Karl May Old Lügenbold

Er durchstreifte den Orient, wurde Winnetous Blutsbruder, rang mit Grizzlybären - und behauptete, dass er all die irren Abenteuer selbst erlebt hatte. Dann wurde Karl May als dreister Lügner enttarnt. Von Presse und Fans gehetzt zog er sich zurück - um sein eigentliches Werk zu beginnen.

Karl-May-Gesellschaft

Von Karin Seethaler


An jenem Juliabend 1897 hatte sich im Münchner Hotel "Trefler" eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft eingefunden. Offiziere waren darunter, Arbeiter, Kaufleute, Geistliche. Sie alle waren gekommen, um ihn zu hören: Dr. Karl May aus Radebeul in Sachsen, den berühmten Schriftsteller und Weltreisenden - auch bekannt als "Old Shatterhand", auch bekannt als "Kara Ben Nemsi".

Schmächtig war er manchen erschienen, dieser Mann, der so viele tollkühne Abenteuer bestanden, der mit Indianern gekämpft und das halbe Osmanische Reich durchquert haben wollte. Doch kaum hatte er zu erzählen begonnen, war es, als wüchse er über sich selbst hinaus: Lebhaft schilderte er Begebenheiten seiner "mehr als zwanzig Amerikareisen", vollführte wilde Kraftübungen, indem er Tische hochhob und zeigte den Anwesenden furchtbare Narben, die er im Kampf mit einem Grizzly davongetragen habe. Gefragt, ob er all die haarsträubenden Abenteuer in seinen Büchern wirklich selbst erlebt habe, antwortete May, jeder Vorfall, den er beschreibe, entspreche "der Wahrheit".

Es war zweifellos eine beeindruckende Darbietung. Ein Reporter des "Bayerischen Kurier", der nach der Abreise des Autors von dessen Audienzen im "Trefler" berichtete, geriet regelrecht ins Schwärmen: "Mir und wohl allen, die in diesen Tagen mit Dr. Karl May zusammentrafen", notierte er ehrfürchtig, "war es eine große Freude und wird es eine bleibende Erinnerung sein, diesen Mann, der die ganze Welt bereist hat, der über 1200 Sprachen und Dialekte versteht, den letzten Vertreter der Romantik des Wilden Westens, von Angesicht zu Angesicht gesehen zu haben."

Keiner hatte damals ahnen können, dass diese triumphale Darbietung Karl Mays eine der letzten sein würde, die ihm vergönnt sein sollten. Ein Auftritt, bei dem der Autor in der Gunst der Massen badete – und für den er bald bitter bezahlen sollte.

Die große Wende kam während einer Fahrt in den Orient, zu der Karl May 21 Monate nach dem denkwürdigen München-Besuch aufbrach. Es war die erste längere Reise, die den inzwischen 57-Jährigen an einige der realen Schauplätze führen sollte, die er in seinen Romanen so lebendig geschildert hatte.


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In Wahrheit aber hatte Karl May all die fernen Länder nur "mit der Seele gesucht", wie sein Biograf Hans Wollschläger später schrieb. Dabei hatte er neben den Berichten anderer bald immer mehr von seiner eigenen Person in die "Gesammelten Reiseerzählungen" einfließen lassen. Zunächst verdeckt, dann immer expliziter, wies er in seinen Texten darauf hin, dass es sich bei dem Autor auch um den Helden der Abenteuer handle. So weit trieb er die Verschmelzung von Realität und Fiktion, dass er in den Augen vieler Leser bald tatsächlich zu dem unfehlbaren Trapper wurde, den sie als Old Shatterhand kannten.

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Grenzenlose Phantasie: "Erst jetzt an meine eigentliche Aufgabe"

Im selben Maß, in dem er mit seinem Romanhelden verschmolz, wurden auch die Auftritte Mays in der Öffentlichkeit immer greller und grotesker. In seiner "Villa Shatterhand" in Radebeul bei Dresden empfing er Gäste in exotischen Kostümen und legte ihnen Pergamente vor, die mit Menschenblut beschrieben sein sollten. Auch an einen ausgestopften Löwen im Arbeitszimmer des Autors – angeblich von diesem selbst durch einen Schuss ins Auge erlegt – erinnerten sich Besucher.

Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis jemand an einer derart marktschreierischen Selbstinszenierung Anstoß nehmen musste. Im Juni 1899, während der Autor selbst noch in Ägypten weilte, war es soweit: In der "Frankfurter Zeitung" erschien ein längerer Artikel, in dem Mays Reiseerzählungen eine "gesunde Roheit" bescheinigt und die Frage nach der Glaubwürdigkeit ihres Verfassers aufgeworfen wurde. Die Vorwürfe trafen einen wunden Punkt. Und doch war es eher die überhastete und ungeschickte Reaktion von Mays Freunden, die dafür sorgte, dass aus dem Skandälchen eine ausgewachsene Affäre wurde.

