Kapitäne erzählen Huch, ein Hai an der Angel

Salzfleisch aus stinkenden Fässern, Haferschleim und "Spechts Geheimnis": Als Hans Peter Jürgens vor 70 Jahren mit dem legendären Großsegler "Priwall" um Kap Hoorn segelte, war die Verpflegung alles andere als bekömmlich. In ihrer Not warfen die Seeleute Köder aus - und fingen ein Monster.

Hans Peter Jürgens

Eigentlich sollte es eine reine Routinefahrt werden, als der 15-jährige Schiffsjunge Hans Peter Jürgens vor 70 Jahren in Richtung Kap Hoorn ablegte. Doch als der Großsegler "Priwall" wenige Wochen später in Chile festmachte, begann für Jürgens eine Odyssee durch eine Welt im Krieg. Er arbeitete als Straßenbauer in Chile, überlebte ein Lager im afrikanischen Dschungel und fütterte Bären an Kanadas großen Seen. Lesen Sie seine spannende Geschichte hier auf einestages, von jetzt an jede Woche eine neue Folge.

Unter vollen Segeln passierte die "Priwall" die Leuchttürme der bretonischen Insel Ouessant und steuerte hinaus auf den Atlantik. Zwei Tage waren wir in der Biskaya unterwegs, als uns ein Bananendampfer entgegenkam, der auf der Rückreise von Kamerun nach Deutschland war. Das Schiff stampfte immer näher heran, bis es auf Brüllweite war.

"Wollt ihr Bananen rüberholen?", schrie jemand.

Einer der Jungen der "Priwall", Hermann Meyer hieß er, war Sohn des Kapitäns auf dem Bananendampfer. Am liebsten hätten wir im Chor zurückgeschrien: "Oh ja, jede Menge!", doch unser Kapitän lehnte die Offerte zu unserem Bedauern ab, weil er keine Verzögerung der Fahrt wünschte. Hinterher meinte er, dass es sich nicht gehöre, an Bord eines stolzen Segelschiffs Bananen zu essen.

Besonders wir Jungen fluchten, natürlich nur so laut, dass es keiner der Offiziere oder Matrosen mitbekam. Unsere Verpflegung war miserabel, was Qualität und Menge betraf. Das Essen war unser Gesprächsthema Nummer eins: Mehr noch als um Detektiv Tom Shark oder Agent John Kling ging es um unsere traurige Dauerdiät aus Hülsenfrüchten, aus Salzgemüse, aus ekligem Salzfleisch und gesalzenem Speck, aus Haferschleim und "Spechts Geheimnis". So hieß der Kaffee oder besser gesagt eine Art Kaffee, der aus gepressten Kaffeeplatten gekocht wurde. Diese sahen aus wie Schokoladenriegel, schmeckten aber äußerst bitter. Zwei Riegel genügten, um eine Kanne zu füllen, aber niemand wollte wissen, was eigentlich das Geheimnis von "Spechts Geheimnis" war.

Faulige Kartoffeln, geschmolzene Margarine

Besonders das Salzfleisch, in stinkenden Fässern gelagert, und die Kartoffeln waren, je länger die Reise dauerte, kaum zu genießen und gerade noch im Labskaus zu ertragen. Frische Kartoffeln faulten in der feuchten Seeluft schnell und verbreiteten einen penetranten Gestank. Sie wurden durch getrocknete Kartoffeln ersetzt, eine sonderbare Erfindung mit eigenartigem Geschmack. Wir waren überzeugt, dass manche unserer gesalzenen Mahlzeiten - eine Kühlung gab es an Bord nicht - bereits mehrfach den Äquator gequert hatten. Dass die Ernährung auf britischen Schiffen noch scheußlicher sein sollte - dort nannte man das Essen ohne Umschweife "Salted Horse" (gesalzenes Pferd) -, tröstete kaum.

Der Geiz der Reeder ging so weit, dass man uns Seeleuten nicht mal das in der Speiserolle vorgeschriebene Pfund Margarine zugestand. Man händigte uns zwar ein Pfund aus, aber nicht ein halbes Kilo, sondern ein Pfund nach englischer Maßeinheit. Was eigentlich auch egal war, denn das Streichmittel, das man "Margarine" nannte, war mehrfach geschmolzen und hatte sich danach durch Abkühlung wieder erhärtet. Von den beiden Schichten, die sich in der Dose gebildet hatten, war eine durchsichtig und klar, die andere grau und mehlig. Keine Ahnung, was man mit dem Zeug anfangen konnte - zum Verzehr war es kaum geeignet.

Manchmal versuchte unser Schiffskoch, den Speiseplan mit Frikadellen aus Schwarzbrot und Sojaöl zu ergänzen, was allerdings genauso appetitlich war, wie es sich anhört. Trotzdem aßen wir alles, was wir bekamen, denn viel war es nicht. Hunger war unser ständiger Begleiter. Zwei Schweine lebten in einem Verschlag an Deck. Zwei recht stattliche Hausschweine, für die auf der Hälfte der Strecke die Reise zu Ende war. Wir konnten es kaum erwarten, dass sie geschlachtet wurden, wobei ich als Letzter in der Bordhierarchie nicht gerade das Filetstück abbekam. Von den Schweinen blieb nichts übrig.

