Bei der Anmeldung für das Showprogramm hatten wir gesagt, dass wir deutsche Kanons singen würden. Bereits nach den ersten Takten von "El Cattivo" bekamen wir stehende Ovationen. Wir sangen so dreckig, wie es nur ging: "El Cattivo reitet einsam durch die Nacht, er hat vor zwei Tagen ein Kind umgebracht."

Nach "Sommer, Palmen, Sonnenschein" gab es bereits lautes Fußtrampeln. Später kamen noch drei Zugaben, bei denen die komplette Sporthalle mitgrölte, und nach dem "Schlaflied" war Schluss. "Wir sind 'Die Ärzte' aus Berlin!", brüllten wir vor jedem Titel. Die echte Kultband spielte in West-Berlin, also beim vermeintlichen Klassenfeind. Sie war uns so nah und zugleich so unendlich fern hinter dieser dicken Mauer. Laut "El Cattivo" siegte immer das Böse. Und wir hatten ihn und "Die Ärzte" für eine Dreiviertelstunde in eine kleine Ost-Berliner Turnhalle geholt.

Beim Abgesang auf die DDR im Herbst 1989 lernte ich dann Claudia kennen, die meine Lichtgestalt Nummer drei wurde. Zu dem Zeitpunkt verstanden Funktionäre, Lehrer und Parteiobere keinen Spaß mehr. Die zahlreichen Flüchtlinge machten ihnen allmählich Angst, da "Deutschland immer spürbarer wurde". Nur wenige Leute bewiesen in der Lage Mut und Stolz. Doch Claudia signalisierte dem totalitären System konsequent "Fuck off". Dabei wusste niemand, was mit den Menschen geschehen würde, die sich heimlich in Kirchen, Wohnungen und Kneipen trafen, um für neue Freiheiten zu kämpfen. Claudia ließ sich nicht davon abschrecken, dass sie dafür vielleicht jahrelang im Knast landen würde.

Mir blieb der Zutritt zu ihrem Zirkel leider stets verwehrt. Zu Recht, denn sie hätte Angst haben müssen, dass ich etwas verraten könnte. Dass ich nie zu dieser "Verschwörergruppe" gehörte, ärgerte mich maßlos und machte Claudia unendlich interessant. So erschien es mir schließlich als "Wunder im Wunder", dass genau sie mir als Erste um den Hals fiel und mich anbrüllte: "Mensch - die Mauer ist offen!"

Claudia - die übrigens einige Jahre später den Bestseller "Meine freie deutsche Jugend" schrieb - wurde nach der Wende als Sinnbild für alles Neue zu unserer Schulsprecherin gewählt. Und ich wurde der erste frei gewählte Klassensprecher eines Jahrgangs, der als letzter sein Abitur in einem Land namens DDR machte.

Zum Weiterlesen:

Mark Scheppert: "Der Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens. 30 vergnügliche Geschichten aus dem Alltag der DDR." Books on Demand GmbH, Norderstedt 2009, 228 Seiten.

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
Frank Schönian, 24.11.2013
1.
Mann, mann, mann... Ich habe auch am Wochenende vor meinem SKR 700 gesessen und nur von RIAS und SFB 2 aufgenommen. Auf Schuldiscos gab es auch nur Westmusik. Ich wurde sogar mal zum Direktor zitiert, weil ich zur Gymnastik im Sportunterricht "Militürk" von Fehlfarben gespielt habe. Im Wehrlager haben wir gesungen: "Wir kämpfen und siegen für dich - für unsere Freizeit". Außerdem bin ich mit 'nem Glasnost-y-Perestroika-T-Shirt rumgelaufen, habe eine Eingabe wegen des Sputnik-Verbots verfasst und es wurde eine kritische Wandzeitung von mir abgenommen. Macht mich das jetzt auch zum Widerständler? Wohl eher nicht! Grundsätzlich war ich als 16-jähriger vom Sozialismus überzeugt und wollte diesen nur reformieren. Mir waren die Wegducker und Ja-Sager zuwider und ich habe mich eher mit Leuten abgegeben, die der Kirche nahe standen oder sonstwie alternativ waren. Die waren interessanter und haben zumindest den Mund aufgemacht und ihre Meinung gesagt! Auch das ist eine Geschichte aus der untergehenden DDR. Ich halte es für falsch, dass jetzt jeder aus jugendlich-pubertärem Aufbegehren Widerstand machen will... mfg, Frank Schönian
Gregor Berner, 25.11.2013
2.
auch ich hatte mit meinem KR 650 (den hatte ich 86 zur Jugendweihe bekommen und funktioniert heute immer noch!) Westmusik aufgenommen. Heute wäre ich ein ganz böser Raubkopierer und die GEMA würde mich verklagen, wenn ich damit auch noch unangemeldet Disco machen würden. Aber wir leben ja heute in einer gerechteren und besseren Welt. Ich darf heutezutage reisen wohin ich will....haha...später muss ich es tun, weil die Rente nie reichen wird!
Fred Gehlhar, 25.11.2013
3.
Klasse Beitrag, @ Frank! Das kann man nur Zeile für Zeile unterschreiben. Ich hatte als damals 19-jähriger glücklicherweise Zugang zu den "inneren Zirkeln", von denen Marko schreibt. Dort war von D-Mark und Wiedervereinigung gar keine Rede. Erst als die Leute sahen, dass uns nicht mehr viel passierte, kamen alle angekrochen und wollten die D-Mark, Westautos, Videorecoreder und Farbfernseher. Nun, wir haben dies alles bekommen, obwohl der Zweck unseres Aufbegehrens vielleicht ein anderer war. Deshalb sehe ich mich auch nicht als Widerständler, das eigentliche Ziel wurde um Längen verfehlt. :)
Stefan Holger Schandera, 25.11.2013
4.
Mich wundert auch manchmal, was hier so alles zur großen Revolution oder wenigstens zum zivilen Ungehorsam aufgeblasen wird. Ich (69er Jahrgang und damit 80er Teenie) kannte damals keinen, der Ostmusik gehört und Ostjeans getragen hat. Die FDJ-Hemden haben wir meist zerknüllt aus der Hosentasche gezogen, wenn sie mal jemand sehen wollte. Wirklich gejuckt hat das alles schon damals Mitte der 80er niemanden mehr. Schlimm waren eher die wirklich angepassten "EOS-3 Jahre Armee-Studium-und dann weiter im Gleichschritt durch's Leben" Typen, aber davon gibt es wohl in jeder Gesellschaft genug. Für mich waren die 80er im Osten im Nachhinein eine wunderbare Zeit, weil wir uns alles erlauben durften und das Gefühl der Rebellion nicht nur gegen die Alten sondern gleich noch gegen das System so richtig ausgelebt haben. Aber wie gesagt, das war damals - jedenfalls hier in Dresden City - eher die Regel denn die Ausnahme.
Frank von Schirach, 25.11.2013
5.
Ostalgie? Das klingt alles wie eine Mischung aus Ludwig Thomas "Lausbubenstreiechen" und den 'Notizen aus dem Alltagsfaschismus. Hat jemand schon mal angemerkt, daß die DDR und echte(!) faschistische Regime nicht zu vergleichen sind?
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