"Dreiste Zumuthung an die Leichtgläubigkeit"

So sah sich etwa Richard Plöhn, ein enger Bekannter des Schriftstellers, bemüßigt, kurz nach Erscheinen des Artikels bei der "Frankfurter Zeitung" eine "Berichtigung" zu verlangen, wobei er gleichzeitig – ganz im Stile Karl Mays und mit einer gewissen Verbissenheit – versicherte, bei den Texten des Freundes handle es sich um authentische Berichte und "durchaus keine Phantasiegebilde". Unterstützt wurde Plöhn auch von Mays Verleger Friedrich Ernst Fehsenfeld, der seinerseits noch einmal nachlegte, indem er bekanntgab, der Autor halte sich zurzeit im Sudan auf, "von wo er nach Arabien zu dem ihm befreundeten Stamme der Haddedihn-Araber zu reiten beabsichtigt".

Es war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Fedor Mamroth, der Feuilleton-Redakteur der "Frankfurter Zeitung", konterte die fadenscheinigen Verteidigungsversuche des May-Zirkels umgehend mit einem vernichtenden Rundumschlag, in dem er die Frage, ob der Autor die Abenteuer selbst erlebt habe, als "dreiste Zumuthung an die Leichtgläubigkeit von Kindern oder Idioten" bezeichnete. Der Text erschien am 17.6.1899 und stand damit an der Spitze dessen, was heute auch als "May-Hetze" bezeichnet wird – denn es sollte nun nicht mehr lange dauern, bis die Stimmung endgültig gegen den Autor kippen würde.

"Die Lügner schwatzen lassen"

Zu den ersten, die sich der Kampagne anschlossen, gehörte Hermann Cardauns, der Chefredakteur der "Kölnischen Volkszeitung". Er wurde bald zu einem gewichtigen Gegner von Karl May. Hatte der selbsternannte "Nachforscher in historischen Dingen" einige Jahre zuvor die Werke Mays noch für ihre "ernste Lebens-Auffassung" und "gründliche Kenntniß des geographischen und ethnographischen Details" gelobt, so konnte er im Juli 1899 schon nichts mehr anderes in ihnen erkennen als "kolossale Aufschneidereien".

Der Angegriffene selbst, der sich unterdessen nach einem Aufenthalt in Palästina Richtung Sumatra eingeschifft hatte, reagierte auf die Attacken aus der Heimat wechselweise mit harschen Repliken und Geringschätzung seiner Gegner. Auf den Artikel Mamroths etwa verfasste Karl May eine wütende Entgegnung, die im August 1899 unter dem Namen seines Freundes Richard Plöhn in der Dortmunder "Tremonia" veröffentlicht wurde. Seinem Verleger Fehsenfeld dagegen schrieb er im September einen Brief, in dem er abschätzig empfahl, "die Lügner schwatzen zu lassen". "Mich stört das nicht im Mindesten", behauptete er, "lächerliche Bemühungen ohnmächtiger Geister".

Doch mochte er sich die Situation anfangs auch selbst schöngeredet haben: Die eigene, grotesk aufgeblasene Existenz wurde May im Lauf seiner Orientfahrt mehr und mehr zur Last. Das Reisen machte ihm zu schaffen: Er scheute sich davor, die Orte zu besuchen, die er in seinen Texten beschrieben hatte, ging der Konfrontation mit der eigenen Fiktion möglichst aus dem Weg. "May ist müde geworden", schrieb Hans Wollschläger, "er reist nur [...] unsicher besichtigend: ein Tourist wie andere Touristen."

Sichtlich gezeichnet kehrte der Autor im Juli 1900, nach 16 Monaten Abwesenheit, nach Deutschland zurück. Doch der Karl May, der nun in die "Villa Shatterhand" einzog, war ein anderer als der selbstbewusste Autor der Massen, der im Jahr zuvor von dort aufgebrochen war. Vorbei war die Zeit der schrillen Trapper-Nummern. Fast ängstlich war May nun bemüht, die übermenschliche Legende abzutragen, die er selbst geschaffen hatte. Schon Monate zuvor hatte er in einem Brief an seinen Freund Richard Plöhn über den "alten Karl" notiert, den habe er "mit großer Ceremonie" im Roten Meer versenkt.

Publikumsliebling a.D.