Ein Hai an der Angel

Einigen Matrosen kam eine Idee, wozu der Salzspeck noch zu gebrauchen war: Sie köderten damit einen großen Hai, der die "Priwall" stundenlang verfolgt hatte. Als der Raubfisch - etwa dreieinhalb Meter lang - schließlich anbiss, herrschte große Aufregung. Mit Vorsicht hievten die Fänger das Monstrum, das wild mit dem Schwanz um sich schlug, an Deck. So kam es auf unsere Speisekarte. Der Hai schmeckte nicht so gut wie ein Delfin oder einer der fliegenden Fische, die manchmal morgens auf Deck lagen, aber immerhin.

Es kam vor, dass mancher seine Wochenration Proviant mit einem Mal aufaß. Anschließend war man auf die Almosen der Kameraden angewiesen. Nachschlag aus der Bordküche? Ausgeschlossen. In meinem Leben war ich nur einmal seekrank. Zumindest war das die offizielle Version. In Wahrheit hatte ich nämlich eine Dose Corned Beef, die auf wundersame Weise den Weg aus der Kombüse in meine Tasche gefunden hatte, auf einmal aufgegessen. Neben dem Kaffeeverschnitt tranken wir Tee, also bräunlich gefärbtes Regenwasser, das in einem großen Tank gesammelt wurde. Drei Mann teilten sich eine Holzpütze, wie die kleinen Behälter genannt wurden. Das musste zum Trinken, zum Waschen und zum Reinigen der Kleidung genügen. Unser Arbeitszeug roch schon nach kurzer Zeit wie ein "Salted Horse".

Unterwäsche und Handtücher wusch man natürlich; doch mit der Menge Kernseife, die man uns gab, war es nicht möglich, die Wäsche wirklich sauber zu bekommen. Das Zeug war mit einer dicken Schmiereschicht überzogen. Löcher flickte man mit altem Segeltuch. Wenn es gar nicht mehr anders ging, knoteten wir Jacken und Hosen an eine Leine und hingen das Bündel von Bord; was der Kapitän aber nicht gern sah und schließlich verbot. Ein paar Jacken und Hosen an einer Leine bremsen das Tempo einer Viermastbark unter vollen Segeln natürlich ungemein! Wer während einer Einlaufparade in irgendeinem Hafen, wenn Großsegler unter Motorengetucker vorbeiziehen, romantische Anwandlungen bekommt, sollte an "Spechts Geheimnis", die ranzige Margarine und meine alte Hose denken.

"Findest du mich nicht witzig?"

Disziplin und Gehorsam - das lernten wir in den ersten Wochen auf See. Bisweilen schlugen die Matrosen und Offiziere einen rauen Ton an, aber das gehörte dazu. Man muss sich das vorstellen: Ein Schiff, das auf das Funktionieren seiner Mannschaft angewiesen war, legte in Hamburg ab, um das meistgefürchtete Gebiet der Welt zu durchsegeln, von Ost nach West, gegen Wind und Strömung und obendrein im Südwinter. Mehr als ein Viertel der Besatzung aber bestand aus Anfängern. Bis Kap Hoorn blieben nur wenige Wochen, um aus uns einsatzbereite Seeleute zu machen.

Zum Problem wurde, dass einige Matrosen die notwendige Härte mit sinnloser Schikane verwechselten. Sie mochten es offenbar, andere zu quälen. Dazu gehörte der Zweite Offizier, ein Mann mit dunklen Haaren, einer breiten Nase und den Muskeln eines Boxers, der sich auch benahm wie ein Boxer. Seine Masche war es, einen Witz zu erzählen.

"Findest du mich nicht witzig?", fragte er mit gespielter Empörung, wenn es keine Reaktion auf den Scherz gab. Dann schlug er zu.

"Lachst du mich etwa aus?", rief er, wenn jemand lachte. Und schlug zu. An manchen Tagen, wenn seine Laune besonders schlecht war, benötigte er gar keinen Anlass, um Ohrfeigen zu verteilen. Beschweren konnten wir uns über ihn nicht. Bei wem denn? Der Kapitän war eine unansprechbare Autorität an Bord, und damit er einen seiner Offiziere zurechtweisen würde, musste erst etwas wirklich Schlimmes passieren.

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Zur anderen Sorte der Quäler gehörten einige Matrosen, die nicht zu den Klügsten an Bord zählten. Wie so oft im Leben sind es Inkompetente, die wissen, dass sie eigentlich zu den Verlierern zählen, die andere drangsalieren, weil es ihnen hilft, ihr angekratztes Selbstwertgefühl zu pflegen. Zu beliebten Spielen gehörte es, einen der Jungen mit schweren Handspaken, den hölzernen Hebeln zum Drehen des Ankerspills, auf dem Deck hin und her marschieren zu lassen. Manchmal sogar mit angehängten Wassereimern. Dazu mussten wir Schlager singen, wie "Schwarzbraun ist die Haselnuss".

Immer geschahen die Schikanen im Schutze der Nacht. Tagsüber blieb wegen der Menge an Arbeit keine Zeit, und vermutlich hätten auch manche Offiziere das unwürdige Treiben unterbunden. Doch ganz hilflos waren wir nicht, das wussten wir. Gegen den Zweiten Offizier konnten wir nichts unternehmen, er war als Nummer drei der Bordhierarchie unantastbar.

Gegen die Matrosen hingegen konnten wir uns wehren.


Lesen Sie die nächste Episode von Hans Peter Jürgens Reise hier auf einestages.

Aufgezeichnet von Stefan Krücken



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Jan Kubinski, 02.06.2009
1.
Nicht wirklich wild, aber als halber Bretone komme ich nicht drum herum darauf hinzuweisen, dass die eingangs erwähnte Insel Ouessant heißt und nicht Quessant :)
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