Aber nicht nur von seinem früheren Lebenswandel, auch von seinen Werken distanzierte sich der "neue" Karl May und kündigte eine Wende an, eine große Aufgabe, die er in Kürze in Angriff nehmen werde: "Zu Ihrer Orientierung kurz folgendes", teilte er dem Verleger Fehsenfeld im September 1900 mit. "Alle meine bisherigen Bände sind nur Einleitung, nur Vorbereitung. Was ich eigentlich will, weiß außer mir kein Mensch... Ich trete erst jetzt an meine eigentliche Aufgabe."

Doch was immer Karl May vorgeschwebt haben mochte: Die Aufgabe, die er sich für sein Alter vorgenommen hatte, sollte ungelöst bleiben. Weder Zeit noch Muße fand er dafür. Denn wenn er auch selbst in kürzester Zeit eine radikale Wandlung vollzogen hatte – die Öffentlichkeit war weit weniger bereit, den "alten Karl" zu vergessen. Vor allem die Presse dachte nicht daran, den vormaligen Weltreisenden so einfach vom Haken zu lassen. Laufend brachte sie das "Neueste von Karl May", in unzähligen Berichten, Witzen und Parodien.

So war dann Karl May, der frühere Publikumsliebling, an seinem Lebensabend vor allem mit der eigenen Verteidigung beschäftigt. In zahllosen Prozessen sah er sich genötigt, um seinen Ruf und sein literarisches Vermächtnis zu streiten und zu kämpfen. Die ständige Ruhelosigkeit kostete ihn den Schlaf und schließlich die Gesundheit. Täglich nur ein paar Bissen bringe er hinunter, notierte er wenige Jahre vor seinem Tod. Sterben wolle er "sterben, sterben, sterben, und doch will ich das nicht und darf ich das nicht, weil meine Zeit noch nicht zu Ende ist. Ich muss meine Aufgabe lösen".

Doch die letzte große Aufgabe sollte für Karl May für immer ein Schimmer am Horizont bleiben. Am 30. März 1912 starb der Sachse, dessen Lebenswerk in Umfang und Wirkung dem kaum eines anderen deutschen Schriftstellers vergleichbar ist. Das "eigentliche" Werk aber, von dem er glaubte, es in sich zu haben, erlosch mit ihm.



insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
Tim Gerber, 30.03.2012
1.
Immerhin hat er alles selbst geschrieben.
Jochen Brand, 30.03.2012
2.
Danke für den schönen Artikel über die Hetzjagd auf Karl May. Die Lektüre Ihres Artikels, Frau Seethaler, lässt mich vermuten, dass Sie nicht für die Überschrift "Old Lügenbold" verantwortlich sind. Karl May an seinem 100. Todestag darauf zu reduzieren, eingebildeter Chefredakteur, dessen Karl-May-Wissen über Wikipedia nicht hinaus geht, Ihnen diese Überschrift aufs Auge gedrückt hat.
Michael Grotkamp, 30.03.2012
3.
Nein. Sein Werk starb nicht mit ihm. Seine begeisterten Leser haben ihm verziehen, seine Schwächen vernommen und sind wie Unzählige vor ihnen in die Welt seiner Helden eingetaucht. So tief, dass auch seine Helden zu ihren Helden wurden. Alles alter Kaffee und alles sehr kleinlich trotz Brillanz und Faktentreue dieses so unnötigen Artikels.
Peter Nikola, 30.03.2012
4.
Sind nicht alle (auch sog.) Schriftsteller Märchenerzähler? Wenige davon haben uns so positiv inspiriert wie Karl May. Also, was soll der journalistische Neid, damals wie heute!
Ulrich Warna, 31.03.2012
5.
>Nein. >Sein Werk starb nicht mit ihm. >Seine begeisterten Leser haben ihm verziehen, >seine Schwächen vernommen und sind wie >Unzählige vor ihnen in die Welt seiner Helden >eingetaucht. So tief, dass auch seine Helden zu >ihren Helden wurden. Alles alter Kaffee und >alles sehr kleinlich trotz Brillanz und Faktentreue >dieses so unnötigen Artikels. Wer hat in seiner Jugend nicht von den Prärien und endlosen Abenteuern geträumt. Ausgedacht - na und - alles verziehen, die wichtigsten Werke haben immer noch einen Ehrenplatz in einem meiner Bücherschränke. Sicher durfte Frau Seethaler nicht mitlesen, deshalb jetzt aus Ärger dieses kleinliche Nachtreten. KM hätte etwas besseres verdient gehabt. Hugh, ich habe gesprochen Kalle Bond
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